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Die Wahrheit · 1930-01-17 · Heft 3 (17.1.1930) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 3 (17.1.1930)
Date
1930-01-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT mir arabischen Autoritäten arbeiten. Sie sollen ferner mit ihnen gemeinsam das ganze Gebiet der semitischen Altertumskunde, Anthropologie und Philologie bearbeiten und all die jüngeren jüdischen Orientalisten, die an europäischen und amerikanischen Universitäten ihre Studien vollenden, sollen Gelegenheit haben, sie in Jerusalem sozusagen an der Quelle zu vervollkommnen. Jüdische Gelehrte sollen an dem Forschungsinstitut in die Lehre und die Geschichte jtes Judentums ihre arabischen Kollegen einführen, jüdische Naturforscher unJ Mathematiker sollen unter den Arabern die Kenntnisse dieser Wissenschaften verbreiten und so dieser Nation mit. Wucherzinsen heimzahlen, was wir vor tausend Jahren von ihnen gelernt. So soll das jüdische Forschungsinstitut in Jerusalem im wahren Sinne ein Zentrum der edelsten Geisteskultur werden, das seine Strahlen weithin nach dem Westen und Osten hin aussendet und zugleich die beiden Völker in gegenseitiger Hechachtung und Dankbarkeit zu gemeinsamer friedlicher Kulturarbeit vereint. Während die unteren Schichten durch den greifbaren materiellen Nutzen, den die einwandernden Juden ihnen bringen, gewonnen werden, wird es die Oberschicht durch die rein geistige Kulturarbeit der jüdischen Forschungsinstitute . . - Nun kommt mein Freund Wolfsohn mit dein Plan einer Universität. Das ist etwas ganz anderes. Bald werden die Amerikaner kommen und daraus eine gewöhnliche Doktorenfabrik machen. Haben wir einen Mangel an jüdischen Akademikern in Europa, daß wir auch in Palästina welche herstellen müssen? Ich erinnere Sie, Herr Segel, an den Artikel, den Sie vor kurzem über diesen Gegenstand geschrieben haben. Die Hypertrophie an akademisch Gebildeten ist ja der Krebsschaden des jüdischen Lebens in Europa." Der entscheidende Passus dieses Artikels sei liier wiedergegeben: „Im Jahre 1900 gab es in Berlin unter 851 Rechtsanwälten nicht weniger als 526 Juden. Nach der Gewerbezählung von 1895 bildeten die Juden 10,21 unter den deutschen Aerzten. Von den Reichsländeru, die während des Wintersemesters 1899/1900 an den preußischen Universitäten studierten, bildeten die Juden an der juristischen Fakultät 8,67 Prozent, an der medizinischen 14.6 Prozent, an der philosophischen 7.16 Prozent der Gesamtheit der Studierenden. Die Juden bildeten damals 1,04 Prozent der Gesamtbevölkerung. Deutschland, das damals in wirtschaftlichem Aufschwung begriffen war, bot immerhin unbegrenzte Möglichkeiten für die Ernährung auch dieser überzähligen Intellektuellen, überdies handelte es sich ja um einen kleinen Bruchteil der jüdischen Gesamtheit. Viel bedenklicher war die Lage in Oesterreich, wo im Sommersemester 1898 die Juden 17 Prozent und in Ungarn, wo sie 1900 nicht weniger als 24,11 Prozent sämtlicher Universitätshörer bildeten. Da die Juden damals in Oesterreich 4,4 Prozent, in Ungarn 4,6 Prozent der Gesamtbevölkefung bildeten, so war die Zahl der jüdischen Studenten in dem einen Lande ungefähr viermal, in dem anderen sechsmal größer als man normalerweise erwarten durfte. In Galizien, dessen Armut sprichwörtlich war, bildeten die Juden damals ungefähr 11 Prozent der Bevölkerung, waren dagegen an den Mittelschulen mit 12 bis 15 Prozent, an den Hochschulen mit 17 bis 18 Prozent vertreten. „ - In Rußland bildeten die Juden nach der Volkszahlung von 1897 etwas weniger als 5% der Gesamtbevölkerung. Man darf annehmen, daß ein Jahrzehnt zuver das Verhältnis