Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1930-01-03 · Heft 1 (3.1.1930) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 1 (3.1.1930)
Date
1930-01-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3064145-3064146--17725-3082680
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 4 TT DIE WAHRHEIT Palästina-Arbeit von Anbeginn quantitativ entsprechend vertreten, sie — aber nur sie allein — hätten die Fähigkeiten gehabt, die Zügel fest in die Hand zu nehmen und den Wagen auf den richtigen Weg zu lenken, der an dem Zusammenbruch vorbeigeführt hatte. Und auch jetzt, nach dem Zusammenbruch der Prestige- und Parade- Politik — denn nur diese aHein, nicht das Aufbauwerk ist zusammengebrochen — haben es die deutsche n Mitglieder der J e w i s h A g e n c y allein in der Hand, eine Abwendung von der bisherigen größenwahnsinnigen Justamcnt-Politik und ein Einlenken in die ge- . sunden Bahnen einer bescheidenen, aber fruchtbaren und friedlichen wirtschaftlichen Kolonisation einzuleiten, die nicht gegen den Willen des arabischen Volkes, aber im tiefsten Inneren auch nicht nach dem Geschmack des englischen Machthabers sein wird. Die deutscheu Mitglieder der Jewish Agency müssen sich erheben, die Initiative zu diesem Schritt ergreifen und ihren englischen und amerikanischen Kollegen aui ihre Seite hinüberziehen. Die Deutschen werden hierbei ihre Kollegen aus ganz Europa auf ihrer Seite haben. Denn die bisherige Paläsina-Politik, deren Ergebnis die tragischen Ereignisse gewesen sind und deren Fortführung den jetzigen Zustand zu verewigen droht, hat nirgends in der Welt Freunde und Anhänger. Die Deutschen brauchen nur die Fahne der Besonnenheit und des Friedens zu erheben und alle anderen — am letzten Ende auch die Engländer und Amerikaner — werden ihnen folgen. Damit aber die deutschen Mitglieder der Jewish Agency die Kraft und den Mut zu einem derartigen Auftreten haben und es erfolgreich durchführen können, ist es unumgänglich nötig, daß die ganze deutsche Judenhcit geschlossen hinter ihnen stehe. Die deutschen Juden müssen sich sagen: alle inneren prinzipiellen Streitigkeiten, Beweisführungen, Auseinandersetzungen stellen wir vorläufig zurück. Jetzt gilt es, die ungeheure Summe von Arbeit Gut. Hoffnung und Begeisterung, die in das Palästina-Werk versenkt wurden, vor dem Untergang zu retten. Der Streit führt zu nichts. Der Aufbau eines jüdischen Palästina ist eine wirtschaftliche und soziale Notwendigkeit (das soll in anderem Zusammenhang dargelegt werden), sie wird vor sich gelten, ob wir wollen oder nicht Wenn wir wollen und mittun, so können wir auf den Gang Einfluß nehmen, wenn wir im Schmollwinkel stehen, so wird die Entwicklung über unsere Köpfe hinweg vielleicht zu Zielen schreiten, die wir vergebens zu bekämpfen suchen werden, da es viel zu spät sein wird. ist es da für die deutseben Juden nicht höchste Zeit, die Streitaxt zu begraben? Juden und Araber in Palästina. Eine neue Arbeit von Dr. Alired Wiener. Soeben erscheint im Philo-Verlag (Berlin SW 68, Lindenstraße 13) als Broschüre (Preis 130 Mark) und gleichzeitig in der Zeitschrift „Der Morgen" eine neue Arbeit Alfred Wieners über Palästina unter dem Titel ..Juden und Araber in Palästina. Zur Erkenntnis der jüngsten Vorgänge". Dk- Arbeit gibt ruhig und sachlich eine Fülle von Material zum Verständnis der letzten Ereignisse. Sie behandelt zuerst die Klagemauer, und zwar „Die Bedeutung Jerusalems und des Tempelplatzes im Islam", untersucht den „Jüdischen Besitztitel", schildert ..Die Fanatiker auf beiden Seiten". Der Hauptteil der Arbeit stellt die Beziehungen zwischen Juden und Arabern dar. Wir heben daraus hervor: „Die Stellung zu den Arabern von Herzl bis Weizmann". „Die Revisionisten". „Die wesentlichen Schwierigkeiten der Verständigung". ..Die arabische Propaganda". ..Die Wirkungen auf die mohammedanische Welt". ..Von der Bedeutung