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Die Wahrheit · 1930-01-17 · Heft 3 (17.1.1930) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 3 (17.1.1930)
Date
1930-01-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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tolt WAHRHEIT St-iie Dreyfus — ein russischer Spion! Der Lehrer an der Berliner Hochschule Professor Bornhak ist einmal von einem hohen Beamten des Ancien regime gesprächsweise der „Ludendorff des Staatsrechts" genannt worden. Aus mancherlei Gründen erscheint diese Charakterisierung sehr treffend. Wie der General ist auch der Professor erfüllt von einem hemmungslosen Haß gegen das heutige Deutschland und seine staatserhaltenden Kräfte; wie Ludendorff neigt er dazu, persönliche Vermutungen und völlig unbewiesene Behauptungen in der Maske wissenschaftlicher Betrachtung als. ewige Wahrheiten zu kostümieren. Bornhak, der auf einigen Spezialgebieten der Rechtswissenschaft, z. B. dem Universitätsrecht, beachtliche Arbeiten veröffentlicht hat, gehört zu jener immer seltener werdenden Kategorie von Hochschullehrern, die mit Vorliebe in ihre wissenschaftlich-objektiven Lehrbücher und Monographien eine bewußt antirepublikanische und judenfeindliche Tendenz hineinbringen, wobei sie auch vor den abstrusesten Doktririen nicht Zurückschnecken. So spricht Bornhak allen Ernstes davon, daß gewisse Rechte dem preußischen Staatsministerium nur deshalb zuständen, weil „gegenwärtig die monarchische Gewalt ruh e". Man kann sich denken, was dabei herauskommt, wenn ein Mann mit dieser Einstellung unter die Historiker geht. Ende 1929 veröffentlichte Bornhak eine umfangreiche historische Darstellung über Deutschlands Weltpolitik 1890 bis 1914 und die Kriegsschuldfrage. An dieser Stelle kann auf alle Unrichtigkeiten und Verdrehungen, auf die schweren persönlichen Angriffe, die Bornhak gegen fast sämtliche Politiker der Vorkriegszeit richtet, nicht eingegangen werden. Seine Entdeckungen zu der Affäre des jüdischen Hauptmannes Dreyfus sind jedoch von einer so überraschenden Originalität, daß sie unseren Lesern nicht vorenthalten werden dürfen. Der Dreyfus-Prozeß steht gegenwärtig wieder im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Eine dramatische. Darstellung der Affäre geht täglich in Berlin vor ausverkauftem Hause in Szene. Das Wiener Deutsche Volkstheater bereitet die Aufführung dieses Stückes vor. Zu dieser heute völlig geklärten Angelegenheit hat Bornhak nun folgendes zu sagen: „Tatsächlich handelt es sich in dem Verfahren' «ar nicht um die Schuld oder Unschuld des Hauptmanns Dreyfus, sondern es Tangen in ihm, das harte das Judentum der ganzen Welt sehr richtig herausgefühlt, verschiedene mächtige Kräfte um die Herrschaft. Das klerikale französische Offizierskorps wollte sich den jüdischen Eindringling, der übrigens auch persönlich eine höchst widerliche Erscheinung gewesen sein muß. nicht gefallen lassen und freute sich, ihm etwas am Zeuge flicken zu können. Eben deshalb konnte) die erfüllten Musikzimmer bleiben, wo er mir mit verhaltener Stimme von seinen Idealen, seinen Kämpfen, seiner Sehnsucht sprach, — von jener Sehnsucht, die in jedem wahren Künstler lebt. — ohne die es kein rastloses Vorwärtsstreben gibt — zu höchstem Ziel .... Ein Zug edler Menschlichkeit, echter Güte ist es. der sein Wesen vor allem auszeichnet. Während des Flüchtlingszulaufes nach Wien in den ersten Kriegsjahren (1914—1915) entwickelte Wolfsohn die regste Tätigkeit zugunsten seiner unglücklichen Landsleute, indem er ihnen durch eigene private Verbindungen Einnahmsquellen vermittelte und den Ertrag seiner Konzerte überließ. Durch Zeitungsreferate und Empfehlungen förderte er polnische