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Die Wahrheit · 1930-01-10 · Heft 2 (10.1.1930) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 2 (10.1.1930)
Date
1930-01-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE WAHR HEU Die Juden von Salonik. Im letzten Heft der sehr gut redigierten „Zeit schritt für Völkerpsychologie und Soziologie" (Verlag C. H. Hirschfeld, Leipzig) unterrichtet Dr. Julius Rud. Kaim (Athen) in ausgezeichneter und umfassender Weise über die derzeitige Lage der Saloniker Juden. Er bespricht zunächst eingehend ihre Geschichte, die mit der Auswanderung der spanischen Juden zur Zeit der Inquisitionsverfolgungen nach den damals türkischen Gebieten beginnt — die Saloniker Juden sind bekanntlich Spaniolen — und über die Balkankriege, nach denen Griechenland die Stadt in Besitz nahm, in die Neuzeit führt, in der der verlorene letzte Krieg Griechenlands gegen, die Türkei Mustafa Keniat Paschas und der Friedensvertrag von Lausanne ganz einschneidende Aenderungen in der Situation der Saloniker Juden auslöste. Denn dieser Vertrag brachte, wie der glänzend orientierte Autor zu tjenchten weiß, fast anderthalb. Millionen Griechen ans der Türkei nach Griechenland, was verschiedene mißliche Begleiterscheinungen zur Folge hatte: Konkurrenz zwischen den ansässigen spaniolischen und. den. eingewanderten Kleinhändlern, ebenso zwischen den Nichtkaufleuten (Seeleute. Bootsleute, ungelernte Arbeiter). Zurückdrängung des spaniolischen Handwerkertums zugunsten des griechischen, Abwanderung und Verschmelzung des Kapitals. Unzufriedenheit brotloser und armgewordener Spaniolen wegen ihrer Proletarisierung, die zu einer Erstarkung der kommunistischen Propaganda führte. Hier setzt nun Dr. Kaim mit einer sehr aktuellen Betrachtung ein, die auch für uns von großem Interesse ist denn sie zeigt die Gefährlichkeit der zionistischen Politik an einem Beispiele auf, das allen Juden zu denken geben sollte. Sei es nun, schreibt Dr. Kaim. daß die kommunistische Propaganda der Spaniolen die Führer der Immigranten erschreckte, sei es. daß man eine weitere Abwanderung hervorrufen wollte, um mehr Platz zu bekommen: es setzte eine Art antisemitischer Hetze in der Presse der Immigranten ein, die sich wirtschaftlich immerhin auswirkte, in ihrer Fundamentierung aber so schwach war, daß sie versandet wäre, wenn nicht die Spaniolen selbst ihre neue Nahrung zugeführt hätten. Es hatte sich nämlich, abgesehen von den genannten fünf Vorgängen, noch etwas sehr wichtiges entwicklt: die zionistische Idee fand von Woche zu Woche mehr Anhänger und diese Anhänger stellten dem Staate gegenüber die Forderung auf. als Minorität im Sinne der Genfer Bestimmungen gewertet zu werden. Gegen diese Forderung wandten sich die Nicht-Zionisten. Den Einwanderern aber, und anscheinend auch der Regierung, kam diese Forderung nicht unerwünscht;, man konnte jetzt beweisen, daß mindestens ein bedeutender Teil der Spaniolen sich nicht als „Griechen" fühlte. Wie man in so wenigen Jahren sich als Grieche fühlen gelernt haben sollte, blieb unerörtert Trotzdem wäre eine weitere wirtschaftliche und moralische Schwächung der alteingesessenen Spaniolen nicht erfolgt, wenn sie nicht selbst in ihrer einander bekämpfenden Presse sich gegenseitig dauernd angegriffen hätten. Denn in Griechenland kannte man nie einen Antisemitismus: es waren vermutlich schon vor der Zerstörung Jerusalems Juden in Griechenland und es ist sogar behauptet worden, daß Paulus schon vor Juden auf griechischem Boden gepredigt hätte. Mindestens aber waren nach der Zerstörung Juden nach Griechenland gekommen und beim Auszug aus Spanien waren etliche Familien in die heute als Alt-Griechenland bezeichneten Landesteile gewandert, in den Epirus auch, hatten sich dort niedergelassen und waren stets in Theorie und Praxis als gleichwertige Bürger behandelt worden: Unterrichtete Griechen behaupten heute, daß zum Beispiel die epirotischen Spaniolen sich nur in der Religion von ihrer Umgebung unterschieden, daß sie