nicht wesentlich anders war. Am 1. Jänner 1886, also ungefähr 12 Monate vo;- Einführung des berüchtigten Numerus clausus, der die Zahl der Jüdischen Studierenden auf 10 bis 3 Prozent herabsetzte, betrug die Zahl der iüdischen Studenten an allen Universitäten Rußlands 14.31 Prozent der Gesamtheit, war also auch hier nicht weniger als viermal so groß, wie man erwarten durfte." Besonders bezeichnend für die gegenwärtige Lage sind die Zahlen betreffend Polen und Ungarn, der beiden Länder mit dem latenten und offenen Numerus clausus. In Polen bildeten die Juden 1921/22 ungefähr 11 bis 15 Prozent der Gesamtbevölkerung. an den Hochschulen aber waren sie mit 25 Prozent vertreten. Im heutigen Ungarn, wo die Juden kaum etwas mehr eis 3 Prozent der Bevölkerung ausmachen, waren sie im Wintersemester 1923/24 an den Hochschulen mit 10.8 Prozent vertreten. Dazu kommt die erschreckend hohe Zahl jüdischer Studenten aus Polen und Ungarn. t'Ie an ausländischen Hochschulen studieren. (Die Zahl der erstcren wurde 1923 auf 5000 geschätzt.) Dabei muß man erwägen, daß die Laufbahn des Staatsbeamten, der sich ein großer Teil der Studenten zuwendet, den Juden überall seit jeher fast ganz versperrt war. Das gleiche gilt von dem Studium der Theologie. (Die iüdischen Theologiestudierenden studieren in der philosophischen Fakultät.) Achad-Haam fuhr fort: „Sie haben mit Recht hervorgehoben, daß diese Hypertrophie der akademischen Bildung eine Folge des Umstandes ist, daß die Juden hauptsächlich Städter sind. Allein aus diesem Umstand soll sie eben der Palästina-Aufbau erlösen." Also sprach Achad-Hsam. * V Ji: Er hat es noch erlebt, daß an Stelle des von ihm geplanten Forschungsinstitutes in Jerusalem eine Universität errichtet wurde mit der Bestimmung, eine Doktorenfabrik zu werden. Wohl der einzige Fall in der ganzen Welt, daß für eine Bevölkerung von 160.000 Menschen eine eigene Universität errichtet wurde. Aber die Eröffnungsfeier der Universität (am 1. April 1920! war reine Hochstapelei. Kein großer, selbständiger, unabhängiger Staat, der eine aus den lebendigen Bedürfnissen der Bevölkerung hervorgegangene, mit ihren eigenen Mitteln errichtete Universität als organische Krönung eines gesunden unteren Der Kanzler der hebräischen Universität JUDAH J. MAGNES und mittleren Schulsystems eröffnet, entfaltet dabei einen solchen Prunk, ein solches Schaügepränge. wie es damals in Jerusalem gesehen wurde bei der Eröffnung der Universit.t, die einem riesigen Kapital gleicht, das sich über einem mageren, gebrechlichen, schwankenden, hinkenden, aus anderem Stoff geformten Schaft erhebt. Das stach den Arabern in die Augen und stachelte ihre Wut und ihren Neid aufs höchste. Nicht als ein Wahrzeichen friedlicher, geistiger Kulturarbeit, sondern als ein Bollwerk des Kampfes um die Vorherrschaft und die „jüdische Majorität" in Palästina ragt die stolze Zinne des Prachtgebäudes auf dem Skopusberge bei Jerusalem in den Augen der Araber, umweht nicht von den Gefühlen ihrer Liebe und Verehrung, sondern des Hasses und des Trotzes. Dazu kam, daß man sich für die Festrede keinen anderen als Lord B a 1 f o u r, den verhaßten Urheber der dreimal verhaßten Deklaration aussuchte. Das läßt die Universität um so eher nicht als Heimstätte höherer Kultur und Wissenschaft, sondern als Zwingburg erscheinen, vom englischen Imperialismus errichtet, um die Araber zu unterjochen. Aber obwohl Achad-Haam in den letzten Jahren schwer krank war und auf den Gang der Ereignisse und die Gestaltung der Gesinnungen keinen Einfluß nehmen konnte, so lebte er doch nicht umsonst jahrelang in Palästina. So entstand endlich, viel zu spät, zehn