Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 2 (10.1.1930)
- Date
- 1930-01-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 5 paar Talmudstellen, wie wir sie immer bringen, ... ich glaube, dies mahnt zur Vorsicht. Den Wahrheitsbeweis können wir ebenso wenig erbringen wie unsere Freunde und...! Chef: Lächerlich! Wer spricht bei uns von Wahrheitsbeweis, wenn von Talmudsteilen die Rede ist? Wer verlangt ihn? Warten wir mit der Vorsicht, bis wir den Anschluß an Deutschland fertig haben . . . Merken Sie sich, ohne den Talmud können wir nicht leben! Wie die Blätter melden, hat der Papst dem Mitglied des ungarischen Oberhauses Eugen Vida — einem glaubenstreuen Juden —, der in seinem Heimatsorte Tatabanya aus eigenen Mitteln eine Kirche bauen ließ, seinen Segen gespendet. Die Juden in Ungarn führen bittere Klagen darüber, daß die Bevölkerung in manchen Kirchen statt Lehren der Nächstenliebe aufreizende Worte der Intoleranz hört. Man darf vielleicht so optimistisch sein, anzunehmen, daß nicht nur jetzt, sondern auch in späteren Tagen die Predigten in der kleinen Kirche von Tatabanya mit den Lehren der Evangelien nicht kollidieren werden. * $ * Ein Sohn des ungarischen Reichsverwesers befindet sich dermalen in Amerika. Er hat eine Stellung in den Fordschen Industriewerken angenommen und er hofft, wie er einem Interviewer versichert, nach mehrjähriger Ausbildung in der Musterschule des großen Amerikaners die Ergebnisse seiner Studien später im Dienste seines Vaterlandes verwerten zu können. Kein Zweifel, der junge Horthy hat sich einen guten Lehrmeister gesucht. Henry Ford ist ein Mann, dessen schöpferischer Geist sich nicht bloß in der Verfolgung materieller Erfolge erschöpft. Der Autokönig hatte bekanntlich auch den sittlichen Mut, nachdem er jahrelang sich von den antisemitischen Schandlehren hatte betören lassen, offen seinen Irrtum zu bekennen und seine Landsleute vor den Hetzern zu warnen. Horthy junior kann, wenn er von Ford lernt, dereinst nach Ungarn zurückkehrt, sich unendlich große Verdienste um sein Vaterland erwerben. Ego. UFA-TON-KINO Aus dem Wiener Kultusvorstand. Montag, den 30 Dezember, fand, wie wir letzthin kurz berichteten, eine öffentliche Plenarsitzung des Kultusvorstandes statt, in der in Vertretung des erkrankten Präsidenten Prof. Dr. A. Pick, Vizepräsident Dr. J. O r n s t e i n den Vorsitz innehatte, welcher in seinen einleitenden Worten der Hoffnung auf eine baldige Genesung des Präsidenten Ausdruck gab und ihm die innigsten und wärmsten Wünsche des Vorstandes entbot Im Einlaufe, den Amtsdirektor Reg.-Rat Guido Fuchsgelb verlas, befanden sich: Ein Dankschreiben der Gemeinderabbinerswitwe Frau Anna Mandl iür die letzten Ehrungen und die Anteilnahme, die der Kultusvorstand anläßlich des Ablebens ihres Gatten zum Ausdruck brachte. Der Dank der Frau Ciarisse Rothschild iür die Kondolenz anläßlich des Ablebens ihres Vaters und eine Dankeskundgebung der Familie des seligen Herrn Regierungsrates Dr. Heinrich 5 t e g e r für die Kondolenz des Kultusvorstandes. Herr Kultusvorstehcr Richard Bettelheim bringt für die ihm anläßlich der verliehenen Auszeichnung übermittelten Glückwünsche seinen Dank zum Ausdruck, ebenso das Gemeindemitglied Herr Hans Engel. Frau Prof. Josef Sulzer dankt für die von der Kultusgemeinde ihrem seligen Gatten gewidmete Gedenktafel. Aus den eingegangenen Spenden seien hervorgehoben: Die Widmung des Herrn Eduard Mandl von S 5000.— durch Herrn Kultusvorsteher Börsenrat Ignaz Glück für das Spital, die Versorgungsanstalt, den Waisenverein, das Blindeninstitut und die Chewra Kadischa: ferner die Spende eines Anonymus durch Herrn Kultusvorsteher Regierungsrat Dr. Hermann Oppenheim von S 1000.