Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 1 (3.1.1930)
- Date
- 1930-01-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seite 6 Die Entamerikanisiemng des Palästina-Aufbaues. Von Binjamin Segel*). Bevor ich den Freunden des Palästina-Aufbaues das Fehlerhafte ihrer Arbeits- und das Uebertriebene ihrer Kampfmethoden nachweise, möchte ich die Quintessenz meiner Ausführungen vorgreifend zusammenfassen. Es braucht nicht aufs Neue hervorgehoben zu werden, daß ,der Widerstand der aufgehetzten Araber gegen die jüdische Einwanderung, der sich im letzten August in einem so vehementen Ausbruch Luft gemacht hat, erst seit dem Moment anfing, als die Einwanderung — im stärksten Widerspruch zu dem Wesen jeder Einwanderung — unter der Führung des politischen, richtiger diplomatischen Zionismus einen politischen Charakter angenommen hat und mit kindlicher Naivität erklärt wurde, die Juden wandern in Palästina ein, um eine Mehrheit im Lande zu bilden und dort einen souveränen Staat zu gründen, in welchem allerdings auch den Arabern großmütig gestattet sein soll, zu leben. Da war es denn jenen Elementen, denen jede Veränderung im Lande und besonders die Einwanderung frischer tätiger Menschen ein Dorn im Auge ist, sehr leicht, der Masse der unaufgeklärten, leichtgläubigen Bevölkerung einzureden, daß das jüdische Großkapital von Europa und Amerika sich aufgemacht habe, um das brave arabische Volk in Palästina in Sklaverei zu nehmen, sich zu Herren des Bodens zu machen, den Islam abzuschaffen und ihm die Omar-Moschee wegzunehmen. Bevor der politische Zionismus überhandnahm, als die Juden nach Palästina als einfache Siedler kamen, Boden zu guten Preisen erwarben, arabische Arbeiter um gute Löhne beschäftigten, Gemüse, Obst und Milchprodukte zu guten Preisen kauften, Straßen bauten, Brunnen gruben, neue landwirtschaftliche Methoden einführten, an denen die wenigen gelehrigen Araber sich ein Muster nahmen und das Land hoben, so daß der Einzelne und die Masse davon nur Nutzen hatten, da waren die Araber sehr zufrieden, obwohl schon damals einzelne superkluge Literaten und Agitatoren die Massen gegen die „Fremden" aufzuhetzen versuchten. Natürlich betrachteten manche Araber die Einwanderer von jeher mit scheelen Augen. Auch die südamerikanische einheimische Bevölkerung murrt bisweilen im Stillen gegen die jüdischen Kolonisten des Baron Hirsch, nirgends sind Eingesessene mit den Ankömmlingen zufrieden, ja man kann häufig bemerken, daß frisch angekommene Kolonisten bei solchen, die fünf Jahre früher ansässig geworden sind, auf offenen oder versteckten Widerstand stoßen. All das beeinträchtigt ein Siedlungswerk nicht, wenn es auf gesunder Basis sich aufbaut. Von dieser und keiner anderen Art war das Verhalten der Araber jüdischen Siedlern gegenüber. Der heftige Widerstand gegen die jüdische Kolonisationsarbeit und der latente Haß gegen die Einwanderer datierten vom Auftreten Herzls und dem Ersten Baseler Kongreß, der als sein Programm den Judenstaat in Palästina auf Grund eines vom Sultan, dem verhaßten Fremdherrscher, zu gewährenden Charter proklamierte. Zu einer sehr scharfen Kundgebung kam diese Stimmung der Araber nach dem Wiener Zionisten- Kongreß von 1913 in der Resolution einer Jerusalemer Notabeln-Versammlung. England hätte nicht England sein müssen, wenn es nicht auf diese werdende Bewegung, die sich um Kolonialländer, Orient, Juden, Palästina usw. drehte, von Anbeginn ein wachsames Auge gehabt hätte. Wer möchte wissen, wozu das einmal gut sein konnte? So bot England den Zionisten als Terrain *) Siehe den Artikel „Zeit ist's, die Streitaxt zu begraben" in Nr. 51/1929 der „Wahrheit", dessen redaktionelle Vorbemerkung auch für diesen wie für die folgenden Aufsätze gilt. Die Red. eine unabsehbare Menschenmenge. Am Grabe auf dem Währinger Friedhofe hielten Rabbinats-Assessor Salomon Spitzer und Prediger Dr. J e 11 i n e k ergreifende Trauerreden. In einem das Wirken des Dahingeschiedenen würdigenden Nachruf in der „Neuzeit" bezeichnete Simon Szänto Horwitz als einen überaus idealen und heiligen Menschen. Ein vorzügliches Porträt