Jahre zu spät, der „B r i t h Schalom" (Friedensbund), der sich zur Aufgabe gestellt hat. das so lange Versäumte nachzuholen und Wege zum Frieden zu suchen. An der Spitze des Bundes stehen erfreulicherweise nicht Politiker und Bürokraten, sondern Gelehrte. Mitglieder der Universität. Der Kanzler Dr. Magnes, ein Amerikaner, und der hervorragende Philosoph und Kant-Forscher Prof. Dr. Hugo Bergmann, der sich um die Organisierung und Einnentung der Universitätsbibliothek die größten Verdienste erworben hat. Als nun jüngst bei der Eröffnung der Universität Dr. Magnes in seiner Rede die Notwendigkeit betonte; daß bald Ruhe im Land eintrete, damit die wissenschaftliche Arbeit ungestört vor sich gehen könne, wurde er von Herrn Ussischkin brüsk und verletzend unterbrochen und die anwesenden Studenten demonstrierten gegen die Friedensarbeit des „Brith. Schalom". Die Demonstrationen wiederholten sich in der Vorlesung des Br. Bergmann. Die Sitte, den Lehrer mitten im Vortrage verletzend zu-unterbrechen, ist im Judentum ebenso neu, wie die Sitte, im Hörsaal gegen den Lehrer zu demonstrieren. Wir bringen, scheint's, hochmoderne Sitten nach dem alten Palästina mit . . . Traurig ist es, daß amerikanische Organisationen es für passend gehalten haben, den Dr. Magnes und den ganzen. „Brith Schalom" zurechtzuweisen und seine' Friedensaktion abzulehnen. Das erinnert an den seligen österreichischen Kriegsrat, der von der Wiener Hofburg ' aus die Schlachten des Siebenjährigen Krieges lenkte und den Generalen Weisungen gab. Mit welchem Erfolg, ist ja bekannt. Das Traurigste aber daran ist, daß kein Geringerer als Felix M. Warburg sich hinreißen ließ, den Dr. Magnes wegen seiner Friedenspolitik zu schurigeln und ihm mit.der Absetzung zu drohen. Es heißt, daß der „Brith Schalom" den Arabern die Aufhebung der Balfour-Deklaration angeboten habe. Das dürfte nicht, zutreffen, denn wenn die Juden das täten, so kämen sie mit den Engländern in einen schwierigen Konflikt. Die Engländer sjnd nämlich entschlossen, für „ihre" Deklaration bis auf den letzten Juden zu kämpfen, gleichwie sie im Weltkriege bis auf den letzten Franzosen gegen Deutschland zu kämpfen entschlossen waren. Vermutlich-möchte Magnes und der „Brith Schalom" die Deklaration nicht mehr als Basis für die weitere Siedlertätigkeit und als Schild gegen die Araber betrachtet und fortwährend im Triumph einhergetragen wissen. Das würde bloß beweisen, daß man sich auch schon in den Kreisen der palästinensischen Intellektuellen über die wahre Bedeutung der Balfour-Deklaration klar zu werden beginnt, wie dies bei der einfacheren Siedlerbevölkerung längst schon der Fall ist. Es berührt schmerzlich, daß ein geistig so hochstehender Mann, wie W a r b u r g, der gewaltige Verdienste um dem Palästinaaufbau hat, von dem man hoffen durfte, daß er in der Jewish Agency die Richtung auf den Frieden betreiben würde, ein Mann, der bei aller glühenden Liebe für Judentum und Judenheit entschieden jeden Chauvinismus und Utopismus ablehnt, dem berufenen Friedensstifter aus der Ferne in f den Arm fällt, was bei den Arabern den Eindruck erwecken muß, daß nun auch die Amerikaner in das 'Horn" des englischen Imperialismus stoßen. Magnes und Bergmann sitzen seit mehreren Jahren unter den Arabern, verkehren mit ihren führenden Köpfen intim, sprechen ihre Sprache, lesen ihre Publizistik, sind mit ihrer Denk- und Gefühlsweise aufs Tiefste vertraut und beobachten die Entwicklung der Dinge aus der nächsten Nähe. Ihre Ansichten über den ganzen Komplex der Palästinafragen fallen schwer in die Waagschale. Solche Männer verdienen genau gehört zu werden, ihre Vorschläge müssen sehr