Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 2 (10.1.1930)
- Date
- 1930-01-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Ü1E WAHRHEIT Seite 3 deutsche Antisemit hat in seinem Blut noch immer die einstige Benachteiligung des historischen Deutschlands. Er ist unter den deutschen Typen der mit dem hartnäckigsten nationalen Gedächtnis. Sein Gedächtnis bildet in ihm einen „Minderwertigkeitskomplex". Er kann die Zeiten der nationalen Unterlegenheit nicht vergessen. Er braucht daher die Uebertonung des nationalen Wertes, mögen andere ihn längst als selbstverständlich empfinden. Unentbehrlich ist ihm der Haß, und unentbehrlich die Nähe des Gehaßten, ein sichtbarer, täglich erreichbarer Gefährte, an dem er sich ausläßt, mit dem er um die Palme streitet. Der Antisemitismus ist nicht nur die Ablenkung eigener innerer Nöte. Er ist auch der schwierige Vollzug einer Angleichung oder der bittere Verzicht auf sie. In der Vorstellung der Antisemiten ist der Jude der schlaueste und härteste der Lebenskämpfer. Jeden, der Erfolg hat, ist er zuerst geneigt, als Juden anzusprechen. Man fragt nicht lange, was der Antisemit am liebsten auch seinerseits wäre und in gelungenen Fällen wirklich wird. Er wird genau das, was er Es dürfte wohl sehr schwer sein, einen Juden mit einem Fünkchen jüdischen Gefühls im Herzen zu finden, dessen Herz bei der Nennung von Palästina, Jerusalem, Hebron, Galiläa usw. nicht höher schlüge und dem das Schicksal dieser Ortschaften in Verbindung mit den Juden vollkommen gleichgültig wäre, in dessen Seele dabei nicht eine Menge vager Vorstellungen mit religiöser, historischer oder poetischer Betonung auftauchen würden. Gleichwohl ist es unsere Pflicht, das Palästina-Problem mit nüchternen Augen, rein irdisch, sachlich, geschäftlich, um nicht zu sagen, materialistisch, zu betrachten. Hart im Räume stoßen sich die Dinge und das Leben, zumal das Leben von größeren Gemeinschaften besteht nicht aus Poesie und theologischen Meditationen und den Hunger der Massen kann man mit historischen Erinnerungen nicht stillen. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, ist Palästina ein Land wie andere Länder, von denen wir uns fragen, ob es. sich zur Besiedlung für auswanderungsbedürftige, in Europa überschüssige Juden eigne oder nicht. Und da sehen .wir, daß das jetzt waldlose, ausgedörrte, verödete. Laad mit Mühe und Not 750.000 Einwohner ernährt, während es im hohen Altertum als Land triefend von Milch und Honig galt und in historischer Zeit zusammen mit seinen Nachbarländern, die jetzt sein Schicksal teilen, mehrere Millionen ernährte. Nur einzelne Stellen haben ihre wunderbare üppige Fruchtbarkeit von ehedem bewahrt, wie zum Wahrzeichen, was menschlicher Fleiß und Erfindungsgabe auch heute noch aus dem Reste der Bodenfläche machen könnten. Wozu gibt es übrigens eine Agrikulturchemie, eine wunderbar hoch entwickelte Industrie- und Verkehrstechnik, von denen die Alten nicht einmal träumen konnten, wenn man nicht mit ihrer Hilfe aus einem Boden das Zehnfache von dem herauslocken sollte, was er in den ver- *) Mit dem Inhalte dieses Aufsatzes der Artikelreihe unseres geschätzten Mitarbeiters können wir uns am wenigsten einverstanden erklären, denn bei aller Notwendigkeit des Aufbaues bleiben seine Schwierigkeiten nach wie vor bestehen. Die Red. jungen Wolfsohn zum künstlerischen Ideal wurde und es seither immer geblieben ist. Das war die Art von Musik, die der einsame Grübler brauchte, um seines Wesen Tiefstes offenbaren zu können! Die Jahre 1892—1899 sahen Wolfsohn in Berlin, Leipzig — wo er musikwissenschaftlichen Studien oblag — Paris und Wien. Paris, wo er bei dem großen Koloristen und Anschlagskünstler Raoul Pugno studierte, um dann sozusagen die letzten Weihen bei Delabord zu empfangen, dem Künstler-Philosophen, dessen ideale, kristallreine Kunstanschauung