Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 2 (10.1.1930)
- Date
- 1930-01-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Wenn nun diese polnischen Juden in Palästina sich dem Aufbau des Judenstaates oder des Nationalheimes widmen wollten, anstatt Waren zu verkaufen, ihre Orangen und ihr Gemüse zu pflanzen, werden sie in Deutschalnd als Kunden minder willkommen sein? Fürwahr, man sieht, daß niemand anders als die deutschen Mitglieder der Jewish Agency die Aufgabe haben, die Entwirrung dieses ganzen Komplexes energisch in die Hand zu nehmen, das Publikum moralisch zu zwingen, die Prägen nochmals durchzudenken, dann wird sich der Dunst, welcher diese Fragen umgibt, verflüchtigen, und es wird sich herausstellen, daß der Palästina-Aufbau nicht nur den moralischen wie materiellen Interessen Deutschlands nicht widerspricht sondern von ihnen geradezu gefordert wird. Ein klares Licht' würde auf die Universitätsfrage, die nächstens behandelt werden soll, und die Ostjudenfrage fallen. Die Bekämpfung des Antisemitismus in Deutschland. Volke gefunden haben, ist, wie schon angedeutet, auf die schlechte Wirtschaftslage infolge der Nachkriegsdepression und auf die fast untragbare Steuerlast zunickzuführen, die gewisse Teile der Mittelklasse ungewöhnlich hart getroffen hat. Haß und Neid, die auf diesem Boden der Unzufriedenheit gedeihen, suchen nach irgend einer Entladung. Bei vielen nimmt diese Entladung die Form des Radikalismus und Antisemitis- Herr Ernst Wallach, stellvertretender Vorsitzender des Ce.ntralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und Mitglied des Kuratoriums der Akademie für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, weilte in diesen Tagen in den Vereinigten Staaten und war hier' Gegenstand ehrender Aufmerksamkeit seitens der jüdischen Kreise. Das New Yorker „Jewish Daily Bulletin" und andere jüdische Zeitungen Amerikas geben ein Interview wieder, welches Herr Wallach dem Vertreter der New Yorker Jüdischen Telegraphen-Agentur gewährt hat. Da die Führer des Antisemitismus in Deutschland immer das Internationale ihrer Bewegung betonen und auf verschiedenen internationalen Kongressen Richtlinien für ihre Tätigkeit in der ganzen Welt festgelegt haben, hält es Herr Wallach für seine Pflicht, einmal der amerikanischen Judenhcit über die Methoden der Agitation und das Anwachsen der antisemitischen Bewegung in Deutschland einen Ueberblick zu geben. Herr Ernst Wallach führte u. a. aus, daß der Antisemitismus und der überlützte Nationalismus Auswüchse der Unzufriedenheit sind: Eine Folge der Wirtschaftsdepression der Nachkriegszeit Solange diese Depression andauert, müsse mit diesen Erscheinungen als mit einem wachsenden Faktor im politischen und sozialen Leben Deutschlands gerechnet werden. Die Erfolge der nationalsozialistischen Arbeiterpartei dürfen nicht länger übersehen werden. 1920 verfügte die Partei Hitlers nur über eine Ortsgruppe von 64 Mitgliedern, 1928 schon bestanden 1200 Ortsgruppen mit mehr als 100.000 Mitgliedern. Bei der Reichstagswahl erhielt die Hitler-Partei fast 800.000 Stimmen, bei den jüngsten Stadtratswahlen in Preußen konnte sie mehr als 500.000 Stimmen auf ihre Listen vereinigen. 1928 hielt die nationalsozialistische Arbeiterpartei 20.000 Versammlungen ab, in denen 300 Redner auftraten. Allein im Oktober 1929 wurden mehr als 2000 Versammlungen abgehalten. Das Organ dieser Partei, der „Völkische Beobachter", ist über ganz Deutschland verbreitet: die Nationalsozialisten verfügen über fünf weitere Tageszeitungen, sieben Wochenschriften, mehrere andere periodische Schriften und ein illustriertes 'Blatt. Ihre Bücher und Broschüren wurden in mehr als 400.000 Exemplaren verbreitet Auch auf die auswärtige Politik versuchen die Nationalsozialisten Einfluß zu gewinnen; in der Opposition gegen den Young-Plan haben sie unter den Rechtsparteien die Führung inne. Auf die nationalsozialistische Propaganda ist zu einem guten Teil die Entweihung von 76 jüdischen Friedhöfen in Deutschland im Verlauf der letzten Jahre zurückzuführen. Daß die Ideen der Völkischen und Nationalsozialisten einen so aufnahmefähigen Boden