neuarabischen Geistes". Als Probe der Art, wie der Verfasser die Arneit durchführt, geben wir folgendes Kapitel wieder: Von MacMahon bis Balfour. Wer die Gefühle der Araber gegenüber der europäischen, insbesondere der englischen Politik gerecht würdigen will, darf nicht vergessen, welche schweren Enttäuschungen ihnen in der Frage nationaler Regieruns bereitet worden sind. Darüber ist schon vieles geschrieben worden, so daß es sich hier nur um einen kurzen Ueberblick handeln kann"). Im Sommer 1915 verhandelte der englische Überkommissar in Aegypten, Sir MacMahon, mit dem Scherifen von Mekka, Hussein, über einen Anschluß an England, gerichtet gegen die Türkei, der Hussein bisher unterstand. Der Briefwechsel zwischen beiden ist nur teilweise bekannt. Wir besitzen aber die Kenntnis der Bedingungen, unter denen Hussein sich England anschloß2). Danach verpflichtet sich England „zur Bildung eines arabischen Reiches, das unabhängig sein soll In jeglichem Sinn des Wortes, Unabhängigkeit in seinen inneren und äußeren Verhältnissen. Die Grenzen dieses Reiches sollen sein im Osten vom Meer des Persischen Golfes an, im Westen das Rote Meer, die ägyptische Grenze und das Mittelmeer, im Norden die Nordgrenze des Wilajcts von Alcppo und von Mossul bis zum Euphrat, worauf die Grenze längs des Tigris bis zu seiner Einmündung in das Persische Meer geht, mit Ausschluß der Kolonie Aden, denn diese bleibt außerhalb dieser Grenzen". Die Engländer wollten aber später dieses Abkommen nicht so aufgefaßt wissen, wie der Scherif von Mekka es tat. Die Unabhängigkeit der Araber der Halbinsel haben sie zwar anerkannt, aber sie bestreiten, damit die Einsetzung arabischer Selbstverwaltung für Syrien, Palästina und Mesopotamien zugesagt zu haben. Von nationalarabischer Seite wurde besonders auf einen Brief MacMahons (vom 25. Oktober 1915) hingewiesen, in dem es hieß, daß das Gebiet „westlich von Damaskus" nicht in das Abkommen einbezogen sei. Demnach sei Palästina, so folgerte man. nicht vom Recht aui Selbstverwaltung auszuschließen, da es sich (im Gegensatz zur englischen Behauptung) in der Vereinbarung nicht um das Wilajet von Damaskus, zu dem Palästina unter türkischem Regime gehörte, handelte, sondern um das Gebiet westlich von Damaskus, also etwa den Libanonbezirk, dem Palästina nicht zugehöre3). Die englische Regierung erkannte aber diese überzeugende Interpretation nicht an. Wie aufrichtig sie handelte, geht daraus hervor, daß sie am 19. Februar 1916 mit Frankreich und Rußland einen Vertrag schloß, der England die Häfen von Haifa und Akko zuspricht. In Palästina soll ein „regime special" nach Verständigung zwischen den drei Mächten nach Kriegsende eingerichtet werden*). Und schon im Mai 1916 kam das erst seit Kriegsende bekannte, Hussein und Rußland aber unbekannte Sykes-Picot-Abkommen zwischen England und Frankreich zustande, das im Gegensatz zu den Hussein gemachten Zusagen „sowohl dem Sinn, als auch dem Wortlaut nach gegen, die arabische Unabhängigkeit verstieß"5). Für Palästina wurde in diesem Abkommen eine internationale Verwaltung vorgesehen. Damit aber nicht genug — am 2. November 1917 wurde den Zionisten die Balfour-Erklärung kundgetan. England hat also Hussein gegenüber, so verstand er es wenigstens, die Unabhängigkeit Palästinas, den Russen gegenüber dort ein regime special, den Franzosen gegenüber eine internationale Verwaltung und schließlich den Zionisten gegenüber eine nationale Heimstätte zugesichert. Alle Hochachtung vor diesen diplomatischen Schachzügen! „Wir haben eine arabische Revolte gegen die Türkei begünstigt indem wir versprachen, ein arabisches Königreich aus den arabischen Provinzen des türkischen Reiches zu schaffen — einschließlich Palästina. Gleichzeitig ermutigten wir die .luden, uns zu helfen, indem wir ihnen versprachen, daß wir ihnen Palästina zur Besiedlung und Selbstregierung zur Verfügung