Künstler, wie er überhaupt bedeutende Talente stets in selbstlosester Weise unterstützte und Minderbemittelten kostenlos Unterricht erteilte, auch zu jener Zeit, da es ihm selbst noch nicht allzu gut ging. Die freie und rückhaltlose Art, mit welcher er jederzeit seine Anschauungen vertritt, hat ihm begreiflicherweise in der heutigen verlogenen Zeit manchen Feind eingetragen, so dafter immer wieder mit Neidern und kleinlichen Widersachern zu kämpfen hat Daiür entschädigt ihn aber hinreichend die große Verehrung seiner vielen: Schüler und. die. Bewunderung seiner von Jahr zu Jahr wachsenden Kunstgemeinde. Denn niemand, der ihn einmal spielen gehört und die ganze Schönheit und Tiefe seines. Wesens als Künstler und als Mensch, voll erfaßt hat, wird sich je wieder dem Zauber, dieses Wesens entziehen. Wie entzückend und hinreißend spielt Wolfsohn seine eigenen Kompositionen, meist kleine Stücke voll schwermütiger Poesie und bestrickender Melodik. In ihnen offenbart sich die ganze Zartheit und Liebenswürdigkeit, die sein Wesen so anziehend macht und: die ihm die restlose Sympathie jedes Menschen, der das Glück hatte, mit ihm in Beulhrung zu kommen, gewinnen muß. Judenschaft, die überall mit dem Radikalismus verbündet war, ihren tapferen Makkabäer nicht fallen lassen. Sie durfte es nicht auf sich sitzen lassen, daß ein Jude, wenn er an. eine wichtige militärische Stellung kam, sie auch gleich benutzte, um Verrat zu begehen. Der Ausgang des Dreyius-Prozesses bedeutete einen der glänzendsten Siege des Judentums und eine schwere Niederlage des französischen Antisemitismus und Kieräkalismus. Tatsächlich hatte Hauptmann Dreyfus militärischen Verrat getrieben, aber nicht zugunsten Deutschlands, was nach den amtlichen Erklärungen nicht bezweifelt werden kann, auch die Akten ergeben nichts anderes, sondern zugunsten Rußlands. Denn Rußtand setzte Mißtrauen in die Angaben seines Bundesgenossen über seine militärische Stärke und wollte sich durch heimlicha Erkuatdi'gungen im französischen Generalstabe vergewisseinn, inwiefern) man es amtlich nicht belogen habe. So trieb Dreyfus im Einverständnis mit einzelnen Vorgesetzten Verrat Und als die Sache ruchbar wurde, ließ man den Juden fallen, den anderen wurde kein Haar gekrümmt. Er durfte aber den Verrat nicht zugutssten Rußlands begangen haben, das hätte die russisch-französische Freundschaft getrübt. Der Verrat mußte für die Dreibundmächte, namentlich für Deutschland begangen sein. Als diese Voraussetzung sich nic{it aufrechterhalten ließ, selbst die milderen Umstände von Rennes versagten, blieb nichts anderes übrig, als den Verräter freizusprechen. Das Judentum hatte gesiegt." S. SCHEIN AKTHiNeESEltSCHAFT l., BaneramarM Nr. 10-12-14 VII., nartahlllersirafle Nr (Ecke Zieglergasse) VORHÄNGE HEES iiivoLcimi DECKEN Größte Aaswaal t »UHgste Preise t Der Historiker Bornhak hat es selbstverständlich nicht nötig, irgendwelche Unterlagen oder Quellen für diese in der Literatur über die Affäre LVeyfus unseres Wissens noch niemals irgendwo hervorgetretene Behauptung mitzuteilen! Werner Rosenbenr, Berlin. Die Mission der hebräischen Universität in Jerusalem. Von Binjamin S e g c i. Es war während des Wiener Zionisten-Kongresses im September 1913. Da verkündete eines Tages Wolts o h n, daß er die ersten hunderttausend Mark ziii Gründung einer. Universität in Jerusalem spendete. Am Abend sprach ich mit Achad-Haam darüber und sagte zu ihm: „Nun fängt Ihr Ideal, Palästina ein geistiges Zentrum für die gesamte Judenheit an, sich zu verwirklichen. Was wäre geeigneter, Strahlen geistigen Lebens in die ganze jüdische Welt hinauszusenden, als eine Universität in Jerusalem nach europäischem Muster, wo die jüdische Jugend in den allgemeinen und in der spezifisch jüdischen Wissenschuft hebräisch erzogen wird, ihre Diplome in hebräischer Sprache aus der Hand der Professoren erhält und in ganz Isiael den ihr dort eingeflößten Geist ver- " breitet ....'