— für wohltätige Zwecke, in erster Linie arme alte Männer, als Frauen und arme kranke Kinder. Der Klub der zionistischen Mandatare brachte nun, anscheinend von außen gedrängt, eine Interpellation wegen der Wahlreform ein, die die Einberufung des diesbezüglich bei der Konstituierung des Kultusvorstandes gewählten Ausschusses urgierte. Der Obmann dieses Ausschusses, Herr Dr. Josef Ticho stellte fest, daß an ihn direkt wegen Einberufung des Ausschusses bisher von keiner Seite herangetreten wurde, und sagte zu. das Notwendige wegen Aufnahme der Tätigkeit des Ausschusses veranlassen zu wollen, sobald die Kommissionsberatungen wegen des Budgets dies zulassen. Dem Präsidialbericht, den ebenfalls Reg.- J?at Fuchsgelbverlas, entnehmen wir: Die unter der Aegide der Israelitischen Kultusgemeinde durchgeführte Aktion des „Zentralhilfskomitees für die Opfer der Ereignisse in Palästina" hat bis zum 30. Dezember, nach Abzug der Auslagen für Drucksorten und Porti, ein Gesamtergebnis von S 138.000.— zu verzeichnen. Hiervon wurden am 19. Oktober der Betrag von englischen Pfund 2500.— und weiteren englischen Pfund 1000.— am 29. November 1929 an die . J e w i s h A g e n c y in London mit der ausdrücklichen Verfügung übermittelt, daß dies'e Beträge ausschließlich zur Hilfeleistung für Opfer, der Palästinaereignisse zu verwenden seien. Vom Präsidenten der Jewish Agency, Prof. Ch. W c i z m a n n. ist zubanden des Vorsitzenden des „Zentralhilfskomitees". Herrn Präsident Prof. Dr. Alois Pick, ein Dankschreiben eingelangt, in welchem Prof. Weizmann zum Ausdrucke bringt, daß er die Anstrengungen der Wiener Freunde zugunsten des Hilfswerkes in Palästina sehr hoch würdigt und Herrn Präsidenten Prof. Pick, sowie seinen Kollegen den herzlichsten Dank für die tatkräftige Mitarbeit ausspricht. Aus den Wochenberichten des Matrikenamtes für die Zeit vom 17. November bis 14. Dezem- "ber 1929 sind die Daten hinsichtlich der Bevölkerungsbewegung zu entnehmen. Der statistische Ausweis des Matrikenamtes für den Monat November 1929 weist folgende Daten auf: W I m m IL| Tabortlriti S Telephon R 42-3-41 Dritte Wodie prolongiert? Der erste Ufa-Ton- und Sprechfilm der Erich Pommer-Produktion Melodie des Herzens Hauptdarsteller: Dlta Porlo and Wlllq frltscü Beginn der Vorstellungen: 5, 7 and 9 Uhr An Sonnand Feiertagen ab 4 Uhr Gesamtzahl der vorgenommen Trauungen .... 64 „ Ehetrennungen........28 „ Sterbefälle..........198 ,. Geburten (43 männl.. 46 weibl.) . 89 „ Austritte..........68 ,. Eintritte und Rücktritte .... 23 Der in Wien wohnhafte und in Bad Hall als Kurarzt praktizierende Herr Dr. Hans Kaiser bittet in einer Zuschrift das Präsidium um die Feststellung, daß die Geruchte, er sei aus dem Judentum ausgetreten oder habe sich taufen lassen, unwahr sind, daß er vielmehr nach wie vor, ebenso wie in Steyr, auch in Wien Kultussteuer entrichtendes Mitglied der Israelitischen Kultusgemeinde sei. Vom Steueramte der Israelitischen Kultusgemeinde liegen Konsignationen vor über die in der Zeit vom 3. November bis 14. Dezember 1929 aus dem Judentume ausgetretenen Kultussteuerträger. Dieselben verzeichnen den Abfall von 29 Kultussteuerträgern, von welchen 10 eine Kultussteuer zwischen S 1.— bis S 10.— : 13, eine solche zwischen S 10.—.bis S 50.— ■ einer S 60.—. einer S 65.—. einer S 120.—. einer S 150.— und zwei je S 200.— jährEch zu entrichten hatten. Einem Belichte des Steueramtes ist zu entnehmen, daß pro 1929 an 59.373 Gemeindemitglieder Zahlungsaufträge mit einer Gesamtvorschreibung von S 2,457.166.