stellen würden. Und schließlich haben wir zur gleichen Zeit mit Frankreich den Sykes-Picot- Geheimvertrag geschlossen, der die Teilung desselben Territoriums vorsah, das unsere Generalgouverneur von Aegypten den Arabern versprechen sollte. Hier ist ein krasser Fall von Doppelzüngigkeit, und wir können uns die Vorwürfe über die Folgen nicht ersparen" — so lautet eine (frühere) Erklärung des gegenwärtigen englischen Ministerpräsidenten Ramsay MacDonald"). Welcher Grad der Verbitterung muß sich der arabischen Frcilieitsfreunde in Palästina und Syrien durch solche Behandlung von England bemächtigt haben! Und in den Zionisten sahen sie nichts als Englands Werkzeug, ein Mißtrauen, das durch die zionistische Politik, sich politisch allein auf England zu stützen und keinerlei planmäßige Verbindung mit der arabischen Bevölkerung zu suchen, gefährlich bestärkt wurde. *) Neueste, übersichtliche, gut durchgeführte Darstellung von Erich Topf: „Die Staatenbildungen in den arabischen Teilen der Türkei seit dem Weltkriege nach Entstehung, Bedeutung und Lebensfähigkeit," Hamburg 1929, S. 12 ff.. S. 55 ff. Viele Anmerkungen weisen einschlägige Literatur nach. — Mehr, als der Titel verspricht enthält die ebenfalls vor kurzem erschienene lesenswerte Arbeit Georg Schwarzenbergers: „Das Völkerbundsmandat für Palästina." Stuttgart 1929. Mit reichen Literaturangaben. Hierfür S. 19 ff. — Interessantes Material in „Congres Syrio-Palestinien, Appel adresse ä la 2me assemblec generale de la societe des nations". Geneve 1921. — Den arabischen Standpunkt umreißt scharf die soeben vom Jaffaer „Falastin" herausgegebene Broschüre: „The Balfour Declaration." An analysis. Jaffa 1929. 34 + 2 Seite«. nur Mensch zu sein, auch ich weiß schon aus eigener Erfahrung, was Antisemitismus heißt. Ich gehe in die dritte Volksschulklasse, wir sind vier Juden und zirka 25 Andersgläubige. In vielen Freiviertelstunden gibt es die sogenannten Pausenkriege, glatte Religionskriege. — Ich bemühe mich redlich, meine Kameraden davon abzubringen, da wir doch alle — ob Jud oder Christ — Menschen sind, Brüder sein sollten. Aber die Jungens lachen und schreien: „Haut's den Juden!" Bei uns ist es ja momentan noch Spaß, im Grunde trauriger Spaß, wenn ich denke, daß diese kleinen Jungens Männer wären, z. B. die Geschworenen im Halsmann-Prozeß, dann hätten auch sie für den Schuldspruch des armen Menschen gesprochen, im Unterbewußtsein von einer dunklen Macht getrieben, weil aui der Anklagebank ein Fremdling saß. Einer, der ihre Sitten und Gebräuche nicht kannte, und sie nicht liebte, ihnen fremd — durch ihr wundervolles Land. Wiesen und Wälder schritt, die Schönheit der Natur mit der Seele trinkend und darüber vergaß, sein „Bergfrei" den entgegenkommenden Touristen zuzurufen. Daß er mürrisch war, wurde immer wieder betont. Meine lieben Schwestern und Brüder, auch die Ihr jetzt Väter und Mütter seid, entsinnt Euch, wie bitter es war, wenn Ihr in der Schule 'mal ungerecht eine Rüge bekommt oder eine Stunde nachsitzen mußtet, und dann versuchet zu ermessen — ganz begreifen kann man es nicht — welche Qual im Herzen eines unschuldig Verurteilten wohnt, — der Philipp Halsmann ist. — der auf so grauenhafte Weise seinen Vater, den er liebte — verlor, den man jetzt noch Mutter und Schwester, deren Stütze er ist, raubt — den man zum Mörder stempelt. Neun Tage hungerte Philipp Halsmann, der schwache, kranke Mensch, der seinen Mitmenschen allen, die er kannte, immer nur Liebe gab, bestrebt war, Freude zu bereiten. Denket an ihn und helft ihm, denket daß auch Ihr Schwestern und Brüder, Töchter und Söhne habt, denen morgen ein gleiches Unrecht geschehen kann, helfet den Frieden herbeizaubern auf das Antlitz seiner unglücklichen Mutter, indem Ihr dem einzigen Sohne Gerechtigkeit widerfahren lasset! Nicht Ehrgeiz, in der Zeitung zu stehen, veranlaßt mich zu diesen Zeilen, sondern