* ..Das habe ich mir ganz anders gedacht," versetzte Achad-Haam. „Was mir vorschwebte, war ein Forschungsinstitut oder eine Reihe von solchen in Palästina, wo die größten Gelehrten, auf den verschiedensten Gebieten, von allen Verpflichtungen und jeglichem Lehrauftrag befreit, fern von allem politischen Getriebe, und frei von allen irdischen Sorgen, umgeben von erlesenen Bibliotheken, Laboratorien und Sammlungen, ausschließlich der Forschung, ein jeder auf seinem Spezialgebiete, leben, ihre Ergebnisse ruhig ausreifen lassen, ohne nötig zu haben, sie rasch auf den literarischen oder intellektuellen Markt zu bringen. Diese Gelehrten sollen die Verpflichtung haben, eine hebräische Terminologie, vor allem der Naturwissenschaften, Mathematik und der Technik, sodann der modernen Psychologie und Philosophie auszuarbeiten, von der wir erst kaum die primitivsten Anfänge besitzen und einen wissenschaftlichen Stil zu schaffen, von dem wir noch sehr, sehr weit entfernt sind. Zu all dem ist Stille, innere und äußere Abgeschlossenheit unerläßlich. Diese Gelehrten hätten auch die Verpflichtung, alljährlich eine Anzahl öffentlicher Vorträge vor einem größeren Publikum in verschiedenen Ortschaften Palästinas und seiner Nachbarländer zu halten, um den Kontakt mit dem Volk zu beleben und das Volk aus erster Hand aufzuklären, und sodann eine Reihe von Vorträgen in den europäischen Sprachen in den großen Kulturzentren Europas, um die Akademien und gelehrten Gesellschaften mit den Ergebnissen ihrer Forschungen bekanntzumachen. Ich bin überzeugt, daß die palästinensischen Forscher jedesmal ihren europäischen Kollegen etwas Neues und Originelles zu sagen haben würden. So dachte ich mir das geistige Zentrum in Palästina und seine Wirkung auf die Gesamtheit der Judenheit in und außerhalb des Landes. Aber noch eine sehr wichtige Auigabe hätte ein solches Forschungsinstitut zu übernehmen, nämlich Frieden zu stiften zwischen den in Palästina lebenden Juden und der Orientbevölkerung, zuvörderst der arabischen Bevölkerung in Palästina. Sie staunen, daß ich vom Frieden spreche, während es ja noch gar keinen Kampf gibt Aber der Kampf ist vorläufig latent, es tobt unter der Bodenfläche, unsichtbar dem unbewaffneten Auge. Wir tanzen auf einem Vulkan. (Einige Wochen später kam die erste feindselige Kundgebung der Jerusalemer arabischen Notabein gegen den Zionisten-Kongreß.) Wenn die Lava ausbricht und der Boden erbebt, dann kann es kommen, daß all unsere Arbeit eine Erschütterung erleidet, die zu meistern ungeheuer viel Mühe kosten wird. Unsere Zionisten stehen noch immer auf dem Standpunkt Herzls: „Gebt das Land ohne Volk dem Volk ohne Land!" Gegen diese Feuilletonistenphrase habe ich, wie Sie wissen, von Anfang an gekämpft Aber vergebens. Der oberflächliche Beobachter sieht die Araber nicht, weil der dünne schäbige türkische Firnis sie ihm verdeckt, und die Türken, davon ist alle Welt überzeugt, "wird über kurz oder lang der Teufel holen. Wer aber Palästina kennt, weiß, daß dann erst recht das arabische Volk, das hier in einer Zahl von mehr als einer halben Million sitzt, sich als alleinige Herren des Landes betrachten, das seine Vorfahren vor 1200 Jahren unter harten Kämpfen erobert haben, und in dem sie so manchen starken Fremdherrscher überlübten. Und mit diesem Umstand muß man rechnen. Es kann noch einmal viel zu eng werden im Lande Israel, wenn die Einwohnerzahl wächst. Zwar bringen die Einwanderer den unteren und mittleren Schichten des arabischen