Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 52 (17.12.1926)
- Date
- 1926-12-17
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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tfr. & dir WAüimmt Theater, Kunst u. Literatur | Im Verein für Jüdische Geschichte und Literatur hat am 6. d. M. Herr Rabbiner Dr. M. Rosenmann über Dr. Hermann J e 11 i n e k, dem jüdischen Opfer der Wiener Revolution des Jahres 1848 gesprochen. Bei dem Umstände, daß aus den Schriften und Zeitungsartikeln, die H. J e 11 i n e k (in der „Allgemeinen österreichischen Zeitung", später in dem „Radikalen") veröffentlicht hat, sowie aus seinen durchaus nicht aufreizenden persönlichen Benehmen eigentlich kein zureichender Grund, für die Verhängung der Todesstrafe entnommen werden kann, scheint einzig die Zugehörigkeit zur „Israelitischen Religion" ihm zum Verhängnis geworden zu sein, weil man neben dem Katholiken Messenhauser und dem Protestanten Becker einen Juden brauchte, um das „Exempel zu statuieren". In überaus treffender Weise schilderte der Vortrageride den geistigen Werdegang, die philosophische Schulung, die literarische Tätigkeit und die aus dieser letzteren sich ergebenden politischen Verfolgungen des jungen Revoluaionärs, der vorahnend, u. a. von der „sozialen Demokratie" schrieb und mit philosophischer Ruhe in den Tod gegangen, sich damit tröstend, daß „seine Ideen nicht erschossen werden können". Wir schließen uns dem von anderer Seite geäußerten Wünsche an, daß durch Püblizierung. des interessanten biographischen Vortrages der Name Dr. Hermann Jellinek in der Geschichte der modernen Volksbewegung ebenso wie in der des Judentums nicht vergessen werde. H. Universitätsvorträge. Der zweite Vortrag, welcher vom Maimonides Institute, von dessen Leiter Herrn Dr. A. Kaminka in einem Hörsaale der philosophischen Fakultät der Wiener Universität am 11. d. M. abgehalten wurde, beschäftigte sich ausschließlich mit der Person des Weisen H i 1 1 e 1. Redner schilderte zunächst die . Zeit. des zu Tage getretenen politischen Mißerfolges der Makkabäer-Herrschaft, in welcher die besten Geister das Judentum nur als religiöse Gemeinschaft ohne nationale Aspirationen zur Geltung bringen wollten. Es war die Zeit, in welcher Jerusalem nach den Berichten der Apostelgeschichte „Gottesfürchtige Leute aus allen Teilen der Welt" beherbergte. Die Zusammenwirkung . römischer und griechischer erleuchteter Geister mit den Lehrern der Judenhcit ist für die Entwicklung der religiösen Idee von großer Wichtigkeit gewesen. Leider beschäftigen sich derzeit mehr christliche Theologen und Historiker mit dieser Epoche wie Schür er, St rak u. a., was bei aller Gelehrsamkeit derselben manche Irrtümer und Entstellungen veranlaßt. Redner bespricht die an Hillel besonders gerühmten Tugenden der Bescheidenheit, Güte und Geduld, welche aus seinen übeilieferten Sprüchen erkannt werden und betont insbesondere die auffallende Uebereinstimmung vieler von ihm und seiner Schule ausgesprochenen Gedanken mit Sätzen, welche die Stoiker, besonders Seneca geprägt hatten. Es gab eben viele erhabene Ideen, welche Gemeingut der damaligen gebildeten Welt waren. In richtiger Weise wurde vom Vortragenden der starke Gegensatz zwischen Thora und Glauben hervorgehoben und eine falsche Auslegung des Wortes „Emunoh" in einem Verse des Propheten Habbakuk seitens der christlichen Forscher richtig gestellt. Das Wort bedeutet wie wir wissen Gerechtigkeit, Rechtschaffenheit, Treu und Redlichkeit, nicht aber Glaube. Der Vortragende bewies, daß die gründliche Kenntnis der Quellen wie sie ihm zu eigen ist, allein die nötige Voraussetzung schafft, um oft weittragende Irrtümer zu vermeiden. Med.-Rat Dr. Haase. Wie Franzos zu seinem Namen kam. Zur Zeit der Inquisition in Spanien — Franzos stammt aus einer spanischen Familie — wurde die ganze Familie auf den Scheiterhaufen geworfen bis auf einen damals elfjährigen Knaben, der zufällig in einer Nachbarstadt bei Verwandten zu Besuch war. Diesem gelang es, zu entkommen; er flüchtete nach Frankreich und wurde der Ahnherr der Familie, die mit Franzos' Tod im Männesstamm erloschen ist. Nach dem ersten Wohnort nannten sie sich Laverdäund später mit französischer Endung Laverdier. Der Urgroßvater von Carl Emil Franzos war in Nancy ansässig. Dort residierte, nachdem er sein Königreich Polen gegen das Herzogtum Lothringen eingetauscht hatte, Stanislaus Leszcynski. Dieser kam mit dem durch besondere Intelligenz ausgezeichneten Laverdier in Berührung und