Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 1 (3.1.1930)
- Date
- 1930-01-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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ÖlE WAHRHEIT Seite 5 längst als erstunkene und verlogen e Falsifikate entlarvt wurden, ihre Anhänger gegen die Juden ungestört aufhetzen darf? Rabbiner Wise hat diesen Stumpfsinn nie geschrieben. Nehmen wir aber einen Augenblick an, die Geschichte wäre ebenso wahr, als sie erlogen ist. es hätte also wirklich ein für das Zuchthaus oder Irrenhaus reifer Mensch im Jahre 1880 eine solche Ungeheuerlichkeit geschrieben. Bliebe es nicht immer die gleiche niederträchtige Schurkerei, daran die Bemerkung zu knüpfen, die der „Eiserne Besen" seinen Lesern zur gefälligen Beachtung unterbreitet: „So denkt der Jude über unser Weihnachtstest. Cr, der vor zwei Jahrtausenden unseren Herrn ans Kreuz schlug, entblödet sich nicht usw. usw." .letzt ist es also nicht mehr der erfundene, erdichtete Jude aus dem Jahre 1880 allein, dem die blutrünstige Hetze gilt. Nein: So denkt der Jude auch 1929 und überhaupt über das Weihnachtsfest der Christen! Trotz aller Erfahrungen drängt sich da doch die Frage auf: Und wie denkt der Staatsanwalt über den „Eisernen Besen" im Jahre 1930? Die Juden in Jugoslawien, deren patriotische Wirksamkeit von der Regierung gewürdigt wird, dürfen sich mit freudiger Genugtuung sagen, daß auch die letzten Merkmale, die "gegen ihre volle Gleichberechtigung mit allen Bürgern des Staates sprachen, gefallen sind. Nun werden auch die Funktionäre der jüdischen Gemeinden, die Rabbiner, Lehrer usw. gleich wie die der anderen Konfessionen vom Staate bezahlt werden. Es scheint, dal.» man in Oesterreich doch nicht immer nur mit einem gewissen geringschätzigen Tone von der drohenden — B a 1 k a n i s i e r u n g des Staates wird sprechen dürfen. Nun wird Heinrich Heine doch sein Denkmal in seiner Heimatstadt Düsseldorf bekommen. Die hervorragendsten Männer des deutschen Schrifttums haben den Aufruf zur Errichtung dieses Monumentes unterschrieben. Heinrich Mann durfte wahrhaftig in ihrem Namen es aussprechen, daß Heine zwar keines steinernen Denkmales bedarf, denn er habe seine Werke hinterlassen, „aber sein Denkmal, wir wissen es und wollen darnach handeln, ist unsere noch ungetilgte Schuld gegenüber der Welt, der Dichtkunst und der Zukunft". Man zeigt aber nebenbei durch die Aufrichtung dieses Monumentes, daß das Volk der Dichter und Denker die Schmach tilgen möchte, die dem deutschen Namen durch das Umstürzen so vieler Steine auf jüdischen Friedhöfen zugefügt wurde. Die Engländer halten sehr viel aui Logik. Und da ist es sehr begreiflich, daß man jetzt in englischen Blättern, bei Erörterungen über den Antisemitismus, einem an anderer Stelle dieses Blattes wiedergegebenen Zitate aus den „Erinnerungen" Lloyd Georges begegnet, das wirklich in wenigen Worten die treffendste Widerlegung und Verhöhnung des Antisemitismus bietet. „Wie gänzlich vernunftlos der Antisemitismus ist," meint Lloyd George u. a„ „kann man schon aus der einen Tatsache allein schließen, dal! er gerade auf die Nationen beschränkt ist, welche die jüdischen Propheten und Apostel verehren, die die Nattonalliteratur der Hebräer als die einzige von der Gottheit der Menschheit überlieferte Botschaft betrachten und deren einzige Hoffnung auf Erlösung auf den Verheißungen