Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 3 (17.1.1930)
- Date
- 1930-01-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3064145-3064148--17741-3082698- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Tunis 1× ep/1048155
OCR text
Seite 2 DIE WAHRHEI1 Begnügen Sie sich auch nicht mit dem Zugeständnis begrenzter, von uns zu bestimmender Rechte für die arabische Nation! Unser Freiheitsbegriff, der seine volle Auswirkung verlangt, kann es nicht ertragen, daß wir die nämliche Freiheit nicht auch dem arabischen Volke zubilligen. Wir wollen das Palästinamandat dem Wortlaut und dem Geiste nach ausgeführt sehen, aber wir glauben, daß die Erfüllung aller unserer Wünsche vereinbar ist mit der nationalen Freiheit der arabischen Nation. Da wir keine Konzession in den Finwanderungsquoten machen können, kann es auch kein Mißverständnis über unsere Stellung zu einer zukünftigen Majorität in Palästina geben. Auch wir hoffen, daß wir einmal die Mehrheit im Lande sein werden: aber diese Mehrheit soll nur unsere Sicherheit und nicht eines anderen Unsicherheit bedeuten. Ungern nur spreche ich über die sogenannten letzten politischen Ziele. Wir haben dem Augenblick und den nächsten Jahren gerecht zu werden. Wir wissen, daß es auch politisch auf die im Zionismus ruhenden dynamischen Kräfte entscheidend ankommt. Die Behauptung, daß irgendwo und irgendwer aus unserem Kreis auf das Mandat und auf die Durchführung des Mandates verzichtet hätte, ist eine Verleumdung. Sprach man von neuen Zielsetzungen, so meinte man die Ablehnung eines heute von niemand politisch ernsthaft durchdachten .1 u d e n s t a a t s b.e - g r i f f e s. der in Wahrheit schon vom 1. Zionistcnkongreß im Baseler Programm abgelehnt worden ist. Wir hielten es für richtig, fußend auf der Resolution des XII. Kongresses, mit aller Entschiedenheit unsere grundsätzliche Auffassung von der Notwendigkeit eines Modus vivendi mit dem arabischen Volk nachdrücklich zu vertreten. Wie immer, schloß Blumenfeld, bleibt die Erörterung der Frage offen, wie wir im gegenwärtigen Augenblick die zionistische und jüdische Welt zum Höchstmaß ihrer Kraftentfaltung zu bringen vermögen. Man müßte untersuchen, ob wirklich die proklamierte Judenstaatsforderung dem Zionismus zur Blüte verholten hat und verhelfen kann. Ein Empiriker müßte übrigens feststellen können, ob in den zionistischen Verbänden, in denen das Judenstaatsideal gepflegt wird, der Zionismus so viel stärker ist als z. B. in Deutschland. In Oesterreich müßte doch danach die Kraft der Zionistischen Organisation phantastisch groß sein. In Wahrheit wird die Wirkung der zionistischen Idee nicht durch formulierte politische Parolen erzeugt Politik ist keine Wissenschaft, sondern eine Kunst" Diese bezeichnenden Ausführungen fanden sich im Bericht der „Stimm e" nicht, die sich überhaupt in diesem Falle einer merkwürdigen Reportage befleißigte. Anscheinend paßt auch ihr die Forderung der Stunde nicht, die da lautet: Verständigung mit den Arabern! Das Land ohne Juden. Weltgeschichtliche Launen. Von Josef Grob. Vor vielen, vielen Jahren wohnten in Spanien sehr viele Juden. Sie fühlten sich dort sicher und geborgen, weil sie dieselben Rechte wie alle anderen Bürger des Landes genossen haben und in gar keiner Weise vor den anderen Landeskindern zurückgesetzt wurden. Manche Geschichtsforscher behaupten sogar, daß sich die Juden viel früher als die Christen in Spanien ansässig