Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 52 (17.12.1926)
- Date
- 1926-12-17
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 52 DIE WAHRHEIT Seite 9 f Veröffentlichungen III der j „Union deutschösterreichischer Juden4* Wien IX. Berggasse4 HI Postsparkassen - Konto " Nr. 9464 Telephon Nr. 19-2 77 „Innahme verweigert" und „Ungelegen zurück!" „Selig, wer sich vor der Welt Ohne Haß verschließt . . Goethe. Der von uns in Nr. 44 wiedergegebene Artikel der „Abwehr-Blätter" mit dem Briefwechsel zwischen dem Fregattenkapitän a. D. Walter Schnell in Schlachtensee und dem Vizeadmiral a. D. Dr. Karl G a 1 s t e r in Wiesbaden hat die weitestgehende Beachtung und Verbreitung in der deutschen Presse gefunden. Sogar die antisemitische Presse hat die glänzende und vortreffliche Zurechtweisung abgedruckt, die Herr Vizeadmiral Dr. Galster Herrn Schnell auf dessen ungehöriges Schreiben an ihn hat zuteil werden lassen. Herr Vizeadmiral Dr. Galster hat nun mitgeteilt, daß Herr Schnell die Annahme seines Briefes verweigert habe. Als die Septembernummer der „Abwehr-Blätter" fertig war, sandte deren Büro ein Exemplar an Herrn Schnell; dieser aber schickte es zurück mit dem stolzen Vermerk: „Ungelesen zurück, Schnell, Fregattenkapitän a. D." Dazu schreiben nun die „Abwehr-Blätter": Die Beurteilung dieser eigenartigen Handlungsweise dürfen wir getrost jedem einsichtigen und von antisemitischen Vorurteilen nicht befangenen Menschen überlassen. Sie erinnert uns an den Helden des Fritz Reuterschen Läuschens: „En Prozeß will hei riieh hewwen", einen mecklenburgischen Rittergutsbesitzer und Major a. D., der den Hauslehrer seiner Kinder zu Unrecht entlassen hat und von diesem verklagt wird. Dieser Gutsbesitzer schickt alle ihm zugehenden gerichtlichen Schreiben und Vorladungen usngelesen zurück mit dem Bemerken, daß ihn diese gar nichts angingen, da er ja keinen Prozeß haben wolle, und gibt dann im Kreise seiner Standesgenossen seiner höchsten Entrüstung darüber Ausdruck, daß das Gericht es wagen konnte, ihn zu verurteilen, trotzdem er keinen Prozeß haben wollte. Fürst Bismarck hat einmal halb im Scherz Goethe eine „Schneiiderseele" genannt, weil dieser die Verse gedichtet hatte: „Selig, wer sich der Welt ohne Haß verseht i e ß t. ..." (S. Bismarcks Gespräche, herausgegeben von Andreas I, 251.) Herr Schnell ist zwar nicht ohne Haß, denn er haßt ganz gewaltig die Juden und haßt auch den Onkel seiner Frau, den Vizeadmiral a. D., Dr. Galster, weil dieser sich als guter deutscher Patriot sogar aktiv an der Bekämpfung des Judenhasses beteiligt Dagegen übt Herr Schnell die Taktik des „Sich vor der Welt verschließen" in einer sehr weit über das für einen normalen Menschen zulässige Maß hinaus. Mochte er sich noch so sehr dagegen sträuben, vom Inhalt des Galsterschen Briefes an ihn Kenntnis zu nehmen, so konnte er diesem schließlich doch nicht entgehen, da ihn ja sogar deutschvölkische Blätter veröffentlicht haben. Und wenn Herr Schnell es abgelehnt hat, in unsere Zeitung auch nur einen Blick hinemzutun, so dürfen wir es ihm — ohne unbescheiden zu sein — sagen, daß er sich damit in seiner Eigenschaft als antisemitisch-deutschvölkischer Schriftsteller selbst sehr geschadet hat. Denn es war darin manches enthalten, was zu wissen gerade für ihn von großem Nutzen gewesen wäre. Wenn Herr Schnell beispielsweise den Artikel in der in Rede stehenden Nummer über den verstorbenen deutschvölkischen Agitator Hauptmann a. D. Müller von Hausen gelesen hätte, würde er dort gleich auf der zweiten Spalte die hübsche Geschichte gefunden haben, in der erzählt wird, wie Müller von Hausen uns durch die Heranziehung der vor 20 bis 30 Jahren in Oesterreich verbreiteten antisemitischen Schmähschrift „Ein Rabbiner über die Gojim" — ohne selbstverständlich die geringste Ahnung davon zu haben — den ersten sicheren Beweis dafür erbracht hat, daß die „Geheimnisse der Weisen von Zion" ein Fälscherwerk darstellen. Müller von Hausen hatte behauptet, daß der