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Die Wahrheit · 1930-01-17 · Heft 3 (17.1.1930) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 3 (17.1.1930)
Date
1930-01-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdische Die LDcmrhei i Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union deutschösterreichischer Juden und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien ■IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIU! Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 42-2-16 «c XLVl. Jahrgang Wien 17. Jänner 1930 Nummer 3 Aktive Verständigungspolitik. Vor kurzein fand in Jena der Delegiertentag der deutschen Zionisten statt, dem in den letzten Monaten in der deutschen zionistischen Presse und Oeftentlichkeit außerordentlich scharfe innere Auseinandersetzungen vorangegangen waren. Der mit den kritischen Verhältnissen in seiner Organisation vertraute österreichische Zionist denkt vielleicht mit Schadenfreude daran, daß sich im Reiche ähnliche Dinge abgespielt haben wie im österreichischen Zionistenlager. Dem ist aber nicht so. Die Diskussionen, die im Reiche wohl mit größter Schärfe abgeführt wurden, unterscheiden sich ungemein wohltuend von den Polemiken, die bei unseren Zionisten üblich geworden sind und die sich meistens nur um persönliche Angelegenheiten drehen- Dort waren es prinzipielle Entscheidungen, die mit den traurigen Ereignissen in Palästina in ursächlichem Zusammenhang stehen. Wie bedeutungsvoll der Jenaer Delegiertentag, die erste Tagung einer großen zionistischen Landesorganisation nach diesen Ereignissen, für die ganze zionistische Welt gewesen, geht aus der Tatsache hervor, daß der Präsident der Zionistischen Weltorganisation und der Jewish Agency, Prof. Dr. Chaim We i z m a n n, ihr beiwohnte und zum ersten Mal seit den blutigen Unruhen im Heiligen Lande vor einem offiizellen zionistischen Forum öffentlich die Grundlagen der nunmehr durchzuführenden Araberpolitik darlegte. Daß diese Ausführungen eine gewisse Ueberheblichkeit zeigten, haben wir schon letzthin dargelegt, obwohl Weizmann selbst in seinem Schlußworte mit Recht betonte: ,.Die Juden (sollte heißen: die Zionisten. D. Red.) haben zu viel in die Balfour-Deklaration; hineingelesen. Es war meine traurige Pflicht, viele Illusionen zu zerstören,' weil ich tagtäglich mit der Wirklichkeit zusammenkomme, weil ich in den letzten sechs Wochen Wirklichkeit gesehen habe, die, wenn ich sie Ihnen schildern wollte, Sie glauben machen würde, man müßte wirklich ein Held sein, um das zu überleben." Worum ging es nun auf dem Jenaer Delegiertentag? In einem ausgezeichnet informierenden, sehr objektiven Leitartikel der Prager zionistischen „S e 1 b s t w e h r" behandelt Dr. Rudolf Samuel (Breslau) die Bedeutung der Fragen, die da zur Entscheidung standen. Wir entnehmen diesem Aufsatze folgendes: Unter den Zionisten und wahrscheinlich auch unter den Nichtzionisten, die das Palästinawerk und die Politik der Leitung der Jewish Agency mit beeinflussen, gibt es heute im großen und Kanzem drei verschiedene Anschauungen über die zukünftige Gestaltung der arabischen Politik. Die eine wird repräsentiert durch eine Minorität innerhalb der zionistischen Weltorganisation, die veirimutlich auf der anderen Seite der Jewish Agency wenig Anhänger haben dürfte. Es sind das die Gruppen, die mehr oder minder unter dem geistigen Einfluß des Revisionismus stehen und für die jedenfalls-der Revisionismus der klarste und prägnanteste Wortführer ist. Ihre Meinung grenzt sich von Jen beiden anderen Anschauungen dadurch ab. daß sie e i n anderes Endziel als jene besitzt. Für sie ist das Ziel der jüdischen Kolonisation in Palästina