gemacht haben und weisen nach, daß schon nach der Zerstörung des zweiten Heiligtums in Jerusalem viele Juden nach Spanien eingewandert sind, wo sie sich in verschiedenen Gebieten angesiedelt hatten. Die von ihnen begründeten Kolonien benannten sie nach ihren früheren Wohnstätten im heiligen Lande. Wohl änderten sich mit der Zeit die Namen ihrer Niederlassungen, ihre Abstammung aus dem Hebräischen ist jedoch heute noch unverkennbar, so z. B. die Orte Bazan — hebräisch Busehon, Ewron — hebräisch Chewron, Asturias — Aschterot, Betula — Beth-El und andere hebräisch klingende Ortsnamen. Die spätere Geschichte der Juden in Spanien ist so ziemlich bekannt. Kein einziges Blatt in der ganzen jüdischen Geschichte ist -so tränenreich wie das der mittelalterlichen spanischen Zeit. Die grausame Vertreibung der Juden aus Spanien und Portugal zu Ende des 15. Jahrhunderts wirkte derart niederschmetternd auf alle Juden der ganzen Welt, daß in den letzten Jahrhunderten kein Jude sich mehr getraute, spanischen Boden zu betreten. Spanien ist seither ein judenreines Land geblieben. Außer den Marannen. den Abstämmlingen dieser Juden, die die Taufe dem Scheiterhaufen. vorgezogen haben und die jetzt zum Judentum zurückkehren möchten, verblieb nach der Vertreibung kein einziger Jude mehr in Spanien. Den Juden aber ist ein eigenartiges Los beschieden: Wo sie sich befinden, werden sie gehaßt und wo sie nicht mehr da sind, sehnt man sich wieder nach ihnen. Das merkt man am besten an Spanien selbst, das sich seit einer Reihe von Jahren sehr bestrebt, die Juden wieder ins Land zu bekommen. Die in jüdischen Kreisen sehr stark verbreitete Tageszeitung „Der Morgen" veröffentlichte jüngst über dieses Thema einen ausführlichen Artikel von dem bekannten Schriftsteller A. Biber-Gal, dem wir nachstehende Ausführungen entnehmen: „Letztens hat Spanien angefangen, Juden zu suchen. Es bittet förmlich die Juden, sie mögen wieder dorthin zurückkommen und vornehmlich wird nicht auf die ,Aschkenasim' (deutsche Juden), sondern auf die ,Sephardim" reflektiert. Das sind nämlich die Abstämmlinge jener Juden, die vor Jahrhunderten aus dem Lande vertrieben wurden, die aber bis heute noch die spanische Sprache beibehalten haben. Diese Juden werden auch von ihren Glaubensbrüdern in der ganzen Welt .Spaniolen' genannt und gerade diese .Spaniolen' möchte nun Spanien wieder bei sich haben, um sie zum Wiederaufbau der sehr abgeschwächten wirtschaftlichen Lage heranziehen zu können. UFA-TON-KINO II., Taborstraße 8 - Telephon R 42-3-41 Vierte Woche prolongiert! Der erste Ufa-Ton- und Sprechfilm der Erich Pommer-Produktion Melodie des Herzens Hauptdarsteller: Dlfa Parlo und Willy Frilsch Die sehr starke Propaganda seitens der maßgebenden Stellen hat auch schon Erfolge zu verzeichnen. So sind bereits in Spanien zwei bedeutende Judengemeinden begründet worden, von welchen jede mehrere tausend Seelen zählt. Eine Gemeinde besteht bereits in Madrid und die zweite in Barcelona. Sonst gibt es vorläufig in ganz Spanien keine Judengemeinde mehr. Die Einwanderung aber hat im großen Maßstabe begonnen und verstärkt sich von Tag zu Tag. Hauptsächlich sind es die Juden aus Marokko, die fast alle ,Sephardim' sind und sich in letzter Zeit für ihre alte Heimat zu interessieren begonnen haben. Nunmehr wandern zahlreiche marokkanische Judenfamilien in das Land zurück, aus welchem ihre Urahnen seinerzeit vertrieben worden waren. Skeptiker behaupten