Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 52 (17.12.1926)
- Date
- 1926-12-17
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 12 DIE WAHRHEIT Nr. 52 ordnungsgemäß gewählte Rabbiner. Die Ofner, Altöfner und Steinbrucker selbständigen autonomen Religionsgemeinden sowie die Budapester orthodoxe Gemeinde nehmen an der Wahl durch je zwei Delegierte teil, während die Pester autonome neologe Kultusgemeinde außer diesen zwei Delegierten noch weitere 18 Delegierte entsendet. Die Kandidierang sowie die Wahl der in das Oberhaus zu entsendenden Rabbiner erfolgt in geheimer Abstimmung. Die Wahl gilt für Lebensdauer. Wie wir erfahren, haben die meiste Aussicht, im Vorschlag gebracht zu werden, der Oberrabbiner von Budapest, Dr. Simon Hevesy und der greise Oberrabbiner der orthodoxen Gemeinde Koppel Reich. Jüdische „Minderwertigkeit". Zu dem in Nr. 50 unseres Blattes unter diesem Titel erschienenen Artikel stellen wir objektiv fest, was dazu in dem Breslauer jüdischnationalen Organ, der „Jüdischen Zeitung für Ostdeutsch- 1 and", Dr. Hugo Schachtel schreibt, nämlich „daß mir, der ich seit über 30 Jahren in der zionistischen Bewegung stehe und auch die zionistische Presse aufmerksam verfolge, bis zum Erscheinen des da angezogenen Aufsatzes der Name dieses Dr. Arnsberg völlig unbekannt war, und alle meine zionistischen Freunde, die ich darüber befragte, konnten mir nur bestätigen, daß sie niemals von einem zionistischen Führer dieses Namens etwas gehört haben." Diese loyale Feststellung richtet sich vor allem gegen die „Wiener Morgenzeitung", die sich diesen geheimnisvollen Unbekannten sogar als „Frankfurter Mitarbeiter" verschrieben hat. Wie Doktor Schachtel über die ganze österreichische jüdischnationale Partei denkt, ersieht man aus seinen weiteren Bemerkungen, die besagen, daß „die gesamten österreichischen Zionisten ein kleines Häuflein gegenüber der zionistischen Gesamtheit bilden. Beim letzten Kongreß, dem Wiener, waren von 325 Delegierten drei aus Oesterreich, davon einer der revisionistischen Richtung." Von dem famosen „Judenstaats"-Beschluü spricht Dr. Schachtel als von einer Resolution dieser so „bedeutungsvollen" Landsmannschaft. Ja, es geht nichts über die mühsam errungene „Anerkennung" unter den Gleichgesinnten. Das Borkum-Lied ist bekanntlich ein abscheulicher antisemitischer Haßgesang, der die Austreibung der Juden in jeder Strophe fordert: „Doch wer sich nacht mit krummen Füßen usw. . . . der muß hinaus!" Das „Lied", welches in jenem antisemitischen Seebade entstanden ist, dessen Namen es trägt, wird in Norddeutscbland von Antisemiten gerne gesungen. Das Schöffengericht in Emden hatte sich nun, wie uns aus Berlin gemeldet wird, vor kurzem gelegentlich einer Verhandlung wegen Aufreizung zum „Klassenhaß" (!) und Landfriedensbrnches mit dem berüchtigten Liede zu befaßen. Angeklagt waren der Obermusikdirektor a. D. Rothe aus Wilhelmshaven wegen Aufreizung zum Klassenhaß und die Kassenbeamtin Rühmann aus Halberstadt sowie der Schlächtergeselle Bruns und der Arbeiter F r e r i c k s aus Borkum wegen öffentlicher Beleidigung. Landfriedensbruches und Widerstandes gegen die Staatsgewalt. Obermusikdirektor Rothe ließ am 20. Juni beim Abendkonzert auf dem Borkumer Strand das Borkum-Lied spielen. Die Menge, die bereits vorher eine drohende Haltung gegen den jüdischen Rechtsanwalt Dr. Charig eingenommen hatte, drang während des Liedes auf Dr. Charig und dessen Begleiter ein, und es fielen beleidigende Aeußerungen. Das Urteil lautet gegen Rothe auf Freispruch, weil ihm nicht nachgewiesen sei, daß er das Bewußtsein gehabt habe, durch das Spielen des Liedes die Bevölkerung gegen Dr. Charig aufzureizen (!) Bruns und Frericks wurden wegen Landfriedensbruches zu je drei Monaten Gefängnis verurteilt und wegen Widerstandes außerdem zu 20 Mark Geldstrafe. Die Angeklagte Rühmann erhielt wegen öffentlicher Beleidigung 100 Mark - Geldstrafe. Der Staatsanwalt nannte das Verhalten der Borkumer Schar einen unerhörten Verfassungsbruch; auch gegen die frühere Verfassung hätten sie verstoßen. Die Borkumer hätten nicht das Recht, einer bestimmten Klasse das Betreten der Insel zu verbieten. Der Antisemitismus in Sowjetrußland. Es mehren sich in jüngster Zeit die Nächrichten von einer wachsenden judenfeindlichen Strömung innerhalb der Sowjetrerjubliken, welche Nachrichten um so beachtenswerter sind, als auf dem Gebiete des heutigen Sowjetrußlands gegenwärtig 2,5 Millionen Juden leben. Schon vor einiger Zeit machte das in Berlin erscheinende Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Rußlands „Soz. Wjestnik" davon Mitteilung, daß das iregenwärtige Oberhaupt der russischen Exekutive, Stalin, der Nachfolger Lenins, eifrig "dabei sei. die „lästigen J u de