der großen Lehrer Israels beruht''. Lloyd Georges Beweis, daß Antisemitismus weder mit Vernunft, noch mit Christentum etwas gemein hat, ist unwiderleglich. Aber was ficht das den Antisemitismus au? Er gedeiht auch so. Ego. Wer ist Judah L. Magnes? Von S. B e 11 e I h e i m. Die Eröffnungsrede des Kanzlers der Hebräischen Universität, Dr. Judah Leon Magnes, hat, wie wir bereits berichtet haben, in zionistischen Kreisen eine .Veitige Bewegung ausgelöst. Wer ist Dr. Judah Leon Magnes, der plötzlich im Mittelpunkte des Kampfes für und gegen den Versöhuungsfrieden steht? Magnes ist im Jahre 1877 in San Franzisko geboren. Er steht also im 53. Jahre seines Lebens, hat die Arbeit und Erfahrung eines Achtzigjährigen hinter sich und besitzt die Spannkraft und das Aussehen eines Dreißigjährigen. Er hat das berühmte Rabbinerseminar in Cincinnati absolviert, besuchte aber auch die dortige Universität und vervollständigte seine Studien in Heidelberg. Der junge, begeisterte Rabbiner, eine merkwürdige Mischung von schwärmerischem Idealismus und praktischer Tatkraft, machte brillante Karriere. Im Alter von 29 Jahren war er bereits on the top. Er wurde Rabbiner der reichsten jüdischen Gemeinde der Welt im Temple Emanuel in der Fifth Avenue in New York (1906). Dem Zionismus ist er vom Beginne her von ganzem Herzen ergeben. Wir lernen ihn am 7. Kongreß in Basel anno 1905 kennen, wo er die Reden Zangwills, dieses treuen Dieners seines untreuen Volkes auf deutsch wiedergibt. Er erobert sich da alle Herzen im Sturme. Er wird Sekretär der zionistischen Föderation in Amerika. Da ging eine seltsame Sensationsnachricht durch die jüdische Weltpresse. Dr. Judah L. Magnes erklärt in einer Predigt in seiner Synagoge, er sei zur Erkenntnis gelangt, daß die Reformbewegung im Judentum ein Irrtum sei. Er ziehe daraus die strengsten Konsequenzen und lege seine Stelle nieder! Da wußten wir alle, daß Judah Leon Magnes ein Name sei. den man sich merken müsse. Er wirkte eine kurze Zeit in einer konservativen Gemeinde, aber seine Tatkratt lebt sich in der mannigfaltigsten Tätigkeit in der jüdischen Millionenmasse New Yorks aus. Im Jahre 1908 heiratet er die Schwester der Frau Louis Marshall, dessen Eintnß seiner Tatkraft die reichsten Möglichkeiten erschloß. Er wird Mitbegründer des „American Jewish Committee" (1911) und ein Jahr später macht er sich an die Herkulesaufgabe, den ewig brodelnden Schmelztiegel der New Yorker Judenstadt in das Modell der einheitlichen „Kehilla" zu gießen. Mit dem ihm eigenen Mute legt er den Finger auf die Wunde des New Yorker Judentumes. Statt es, wie viele andere, feige zu verleugnen, weist er auf die Entartung der Masse, aui die steigende Kriminalität im Judenviertel hin und ruft daher alle zur Tahne der Kehilla. Im Verein mit Hermann Bernstein schafft er eine auf höherem literarischen und morali- .schen Niveau stehende jüdische Tagespresse. Er wird gleichzeitig der Liebling der Chassidim-Klausen. wie .3er Arbeiterorganisationen. Im täglichen Verkehr und in endlosen Verhandlungen mit allen nationalen, religiösen, sozialen Nuancen des New Yorker Judentumes lernt er alle Tiefen und Untiefen, alle Höhen und Isothermen des Judentums kennen. Er ist in allen Sätteln gereist, bietet den schlauesten Intriguen Schach, wie ein geriebener Politician, aber in seinem Innern glüht ein Ideal des reinsten Humanismus und der