Feuilleton Juliusz Wolf söhn. Zu seinem 50. Geburtstag. Eine Studie. Von B. Lvovsky-Clement. L Der Künstler. Tiefstes Erleben, herrliche Offenbarung wurde mir sein Spiel, da ich es zum erstenmal vernahm. Chopin, der große Lyriker der Töne, der schwermütige Erbe uralten Leidens, scheint sich in Juliusz Wolfsohn wiederverkörpert zu haben. Da ist von keinem blendenden Klaviervirtuosen die Rede, der „brillant Chopin spielt" wie mancher andere, den ich vorher gehört hatte; dieser eine ist ein Priester, der heiligen Amtes waltet, er spielt nicht Chopin, er zelebriert ihn, ganz in seine eigene Andacht versunken, ganz an die unsterbliche Seele hingegeben ... Ich hatte Chopin seit Kindheitstagen geliebt, geahnt, — ich erlebte ihn zum erstenmal am 30. März 1909. Damals war es ein Vortrag Stanislaw Przybyszewski's, der mich in den Konzertsaal lockte. Ich hatte dieses allerfeinsten Psychologen geistvolle Abhandlung „Zur Psychologie des Individuums" gelesen und sehr tiefen Eindruck von ihr empfangen. Einen Teil dieser Abhandlung nun bildete das Programm jenes Wiener Vortrages, und zwar jener Teil, der Chopins Seelenleben als Mensch und als Künstler in ganz meisterhafter Weise analysiert und dadurch neue tiefe Einblicke in einzelne seiner Werke erschließt Nach beendetem Vortrage des berühmten polnischen Dichters, betrat ein in Wien bis dahin unbekannter junger Pianist das Podium, um jene Kompositionen Chopins, auf die sich Prybyszewskis Werk bezieht auf ein vollkommen reines Griechisch sprächen, obwohl auch sie, wie die Saloniker. im Hause sich meist des Judeo-Spanischen bedienten. Man kann also den Griechen gewiß nicht vorwerfen, daß sie antisemitische Einstellung gehabt oder gepflegt hätten; man muß ihnen im Gegenteil lassen, daß sie ihre demokratische Staatsideale auch hier nicht verletzt haben. Daß sich in Salonik die Sache anders entwickelte, dürfte daher seinen Grund in folgenden Vorgängen haben: Die zionistischen Blätter wiesen immer wieder auf die Minoritätsfrage, auf das Vorhandensein der jüdischen Nation hin und verlangten dementsprechend eigene Schulen oder Gemeinderechte.' Der simple — oder verhetzte — Geist der Einwanderer erhob dagegen den (nicht stichhaltigen.. aus der Situation aber begreiflichen) Vorwurf, es sollte doch, wer sich nipht als Grieche fühle, das Land verlassen oder solle wenigstens dafür sorgen, daß seine Kinder es könnten. Nun läßt sich nicht leugnen, daß man ihnen geantwortet hat die Spaniolen hätten in dieser1 umstrittenen Ecke des Aegäischen Meeres schon gewirkt, als an sie, die Einwanderer, noch gar nicht zu denken gewesen sei, so daß nicht der Spaniole, sondern der Anatoiische Grieche der Neuling, und Eindringling sei. Es ist ferner nicht zu leugnen, daß man von zionistischer Seite bisher nichts getan hat, um die Jugend im Sinne des zionistischen. Aufbauwerkes zu erziehen: keine einzige landwirtschaftliche Schule, keine ähnliche Anstalt wurde geschaffen und von der schulentlassenen Jugend haben sich (soweit, es feststellbar ist) im ganzen, zwei der Landwirtschaft zugewandt, die übliche Zahl studierte Medizin und Jus, eine verschwindend geringe Zahl wandte sich der Technik zu; alles andere versucht, sich auf kaufmännischen Gebieten durchzuschlagen oder — nach Amerika zu kommen. Da auch in der nichtzionistischen Presse' auf diese Sachverhalte hingewiesen wurde, da ferner bei den Parlamentswahlen die zionistischen Abgeordneten (die nunmehr allein als Vertreter der spaniolischen Minorität auftraten) sich erst schroff gegen, dann begeistert für den Sieger Venizelos einsetzten, wurde ihnen der Vorwurf politischer Unsauberkeit gemacht gegen den sie keine stichhaltigen Gründe ins Feld führen konnten. Inzwischen war die spaniolische Abwanderung weiter vorgeschritten und die Stadt zählt heute noch an die 40.000 Juden. Diese 40.000 beschäftigten in Salonik allein eine Presse von 12 Blättern (darunter drei in französischer Sprache), unter denen die zionistischen weitaus überwiegen. Außer den französischen sind diese Blätter