nicht erreicht, wenn dort ein nationales Heim der Juden in dem Sinne errichtet wird, den die offizielle Interpretation der Mandatarmacht und des Völkerbundes angibt. Selbstverständlich wollen auch sie nicht die arabischen Einwohner Palästinas unterdrücken, selbstverständlich will auch ihre politische Konzeption den Arabern nationale Autonomie in vollstem Umfang des Wortes einräumen, aber sie hotfein doch darauf, daß Palästina in jenen fernen Zeiten, in denen die Juden die Majorität der Bewohner sind, auch in seiner staatsrechtlichen und politischen Beziehung ein vorwiegend jüdisches Land wird. Dieses Ziel — sagen wir schlechthin der Juden Staat im vollen Sinne des Wortes — beeinflußt natürlich auch ihre gegenwärtige politische Haltung. Sie befürchten, daß die Politik der Verständigung mit den Arabern jatzt so weit getrieben wenden könnte, daß sie die Jewish Agency in einer Weise festgelegt, die später nicht wieder rückgängig gemacht werden, könnte. Die beiden arideren Meinungen stimmen darin überein, daß sie das Ziel im binationalen Staat erblicken. Sie wollen eine Verfassung Palästinas anstreben, die den Arabern und den Juden gleiche Rechte in ihrer nationalen und kulturellen Entwicklung bieten. Keines von beiden soll den anderen beherrschen. Weder sollen die Juden nur nationale Autonomie in einem arabischen, noch die Araber nur dieses Recht in einem jüdischen Staate genießen. Weder sollen die Araber das Kclonisationswerk der Juden stören, so lange diese eine Minorität sind, noch sollen sie von den Juden auf einen zweitem Platz verwiesen werden, wenn diese zur Majorität gelangen ... Es ist ohne weiteres klar, daß die Politik der Verständigung mit den Arabern auf dieser Basis eine größere Aussicht auf Erfolg besitzt als die auf dem Grundsatz des Judenstaates. Ein Verfassungsentwurf, ein konkreter Versuch der Verständigung mit den Arabern könnte im Rahmen dieser politischen Grutidanschauung der Welt beweisen, daß die Jewish Agency bereit ist, alle überhaupt denkbaren berechtigten Wünsche der Araber zu schützen, daß die Juden nicht als Eroberer — um mit den Worten Dr. M a g n e s. des Kanzlers der Hebräischen Universität, zu sprechen — „nicht aui dem Wege des Josua. sondern auf Wegen des Friedens, der Kultur und der Arbeit" in ihre alt.' Heimat zurückkehren Ein solcher Versuch dar Verständigung würde mit der Stellungnahme des Völkerbundes Übertinstimmen und würde deshalb die dort etwa vorhandenen Schwierigkeiten beiseite räumen und der Jejvish Agency nach wie ver die Sympathien der fortschrittlichen Welt erhalten. Er wäre, selbst wenn er in diesem Augenblick auf die Ablehnung des arabischen Partners stoßen würde, dazu angetan, den friedfertigen arabischen Fellachen und Kaufmann von der Friedfertigkeit der Juden zu überzeugen, und könnte den arabischen Hetzern in demselben Maße den Wind aus den Segeln nehmen, wie ihre Politik sich als erfolglos beweist und das Angebot der Juden offen bleibt. Die Anhänger dieser Verständigungspolitik aui der Grundlage eines binationalen Staates zerüfWen iedoch in zwei Gruppen. Sie unterscheiden sich in den Fragen der Taktik. Die eine von ihnen, die wohl in diesem Augenblick die herrschende im palästinensischen Judentum sein dürfte, ist der Meinung, daß die Verständigung mit den Arabern ein sehr, langsamer Prozeß ist. Man könnte diese Meinung auf die Formel bringen, daß die Verständigung mit den Arabern erst im Verlauf o d 5 r nach einem Europäisierung der feudalistischen Wirtschaftsordnung und damit auch des sozialen Lebens der Araber möglich ist. Die andere Anschauung sieht die Schwierigkeiten, die der augenblickliche Status der palästinensischen. Araber macht, gleichfalls. Aber