für das ganze spätere Leben und Wirken Wolfsohns ausschlaggebend wurde. Nie spricht er von diesem seinem Lehrer anders, als mit dem Ausdruck tiefster Verehrung und Bewunderung. Jenes eine Pariser Jahr war für den jungen Künstler überaus wertvoll. An der russischen Universität hielten damals die bedeutendsten Männer Rußlands Vorlesungen, welchen er beiwohnte. Er kam viel mit der geistigen Welt der französischen Hauptstadt in Berührung und fand im Verkehr mit ihren interessantesten Persönlichkeiten, Künstlern jeder Richtung usw. reichste geistige und künstlerische Anregung. Ueber Berlin und Leipzig, wo jedoch das allzu I geschäftliche Treiben des Musikwesens ihn abstieß, kehrte er 1904 nach Warschau zurück, wo sich seinem künstlerischen Wirken alsbald ein weites Feld erschloß — bis 1905 die große russische Revolution losbrach und auch ihn mitriß in ihren wilden Wirbel — eine aufgeregte Epoche, die er, wie alles, was er je erfaßt, mit jedem Pulsschlag mitlebte. Dann kam die Reaktion, eine Zeit tiefer Apathie. Und um diese Zeit kam Wolfsohn nach Wien. Hier fühlte er sich zunächst sehr unglücklich, ein Einsamer in fremder, kalter, teilnahmsloser Umgebung. Schwere Jahre folgten, ein Ringen um die Palme, ein unermüdliches Vorwärtsstreben voll I rastloser, unbeugsamer Energie, die sich dennoch niemals bis zu „Ellenbogenkünsten" herabließ, niemals [sich unlauterer Mittel bedienen wollte, um rascher zu I siegen, ja selbst allgemein gebräuchliche, wie ' Rejüdisch nennt. Ihm entgeht freilich zumeist der Anteil des Juden an der gerade vorhandenen Geistigkeit, — und eben dies ist ein wichtiges Geheimnis der jüdischen Erfolge. Der Antisemit wäre konkurrenzfähiger, wenn er weniger Geringschätzung hätte für Werte, die nicht sogleich Geld ergeben. Er täte gut, seine Begier nach Macht auf die Ideen auszudehnen. Sie sind große Mächte. Wenn der Antisemit denken lernte, würde er erstens Zusammenhänge entdecken, die ihm noch fehlen, so die hier genannten. Wie erst, wenn er besser denken lernte als die Juden, die darin heute auch nicht Meister sind! Er würde sich selbst samt seinen Juden über die Landesgrenzen hinweg in eine umfassende, bei weitem wichtigere kulturelle Gesamtheit einreihen. Der Gedanke an seine Nation wäre ihm kein Grund zur Gereiztheit mehr, keine Qual mehr. Er wäre zugleich bescheidener und stärker. Er würde sich vor der Welt nicht mehr brüsten, mit dem Juden sich nicht mehr messen wollen. Er würde, um leben zu können, des Hasses nicht mehr bedürfen. Er wäre glücklicher. Er wäre daher kein Antisemit mehr. flossenen Jahrhunderten freiwillig jenen primitiven Menschen hergab? Palästina liegt überdies am Meere, und zwar so, daß es die Uebergangsbrücke zwischen dem ganzen Okzident — der transozeanische mitinbegriffen — und dem Orient bildet. Ueber Palästina führt der Weg zu den Erdölquellen Mesopotamiens, zu den Gärten Indiens und den unermeßlichen Bodenschätzen Ostasiens. Wer in der Geschichte des Welthandels einigermaßen Ausschau hält, wird inne, daß Palästina berufen ist, in den nächsten Jahrzehnten zum Umschlagplatz für den ganzen Warenverkehr zwischen Ost und West zu werden. Die Fassungskraft eines Landes ist nicht allein von der Ertragsfähigkeit seines Bodens, sondern noch mehr von seiner handelsgeographischen Lage abhängig (siehe England). Und über all dem hat Palästina den einzigartigen Vorzug, daß kein Jude seinen Namen hören kann, ohne daß sein Herz, wenigstens für einen Moment, selig erbebt Ich warne jeden Politiker und Volkswirt, auf diese Ideologie eine praktische Aktion aufzubauen, aber ich warne auch jeden Politiker und Volkswirt, diese Ideologie bei seiner praktischen Arbeit außer acht zu lassen. Solche Imponderabilien können zuweilen im Leben schwerer wiegen, als die derbsten Tatsachen und Interessen, besonders, wo es sich um Juden handelt, deren Seele, wie