Horwitzs befindet sich im Sitzungssaale der Kultusgemeinde, im jüdischen Museum wie auch im Bethause Schönlaterngasse, woselbst der Verblichene fast sein ganzes in Wien verbrachtes Leben tungierte. Horwitz schrieb eine bedeutende Anzahl wichtiger Werke, von denen viele ein deutliches Licht auf die Zustände seiner Zeit werfen, so das umfangreiche Werk „J a d E1 i e s e r", zahlreiche Predigten in deutscher und hebräischer Sprache, Bibelerklärungen, exegetische und homiletische Arbeiten, wertvolle halachische Gutachten sowie einen überaus interessanten Briefwechsel mit dem berühmten Historiker Salomon Leib Rappaport in Prag. Wie duldsam und vorurteilslos Horwitz gegen Andersgläubige war, erhellt beispielsweise aus einer seiner Predigten, die er „über das erfreuliche Ereignis der Konstitution" im polnischen Bethause in Wien am 18. März 1848 hielt. Es heißt darin unter anderem: „Wahret vor allem den uns bevorstehenden Befreiungsakt als ein Heiligtum, entweihet ihn nicht, mißbraucht ihn nicht durch irgend eine Verletzung der Bruder- und Menschenliebe, seid aufrichtig, redlich und rechtschaffen gegen jedermann, zu welchem Stand er sich auch zähle, welchem Glauben er auch angehöre, seid mildtätig und barmherzig für jedes Leid und Wehe, wie es das Religionsgesetz vorschreibt, gegen jeglichen ohne Unterschied der Religion, zu der er sich bekennt" Die Werke Horwitzs ließ ihr Verfasser aus Bescheidenheit nicht drucken. Diese wurden erst nach seinem Ableben von dessen ältestem Sohne David, einem hochgebildeten, frommen und wohltätigen Manne, der im Sinne seines Vaters wirkte, herausgegeben. für den Judenstaat zweimal eines seiner weltverlorenen Kolonialländer an, wo die Juden als Kanonenfutter und Kulturdünger gute Dienste hätten leisten können. Aber der Weltkrieg eröffnete der britischen Diplomatie ganz andere Perspektiven. Da standen nach der Versicherung Weizmanns und Sokolows ein paar Millionen osteuropäischer Juden marschbereit, sich in Palästina und Transjordanien niederzulassen und unter dem Schutze englischer Bajonette den Suezkanal von Osten her zu bewachen und den Landweg von Kairo nach Bagdad, den Petroleumquellen von Mesopotamien und nach Indien offen zu halten. Und die Kosten dieses Geschäftes waren die amerikanischen, zum Teil auch die englischen Juden zu tragen bereit, da sie damit zugleich der Judenemigration aus Osteuropa, die sich nach dem Westen richtete, ein neues, erwünschtes Ziel weisen würden---- Lord Balfour überzeugte sich bald auf seiner Werbereise durch die Vereinigten Staaten 1915, daß die dortigen jüdischen Finanzmagnaten, um deren Gewinnung es sich hauptsächlich handelte, — die nichtjüdischen standen ohnehin auf Seite Englands — mit der Aussicht auf ein paar hundert unter englischem Schutz stehenden Dörfern im Orient, wo Judenjüngen Kühe weideten, Judenweiber Gemüsegärten pflegten und Juden Getreidegarben banden, die Ackerfurche zogen und Pomeranzen pflanzten, nicht zu locken waren. Was sie begeistern und hinreißen konnte, so daß sie ihre Feuerkassen öffneten, waren Haupt- und Staatsaktionen, Pergamente mit gewaltigen Staatssiegeln, mit goldenen Federn unterzeichnet, welterschütternde Vorgänge, die in den Annalen der Geschichte eingetragen werden, gekrönte Häupter, die sich in Bewegung setzen, Staatsmänner, die Versicherungen abgeben und von den Weltblättern Lügen gestraft werden, feldmäßige Siege und Eroberungen, Regierungspublikationen, die von ganzen Völkern bekämpft und abgelehnt und ihnen zum Trotz aufrecht erhalten bleiben, so daß „wir" uns so recht in den stürmischen Gang der Weltgeschichte hineinverwickelt fühlen... So wurde mittels der ^Balfour-Deklaration — von der weiter unten ausführlich die Rede sein wird — das bescheidene jüdische Palästina-Schifflein auf das hohe Meer der stürmischen Weltpolitik hinausgesteuert — mit den Händen der Amerikaner und auf ihre Rechnung. Fortab ging es in diesem Stil weiter und weiter. Es ist der amerikanische Stil. Eine amerikanische Stadt erstand im Nu auf dem palästinensischen Land. Den Arabern fing es an, schwindlig zu werden. An ein solches Tempo waren sie