zwar, daß die junge Liebe Spaniens zu ihren alten Juden nicht sehr ernst zu nehmen sei, und bezeichnen diese judenfreundliche Bewegung als ein politisches Manöver. Die spanischen Politiker — meinen die Skeptiker — sahen plötzlich in Tunis, Algier, in Tanger und in Gibraltar sowie in vielen anderen afrikanischen Städten große jüdische Gemeinden, die infolge ihrer Impulsivität sehr viel zur Hebung des Wohlstandes beitragen. Alle diese Juden bedienen sich heute noch der spanischen Sprache und dieses jüdischspaniolische Element will nun Spanien durch schöne Versprechungen an sich ziehen. Mit Hilfe dieser spaniolischen Juden hofft Spanien einen größeren Einfluß auf die afrikanischen Kolonialländer gewinnen zu können. Das behaupten die Skeptiker und diese Behauptung scheint nicht unrichtig zu sein, weil doch alle anderen Länder eine ähnliche Politik in den Kolonialgebieten führen. Wie dem auch sei, immerhin ist das neueste Kapitel der spanischen Geschichte nicht uninteressant. Das streng katholische Spanien, das seine jüdischen Landeskinder mit Scheiterhaufen und Folterinstrumenten in grausamste Weise bedrückte, bis der letzte Jude das Land verlassen, steht jetzt und schlägt sich reuevoll an die Brust ob des schweren Unrechtes, das an den Juden begangen worden war. Das alte stolze Land verspricht ihnen goldene Berge, damit sie sich wieder mit ihm versöhnen sollen. Das spanische Propagandabüro in Afrika und Asien überflutet die jüdische Bevölkerung mit Aufrufen und Proklamationen, in welchen versichert wird, wie gut es ihnen gehen würde, falls sie wieder nach Spanien zurückkehren würden." Nicht nur die Menschen und die Natur haben ihre Launen. Auch die Weltgeschichte ist oft launenhaft. Das beweist am besten die-neueste spanische Judenpolitik, die dafür spricht, daß es nicht zu den größten Annehmlichkeiten zählen kann: ein Land ohne Juden zu sein und zu bleiben. Pcuitleton fuliasz Wolfsohn. Zu seinem 50. Geburtstag. Von B. l.vovsky-CIemenf. Eine Studie. II- Der Pädagoge. Als Lehrer wirkt Wolfssohn nun schon volle 30 Jahre. In dieser langen Praxis hat er reiche Erfahrung gesammelt und sich alle bedeutenden Lehrmethoden des Klaviers zu eigen gemacht Viele seiner Schüler führte er zur allgemeinen musikalischen Ausbildung oder wirkte zumindest auf dieselbe fördernd und anregend. Unter i-cine Schüler zählen viele heute schon bekannte Namen, wie z. B. Ignatz Waghalter, ehem. Dirigent der Bcriin-Chariottenburger Oper, J. Neumark, Dirigent des philharmonischen Orchesters in Scheveningen, ferner: Stefan Bergmann, Amsterdam. MischaLevicki (New York). Wolfsohn, ist ein idealer Lehrer. Das stärkste und reinste Motiv in seinem Unterricht ist die unendlich feinfühlige Anerkennung der Art seiner Schüler. — „Respekt vor der Natur" möchte man das nennen. Unablässig bemüht, jeden einzelnen seiner Schüler im Tiefsten zu erkennen, die Möglichkeiten seiner Seele zu erforschen und das so errungene Wissen in einer unnachahmlich diskreten Weise zu verwerten, ist Wolfsohn ein wahrer Führer seiner Schüler, ohne auf dieselben auch nur den geringsten Zwang auszuüben. Aus dieser wunderbaren Weise des Unterrichts entspringen wohl die beispiellose Liebe und Verehrung, die alle Schüler Wolfsohns--ausnahmslos — für ihren Meister hegen, dem sie restlos vertrauen, weil er ihnen nicht bloß als Respektperson, sondern als wahrer Freund, als Mensch entgegentritt, der den geheimnisvollen Kontakt von Herz zu