genau erwogen werden, bevor sie zurückgewiesen werden, besonders wenn dies von Seiten eines Mannes von der Bedeutung Felix M. Warburgs geschieht. Es ist indessen nicht unwahrscheinlich, daß die zahlreichen Gegner des „Brith Schalom" in Amerika diese schroffe Version der Aeußerung Felix Warburgs mit Absicht verbreitet haben. Auf jeden Fall Wäre es wohl jazt die Aufgabe der deutschen Mitglieder der Jewish Agency. besonders des Herrn Max Warburg in Hamburg, hier vermittelnd einzugreifen, schon zu dem Zweck, damit sich bei den Arabern nicht die Meinung festsetzt, daß auch Felix Warburg ebenfalls zu jenen Amerikanern gehört, die die ganze Palästinabewegung dem britischen Imperialismus ausT liefern wollen. Tragödie Halsmann. Das Interesse Iür den Prozeß Halsmann, das seit der Wisderaufroilung des traurigen Falles nicht mehr erlahmte, hat nunmehr angesichts der bevorstehenden R evisionsVerhandlung beim Obersten Gerichtshof den Höhepunkt erreicht. Einen Beweis dafün wie gespannt auch das Ausland die menschliche Tragödie, die sich da vor unseren Augen abspielt, verfolgt, bietet der folgende erschütternde Brief zweier Amerikanerinnen — Mutter und Tochter — an eine in dsir Wiener Gesellschaft bestens bekannte Dame, den uns diese in Uebersetzung freundlichst zur Verfügung stellte. Er lautet mit Auslassung privater Stellen: Wir wässeti, daß es Sie sehr interessiert, ob wir d!en jungen Halsmann in Innsbruck gesehen haben, wie Sie es uns geraten haben: so will ich Ihnen berichten, was sich zugetragen hat. Als wir uns in unserem Hotel erkundigten, ob wir Halsmann sehen und sprechen könnten, sagte man uns, daß er nicht mehr in Innsbruck wäre, das ist aber eine Unwahrheit! Aber wir könnten seinen Verteidiger spreche!1. Nachmittags gingen wir also in seine Kanzlei und fanden einen jungen, reizenden und gutherzigen Menschen, der uns sehr artig empfing. Als er unser Interesse für Halsmann erfuhr, zeigte und explizierte er uns alles Wissenswerte des Prozesses, die Photographien, Zeitungen usw. und bewies uns, wie absurd es für jedermann sei, Halsmänn zu verurteilen, seinen Vater getötet zu haben. Mutter war erschüttert, als sie hörte, daß er zuerst zehn Jahre Strafe erhielt, die dann auf vier Jahre reduziert wurde. Wir wollen hoffen, daß es möglich sein wird, eine Revision des Prozesses in Wien zu erlangen und seine Unschuld zu beweisen, damit er seine Freiheit erhalte. Der Anwalt sagte uns, daß wir den jungen Mann nicht werden sehen können, aber seine Mutter würde glücklich sein, uns zu sehen. Wir haben ihr telephoniert. Am andern Morgen kam sie in unser Hotel. Ein kleines. lieb;:s Frauchen, mit Augen, als ob sie nie aufgehört haben zu weinen! Sie schien beglückt, Menschen mit teilnehmenden Herzen gefunden zu haben, und erzählte uns die ganze Sache vom Anfang bis zu Ende. „Ein Doppelunglück", sagte sie, „bei dem ich noch keine Zeit gefunden habe, über das erstezu weinen, so sehr hat mich das zweite vernichtet!'" Kleine Geschichten über ihren Sohn zeigten uns seinen edlen Charakter, er hat auch den Mut nicht verloren, allein seine Gesundheit gibt zu Befürchtungen Anlaß. Meine Mutter fragte sie, ob sie imstande wäre, ihm etwas zu bringen, Nahrung und etwas Komfort, um seine Gesundheit zu erhalten, - aber sie antwortete, daß er von ihr nichts annehme, weil er weiß,- daß sie mchts mehr hat,, um es für ihn zu erspa-: ren; sie aber nehme gar nichts an. Mutter; sagte ihr, daß sie nicht das Recht hat, .Hilfe, für ihren Sohn abzulehnen,' und so nahm sie uhier bitteren Tränen 100 Dollars mit der Bitte, ein paar Zeilen an ihren Sohn mitzuge- Eaa»

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