nie ,und nimmer gewohnt. Ihren Agitatoren wurde es immer leichter, die Massen zu überzeugen, daß diese Fremden, die unter dem Schutze des englischen Erbfeindes auf amerikanische Kosten immer zahlreicher herkommen, sich nicht neben, zwischen und unter ihnen ansiedeln wollten, um mit ihnen zusammen den Boden zu bestellen und das Land zu verteidigen, sondern um sie zu knechten und zu beherrschen, sie von dem Boden, auf dem sie seit zwölfhundert Jahren sitzen, zu verdrängen. Das Gefährlichste in der V/elt, auch im Privatleben, ist, wenn einer nicht imstande ist, sich ganz in die Seele des Partners und erst recht des Gegners hineinzuleben, zu verstehen, wie weit er gehen kann, was man ihm zumuten darf. Genug! Seit der Balfour—Deklaration mußte die Einwanderung der Juden den Arabern in ganz anderem Lichte erscheinen. Für die „historischen Rechte", die England den Juden so freigiebig zuerkannt hat, hatten die Araber natürlich nicht das geringste Verständnis. Die Fassade der jüdischen Palästina-Arbeit stach den Arabern viel mehr in die Augen und reizte und erbitterte sie viel mehr als das reale stille Siedlungswerk, das die Eingewanderten in dem Lande wirklich verwurzelte. Und diese Fassadenpolitik, diese Prestigepolitik, die nach außen hin blenden wollte, wurde in immer steigendem Maße von der zionistischen Exekutive betrieben, weil das aliein den Amerikanern gefiel und nur dadurch die Taschen immer offen gehalten wurden. Den arabischen Agitatoren und Führern wurde es leicht gemacht, der Voiksmasse zu erklären, daß die Schicksale des von ihnen bewohnten Landes irgendwo weit im Auslande auf den .Zionistenkongressen, auf den „Conventions" in amerikanischen Städten entschieden werden, in New York, London und Berlin, und sie zu allen Dingen, die im Lande vorgehen, nichts zu sagen haben. Nicht nur wurden sie nicht um ihre Meinung befragt, sondern die Vorgänge wurden ihnen nicht einmal bekanntgemacht. Es geht seit einigen Jahren die Sage, der Papst habe zu Sokolow gesagt: „Ich hoffe, wir werden gute Nachbarn sein in Palästina!" Damit habe der heilige Vater implicite seine Zustimmung zum Zionismus gegeben. Um wie viel wichtiger wäre es gewesen, wenn man dieses (insofern es überhaupt wahr ist) vom G r o ß m u f t i von Jerusalem hätte berichten können! Der Papst ist zwar ein sehr großer Herr, aber der Großmufti von Jerusalem hält, wie wir wissen, das Heft in Palästina in Händen. Doch welcher Amerikaner würde einen Cent für den Großmufti von Jerusalem gegeben haben? Der Papst, das ist ganz was anderes. Bei der Nennung dieses Namens taucht vor unseren Augen blendender Glanz auf, goldene Gewänder schimmern, Kardinäle wandeln in feierlichem Zuge vorüber, die Fassade von St Peter erglänzt und Sokolow, unser Sokolow, schreitet hinein und erhält aus dem Munde des höchsten Repräsentanten der Christenheit die Versicherung guter Nachbarschaft für. die Zukunft. Gibt es einen größeren Triumph für das Judentum? Da regnet's Dollarschecks in Fülle. Aber der Großmufti von Jerusalem? Wer ist das? Im Sommer 1928 erregte jemand in einer Berliner Gesellschaft von Zionisten durch Erwähnung dieser Persönlichkeit nicht endenwollende Heiterkeit Man glaubte, es sei die Rede von Goethes „Großkophta". Erst im August 1929 erfuhr die jüdische Welt daß der Großmufti von Jerusalem eine reale Macht und nicht eine Operettenfigur ist Die Amerikanisierung des Palästina- Aufbaues äußerte sich in der Einführung des Wolkenkratzerstiles und des rasenden Tempos. Die Früchte AKTIENGESELLSCHAFT l., Baaernmarht Nr. 10-12-14 Vll., nariahlllerstraoe Nr. (Ecke Zieglergasse) VORHJL [Ol OrOOfe Auswählt NOBEiSTOlVE EINOEEUMI DECKEN Billigste »reise! müssen vor dem Reifen gepflückt werden. Während die Geschichte sich Zeit nimmt, um Staaten und Kulturen zu bauen, baute man den Judenstaat auf amerikanische Rechnung, als handelte es sich um Tel-Aviv, und zwar nach echt amerikanischem Stil, von oben herab. Zuerst das Dach, dann weiter hinunter bis zuletzt das Fundament gelegt wird. Und der Boden? Um den hegt man die allergeringste Sorge. In Amerika werden Häuser bekanntlich derart gebaut, daß