alle in Judeo-Spanisch geschrieben (gedruckt in hebräischen Lettern), woraus der weitere griechische Vorwurf abgeleitet wurde, es sollte, wer sich als Grieche fühlte, griechisch sprechen, wer sich als Jude fühle, die Sprache sprechen, die das zionistische Werk bedinge, nämlich hebräisch; sich aber an eine Sprache zu klammern, mit der man angeblich weder völkisch, noch national, noch kulturell etwas zu tun habe, sei nicht nur lächerlich, sondern zeige, daß man nicht wisse, was man eigentlich wolle. Auf diesem Standpunkt steht heute äußerlich etwa der Kampf, der indessen gegenüber den letzten Jahren an Intensität und politischer Wichtigkeit schon sehr viel verloren hat Wichtiger als er, der sich immer wieder um dieselben Fragen dreht ist die unbestreitbare Tatsache des kulturellen Niederganges dieser einst so hoch stehenden Kolonie mittelalterlichen Ursprungs; seit Jahr und Tag haben die Spaniolen Saloniks (und Konstantinopels) keinen einzigen geistigen Führen hervorgebracht; keinen Dichter, Philosophen, Musiker, Maler. Auch keinen einzigen Forscher, keinen Gelehrten von Ruf. Sie haben die Entwicklung der Bühne nicht mitgemacht und nicht die der Volksbildung. Kurzum, sie haben jeden kulturellen Wert aufgegeben und sind in das geistige Fahrwasser des flachen Levantinertums gelangt das einen französischen Kulturgeist vortäuscht, dem Klavier zum Vortrag zu bringen. Das war Juliusz Wolfsohn. Schon nach dem ersten Stück, einem Präludium, saß ich gebannt, bezaubert, restlos hingerissen da . . . Ja. — das war Chopin,--das war sein berückender Anschlag, seine süße, schmerzlich durchzitterte Kantilene, — seine elementar durchbrechende Dämonie — das war seine kranke Seele, sein blutendes Menschenherz, seine unheilbare Sehnsucht, sein düsteres Todesahnen, was da unter zwei überzarten Künstlerhänden emporsang — schluchzte — schrie! — Ich hatte damals schon die bedeutendsten Klaviergrößen unserer Zeit fast alle gehört, hatte Chopin von ihnen spielen gehört, in verschiedenartigen Auffassungen, — und erlebte ihn doch an diesem Abend zum erstenmal, fühlte, wußte, nur so kann, darf, soll Chopin gespielt werden, — hier ist endlich der Interpret gefunden, der ihn ganz in sich aufgenommen, ganz erlebt, ganz erlitten hat. Nie vordem hatte mich die Gewalt der (leider so selten gehörten) Fis-moll-Polonaise (op. 44) derart gepackt, ja erschüttert — nie vordem hat das unvergleichliche H-moll-Scberzo (op. 20) so alle Zauber einer verklärten Mondnacht vor mir erstehen lassen! Seit jenem Abend habe ich den Weg des Künstlers Wolfsohn nicht wieder aus den Augen gelassen. Und bald sah ich ihm zu meiner freudigen Genugtuung in die großen Konzertsäle Wiens einziehen, wo er nun längst als einer der Besten geschätzt und besonders als Chopin - Spieler gerühmt und gefeiert wird von allen, die Chopin — gleich mir — mit der Seele erfaßt haben und nur so sollte, müßte er eigentlich aufgefaßt werden. Schwer und dornenvoll war der Weg, den Julius Wolfsohn zurückgelegt hatte, ehe er in jenem intimen Vortragssaale in Wien gelandet war, von welchem aus seine künstlerische Laufbahn einen raschen und glanzvollen Aufstieg nahm. 1888 — im Alter von 8 Jahren — begann er seine ersten musikalischen Studien; zuerst privat dann am hinter dem von französischer Kultur fast nichts zn finden ist Gingen aus den Reihen der westwärts gewanderten spanischen Juden so gewaltige Geister wie Spinoza hervor, Komponisten ferner und Dichter, so waren die nach Osten gewanderten immerhin lange Zeit hindurch Lehrmeister ihrer Umgebung; heute ist ihr Bildungswille, ihr Kultnrwille kaum den griechischen, auch nicht dem türkischen zu. vergleichen; sie haben ihre geistige Stellung verloren. " Dazu nun auch die wirtschaftliche Führerstellung ebenso wie das soziale Uebergewicht Damit nicht genug, reibt sich die Kolonie in gegensetigem Kampfe auf, weiß nicht, was sie politisch erreichen, was sie -aufgeben soll, und ficht für eine Idee, deren Grundsätze und Voraussetzungen sie nicht verfolgt; denn solange der