Herz, von Geist zu Geist zu finden weiß, auf den allein es ankommt, wenn Menschen einander verstehen lernen sollen. Seine Ruhe während des Unterrichtes, seine Geduld, unschätzbare pädagogische Eigenschaften werden von seinen Schülern immer wieder gerühmt. Wenn einer seinen Ausführungen und Erläuterungen nicht gleich zu folgen vermag, so bringt er ihm durch wiederholtes Vorspielen seine Absicht bei und diese Art d2S -musikalischen Vorführens — ein wichtiger Faktor in seiner Lehrmethode — offenbart dem Schüler mehr als stundenlanger Vortrag es vermöchte. Lob oder Tadel äußert er selten in Worten, — ein Blick, eine kleine Geste sagt bei ihm mehr als lange Reden. Nie reißt ihn seine ungeheure Sensibilität zu Aeußerungen übler Laune hin, so erklärlich dies auch manchmal wäre. Wohl aber fühlt der Schüler — auch unter äußerer Ruhe — das starke künstlerische Temperament seines Meisteis, dessen Energie sich ihm suggestiv mitteilt und ihn unbewußt mitreißt. So läßt sich kaum ein schöneres Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler den- - ken, als es hier zu Tage tritt. Und damit mag der große Ruf, /den Wolfsohn als Pädagoge genießt, begründet sein. Unter den aus setaer Schule hervorgegangenen Künstlern sind besonders Betti Fischer, Hypolit Tscharensina Magasanik, Jean Pyschkowski, Leo Birkenfeld, Maximilian Reichlin, Nelly Friedländer 'zu nennen. Das alljährlich von den Schülern Wolfsohns veranstaltete öffentliche Konzert, sowie die mehrmals im Jahre stattfindenden internen Schüler-Abende gestatten weiteren Kreisen einen Einblick in dieses Künstlers überaus erfolgreiche Lehrtätigkeit und führen ihm immer neue Bewunderer und Schüler zu. Wolfsohn ist unermüdlich bestrebt, die vornehmen ethischen Grundsätze, die er selbst seinerzeit von Delaborde empfangen hatte, in die Seelen der ihm anvertrauten jungen Talente zu pflanzen. Er ist mehr als Pädagoge, — er ist Führer, Ratgeber. Freund seiner Schüler, die ihn g.'radezu anbeten. Und das ist das Höchste, was ein Lehrer bieten kann. III. Der Mensch. Ich bin — von jenem allerersten Chopin-Abend an — treu und immer wieder zu künstlerischer Begeisterung hingerissen, den Spuren Wolfsohns gefolgt, ohne ihn persönlich zu .kennen und ohne je einen Versuch zu diesem Ziele zu unternehmen. Einige Jahre lang war es mir nicht vergönnt, ihn zu hören, — mag sein, daß ich damals immer gerade zur Zeit seiner Wiener Konzerte verreist war. Jedenfalls wurde mir das nächste große Erleben dieses Künstlers erst am Silvesterabend 1916 zuteil, als ich ihn im großen .Prunksaale des neuen Konzerthauses Chopins unsterbliches E-moll-Konzert spielen hörte. Den unauslöschlichen Eindruck jener Stunde habe ich in meinem 1917 erschienenen lyrischen Zyklus „Chopin" festgehalten und das kleine Werk dem großen .Künstler, der es in mir zur Tat werden iieß, zugeeignet. Dies führte in der Folge zu persönlichem Begegnen — und so durfte ich endlich auch den Menschen Wolfsohn kennen lernen, — einen Menschen von vornehmster Gesinnung und bezauberndster Liebenswürdigkeit; dabei ganz einfach und bescheiden, ■— ohne jene große Geste und mancherlei Pose, deren viele Virtuosen von heute sich bedienen, im Wahn, den Eindruck ihrer Persönlichkeit dadurch irgendwie zu steigern. Wolfsohn kennt solche Schwächen nicht, — und er bedarf auch wahrlich keiner äußerer Mittel, um jeden zu gewinnen, der ihm näher tritt. Unvergeßlich wird mir immer jene erste Stunde in seinem lorbeer-