Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 2 (10.1.1930)
- Date
- 1930-01-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit* 6 DIE WAHRHEIT Zahlung zu bringen. Neubewilligungen sind, auch wenn sie In den Rahmen der Tangente des Budgetprovisoriums fallen würden, normalmäßig im Instanzenzuge zu behandeln. Keinesfalls darf während der . Geltungsdauer des Budgetprovisoriums der Ausgabeetat größer sein als ein Sechstel des für das Jahr 1929 präliminierten. Zum Budgetprovisorium selbst wurde eigentlich wenig gesprochen, nur Kultusvorsteher Dr. Leo Landau machte einige Abänderungsvorschläge zum ursprünglichen Antrag, die die Zustimmung des Plenums fanden und in dem oben wiedergegebenen Texte des Antrages bereits Berücksichtigung fanden. Dafür entfesselte eine Erklärung von Dr. Rudolf Glanz, daß sein Klub gegen das Provisorium stimmen werde, eine recht interessante Debatte. Nach ihm erhob sich nämlich Bezirksrat Wilhelm Hirschfeld und verwahrte sich entschieden dagegen, daß Dr. Glanz im Namen des Klubs irgend welche Erklärungen abgebe, wozu er nicht berechtigt sei. Dr. Glanz glaubte diese gehörige Abfuhr dadurch entkräften zu können, daß er es „unter seiner Würde" fand, mit Bezirksrat Hirschfeld zu polemisieren, eine Bemerkung, die mit Recht vom Vorsitzenden, Vizepräsidenten Doktor J. Ornstein als vollkommen ungehörig zurückgewiesen wurde. Die nun folgende Rede des „werktätigen" Kultusvorstehers Gustav Moritz war eine einzige Phillippika gegen seine ehemaligen Kampfgenossen von der poale-zionistischen Couleur. Die Liebenswürdigkeiten, die er ihnen in beißendster Form zn sagen wußte, werden den Herren recht unangenehm gewesen sein. Jeder von den drei bekam sein wohlgerütteltes Maß, insbesondere Mendel Singer wegen seiner noch immer nicht erledigten Affäre mit Herrn Kultusvorrteher Wolf Pappenheim. Mendel Singer hat Herrn Pappenheim bekanntlich vor ungefähr Jahresfrist in öffentlicher Sitzung vorgeworfen, daß die Agudah ihre Palästinasubvention der Wiener Kultusgemeinde zu unlauteren Zwecken mißbrauche, -und versprochen, die Beweise für diesen unglaublichen Vorwurf innerhalb einer Woche zu liefern. Seither ist diese Woche mehrfach vergangen, ohne daß die Beweise kamen, dafür kam eine Ehrenerklärung, deren Verfasser Dr. Glanz sein soll, oder vielmehr sie kam nicht, denn sie wurde nicht zur Kenntnis genommen. Man kennt sich in diesem Tohuwabohu nicht recht aus, nur so viel steht fest: Mendel Singers Beweise sind ausgeblieben. Kultusvorsteher Moritz apostrophierte auch den zionistischen Klubobmann Dr. Desider Friedmann als Mann des Rechtes, der es wohlwollend zulasse, daß die drei Herren, die als „Werktätige" gewählt wurden, nun auf einmal unter neuer Firma („Verband sozialistischer Juden") im Kultusvorstand auftreten, ein Vorgang, den Moritz als Irreführung der Wählerschaft und als Skandal bezeichnete. Er legte ein Schiedsgericht wegen dieses ungehörigen Vorgehens an. Ungarische Hastgänse S 3*20 Mährische Lebergänse „ 3 40 Gansfett kg „ 4*— Geräucherter GansbOgel per Stück S 3-— „ Gansbrust „ „ „ V— Stadtu. Provinzversand pr. Tel. A14-4-87 Karl Faludl, XIX., Döbl. Hauptstraße 88 k GROSSFLEISCHHAUEREI HEGM, KORNMEHL ummammammmmmmm—mmmmu^am^mmmmmmmamm WIEN IX., BERGGASSE NR. 19 FILIALE i XVIII., WÄHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A 16-9-34 Llatarant fOr Heilanstalten AbteilungemürKoscherf leisch unter Aufsicht des ehn>. Rabbinatas dar lar. Kultusgemeinde Wian. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlieh Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen Wahrheiten vom 'Jage Notwendige Sache! Der „Morgen", ein hauptsächlich von Juden geschriebenes und vornehmlich von Juden gelesenes Wiener Montagblatt, bringt in seiner vorletzten Nummer die große Geschmacklosigkeit zuwege, in seinem humoristisch sein sollenden Teil „Der blaue Montag" folgenden traurigen Witz zu veröffentlichen: Das Weihnachtsfest wird speziell auch im zweiten Bezirk eifrig gefeiert. Bei Weichsellbaums werden auch einschlägige Lieder einstudiert. Lilly, die 17jährige Jüngste, setzt sich am Weihnachtsabend an den Flügel und singt: „Wodurch unterscheidet sich diese stille Nacht von allen anderen Nächten?" Der Redakteur, der diesen „Witz" annahm, muß selbst in einer „Blauen Montag'-Stimmung gewesen sein, von dem Witzbold, der ihn ersann, gar nicht zu reden. Aber diese Veröffentlichung ist gewiß bezeichnend: Auf der ersten Seite wird nicht zuletzt den Juden zu Gefallen ein „Neujahrsgruß an Philipp Halsmann" gebracht, auf der letzten Seite zugleich ein jüdisches und ein christliches Fest verulkt. Hindenburg verklagt einen Nationalsozialisten. Reichspräsident Hindenburg hat gegen die vom nationalsozialistischen Reichstagsabgeordneten Dr. Goebbels herausgegebene Zeitung „Der. An griff" Straf antrag erhoben wegen des Artikels „L e b t H i n d e n b urgnoc h?", der am 29. Dezember an der Spitze des Blattes erschien und in welchem dem Reichspräsidenten vorgeworfen wird, er habe deshalb nichi gegen den Young-Plan gestimmt, weil er immer nur das tue, was ihm seine „jüdischen und marxistischen" Ratgeber e i n b 1 a s e n.. Emil Ludwig über die Palästina-Probleme. In einem Interview mit dem Vertreter der Zeitung „Aurore" äußerte sich Emil Ludwig zu den aktuellen Fragen in Palästina, mit denen er sich während seines kürzlichen Aufenthaltes im Landeausführlich beschäftigt hat Er hatte ausnahmsweise Zutritt zu den Verhandlungen der Untersuchungskommission und hatte ausführliche Unterhaltungen mit ihren Mitgliedern, den Anwälten beider Parteien und auch mit dem Mufti. Nach all meinen Gesprächen und Beobachtungen, sagte' Emil Ludwig, bin ich zu der Ueberzeugung gekommen, daß die Augustunruhen dazu geführt haben, die Palästinafrage einer endgültigen Lösung näherzubringen. Meine Gespräche und Beobachtungen haben mich-überzeugt, daß durch die Augustereignisse eine Lage geschaffen ist, die dazu zwingt, sich mit dem Palästina-Problem, das bisher ein wenig diskutiertes Problem war, viel eingehender zu beschäftigen, damit eine Lösung gefunden wird. Bis zu den Unruhen war Palästina in zwei Lager geteilt, von denen jedes seine] eigene Politik betrieben hat Ich sehe die Ereignisse als eine Revolution von beiden Seiten an mit dem Ziel, das autokratische System zu brechen und es durch ein demokratisches zu ersetzen. Es ist wichtig, daß Juden und Äraber. für das Land zusammenarbeiten. Die Zukunft Palästinas ist -in-' allen Dingen davon abhängig, wie sich die Beziehungen der beiden Bevölkerungsgruppen zueinander" gestalten. Vereinswesen and Vereinsleben im Judentum. Herr Rabbiner Dr. Armin Abel es und Fräulein Edith Abel es haben in ihren Vorträgen über „Vereinswesen und Vereinsleben im Judentum", die am 23. Dezember 1929 im Vereine für jüdische Geschichte und Literatur stattfanden, ein Thema behandelt, dem gebührende Aufmerksamkeit geschenkt werden muß. Ist doch das Vereinswesen besonders in der Großstadt ein überaus wichtiger Faktor jüdisch-kultureller Tätigkeit Und die Unzahl unserer Vereine, die wie Pilze immer wieder zum Vorschein kommen, gereichen sicherlich nicht zum Schaden des Judentums, sondern tragen vielmehr Erhebliches zur Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühls und zur Pflege jüdischer Kulturwerte bei. Daher war es nicht uninteressant das jüdische Vereinswesen in Vergangenheit und Gegenwart, wie es von den beiden Vortragenden geboten wurde, zu verfolgen. Herr Doktor Abel es ging von der Definition des Wortes „Verein" nach Schmoll und Sombart aus, wonach dieser Begriff die Gruppierung einzelner Menschen zu einer kleinen oder größeren Gemeinschaft, gleichsam zu einer Schutztruppe gegen das Eindringen Fremder, nicht dem Vereine Angehöriger, bedeute, also einer Maßnahme, zu deren Durchführung der Staat zu schwach sei. Die älteste Zeit in der der Vortragende jüdisches Vereinswesen zu sehen glaubte, wäre die Zeit Samuel. Samuel habe — in gar manchem Rabbi Jochanan ben Sakkai gleichend — nach der Zerstörung des heiligen Zeltes zu Silo, der Gefangennahme der Bundeslade, dem Tode des Priesters Eli und der darob allgemeinen Verzweiflung des Volkes mit den Leviten, die damals Träger des Kulturlebens waren, die Lahäkat ha'Newiim geschaffen, ein „Verein", der die Umstimmung des Volkes in die Wege zu leiten gehabt hätte. Was Samuel in dieser Hinsicht begonnen, hätte Jesaja fortgeführt Die Ebjonim, die Dalim und Anavim stellen, nach Meinung des Vortragenden, nichts anderes als einen Verein dar. Ueberaus treffend wies der Referent auf die Essäer hin, die unzweifelhaft durch ein besonderes Vereinsleben gekennzeichnet waren. Auch die Chawerim des Talmuds hätten einen Verein gebildet Im Mittelalter hätte insbesondere der Sohar mit seinen mystischen und transzendentalen Lehren die Bildung von Vereinen, in welchen sich die Mitglieder mit exegetischen Geheimnissen und religiösen Mysterien beschäftigten, gefördert Mit dem 16. Jahrhundert, da das Talmudstudium einsetzte und als dessen Begründer man Rabbi Low bezeichnen kann, entstand eine Menge von Talmudvereinen, sogenannte Chewroth ha'Schaß und fast jede Schule hatte einen solchen Verein, der das laute Disputieren der talmudischen Abhandlungen ermöglichte. Das Vereinswesen von der Mendelssohnschen Zeit bis zur Gegenwart erörterte Fräulein Edith Abeles. Sie bezeichnete in dieser Hinsicht diese Epoche als besonders segensreich. Die neu entstandenen Vereine wären zum größten Teil selbst die Urheber und Träger des ungeheuren Kulturfortschrittes, die diese Zeit dem europäischen Judentum gebracht hat Fräulein Abeles führte zunächst den Verein der hebräischen Literaturfreunde an, der 1783 in Königsberg gegründet und dessen Organ der „Meassef" (Der Sammler) war. Diese Zeitschrift hätte im großen und ganzen den Weg aus dem geistigen Ghetto in das allgemeine Kulturleben angebahnt Weiter wurde der 1819 gegründete Verein für Kultur und Wissenschaft des Judentums, dem bekanntlich auch Heinrich Heine angehörte, und dessen „Zeitschrift für die Wissenschaft des Judentums", welche Zunz redigierte, erwähnt Nicht unwichtig ist der 1841 in Berlin entstandene Kulturverein, aus dessen Mitte die „Genossenschaft für die Reform des Judentums" hervorgegangen ist Unter dem Einfluß des Kulturvereines hat im Jahre 1854 Dr. Ludwig Philippsohn das „Institut zur Förderung der israelitischen Literatur", das noch heute besteht begründet Als Heimat der Vereine zur Verbreitung des Handwerkes unter der jüdischen Bevölkerung bezeichnete die Vortragende Fxankreich. 