das Sprichwort sagt, nicht zu ergründen ist Gibt es einen besonnenen Menschen, der im Ernst glaubt, daß die heutige europäische und amerikanische Kulturmenschheit, die keinen Flecken auf der Erdoberfläche unausgenützt läßt, gerade Palästina und sein« Nachbarländer den arabischen Fellachen und Beduinen überlassen wird? Früher oder später werden alle kolonisierenden Völker Siedler hinsenden, am meisten werden die Deutschen hinkommen, die ja schon seit Jahrzehnten eine Reihe blühender landwirtschaftlicher Kolonien dort haben. Diese Deutschen werden dort die deutschen Interessen mitten unter den Repräsentanten anderer Völker vertreten. Was bedeuten denn die Pro¬ Palästina-Komitees; die in den meisten Staaten Europas, zunächst in Frankreich, gegründet worden sind? Meint klame usw., außer Acht ließ. — Jahre des Kampfes, der Qual, die das Haar des Ringenden vor der Zeit bleichten und auf seiner edlen Stirne den Schimmer stillen Martyriums zurückließen... Und dann kam Przybyszewski — und jener denkwürdige Abend, da der Name; Juliüsz Wolfsohn zum ersten Male die maßgebende Musikkritik Wiens in jähem Interesse aufhorchen ließ. Von da an begann Wolfsohns Aufstieg. Die Zahl seiner Bewunderer, seiner Schüler mehrte sich zusehends. Seine Wiener Konzerte begannen zu ersehnten Festen seiner Gemeinde zu werden. Konzertreisen nach Polen, der wahren Heimat seiner Seele, und Deutschland brachten ihm reiche Ehren ein; immer wieder wurde von der Kritik insbesondere seine ideale Wiedergabe der Werke Chopins gerühmt Heute ist Wolfsohn längst anerkannt und nimm/ seinen Rang unter den hervorragendsten Pianisten unserer Tage ein. Daß sein Name noch nicht internationalen Ruhm genießt, kommt wohl einzig und allein daher, daß Wolfsohn die Lehren seines Meisters Delabord allzu treu im Herzen bewahrt und nie darnach gestrebt hat, etwas anderes zu sein, als ein schlichter Diener der Kunst der Priester, der das Heiligste der Menschheit darreicht gläubig und ganz von seiner Mission erfüllt: die Gottheit zu verkünden, die da Kunst heißt Einen der allerkultiviertesten Europäer, der an der Borniertheit seiner Zeit zugrundegegangene Dichter Oskar Wilde sagt in dem wundervollen Vorwort zu seinem berühmten Roman:*) „Die Kunst zu offenbaren, den Künstler zu verbergen, — das ist das Ziel der Kunst" Ob Juliusz Wolfsohn dieses herrliche Wort je gelesen, — ich weiß es nicht Aber er ist — im Sinne dieses Wortes — einer der ganz Seltenen, ganz Lauteren, die den Namen „Künstler" voll verdienen. (Fortsetzung folgt) k *) „Das Bildnis des Dorian Gray." S.SCHEIM AKTIENGESELLSCHAFT l., Bauernmarkt Nr. 10-K-I4 m, nartahlllerstrafie Nr QO (Ecke ZJeglergatte) W TIPP1CH1 fORBÄNGE noBEisTorrE UNOlBlM DECKEN Groote Auswahl! Billigste Preiset man, daß Begeisterung für die Juden und ihr Messias- Ideal die Triebfeder dazu gewesen sind? Ach nein! Wo unter Englands Führung im Orient etwas los ist, sagten sich dessen Rivalen: Wir wollen auch mir dabei sein. Und man wird sich wundern, warum ausgerechnet die deutschen Juden nicht mit dabei sind. Wäre es nicht ihre vaterländische Aufgabe, hier deutsche Interessen zu vertreten? Aber das werden dort die polnischen Juden tun, die sich weder durch die gegnerische Propaganda, noch durch den Araberschreck abhalten lassen können, nach Palästina zu drängen und deren Anwesenheit daselbst nach dem Zeugnis der deutschen Konsularbehörden schon vor dem Kriege für den deutschen Handel nach dem Orient von hervorragender Wichtigkeit war. Und die polnischen Juden werden, sage ich, nach Palästina drängen, nicht dem eigenen Trieb gehorchend, sondern der Not in ihrer schroffsten und unbarmherzigsten Form. Die zirka drei Millionen Juden in Polen befinden sich wirtschaftlich in einer viel schlimmeren Lage als die Juden in Sowjetrußland, daß mit letzteren sich die ganze amerikanisch-jüdische Welt