Stammesliebe, das er in das New Yorker Goschen tragen will. Es bricht die Katastrophe des Völkerkrieges über uns hinein: ein blutiger Sporn für die Tatkratt Magnes". Er wächst mit seinen Zwecken. Seine berückend schönen Reden helfen das Riesenhiliswerk des Joint zusammenschmieden und schlagen Geldquellen aus Felsen. Er bereist Europa und steigt in alle Schachte des jüdischen Kriegselends hinab. Zurückgekehrt, versammelt er die Spitzen des Judentums in Carnegie Hall, wo die 10-Mil- Honen-Dollar-Kampagne beschlossen wird. Ich habe dieser Versammlung, einer der eindrucksvollsten, beigewohnt, als 6000 Menschen in atemloser Spannung der Botschaft ihrer leidenden Brüder in Europa lauschten. Es liegt etwas Unnachahmliches in solchen Reden des Dr. Magnes. Es ist die Melodie einer noblen Seele. Ich lernte ihn damals näher kennen, denn ich hatte damals beigetragen, daß alle jüdischen Landmannschaiten einen einheitlichen Block gebildet haben, um Magnes zu unterstützen und'die kommende Jahresversammlung der Kehilla zu einem großen Erfolg zu gestalten. Unglücklicherweise wurde das kriegsscheue amerikanische Volk mit einer wilden Kriegspropaganda überrumpelt und mancher Pazitistentührer trat demonstrativ an die Seite der Kriegspartei. Damals war Magnes grandios! Er wart sich mit Macht gegen die Strömung und kämpfte mit Wort und Schrift gegen den Krieg. Ich bürte ihn wieder in seiner besten Stunde, als viele Tausende andächtig an seinem Munde hingen, aus welchem mit prophetischer Wucht leidenschaftliche Anklagen gegen die Kriegspartei hervorbrachen. Und an jenem verhängnisvollen Tage, wo der Kongreß über Krieg und Frieden zu entscheiden hatte, war Magnes an der Spitze einer Friedensdeputation beim Parlamente erschienen, donnerte mitten in der tobenden Masse von den Stufen des Kapitals gegen den Krieg und rang mit der Kriegsfurie den letzten Kampf an der Pforte des Parlamentes. Nochmals sah ich ihn aui der Höhe seines Wirkens, am 1. Mai 1917. die Jahresversammlung der Kehilla präsidierend: links und rechts von ihm Jacob H. Schiff, Louis Marshall, Gscar Strauß. Lehmann usw. Epochale politische Kundgebungen sollten diese Tagung historisch gestalten. Jacob H. Schiff erklärte, daß er der Kercnsky-Regierung jede finanzielle Stütze bereitstelle. England hatte die Grenze Palästinas überschritten, der Zionismus lohte mächtig auf, Schiff, Marshall. Strauß gelobten, die Palästinasache zu unterstützen. — Zum Schlüsse der großen Tagung, in feierlicher Neda- UFA-TON-KINO; «i«n H, Takftrttril« Tdaptaon R 42-3*41 Draolflllunaul Der erste lifa-Ton- und Sprechfilm der Erich Pommer-Produktion Melodie des Hera» Hauptdarsteller: Dffa Park» n« will« rrttsdi Beginn der Vorstellungen: 5, 7 und 9 Uhr An Sonn- und Feiertagen ab 4 Uhr Stimmung, richtete Magnes im Namen der Versammlung an mich herzliche Worte der Anerkennung für ineine Mitarbeit und bat mich, ein Abscliiedswort zu sprechen. Das war eine noble Geste ä la Magnes. denn ich galt ja damals schon als feindlicher Ausländer. Unter rauschendem Beifall sprach Magnes mutige Worte der Menschenliebe: „Sagen Sie unseren unglücklichen Brüdern, daß der Krieg nicht die Bande der Menschenliebe zerschneiden kann, wir hoffen, daß bald wieder die Zeit da sein wird, wo wir vereint an dem Werke der Menschenverbriiderung arbeiten werden." Das ist Magnes! Und wieder einmal klangen Magnes'sche Worte durch