— ergangen sind. Darunter befinden sich 4077 Fälle von Neubesteuerungen mit einem Betrage von S 50.007.—. Das Präsidium hat über folgende Stipendienverleihungen zu berichten: Die in der Verwaltung der Kultusgemeinde befindlichen, für Mediziner und Techniker bestimmten Hochschülerstiftungen sind zu Beginn des laufenden Studienjahres zur Verleihung ausgeschrieben worden. Es wurden 26 Bewerbungsgesuche von Medizinern und 15 Bewerbungsgesuche von Technikern überreicht Die verfügbaren Stiftungserträgnisse sind verliehen worden wie folgt: an Mediziner ein Stipendium im Betrage von S 135.— jährlich auf die Dauer der gesetzlichen Studienzeit und für ein Jahr nach Beendigung derselben und vier Stipendien im Betrage von je S 70.— einmalig: an Techniker ein Stipendium im Betrage von S 158.— einmalig und drei Stipendien im Betrage von je S 70.— einmalig. Aus der „Simon und GretI Berger-Stiftung" für Studentinnen ohne Unterschied der Studienkategorie ist je ein Stipendium im Betrage von S 87.— an eine Studierende der Philosophie und an eine Studierende der Technichen Hochschule zur Verleihung gelangt. Aus der von einem Gemeindemitgliede zur Verfügung gestellten Spende wurden drei Mediziner und zwei Techniker mit Handstipendien von je S SSbedacht. In Anbetracht des Umstandes, daß durch die oberwähnten 41 Bewerbungsgesuche eine überaus große Anzahl sehr bedürftiger Studierender sich gemeldet hatte, denen trotz sehr guter Studienfortschritte mangels verfügbarer Stiftungserträgnisse Stipendien nicht verliehen werden konnten, hat sich der Kultusvorstand ganz ausnahmsweise bestimmt gefunden, aus den Mittein der Kultusgemeinde an 11 Mediziner und 7 Techniker eine außerordentliche einmalige Zuwendung im Betrage von je S 40.— zu votieren. Es ist somit aus Stiftungen, aus einer Spende und aus Gemeindemitteln an 34 Studierende insgesamt der Betrag von S 1952.— zugewendet worden. In den letzten Tagen haben in Wien überaus zahlreiche, von den einzelnen jüdischen Institutionen veranstalteten Chanukkafeiern stattgefunden. Das Präsidium hat, soweit infolge der zeitlichen Kollisionen eines seiner Mitglieder der an die Kultusgemeinde ergangenen Einladung nicht Folge leisten konnte, für die Delegation von Vertretern des Kultusvorstandes Sorge getragen, und es kann verzeichnet werden, daß dank der Bemühungen der Vorstände und Leiter der einzelnen Institutionen alle diese Veranstaltungen einen würdigen und schönen Verlauf genommen haben. Besonders erfreulich war die zahlreiche Teilnahme von Jugendlichen und von Schulkindern sowohl an den Chanukkagottesdiensten in den Bethänsern, als auch an den zahlreichen sonstigen festlichen Chanukkaveranstaltungen. Zum nächsten Punkt der Tagesordnung: Budgetprovisorium für das Verwalttraxsjähr 1930 ■ erstattete infolge beruilicher Ortsabwesenheit des Herrn Finanzreferenten, Regierungsrat Dr. Hermann Oppenheim, und der entschuldigten Abwesenheit des Obrnannstellvcrtreters der „Finanzkommission", Doktor Jakob Ehrlich, das Mitglied der „Finanzkommission", Herr Dr. Desider Friedmann folgendes Referat: Die Notwendigkeit, ein Budgetprovisorium in Anspruch zu nehmen, ergibt sich aus dem Bestreben des Kultusvorstandes, die einzelnen Abschnitte des „Voranschlages" einer eingehenden Beratung in den zuständigen Kommissionen unterziehen zu lassen. Der Umstand, daß in diesem Jahre die hohen Feiertage in den Monat Oktober fielen und dadurch die Möglichkeit benommen war. die technischen Budgetarbeiten zu forcieren und Sitzungen in ausreichender Zahl abzuhalten, brachte es mit sich, daß seit anfangs November