1843 sei auch in Wien ein solcher entstanden; besonders fruchtbaren Boden hätte aber diese Vereinstätigkeit in Ungarn und Deutschland gefunden. Nach dem Vorbild, der Vereine, die die Mendelssohnsche Bewegung in Deutschland hervorgerufen hatte, hätten sich im Osten und Westen Kulhirvereine gebildet Ganz besonders wies die Referentin auf die verdienstvolle Tätigkeit des in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts gegründeten Vereines „Mekire Nirdomim", zur. Herausgabe wichtiger und seltener hebräischer Werke, ferner die im Jahre 1880 in Paris entstandene „Socidte des etudes iuives" mit ihrem Organe „Revue des etudes juives". Neben dem in Wien von Jellinek begründeten Vereine „Beth Hamidrasch" und der anfangs dieses Jahrhunderts geschaffenen „Gesellschaft zur Förderung der jüdischen Wissenschaft" in Berlin, schilderte Fräulein Abeles die Tätigkeit der einzelnen Vereine in Deutschland, die sich zum Verband der jüdischen Literaturvereine zusammengeschlossen haben. Zusammenfassend könnte man feststellen, daß es kaum eine größere Gemeinde fortschrittlicher oder orthodoxer Richtung gebe, in welcher nicht eine größere Zahl von Vereinen ihre sicherlich nicht unnützliche Tätigkeit entfalten. Insbesondere fehle es in keiner Großstadt an ein oder mehreren Vereinen, die zur Verbreitung und Förderung der Kenntnisse von jüdischer Geschichte und Literatur wirken. Last not least wurde auch der unter Leitung des um die jüdische Wissenschaft so hervorragend verdienstvollen Professor Dr. -S. Kraus' stehende" i.Verein'für jüdische Geschichte und Literatur Th Wien" erwähnt Der Vorsitzende dankte den beiden Vortragenden herzlich für ihre glänzenden Ausführungen, aus denen Begeisterung und treue Liebe zum Judentum spreche. Das zahlreich erschienene Publikum schloß sich dem Danke des Präsidenten durch begeisterten Beifall an. Besondere Gratulation gebührt natürlich Fräulein Edith Abeles, die in fast vorbildlicher Weise vorgetragen und gezeigt hatte, wie man jüdische Kenntnisse in formgewandter Sprache zum Ausdruck bringen kann. In der darauffolgenden Diskussion wies Herr Dr. Grünberg auf das -Vorkommen des Wortes „Chawer" im Sinne von Gemeinschaft auf alten Münzen hin. Herr Dr. I m a 1 i s beschäftigte sich ein wenig eingehender mit der Frage der „Dalim" und „Ebjonim" und meinte, man könnte sie kaum einen bewußt organisierten Verein nennen. j. b. ■ Union den«senösf erreichischer Juden ■ Wien IX., Berggasse 4 — Tel. A 19-2-77 EINLADUNG zu der am ■ Donnerstag, den 16. J&nner,8Hhr abends, g ■ im Goldsa&l des Caie silier, Wien I., ■ S Sdiwedenplatz ■ ■ ■ ■ stattfindenden ■! VERSAMMLUNG! TAGESORDNUNG: Beridif Ober die Täfigheit des Kulfnsforsfandes REFERENTEN: Reg.-Raf Dr. Hermann Oppenheim Banraf Wilhelm Kempler Anschließend Diskussion Gäste willkommen! Das Präsidium der „Omen deatsdiosterreldUsdier Juden" «■