im deutschen mus an. Herr Ernst Wallach kam im Verlauf des Interviews auch auf die Tätigkeit des Centrai-Vereins zu sprechen, der mit den Mitteln der Aufklärung dem Antisemitismus erfolgreich entgegenwirkt und darüber wacht, daß die Ehre des Judentums und die jüdische Religion nicht ungestraft beleidigt werden. Dabei wies Herr Wallach auf den eben zu Ende gegangenen Nürnberger Talmud-Prozeß hin, der mit empfindlichen Strafen für die verleumderischen nationalsozialistischen Redakteure geendet hat. Der Centrai- Verein besitzt in Deutschland mehr als 3500 Ortsgruppen mit insgesamt über 60.000 Mitgliedern. Mit Flugschriften. Affichen und periodischen Schriften wird dem Antisemitismus entgegengetreten, besonders in Wahlzeiten wird intensive Arbeit geleistet. 100.000 Exemplare der „C.-V.-Zeitung" werden in Deutschland verbreitet Die Anstrengungen des Centrai-Vereines sind nicht nur darauf gerichtet, Angriffe auf Juden zurückzuweisen, sondern es gilt auch, durch eine breit angelegte und wirkungsvolle Propaganda der Aufklärung den deutschen Volkskörper von dem Gifte des Judenhasses zu befreien. Die Erfolge dieser Arbeit zeigen, schloß Herr Ernst Wallach, daß unsere Möglichkeiten in der Zurückdämmung der Flut des Judenhasses noch lange nicht erschöpft sind. Es ist unser sehnlichster Wunsch, unter den Massen der Deutschen jene Ideen von Volk und Staat, von Vaterland und Religion verbreitet zu sehen, die von den größten liberalen Männern und Menschenfreunden aller Nationen zu allen Zeiten gelehrt wurden. Um so mehr ist es zu bedauern, daß unsere finanziellen Hilfsquellen begrenzt sind. Da bekanntlich der Antisemitismus überall in der Welt sich sein geistiges Rüstzeujr-aus Deutschland' holt, und" da, wie schon eingangs erwähnt die Antisemiteri international zusammengeschlossen sind, so ist es Pflicht auch der amerikanischen Judenhcit, die genau - so wie die deutsche und wie jede andere durch die Angriffe auf die jüdische Religion, auf die jüdische Moral in ihrer Gesamtheit beleidigt wird, den Kampf gegen die Verleumder des Judentums moralisch und tätig zu unterstützen; denn im letzten Grunde kämpfen wir für die Ehre des gesamten Judentums. Zum Nürnberger Talmudprozeß, Die „Bayerische RabbinerKonferenz" erläßt in der bayerischen Presse folgende „Erklärung", um zur Aufklärung der Bevölkerung über die im Nürnberger Talmudprozeß erörterten Fragen: „In einer Strafverhandlung beim Schwurgericht Nürnberg waren auch die jüdische Sittenlehre und das rabbinische Schrifttum Gegenstand der Erörterung. Zu diesen Fragen, mit denen Gericht und Sachverständiger sich in ernstester Weise befaßt haben, kann man auch von uns eine Erklärung erwarten; ist doch zur Feststellung der Lehren eines Religionsbekenntnisses vor allem nötig, daß sachkundige Vertreter dieses Bekenntnisses selbst zu Worte kommen. Als die berufsmäßigen Lehrer und Vertreter der jüdischen Lehre im Staate Bayern stellen wir deshalb folgendes fest: 1. Im Einklang mit den alten, unverbrüchlichen Grundsätzen des Judentums lehren unsere Rabbiner in den Gotteshäusern, unsere Lehrer in den Schulen stets Lauterkeit und Redlichkeit und unbedingte Wahrhaftigkeit in Handel und Wandel. „Dein Ja sei Ja, Dein Nein sei Nein" ist eine Forderung des Talmuds. Das Gebot der Nächstenliebe ist eine Grundsäule der jüdischen Lehre. Kein Rabbiner oder Lehrer unseres Bekenntnisses wird lehren oder erlauben, daß von diesen Grundsätzen abgewichen wird, mag es sich um Juden oder Nichtjuden handeln. Unsere Gebetbücher und 4. Daß man in unserem Jahrhundert sich noch gegen den Vorwurf des Ritualmordes wehren muß, ist ein trauriges Zeichen der Zeit. Es war das Judentum, das der Welt die zehn Gebote überbracht hat, mit dem machtvollen Worte: „Du sollst nicht töten!" Da das Vorgehen vom „Ritualmord" sich nicht aufrechthaltcn ließ, haben nach Presseberichten die Angeklagten beim Schwurgericht vorgebracht, daß es eine „geheime jüdische Sek te" geben soll, die dem „Blutmord" huldigt. Feierlich erklären wir, daß es eine solche Sekte nicht gibt, auch nie gegeben hat, und nicht geben kann. Sie stünde zu dem Geist und zu den Geboten des Judentums im stärksten Widerspruch. Es ist auch nie in der Geschichte des Judentums etwas von einer solchen Sekte bekannt geworden. Es gibt auch keine Stelle im gesamten jüdischen Schrifttum, die im Sinne eines Blutmordes zu deuten wäre; wer anderes sagt, fälscht. 