beschäftigt während man von den ersteren schweigt und warum das geschieht, bildet ein Kapitel für sich. Aber Tatsache ist, daß, wie ausgezeichnete Kenner festgestellt haben, den polnischen Juden nur geholfen werden kann, wenn ein großer Teil der Massen sich beruflich umschichtet und mindestens eine Million von ihnen aus dem Lande auswandert und auswärts eine neue Heimat sucht Aber wohin mit dieser überschüssigen Million polnischer Juden, da die Tore der Vereinigten Staaten unbarmherzig geschlossen sind? Man sucht bekanntlich für sie in aller Welt Auswanderungsländer: in Südafrika und Ozeanien, in Ostasien und Südamerika, auf Java oder den Sandwichinseln, auf Zypern oder Feuerland. Nach allen diesen Ländern dürfen die Juden gehen, sich dort ansiedeln und brauchen kein Gelübde abzulegen, daß sie dort keinen Judenstaat gründen oder ein Nationalheim aufrichten werden. Nur Palästina, das ihnen vor der Nase liegt, müssen sie als „tabu" betrachten. Noch unverständlicher ist es, wie denn die deutschen Juden dafür verantwortlich gemacht werden können, wenn die polnischen Juden in Palästina sich ein Nationalheim oder meinetwegen einen Nationalstaat errichten werden? Wäre es Deutschland lieber, wenn die polnischen Juden nach Deutschland drängten und trotz aller unfreundlichen Maßregeln und grober Beschimpfungen in einem allen deutschen Chauvinisten unerwünschten Maße durchsickerten? Irgendwo muß der Mensch doch leben und gegen volkswirtschaftliche Gesetze sich aufzulehnen, ist ebenso hoffnungslos, wie gegen die Naturgesetze zu revoltieren. (Ich habe diese Angelegenheit in der 4. Auflage meiner im Philo-Verlage 1924 herausgegebenen Schrift „Der gefährliche Wiederaufbau" genugsam erörtert.) Deutsche Juden sind unter den Palästina-Siedlern nur äußerst spärlich vi-rtreten und die wenigen befinden sich alle in Führerstellungen. Sie sind also nicht der wirtschaftlichen Not, sondern dem Drange nach edler, politischer, wissenschaftlicher oder sozialer Betätigung gefolgt für die sie in der Heimat kein Feld fanden. Ich kann es bei aller Anstrengung nicht verstehen, wieso diese deutschen Juden durch ihre Führertätigkeit in Palästina ihrem Vaterlande Schande oder Schaden verursachen und die Treue der Juden zum deutschen Volke in Verdacht bringen und deren Gleichberechtigung gefährden. Würde ein deutscher Jude irgendwo im entferntesten Erdteile kraft seiner Fähigkeiten und Charaktereigenschaften zu einer Führerstellung auf irgendeinem Gebiete gelangen, sämtliche Deutsche mosaischer Konfession würden nicht müde werden, sich mit ihm zu brüsten und sämtliche Deutsche christlicher Konfession würden ihn iür die germanische Rasse reklamieren. Nur in Palästina darf er das nicht, weil Herr Balfour eine Deklaration herausgegeben hat..... Schon im Jahre 1913 eiferte der deutsche Konsul in Jaffa die deutschen Fabrikanten und Exporteure an, die Handelsbeziehungen mit den polnischen Juden Palästinas auszubauen durch Anstellung hebräischer und jiddischer Korrespondenten, denn der Markt für deutsche Waren erweitere sich, je mehr polnische Juden in Palästina sich ansiedeln, die polnischen, überhaupt die Ostjuden, kaufen am liebsten in Deutschland ein, ihre Sprache, das Jiddische, erleichtert ihnen das Verständnis des Deutschen bedeutend und überdies bringen sie die seit Jahrhunderten eingepflanzte Vorliebe und Hochachtung für die deutsche Kultur und deutsches Wesen mit, die merkwürdigerweise der von Deutschland hauptsächlich ausgehende Antisemitismus der letzten Jahrzehnte nicht im geringsten abgeschwächt habe, und es stehe zu erwarten, daß in Zukunft Palästina der Stapelplatz europäischer Waren für den ganzen nahen Orient werden wird; es sei daher angezeigt die Handelsbeziehungen mit den polnischen Juden in Palästina immer enger auszugestalten . . . Die Notwendigkeit des Palästina-Aufbaues. Von Binjamin Segel*)