Volkes großen materiellen Nutzen. Aber der Nutzen, den die Juden der einheimischen Bevölkerung bringen, hat noch nie gehindert, daß man sie als fremde Eindringlinge betrachtete, zumal wo sie erst gestern aus fernen Ländern gekommen sind. Als die zaristische Regierung die Juden aus dem Inneren Rußlands aaswies-, protestiert.: niemand heftiger als die heimische Textilindustrie, da ihr dadurch die besten Agenten und Verbreiter ihrer Erzeugnisse auf dem asiatischen Markt entzogen wurden, die nach Polen übersiedelten und ihre Erfahrung und ihre Beziehungen in den Dienst der polnischen Textilindustrie stellten, der größten. Konkurrentin der innerrussischen. Damals nahm die polnische Industrie einen gewaltigen Aufschwung, die Unternehmergewinne sowie die Arbeiterlöhne stiegen ins Ungemessene, von der gestiegenen Kauikrait der Industriebevölkerung zog die Landwirtschaft großen Nutzen. Großgrundbesitz und Bauern, Fabrikanten und Arbeiter waren also mit den aus Rußland einwandernden Juden zufrieden. Dennoch gelang es dem städtischen Mittelstand, der Intelligenz und der Geistlichkeit, diesen hauptsächlichen Trägern des Nationalismus, einen Antisemitismus in Polen zu entfachen, der den Juden vielleicht noch lange Jahre zu schaffen machen wird. In Palästina ist es die arabische Oberschicht, die geistliche wie die weltliche, der der Nutzen, den die Fellachen von den eingewanderten Juden ziehen, ein Dorn im Auge ist. sodann fühlt sie sich in ihrer Herrschaft und Bequemlichkeit bedroht. Es ist ihr sehr leicht, den arabischen Massen einzureden, daß die Juden hinkommen, um sich mit Hilfe des europäischen Kapitals zu Herren des Landes zu machen und die Eingeborenen daraus zu verdrängen. Dem muß vorgebeugt werden. Ich kenne kein besseres Mittel, diese Oberschicht zu gewinnen, als ein derartiges Forschungsinstitut Man muß nämlich wissen, in der gesamten arabischen Intelligenz — man ist nicht vergebens ehemals ein Kulturvolk ersten Ranges gewesen — lebt noch immer ein heiliger Respekt vor der Wissenschaft. Sie weiß, daß wir Juden vor mehr als tausend Jahren in allen Wissenschaften ihre Schüler gewesen sind, daf! wir aber inzwischen von den „Giaurs" viel gelernt haben, daß jetzt das Verhältnis ein ganz umgekehrtes sein könnte. Sie wissen auch schon, daß wahre Wissenschaft nicht nach der Methode der arabischen Universität in Kairo, sondern nach europäischen Methoden gelehrt werden muß, wenn sie nützliche Früchte bringen soll. Nun haben ja die Europäer der alten und der neuen Welt im Bereiche des Islam eine Anzahl vorzüglich ausgestatteter Universitäten und hoher Lehranstalten gegründet, die von den Arabern auch ausgiebig benützt werden; aber sie haben zu ihnen nicht das rechte Vertrauen, weil sie nicht mit Unrecht in ihnen Instrumente der christlichen Mission und der politischen und wirtschaftlichen Eroberung sehen. Was Mission anbetrifft, wissen die Islamiten wohl, daß sie von unserer Seite nichts zu befürchten haben. Bezüglich der Eroberung aber soll eben das Forschungsinstitut das Wahrzeichen dessen sein, was wir in Palästina wirklich suchen und beabsichtigen, was wir dem Lande bringen: wir kommen nach Palästina und bringen dorthin jene Zivilisation und Kultur, die wir in Europa uns erarbeitet haben und wollen sie weiter entwickeln und sie den Eingeborenen einpflanzen, während wir in den Geist des Orients uns vertiefen wollen, um so ein Band um Orient und Okzident zu schlingen. Es gibt unter uns eine Reihe von Gelehrten, die von den Arabern einstimmig als Autoritäten auf dem Gebiete der arabischen Literatur und Islamkunde angesehen werden. Diese sollten am Forschungsinstitut gemeinsam f. Jf I- «i; .V

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