sie sieht auch voraus, daß dieser Prozeß der Europäisierung eine, an den aktuellen Bedürfnissen des Aufbauwerkes gemessen, unendlich lange Zeit, zum mindesten mehrere Jahrzehnte, in Anspruch rahmen wird1. Sie glaubt dahin, daß der augenblicklichen politischen Situation mit diesem Programm nicht gedient ist, wenn es nicht durch eine Politik der aktiven Verständigung ergänzt wird, zu der d i e Initiative, wen ir auch nicht in dieser Woche-, so doch beneits in den nächsten Monaten von der Jewish Agency aus- " e *» e n muß. Diese Anschauung hat ihre hauptsächlichen Vertreter in Deutschland. Der deutsehe Zionismus und vornehmlich sein zentrales Organ, die ..Jüdische Rundschau", haben sie in den letzten Wochen immer Wieden vertreten und sind immer wieder deshalb angegriffen worden. So mußte dieser Delegiertentag eine grundsätzliche Klärung der Probleme herbeiführen." Diese Klärung ist auf dem Jenaer Delegiertentag erfolgt, indem eine Resolution mit 83 gegen 53 Stimmen angenommen wurde, die prinzipiell eine aktive Verständigungspolitik verlangt, bei der allerdings die Führung der Verhandlungen in den Händen der Exekutive der Jewish Agency bleiben muß. Die Annahme dieser Resolution hat klar zum Ausdruck gebracht, daß der deutsche Zionismus sich in seiner Mehrheit hinter diejenigen seiner Vertreter stellt, die in den letzten Wochen wegen ihrer verständigungsbereiten Haltung das Ziel zahlreicher Angriffe waren. Ihre besondere Bedeutung bekommt die Resolution aber noch dadurch, daß eine Reihe von anderen Anträgen abgelehnt wurden. Darunter befand sich ein Mißtrauensvotum gegen die Leitung der „Jüdischen Rundschau", die seit Monaten und seit Jahren das Programm des binationalen Staates vertreten hat. ferner eine Resolution, die unter anderem verlangte, jegliche neue politische Zielsetzung zu verwerfen und also am .1 u d e n s t a a t e f e s t z 11 h a 11 e n. Sie wurden ebenso abgelehnt wie ein Amendement, das bei dem Punkte der Verhandlungen mit den Arabern die Worte ..zu geeigneter Z e i t" einschieben wollte. Der in dieser Haltung der Majorität der deutschen Zionisten zum Ausdruck gebrachte Wunsch, mit dem arabischen Volke in Eintracht und in gegenseitiger Achtung zu leben, ist durchaus anzuerkennen. Dagegen ist die fortgesetzte Unterstreichung des sogenannten nationalen Gedankens, ein Begriff, bei dem sich allerdings wohl jeder denken mag. was er will, nicht allzu zweckdienlich. Immerhin, der Delegiertentag der deutschen Zionisten hatte im Gegensatz zu dem unserer österreichischen Zionisten ein recht beachtenswertes Niveau. Aus der Schlußrede des trotz aller Angriffe mit großer Majorität und unter starken Beifallskundgebungen wiedergewählten P r ä s id e n t en Kurt B1 ti m e n f e 1 d geht dieser eklatante Unterschied besonders hervor. Er sagte unter anderem: ..Die politische Hauptfrage ist die Frage des sogenannten binationalen Staates. Es ist grundfalsch, heute so zu tun, als ob es sich im Wesentlichen um einen taktischen und nicht um einen grundsätzlichen Gegensatz handelt. Die Frage, wie man mit den Arabern verhandelt, ist nicht geeignet, eine Spaltung im Zionismus herbeizuführen. Die Entscheidung dieser Frage liegt bei der Exekutive. Die Geister scheiden sich aber, wenn das Problem 1 ti d e n s t a a t oder Z w e i n a t i 0n a 1 i t ä t e n - S t a a t behandelt wird. Ich stelle fest, daß niemand, der hier gesprochen hat, ein Ziel erstrebt, das mit dem alten .ludenstaatsbegriif identisch ist. Berufen Sie sich nicht aui Herzl. In Herzls Schriften kam das Wort „Araber" nicht vor. Er hat das palästinensische Nationalitäten- Problem nicht gekannt. r, j! H

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