Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 52 (17.12.1926)
- Date
- 1926-12-17
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 DIE WAHRHEIT Nr. 52 es im Jahre 1901 im österreichischen Reichsrat vorgelesen hat. Man hat es also hier offenbar mit der Leistung eines tschechischen Antisemiten zu tun, der dieses Fälscherwerk auf der Grundlage des in Rede stehenden Goedsche-Kapitels angefertigt hat. Die tschechischen Nationalisten führten bekanntlich früher einen sehr scharfen Kampf gegen die in Ihrem Lande lebenden Juden, weil diese stets zum Deutschtum gehalten haben. Jetzt hat der tschechische Nationalismus diesen Kampf schon längst aufgegeben, und er bemüht sich, die in der Tschechoslowakei lebenden Juden dadurch für sich zu gewinnen, daß er ihnen das Recht der eigenen Nation zuerkannt hat. Trotzdem treten 4ie dortigen Juden bis auf geringe Ausnahmen nach wie vor unentwegt für das Deutschtum ein, und sie haben der deutschen Sache in der Tschechoslowakei schon manchen wichtigen Dienst geleistet, obwohl ein erheblicher Teil der Sudetendeutschen noch törichterweise am Antisemitismus festhält. Wenn sich also der Fregattenkapitän a. D. Schnell bei seiner antisemitischen Schriftstellern der dem Arsenal der einstigen tschechischen Antisemiten entstammenden Schmähschrift „Ein Rabbiner über die Gojim" bedient, so können wir ihm nicht den Vorwurf ersparen, daß er mit abgelegten Sachen des einstigen jungtschechdschen Antisemitismus hausieren geht "Er hat uns damit gleichzeitig auch, einen sehr hübschen Beitrag zu dem Kapitel von der Internationale des Antisemitismus geliefert. Herr Schnell kennt doch das deutsche Sprichwort: „Ein faules Ei verdirbt den ganzen Kuchen." Er darf es uns schon getrost glauben: Das von ihm benutzte, seinerzeit durch den jungtschcchischen Antisemiten Breznowsky im österreichischen Reichsrat vorgelesene Fälscher werk „Ein Rabbiner über die Gojim" ist ein sehr faules Ei. Wenn er bei der Auswahl der Eier, die er zu den für die Firma Wulle und von Graefe und für andere deutschvölkische Geschäfte von ihm gelieferten Backwaren verwendet, nicht vorsichtiger zu Werke geht, als er es in dem in Rade stehenden Artikel getan hat, so wird er in seinem ganzen Leben keinen anständigen Kuchen fertig bekommen. Ortsgruppe Favoriten der „Union deutschösterreichischer Juden". Dienstag, den 14. d. M. fand eine sehr gut besuchte Versammlung dieser Ortsgruppe statt, zu der angesichts dei sehr interessanten Tagesordnung auch zahlreiche Mitglieder des Vereines aus anderen Bezirken erschienen waren. Vom Zentralvorstande waren die meisten Herren anwesend, die unter Führung -der Herren Präsident Dr. J. 0 r n s t e i n und der Vizepräsidenten Hofrat Dr. J. L ö w n e r und K. Fröhlich gekommen waren. Der iQbmann der Ortsgruppe, Herr Carl Weis, feegrüßte die Erschienenen, insbesondere die vielen Kultusvorsteher, darunter Herrn Wolf Pappenheim und Rabb. Dr. Mandl samt Gemahlin, den Vorstand des Tempelvereines X. unter Führung des Obmannes Herrn Max Berger und Ehrenpräsidenten Herrn Jakob S. Straßberg und nahm zunächst eine Neuwahl der OrtsgTuppenleitung vor, aus der er wieder als Obmann, weiters die Herren Grünspan, Tonelles und Plaschkes gewählt hervorgingen. Kultusvorsteher David D o h a n erstattete ein sehr instruktives Referat über das Versorgungshaus der Kultusgemeinde, seine Geschichte und seine Einrichtungen, welcher Bericht wegen der großen Fülle historischen und statistischen Materials, das der Redner erbrachte, starkes Interesse und lebhaften Beifall ererweckte. Er schloß mit der Schilderung des Verlaufes eines Tages in der Anstalt und mit dem Appell, diese zu unterstützen. Dr. Maximilian S t i g 1 i t z hielt einen ausgezeichneten Vortrag über die Geschichte der Juden in Wien, in dein er deren traurige politische Entwicklung beleuchtete und insbesondere ein Festhalten an den mühsam errungenen staatsbürgerlichen Rechten -forderte. An der darauf folgenden Debatte beteiligten sich unter anderen auch Herr Rabb. Doktor Mandl mit einer gehaltvollen Rede für das Versorgungshaus und Herr Präsident Dr. J. Ornstein, der namentlich bei seinen Ausführungen auf die Gründe der Sperrung des Taubstummeninstituts und weiters auf den Beschluß der Mehrheitspartei, einen Beitritt der Wiener Kultusgemeinde zu dem neugegründeten Verbände österreichischer Kultusgemeinen abzulehnen, zu sprechen kam und hierbei vollen Anklang in der Versammlung fand. Dieselbe wurde von dem Ortsgruppenobmann mit der Aufforderung, tatkräftigst an der „Union** mitzuarbeiten, geschlossen; sie