Zionismus der Saloniker Spaniolen sich lediglich in Sammlungen und Worten, nicht aber in der Heranbildung neuer, wirklich neuer Geschlechter auswirkt, kann auch das zionistische Ideal den kulturellen Niedergang nicht, aufhalten. Der Antisemitismus und seine Heilung. Es beginnt zu dämmern. Die hervorragendsten Männer unserer Zeit — Coudenhove-Kaler.gi. Lloyd George u. a. — wenden sich mit mutiger Entschiedenheit gegen die Kulturschande des Antisemitismus. Zu ihnen gesellt sich nun Heinrich Mann, der in seinem jüngsten Werke. ..Sieben Jahre". folgendes interessante Essay über den Judenhaß schreibt: Die selbstbewußten Völker unseres Kulturkreises sind am wenigsten antisemitisch. Der Antisemitismus beginnt dort, wo man an Erfolge nicht lange genug gewöhnt ist und die eigene Stellung in der Welt noch als Problem empfindet. Er artet aus, wo ein Volk geknechtet ist. Er erhält sich in mehr oder weniger bösartiger Form nach nationalen oder politischen Befreiungen, die zwar im Äeußeren vollzogen, aber innerlich noch nicht erworben sind. Der deutsche Antisemit oder vielmehr der „national" genannte Menschentyp, der die meisten Antisemiten stellt, war Franzosenfresser, bis der Zwischenfall eines deutschen Sieges über Frankreich in dieser Hinsicht erleichterte. Er verlegte sich auf den Haß Englands, bis der Weltkrieg ihm die Wohltat erwies, ganz Europa, auch England, im Werf herabzusetzen. Sieger, denen selbst nicht allzu wohl ist, zehren immerhin weniger an seinem ungefestigten Selbstbewußtsein, als vor der Niederlage. Die Qual dagegen, die sein Judenhaß ihm bereitet, kann der deutsche Antisemit durch gewalttätige Ereignisse nicht los werden. Das wäre Selbstzerstörung, denn er hat mit seinen Juden alles gemein, das Land, die Wirtschaft, die Art zu denken und zu leben, seine Haltung vor Fremden, vor den Aufgaben der Welt, und sogar die Güte seines Selbstbewußtseins. Man hält die jüdische Selbstironie für den Rest einer gedrückten Daseinsform. Auch der Moskauer Konservatorium. Später mußte die Familie Wolfsohn, infolge der Judenausweisungen, Moskau in Eile verlassen und zog nach Warschau zurück, wo sie, aus geregelten materiellen Verhältnissen kommend, in äußerst bedrängte Lage geriet, so daß schließlich der kleine Juliusz, kaum 14 Jahre alt schon Klavierstunden zu geben anfing, um zur Erhaltung der Seinen beizutragen. Dabei studierte er aber fleißig weiter und in diese Zeit fällt auch bereits sein erstes öffentliches Auftreten. Sein erster Lehrer in Warschau. Michalowsky. war ein bedeutender Chopin-Interpret, und er wird es wohl gewesen sein, der in die Seele seines jugendlichen Schülers die große Liebe und das Verständnis für diesen einzigartigen Dichter des Klaviers gepflanzt hat Daß Michalowsky nicht so berühmt geworden ist als er es verdient hätte, dürfte wohl nur auf seine allzugroße Bescheidenheit zurückzuführen sein — eine Eigenschaft die er gleichfalls auf seinen Schüler übertragen zu haben scheint Unter der Führung dieses vortrefflichen Künstlers wurde der junge Wolfsohn zum Stolz des Warschauer Konservatoriums und erntete schon damals bei Schülerproduktionen reichen Beifall von Publikum und Presse. Als er — 3 Jahre später — den Vater verlor, fiel die Last der Sorge um Mutter und Schwester mit voller Schwere auf die Schultern des erst Siebzehnjährigen.. Im Schatten dieser düsteren Jahren siechte seine erste Jugend dahin. Allzufrüher Kampf ums Dasein, Kummer aller Art, angestrengtes Studium, konzentrierte Geistestätigkeit zeitigten unvermeidlich eine Frühreife des Gefühlslebens, welche, mit einem Hang zur Einsamkeit verbunden, der tiefstes In-sich-Versenken begünstigt, die Empfindsamkeit und Empfänglichkeit dieser Künstlerseele bis auf das höchste Maß steigerte — und sie gerade dadurch mit einer andern, ihr so sehr verwandten Seele in innigste Fühlung brachte, einer Seele, deren unergründliche Schwermut und traumhafte Poesie sich ihr restlos erschloß: mit der Seele Chopins, der dem

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