Verfasser, ein Rabbiner, „an den Sitzungen der Weisen von Zion teilgenommen oder ihre Berichte gekannt hat"; wir haben demgegenüber den durch nichts zu erschütternden Beweis erbracht, daß der Verfasser selbstverständlich kein Rabbiner gewesen sein kann, sondern daß die Schmähschrift von einem üblen antisemitischen Fälscher fast Wort für Wort dem Kapitel „Auf dem Judenkirchhof in Prag" des fast 60 Jahre alten Goedschcschen Schundromaues „Biarritz" entnommen und böswillig einem Rabbiner zugeschrieben worden ist. Dieses Pamphlet ist im Jahre 1901 von dem jungtschechisch-antisemitischen Abgeordneten Breznowsky im österreichischen Reichsrat verlesen worden und fand somit in das amtliche stenographische Protokoll der betreffenden Reichstagsitzung Aufnahme. Seitdem konnte man unzähligemale in der antisemitischen Hetoliteratur der Behauptung begegnen, ein Rabbiner habe „laut den amtlichen Sitzungsprotokollen des österreichischen Reichsrates" das und das gesagt. Und dann folgte ein Zitat, das man auch stets in dem angeführten Kapitel des Goedscheschen Schundromanes „Biarritz" wiederfinden konnte. So hat denn auch Herr Fregattenkapitän a. D. Schnell am 20. August d. J. hn „Deutschen Tageblatt" der Herren Wulle und von Graefe einen antisemitischen Leitartikel „Der Fall Haas und die jüdische Moral" veröffentlicht, der in Wirklichkeit nichts anderes ist als eine Zusammenstoppelung aller möglichen antisemitischen Zitate. Das hauptsächlichste davon lautet: „Dem Abgeordnetenhaus des österreichischen Reichsrats hatte seinerzeit eine Broschüre eines Rabbiners (!) vorgelegen, die Anhß zu den heftigsten Debatten gab. Der Inhalt dieser Broschüre, die der. Rassegenossen in knappster Form Anweisungen zur Zerstörung des Wirtsvolkes gibt, fst abgedruckt in den „Stenographischen Protokollen", 17. Session, Bd. 2. Seite 12S2 ff. Darin steht unter anderem .... (Hier folgt nun ein 43 Druckzeilen langes Zitat, das man nach dem, was oben ausgeführt wurde, selbstverständlich auch in dem Goedscheschen Schundroman wiederfindet.) Nachdem wir das Pamphlet „Ein Rabbiner über die Gojim" als Fälscherwerk entlarvt und nachdem Müller von Hausen seinen grandiosen Reinfail damit erlebt hat, haben die Herren Fritsch, Graf Reventlow, Alfred Roth usw. die Lust an diesem „Rabbiner" verloren, den sie vorher so gern mit der stolzen Zitierung der amtlichen Sitzungsprotokolle des österreichischen Reichsrats anzuführen pflegten. Es ist bei der keineswegs angenehmen Arbeit, den Quellen der antisemitischen Fälschungen nachzugehen, eine kleine Genugtuung für uns, daß wir die Zitatenlust dieser Herren ein wenig eingedämmt und sie zu größerer Vorsicht veranlaßt haben. Ein Neuling auf diesem Gebiete wie der Fregattenkapitän a. D. Schnell fällt aber, wie dessen Artikel im „Deutchen Tageblatt" zeigt, auf den „Rabbiner" und die „amtlichen Sitzungsprotokolle" jetzt wieder hinein. Herr Schnell wird daher in seinem eigenen Interesse gut tun, ab und zu einen kleinen Blick in unsere „Abwehr-Blätter" zu werfen. Es würde ihm dies sicherlich manche weitere böse Bloßstellung ersparen. Aus seiner früheren Tätigkeit als Offizier weiß er doch, wie wichtig es ist, über Maßnahmen seines Gegners unterrichtet zu sein. Wie würde er über einen Offizier urteilen, der wichtige Mitteilungen über Stellung" und Bewegungen des Gegners zurückweisen wollte? In der antisemitisch-deutschvölkischen Schriftsteilerei ist es aber doch wohl anders. Da darf man sich nur, um wieder einmal das .Urteil der „Alldeutschen Blätter" über den verstorbenen Hauptmann a. D. Müller von Hausen zu zitieren, von „Einseitigkeit, Voreingenommenheit, urteilsloser Hingabe an ungeprüfte Redereien und von Monomanie" leiten lassen. Und noch eins. Das Pamphlet „Ein Rabbiner über die Gojm' stimmt nicht ganz wörtlich, aber stets dem Sinne nach mit dem angeführten Goedsche-Kapitel überein. Das ist wohl nur damit zu erklären, daß der antisemitische Jungtscheche Breznowsky es aus dem Tschechischen ins Deutsche übersetzt hat, ehe er