lieiste Unruhe, die mein ganzes Sein beherrscht, mich weder essen, noch schlafen läßt — unfähig macht, einen frohen Gedanken zu fassen, solange Philipp Halsmann in der Zelle schmachtet. Erich Fried, Schüler der 3. Klasse. Ruf eines Kindes an die Menschen. Den folgenden Aufsatz sendet uns die Mutter eines achtjährigen Knaben mit der Versicherung, daß ihr, wie nach dem Aufsatze zu schließen, äußerst talentierter Sohn diese Zeilen selbst geschrieben hat D. Red. Meine lieben Schwestern und Brüder, leider bin sind, über die Schuld Philipp Halsmanns zu Gericht zu denen zu erheben und gehört zu werden, die berufen sind, über die Schuld Philipp Halsmanns zu Gericht zu sitzen, über die Schuld, die er nicht begangen. Ich habe ungesehen von meinen Eltern alle Zeitungsberichte über den Halsmannprozeß gesammelt, gelesen und immer wieder gelesen, und bin in tiefster Seele zur festen Ueberzeugung gelangt daß hier grauenhaftes Unrecht einem Mitmenschen geschehen, einem jungen Mann, der vor ein paar Jahren ein Kind war wie ich — und seinen Vater so liebte, wie ich den meinen — und heute des Vatermordes beschuldigt wird; beschuldigt und verurteilt trotz mangelnder Beweise, verurteilt, weil er den Geschworenen nicht sympathisch war— weil er Jude ist. Auch ich bin als Jude geboren, bemühe mich immer. Glossen. =) „Die Welt des Islams." Herausgegeben von G. Kampffmeyer. Bd. VIII, S. 104. y 3) Churchill-Weißbuch: „Correspondence with the Palestine Arab Delegation and the Zionist Organisation". Cmd. 1700. London 1922. S. 26. *) Schwarzenberger. S. 20. °) Topf. S. 22. 6) Nach Schwarzenberger, S. 26 (aus Ramsay Mac Donald: „Palästina, Altes und Neues". S. 21): dazu dessen Anmerkung 37. Ein Wiener Publizist gibt dem Wunsche Ausdruck, alle, die von Halsmanns Schuldlosigkeit überzeugt sind, mögen dem Unglücklichen, der in einer dunklen Zelle unter der Wucht eines so grauenhaften Verdachtes schmachtet, durch eine teilnahmsvolle trostspendende Zeile Mut zusprechen. Ob dem Unglücklichen dadurch geholfen wäre? . . . Kaum. Vielleicht eher noch der österreichischen Post, deren Defizit durch die voraussichtlich massenhaft zuströmende Korrespondenz eine wesentliche Erleichterung erfahren würde. Aber es handelt sich docii in diesem Falle nicht um die Rettung der österreichischen Post, sondern um die österreichische — Justiz! Die vorwöchentliche Glosse, daß die hakenkreuzlerische Presse in holder Ahnungslosigkeit es ignorieren darf, daß in Oesterreich längst ein Preßgesetz besteht, das die Aufreizung gegen die Juden nicht als Spaß, sondern als ein ernstes Delikt betrachtet, fand ich nachdrücklich durch die Nummer des „Eisernen Besen" vom 13. Dezember bestätigt, in der mit fetten Lettern zu lesen ist: „In Cincinnati erschien eine jüdische Familienzeitschriit „Debora". Anläßlich des Weinuachtsfestes 1880 schrieb der Herausgeber Rabbiner Wise folgende, für jeden Christen tief erschütternden und empörenden Zeilen: Es ist ein Glück, daß der Gekreuzigte in die Welt gekommen ist Kehren wir die Ordnung der Dinge für den Augenblick um und sagen wir, daß die Juden die größten Profite des ganzen Jahres dem Sohne der Maria zu verdanken haben. Und manch schönes Mädchen wird glücklich gemacht, wenn der Geburtstag des Sanftmütigen und Demütigen anbricht, der unter Eseln und dergleichen geboren wurde. Es ist übrigens besser, den Christtag zu haben als die Pocken. Wenn sich die Jungfrau Doch halt, hier unterbreche ich das Zitat, denn es folgen noch einige Zeilen von solch blasphemischer Schamlosigkeit, daß ich fürchte, sie könnten, obgleich sie in Salzburg ungehemmt im „Eisernen Besen" das Licht erblicken durften, dafür in Wien, in der „Wahrheit" Anstoß erregen. Ist es aber nicht „erschütternd und empörend", daß das Hakenkreuzlerblatt vor Weihnachten mit der Auftischung solcher Weihnachtsgeschichten, die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.