5. Wir danken allen. Behörden und Personen, die in Erfüllung gesetzlicher und menschlicher Pflicht die Verbreiter beschimpfender Angriffe gegen unsere Religionsgesellschaft zur Rechenschaft gezogen haben. Unsere Glaubensgenossen aber möge dies in dem Vertrauen bestärken, daß i m Kampfe gegen Haß und Lüge immer noch Recht und Wahrheit sich durchsetzen werden." Lehrbücher stehen jedem zur Einsicht offen. Es ist jedem freigestellt, unserem Gottesdienst beizuwohnen. 2. Nach jüdischer Lehre ist der Eid unverbrüchlich heilig, ganz gleich wem gegenüber er geleistet wird. Meineid gilt als schwerste Sfinde. Wenn Talmudstellen — wie auch christliche Moraltheologen — sich mit den Fällen eines erzwungenen Eides befassen, so beziehen sich solche und ähnliche Erörterungen auf die rechtlosen Zustände' jener längst vergangenen Zeiten und kommen gerade nach talmudischer Lehre für die geordneten Rechtszustände der heutigen Zeit überhaupt nicht mehr in Betracht. Der Talmud selbst erklärt, daß das Recht des Staates verbindlich ist wie ein Religionsgesetz. 3. Das „K o 1 - n i d r e" am Vorabend des Versöhnungstages, das von Schwüren spricht, die im voraus für nichtig erklärt werden, bezieht sich nicht auf Eide, die einem anderen gegenüber geleistet werden, sondern nach seinem klaren Wortlaut nur auf Gelübde, die man persönlich a u f s i c h n i m m t (z. B. zur Kasteiung und Askese), und auch dabei nach der allgemeinen Auffassung der jüdischen Lehre nur auf unbedachte Gelübde solcher Art. Ein Unrecht, das einem anderen zugefügt wird, sühnt nach jüdischer Lehre der Versöhnungstag nur dann, wenn es von dem Betroffenen selbst verziehen wird. Glossen. Die an überraschenden Wendungen überreiche Geschichte der Sammlung Figdor beansprucht jetzt das intensivste Interesse der weitesten Kreise. Man diskutiert die sachlichen und die persönlichen Fragen, die in dieser Angelegenheit sich immer aufs neue aufdrängen, und während die einen schmerzlich über manche Verletzungen des Rechtsgefühls, wie über die Verringerung des österreichischen Kurtstbesitzes klagen, errechnen andere den materiellen Schaden, den der Staat und insbesonders Wien durch die Auktionen im Auslande erleiden würde. Bemerkenswert ist, daß man über die Schicksale, die die Sammlung Figdor nach dem Tode ihres Begründers erfahren, fast vergißt, daß der große Kunstfreund, beseelt von hochherzigen patriotischen Gefühlen, bei Lebzeiten seine Sammlung dem österreichischen Staate als Geschenk angeboten hatte. Die großartige Spende, an die nur einige geringfügige, vom menschlichen Standpunkte ebenso begreifliche, wie zu billigende Bedingungen des Dr. Figdor geknüpft waren, wurde — abgelehnt. Unter höflichen Vorwänden zwar, aber in Wahrheit aus durchsichtigen Gründen, die nicht mit dem Ursprung der Sammlung, aber einiges mit der Abstammung des Sammlers zu schaffen hatten. Der Wert der zum Verkaufe gelangenden Kunstschätze wird von Kunstgelehrten auf zirka 50 bis 60 Millionen Schilling geschätzt. Kenner unserer wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse meinen aber, daß dieser Betrag einen Pappenstiel bedeute gegenüber dem Schaden, den Oesterreich auf anderen Gebieten bisher durch die bei uns herrschenden antisemitischen Allüren erlitten hat. Dialog in der Schriftleitung eines Hakenkreuzlerblattes: Chef: Warum fehlen denn in dieser Nummer die Zitate aus dem Talmud und dem Schulchan Aruch? Was sollen denn unsere Leute von den Juden denken, wenn die Zitate plötzlich fehlen . . .! Redakteur: Ich dachte ... wenn die Juden mit der Klage kommen, daß diese Zitate nur erlogene, erfundene oder erfälschte sind'.'. .! Chef: Ja, was geht denn das uns an? Hat das bisher uns gehindert, die Sachen, die großartig wirken, zu bringen? Redakteur: Gewiß, gewiß, aber da; war doch neulich der Nürnberger Talmudprozeß... die Verurteilung der zwei »Schriftleiter; zu mehrmonatlichen Arreststrafen wegen ein