riet ihm,- Iiiseinem/ früheren Besitztum Polen die damals neu erstandene Stearinlicht-Industrie einzuführen. So wanderte Laverdier nach Galizien aus. Sein Sohn studierte im Anfang des vorliegenden Jahrhunderts in Wien, schlug aber bei der völligen Aussichtslosigkeit der juristischen Karriere für einen Juden die kaufmännische Laufbahn ein. Als die Bestimmung aufkam, daß die Juden in Oesterreich sich feste Familiennamen geben sollte, legte ihm der Bezirkshauptmann, trotz allen Protestierens, den auf seine Herkunft hinweisenden Namen Franzos bei. Berliner Synagogen-Konzert Sonntag, den 28. November, mittags 12 Uhr, fand in der Synagoge Fasanenstraße eine Psalmenaufführung statt, unter Mitwirkung der Damen Cida Lau (Sopran), Anna Hopf-Geidel (Harfe) und der Herren Oberkantor Magnus Davidsohn (Bariton), Richard A1tmann (Orgel), sowie des verstärkten Chors unter Leitung von Herrn Theodor Schönberger. Die durchwegs gelungene, von künstlerischem Geist durchwehte Aufführung der Psalmen und Gesänge. Mendelsohn, Schubert, Lewandovsky, Rehfeld, Mozart, Liszt, Kopf, Dworak und S u 1 z e r fanden seitens des die Synagoge füllenden Publikums lebhaften Beifall und Anerkennung. Der schöne und hellklingende Sopran des Frl. Cida Lau hatte auch in dem großen Raum eine mächtige Wirkung. Der wohlklingende, weiche, in allen Lagen ausgeglichene Bariton des Herrn Oberkantors Dawidsohn, dessen musikalische Individualität in der meisterhaften Wiedergabe der Solis besonders zur Geltung kam, fand stürmischen Beifall. Ebenso hervorragend wirkten die virtuosen Leistungen von Frau Hopf-Geidel und Herrn Altmann auf Harfe und Orgel. Von den Kompositionen der aufgeführten hervorragenden Meister fiel besonders die „Ma jokor", aus Psalm 36, von Rehfeld auf. Den Abschluß dieses ausgezeichneten Programms bildete die Meisterkomposition Salamon Sulzers, Psalm 111. Dem ausgezeichneten Chor sowie seinem tüchtigen Dirigenten Herrn Theodor Schoenberger gebührt besondere Anerkennung. Wilhelm L ö w i t, Berlin. Cbajim Bloch, Das jüdische Amerika, Wien 1926, „Das Leben". An diesem überreich ausgestatteten Buche sieht man wieder: Man kann eine Reise um das eigene Zimmer beschreiben und alles wird gespannt diese Schilderung lesen, wenn — der Verfasser zu beobachten und das Beobachtete anziehend darzustellen versteht. Wie viel ist bereits über das Judentum in Amerika geschrieben worden! Aber so instinktiv nur von den wenigsten. Hier schreibt eben ein Mann, der nicht nur mit offenen Augen, sondern auch mit fühlendem jüdischen Herzen durch die jüdische „neue Welt" gegangen ist. Daß er sich nicht mit der Wiedergabe des Gesehenen und Gehörten begnügte, sondern auch die geschichtlichen Hintergründe gezeichnet hat, erhöht den Wert seines Buches um ein Vielfaches. Wir wünschen dem splendid illustrierten Buche die weiteste Verbreitung. Jeder, der es liest, lernt etwas Neues daraus. G. Siegfr. Abeles. „Das lustige Buch fürs jüdische Kind**. Buchdecke und Illustrationen von Willy Braua Jakob J. B r a n d e i s Verlag, Breslau. — Das in seiner Sprache mustergültige Buch entspricht allen Erwartungen, die man an eine Jugendschrift stellt. Humorvolle Erzählungen und Aufführungen zu Purim und Chanukka, Rätsel und Zwiegespräche sind kindlich dargestellt und fesseln auch den erwachsenen Leser. Das Buch, dessen Wert durch zahlreichen Buchschmuck noch erhöht wird, wird dem jüdischen Kinde , eine große Freude bereiten. Das Leben Gabriel Riessers. Ein Beitrag zur inneren Geschichte Deutschlands im neunzehnten Jahrhundert von Dr. phü. Fritz Friedländer. Philo-Verlag G. nvb. H„ Berlin SW 68. — Wir finden das Leben Gabriel Riessers in den breiten Rahmen der deutschen Zeitgeschichte gestellt ä und unter dem Gesichtspunkte einer politischen Biographie | behandelt Sie erbringt den Nachweis, daß Riesser zu den : führenden Persönlichkeiten im Emanzipationskampf der deutschen Juden gehörte, und daß dessen Erfolg im wesent-! liehen auf seinem politischen Wirken beruht. In ihm sehen wir den Schöpfer der bürgerlichen Gleichstellung der deutschen; Juden. Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur. (Berlin J 1925, M. Poppelauer.) Auf kaum 150 Seiten wird hier eine 4 Menge des Wissenswerten geboten. Ganz besonders wertvol! 1 ist die Probe aus dem Werke Babs über die Juden Südn amerikas. Aber auch die ,3reslauer Erinnerungen" Kastans, ■] die Skizze Freudenthals über, die Hoffaktoren, die Studie über i die jüdisch-deutschen Bibelübersetzungen von Staerk u. ä. bieten Belehrunsr und Anregung. I