nahm einen wirklich schönen Verlauf. Wahrheiten vom Tage j|| Literatur und Abstammung. Eigentlich sollte es heißen „Abstammung und Literatur", wenigstens in Hinblick auf einen Teil des deutschen „literarisch" interessierten Publikums, jenen Teil nämlich, der sich in erster Linie für die Ahnenreihe der Dichter und Schriftsteller interessiert und dann erst für ihre Werke. Aehnlich wie die materialistische Geschichtsauffassung eines Marx und anderer Sozialisten den — nebenbei gesagt — aussichtslosen Versuch unternimmt, das ganze geistige iund IkultuTelle Leben :der Völker einzig und allein a?s das Produkt der wirtschaftlichen Verhältnisse aufzuweisen, versucht es diese nicht weniger materialistische Literaturauffassung, die im Volke der „Dichter und Denker" immer weitere Kreise ergreift, bei jedem einzelnen Poeten nachzuweisen, daß er als Jude oder Arier nicht anders habe dichten, bzw. schreiben können. Schreibt er aber tatsächlich einmal „anders", dann will man sich das „Rätsel" damit erklären, daß man irgendeinen jüdischen oder arischen transzendenten „L i t e r a t u r g e i s t" annimmt, der den Geist der Literatur beeinflußt. Daß dies einem Manne, wie es der französische Dichter Claude F a r r e r e ist, unverständlich erscheint, daß er als Dichter und Denker eine solche Art der Literatufbetrachtung für ganz absurd hält, scheint nicht weiter verwunderlich. „Bei aller Verschiedenheit der Richtungen unter den französischen Schriftstellern", sagte er in einem Interview, das er gelegentlich seines Aufenthaltes in W i e n hatte, „erscheint für mich die Gemeinsamkeit entscheidend, daß sie Französen sind. Es fällt beispielsweise keinem vernünftigen Menschen in Paris ein, sich dafür zu interessieren, ob ein Schriftsteller Jude oder Christ ist. Ich habe viele persönliche Freunde, von denen ich nicht weiß, ob sie Juden oder Arier sind. Sie sind Franzosen und als Franzosen werden sie bei uns betrachtet." Es ist nicht uninteressant in diesem Zusammenhange darauf hinzuweisen, daß Claude Farrere bis zum Jahre 1919 Offizier war und daß seine militärische Laufbahn seinem Schaffen einen unverkennbaren Stempel aufgedrückt hat. Ist er daher auch im Gegensatze zu den Pazifisten Romain Rolland und Henry Barbusse in .gewissem Sinne französischer Nationalist, so steht er doch turmhoch über jene deutschen Nationalisten, die die Literatur- und Rassenforschung nicht voneinander zu trennen vermögen. Durch die antisemitische Brille gesehen. Der Volksbund der Bücherfreunde hat eine Neuausgäbe des Nibelungenliedes geschaffen und zwar nach dem Muster der mittelalterlichen sog. Hundeshagenschen Handschrift; diese, in der Preußischen Staatsbibliothek in Berlin auf bewährte kostbare Handschritt aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts ist die einzige der mittelalterlichen 'Nibelungenhandschriften, die BilderschmucK aufweist. Gerade diese Bilder werden in der Ausgabe des Volksverbandes der Bücherfreunde im Offsetverfahren photographisch getreu und in den Farben der Originale wiedergegeben. Jeder, der Sinn für Literatur und Kunst hat, wird dem Volksverband der Bücherfreunde für diese Herausgabe Dank und Anerkennung zollen. Nur „Die Völkische Schule", die Monatsschrift des „Bundes völkischer Lehrer Deutschlands" denkt anders. Dort steht zu lesen: „Die Figuren sind dermaßen lächerlich dargestellt, daß jedem Deutschen das Nibelungenlied verleidet werden könnte. Außerdem haben die meisten Hauptpersonen etwas sehr merkwürdige Nasen erhalten. So sieht Hagen, der ein großes Schlachtschwert, das einem Käsemesser ähnelt, in der rechten Hand hält, wie ein Judenjunge mit "Wasserkopf aus." Sehen wir ganz ab, welche Unwissenheit in Kunst und Literatur aus diesen Zeilen spricht, so bleibt die noch größere Blamage, daß hier der völkische Lehrer die abfällig beurteilt, die er sonst als sein Vorbild ausgibt: seine deutschen Vorfahren. Mittelalterliche Kunst richtig zü sehen, dazu gehört allerdings etwas anderes als die antisemitische Brille. Pazifismus und Antisemitismus. Auf der Generalversammlung der Deutschen F ri e d e n s g e s e Ilse haft in Mannheim wurde auf Antrag von Prol. Ueberle, des Vorsitzenden der Mannheimer Ortsgruppe und der Badischen Arbeitsgemeinschaft, die folgende Resolution beschlossen: „Die Generalversammlung der D. F. G. lenkt die Aufmerksamkeit der deutschen Oeffentlichkeit auf den vom internationalen Friedenskongreß in Genf einstimmig angenommenen Antrag, der gerade vom pazifistischen Standpunkt aus alle Pazifisten auffordert, den entschiedensten Kampf gegen den