n" aus den leitenden russischen, Regierungskreisen und den höheren Sowjetbehörden herauszudrängen. Diese Nachricht wird von dem in Prag erscheinenden russisch-sozialistischen Organ „Volja Rossii" bestätigt. Dasselbe berichtet, daß der Antisemitismus bei den Führern der kommunistischen Partei Rußlands rascher Eingang gefunden habe, ja geradezu als Wesensbestandteil des russischen „N a t i o n a 1 b o 1 s c h ewismus", dessen Bannerträger Stalin sei, angesehen werden müsse. Auch jüdiseberseits wird das Vorhandensein und Wachstum des sowjetrussischen Antisemitismus bestätigt. J. Britan, ein aus Rußland gekommener Jude, hielt vor einiger Zeit im Verein russischer Juden in Berlin einen Vortrag über das Thema: „Der Antisemitismus in Sowjetrußland", der auf die geistige Lage in Rußland höchst merkwürdige Lichter warf. Den Ausführungen des Redners zufolge soll der Antisemitismus in Rußland in der Geschichte noch nie dagewesene Dimensionen erreicht haben. Er sei eine logische Folge des ganzen Sowjetsystems. Moskau steile hellte) das Zentrum des russischen Antisemitismus dar. Dieser sei gegenwärtig in Rußland zu einer allgemeinen Lebenserscheinung geworden, der alle Schichten der Bevölkerung angesteckt habe. Das Judentum habe von der Sowjetmacht mehr gelitten als die andere Bevölkerung. Die Zukunft erscheint dem Berichterstatter daher für die russische Judenschaft hoffnungslos. Die Freveltaten einzelner jüdischer Kommunisten (Sinowjew, Kamenew, Trotzki u. a.), die selbst die brutalsten Antisemiten seien, hätten das ganze russische Volk gegen die Juden aufgehetzt. Selbst die kommunistische Presse1 kann das Ueberhandnehmen dieser neuen Mentalität nicht ableugnen, ja sie versucht es nicht einmal zu tun. Nach den aus authentischer Quelle stammenden Informationen des „Prager Tagblatt" habe der Sowjet-Antisemitismus nicht nur die obersten Schichten der Räterepublik ergriffen, sondern — und das ist ein außerordentlich bedenkliches Zeichen — auch die russische Landbevölkerung, insbesondere weite Kreise der ukrainischen Bauernschaft. Er stehe hier im engsten Zusammenhange mit der Politik der Sowjetregierung in der Frage der inneren Kolonisation. Um den russischen Juden, die in den Städten konzentriert sind und daselbst in Elend und Armut leben, eine Existenzmöglichkeit zu schaffen, hat die Sowjetregierung bekanntlich schon vor einiger Zeit den Beschluß gefaßt, ungefähr 100.000 jüdische Familien in der Ukraine und in der Krjm anzusiedeln. .Finanziert wird die Sache von amerikanisch-jüdischen Finanzkreisen. Welche Entwicklung die Verhältnisse in Rußland nehmen werden, läßt sich nicht mit Bestimmtheit voraussagen, doch ist nach alle-, dem, was uns über die Zustände in Sowjetrußland bekannt ist, leider anzunehmen, daß der Antisemitismus in diesem Lande seinen Höhepunkt noch nicht überschritten hat. Sollten die russischen Machthaber tatsächlich den furchtbaren Plan hegen, die Unzufriedenheit weiter Schichten sowohl der ländlichen als auch städtischen Bevölkerung auf die Juden abzulenken, dann stehen unseren russischen Glaubensbrüdern, die in den letzten Jahren bereits so viel Schreckliches erduldet haben und Krieg, Umsturz, Terror und Hungersnot ertragen mußten, noch schwere Zeiten bevor. Antisemitische Strömungen in Italien. Das extreinfascistische Organ „Lavoro ditalia" macht die Juden für das von den Industriellen und Bankiers Groß-Britanniens, der Vereinigten Staaten, Frankreich, Deutschland und anderer Länder unterzeichnete Manifest über die Freiheit der Wirtschaft verantwortlich und schreibt, das Manifest sei der Ausfluß eines Komplotts der internationalen Judenheit, die alle Länder kontrollieren wolle. Wenn diese jüdische Offensive nicht eingestellt wird, schließt das Blatt, so werden die Juden als die Feinde Italiens erklärt und danach behandelt werden. (Siehe unseren heutigen Artikel zu diesem Gegenstand.) Die Goldene Medaille der „Gesolei". Die Leitung der Ausstellung „Gesolei" (Große Ausstellung Düsseldorf 1926 für Gesundheitspflege und soziale Fürsorge) dankt, nachdem die Pforten der Ausstellung sich geschlossen haben, allen Mitarbeitern, die ihr beim Aufbau der wissenschaftlichen Gruppen behilflich gewesen sind. Sie erkennt an, daß nur durch, die aufopferungsvolle „ Mitarbeit der einzelnen Institutionen und Persönlichkeiten es möglich gewesen war, eine solch lückenlose Darstellung der wichtigsten Themen aus dem Gebiet der Gesundheitspflege, Sozialen Fürsorge und Leibesübungen zu geben. Der Zentrajlwohlfahrtsstelle der deutschen Juden wurde als äußeres Zeichen der Anerkennung für die in hervorragendem Maße bei dem Aufbau der Ausstellung geleisteten Hilfe nach der stattgehabten Prämiierung die Goldene Medaille der Großen Ausstellung Düsseldorf 1926 verliehen.