die Weltpresse. Wilsons Rolle in Paris war eine bittere Enttäuschung für die leidende Menschheit In Amerika selbst schwoll der Irrsinn des Bruderhasses Der Friedensheros Magnes schwieg da nicht. Mit achtungsvollem Staunen hörte man ihn kühne Worte der Anklage gegen Wilson, wegen der Nichterfüllung der 14 Punkte, schleudern und deren Durchführung verlangen. Sein Platz war nicht mehr in dem damaligen lüüprozentigen Amerika. Es klang in ihm eine höhere Stimme! „Geh" weg von deinem Lande, deiner Geburtsstätte und deinem Vaterhause in das Land, das ich dir weise." Und nochmals hörte ich ihn. zurückgekehrt als Kanzler der Universität, in einem Massenmeeting in New York, die begeisterte Masse in atemloser Spannung haltend. Er sprach, wie Magnes spricht, von einer idealen Lehrstätte im Herzen der alten Welt, die im Geiste der Propheten, die an jener Stelle lehrten, den Geist der Menschenverbrüderung in die Wolken tragen werde. Was Judah Leon Magnes in der Eröifnungsrede gesagt hat. war die Idee, der sein Leben geweiht war. ist und sein wird. Profjuliusz Wolfsohn— 50 Jahre. Prof. Julius/. W o I i s o h n, der ausgezeichnete Künstler und hervorragende Mensch und Jude, feiert am 7. Jänner seinen 50. Geburtstag, ein Jubiläum, das seine zahlreichen Freunde und Anhänger in aller Welt sicher ireudig begrüßen werden, um dem großen Meister ihre unvergängliche Verehrung zu bekunden. Eine kurze Schilderung seines Lebens und Wirkens lehrt uns, welch begnadeter Künstler der Jubilar ist, aui den insbesondere wir Juden stolz blicken können, denn er hat auf dem Gebiete jüdischer Musik Gewaltiges geschaffen, das seinen Namen ehrt. Geboren am 7. Jänner 1H8U in Warschau, absolvierte Wolfsohn sein erstes Studium am Konservatorium der Philharmonischen Gesellschaft in Moskau, dann im Warschauer Konservatorium bei Miehalowski (Klavier) und Noskowski (Komposition). Später ging er nach Paris zu Raoul Pugno und nach Wien zu Leszetycki. Im Jahre 1906 übersiedelte er nach W i e n, das ihm zur zweiten Heimat wurde. Ausgedehnte Konzertreisen führten ihn vor und nach dem Kriege durch Rußland, Deutschland. Frankreich. Rumänien. Bulgarien. Tschechoslowakei etc. Im Jahre 1926 unternahm er eine außerordentlich erfolgreiche Konzertreise in Amerika. Als der berühmte polnische Dichter und Chopin- Forscher Stanislaus Przybyszewski im Jahre 1907 eingeladen wurde, in Wien einen Vortrag über Chopin zu halten, wählte er zum Illustrator seiner Ideen Juliusz VVolrsohn, mit dem er in freundschaftlichen Beziehungen stand und oft zusammen künstlerisch wirkte. Seit jenem Abend wurde Prof. Wolfsohn als Chopin-Interpret in Wien und später im Auslande bekannt und beliebt und seine Chopin-Abende werden vom Publikum und Presse stets in sehr lobender Weise aufgenommen. Als Komponist schlug Wolfsohn seine eigene Wege ein: vor einigen Jahren trat er als erster in Wien für die Erforschung und Förderung jüdischer Musik ein. Er schuf eine Reihe von Werken jüdischer Kuustmusik in Konzertiorm und begann in Wort und Schrift, in Vorträgen und Artikeln für die jüdische Kunstmusik zu kämpien. Seine Werke, „P a r a- Phrasen über altjüdische Volksweise n" etc., wurden in die U n i v e r s a 1 - E d i t i o n umgenommen, sind in vielen Auilagen erschienen und unzähligumale aufgeführt worden. Welcher jüdische Konzertbesucher kennt und liebt nicht sein „Af dem Pripitschek brennt