sie auf einen anderen Platz versetzt werden können. Und der Boden ist meist gar nicht ewiger Besitz der Bauherren. Man kümmert sich auch in Palästina gar nicht um den Boden, auf dem man das jüdische „Nationaiheim" auibaute. Nun hat der Boden plötzlich gebebt Einstein hat jüngst in der weitesten Oeffentlichkeit verkündet: „Das Aufbauwerk in Palästina wäre weder durchführbar, noch wünschenswert, wenn es sich gegen den Willen des arabischen Volkes vollziehen sollte." Wie schade, daß dem genialen Physiker diese Erkenntnis nicht schon vor zehn Jahren auigegangen ist, die in Deutschland noch zu Zeiten Herzls von allen Besonnenen gepredigt wurde. Aber Einstein stand damals, wie alle Zionisten, unter der Hypnose des großen Bluffs der Baliour-Deklaration und der „historischen Rechte". Und mit seinen wiederholten Reisen nach Amerika half er, ohne zu wissen, nur um so mehr das Aufbauwerk dem Amerikanismus und dem großbritannischen Imperalismus auszuliefern. Verzweifelt und hilflos sahen Außenstehende zu, wie der Karren immer tiefer in den Abgrund rollte, konnten aber nichts ausrichten, denn sämtliche Fäden hielten die Amerikaner in Händen. Mit Amerikanern ist nicht zu diskutieren. Amerikaner wissen alles allein und alles besser. Man vermißte überall die Ingerenz der deutschen Juden. Es muß als ein Unglück für den Palästina-Aufbau betrachtet werden, daß die deutschen Juden von Anbeginn ihm fernestanden. Ich meine natürlich nicht jene rednerisch und agitatorisch hochbegabten jungen Leute, die den Zionismus zugleich mit dem Judentum in sich entdeckten und von seinen Wellen in die Oeffentlichkeit emporgetragen wurden. Ich meine die bewährten und erfahrenen Führer der jüdischen Oeffentlichkeit im kulturellen, kommunalen geistigen und politischen Leben, Männer von dem Range derer, die im Sommer als Nichtzionisten in die Jewish Agency gewählt wurden. Wo waren diese Männer all die Jahre hindurch, da es in der ganzen Judenheit wegen der Zukunft Palästinas gärte? Warum haben sie nicht die ehrwürdige Tradition aufgenommen, die darin besteht, daß seit nahezu fünf Generationen jeglicher Fortschritt in Israel, jegliche Verbesserung und Veredelung des allgemeinen jüdischen Lebens unter Führung deutscher Juden sich vollzogen hat? Orthodoxie und Reform, Konservatismus und Liberalismus, Wissenschaft des Judentums, ebenso wie organisatorische Verbesserungen des Gemeindelebens, der Wohlfahrtspflege, des Unterrichtswesens, mochte es die Juden in den entferntesten Ländern betreiien, besonders wenn sie sich auf die Gesamtheit bezogen, sie gingen letzten Endes von deutschen Juden aus, deutsche Juden hegten, pflegten und förderten sie. Das verlieh den deutschen Juden seit 120 Jahren die Führung, das Primat innerhalb der ganzen jüdischen Gemeinschaft In Deutschland sammelte sich denn auch eine große Summe von Traditionen und Erfahrungen betreffend die Leitung öffentlicher allgemein-jüdischer Angelegenheiten, wie sie in keinem anderem Lande vorrätig waren. Was nun besonders den Aufbau Palästinas anbetriift, so wurde schon vor 50, 60 und 70 Jahren von hervorragenden deutschen Juden der verschiedensten Richtungen — ich nenne nur R. Hirsch Kalischer und Ludwig Philippson — eifrig und gründlich der Plan erörtert, die große Masse der Juden in Osteuropa, die in diesen Gegenden nicht gedeihen können, nach dem nahen Orient und insbesondere nach Palästina als Landwirte, Gewerbetreibende und Kaufleute zu verpflanzen. Und nun, da diese urdeutsche Idee in den letzten Jahren konkrete Formen anzunehmen begann, glänzten gerade die deutschen Juden durch ihr- Abwesenheit und überließen die Führung den englischen Juden, die notgedrungen die Geschäfte des großbritannischen Imperialismus besorgen mußten, und den amerikanischen, denen jede Tradition in der Führung jüdischer Dinge ermangelt und die überdies — „Dollarisch reden". Dollarisch ist ihre Muttersprache und es ist ja bekannt wie wenige Europäer so glücklich sind, dieses goldene Idiom so weit zu beherrschen, daß sie sich mit ihnen verständigen können. Wären die deutschen Juden in die Leitung der f » > i b^tondiHljENllHBir