eine intensive Sitzungstätigkeit des Kultusvorstandes und eine Betreibung der Budgetarbeiten Platz greifen mußte, doch war es nicht möglich, bis zum Jahresschlüsse die gesamte große Arbeit zu bewältigen. Es wurden zunächst von allen Aemtern und Anstalten der Gemeinde die Erfordernisprogramme eingeholt und seitens der Amtsdirektion und der Buchhaltung der Gemeinde die Ausarbeitung der Unterlagen für den Voranschlag in Angriff genommen. Es haben dann die einzelnen Kommissionen ihre Beratungen begonnen, teilweise auch schon vollendet; der Referent berichtete eingehend über den Stand dieser Beratungen. Die gesamte Budgetvorlage wird sodann die „Finanzkommission'4 und das Vertreterkollegium gemeinsam beschäftigen, um schließlich vor das Plenum zu gelangen. Bei vollster Ausnützung der Zeit dürfte es jedoch, nicht gelingen, vor Ende Februar 1930 die Plenarberatungen über das Budget zum Abschlüsse zu bringen, und es wird deshalb das Budgetprovisorium erforderlich, damit der Geschäftsgang nicht gehemmt und insbesondere die Auszahlung der Unterstützungsbeträge. wie Monatsgaben. Pflegegelder usw. sowie der Subventionsvorschüsse für die seitens der Kultusgemeinde subventionierten Vereine und Anstalten keine Unterbrechung erfahre. Was den Rahmen für das zu bewilligende Budgetprovisorium anbetrifft, ersucht der Herr Finanzreferent tangentenmäßig jene Ziffern zur Grundlage zu nehmen, welche im Voranschlage für das Verwaltungsjahr 1929 vorgesehen waren. Da die Gesamtausgaben im Jahre 1929 mit dem Betrage von S 5,839.786.— präiiminiert erschienen, werden die Ausgaben in den Monaten Jänner und Februar 1930 keinesfalls die Tangente, welche S 973.298.— beträgt, überschreiten dürfen. Es ist aber auch nicht anzunehmen, daß diese oberste Grenze erreicht wird, weil ein beträchtlicher Teil der Ausgaben, wie z. B. die Mazzothaktion. die Feiertagsunterstützungen, die Auslagen für die Minjanim. die Bauauslagen usw. von vornherein in einen späteren Termin fallen. Während nun das Präsidium ermächtigt werden soll, die fortlaufenden Auszahlungen in den Monaten Jänner und Februar 1930 im Rahmen des Voranschlages, bzw. dessen Tangente vom Jahre 1929. zur Anweisung zu bringen, wird eine etwaige Neubewilligung geschäftsordnungsmäßig durch das Vertreterkollegium und das. Plenum zu behandeln sein. Aus den Ergebnisziffern der Buchhaltung geht hervor, daß die faktischen Auslagen in den Monaten Jänner und Februar 1929 insgesamt S 781.400.— betragen haben, daß also in dem Rahmen, der dem Plenum vorgeschlagen wird, das Auslangen gefunden wird. Demgemäß wird dem Plenum beantragt zu beschließen*): Das Plenum genehmigt für die Monate Jänner und Februar 1930 ein Budgetprovisorium in der Weise, daß das Präsidium ermächtigt wird, die aus den laufenden Betriebserfordernissen sich ergebenden Auszahlungen leisten zu lassen und nach Prüfung der Dringlichkeit, an jene Vereine und Anstalten, welche seitens der Kultusgemeinde bereits im Jahre 1929 subventioniert wurden, ä conto der pro 1930 zu bewilligenden Subvention — ohne Präjudiz für die Bewilligung einer solchen überhaupt oder die Höhe des vom Kultusvorstande zu bestimmende» Jahresbetrages — Vorschüsse im Höchstbetrage eines Sechstels der im Jahre 1929 bewilligten ordentlichen Subventionsbeträge auszubezahlen. Ebenso wird das Präsidum ermächtigt, die Gnadengaben, Monatsgaben und Erziehungsbeiträge entsprechend der budgetmäßigen Tangente des Jahres 1929 zur Ausf'l *) Der hier wiedergegebene Wortlaut des Antrages enthält bereits jene Abänderungen, denen vom Kultusvorstand auf Antrag des Herrn Dr. Leo Landau zugestimmt wurde.