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Die Wahrheit · 1926-12-17 · Heft 52 (17.12.1926) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 52 (17.12.1926)
Date
1926-12-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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denverfolgungen zugeschrieben werden, die in Bulgarien täglich vor sich gehen. Die Oeffentlichkeit der ganzen Welt muß mit Nachdruck aufmerksam gemacht werden, damit hauptsächlich die Juden Amerikas und anderer Länder, die in politischer Hinsicht etwas gegen diese Scheußlichkeiten unternehmen können, den bulgarischen Antisemiten das Handwerk legen. Denn die Juden Bulgariens, die eine kleine Minorität im Lande bilden und keine legale Repräsentation im Reiche besitzen, die die öffentliche Meinung über die wüsten antisemitischen Hetzen orientieren könnte, sind allen Angriffen gegenüber wehrlos; auch besitzen sie keine Presse, um die gegen sie ausgeübten Grausamkeiten zu veröffentlichen oder einen flammenden Protest gegen die unmenschlichen Verfolgungen vor der Welt zu erheben. Dagegen wird seitens der faschistischen Regierung jede Bekanntgabe von Judenverfolgungen unterdrückt und die Zensur wacht darüber, daß das Ausland von diesen Geschehnissen nichts erfährt. Bis vor zwei Jahren war in Bulgarien der Antisemitismus vollständig unbekannt, und die Juden waren dort wirtschaftlich und politisch den anderen gleichgestellt. Jedoch nachdem Zankoff und Ljaptschew vor 2 Jahren die Regierung übernommen haben und dem Antisemitismus freien Lauf ließen, entstand in Bulgarien der Antisemitismus in seiner fürchterlichsten Form, der sich sowohl auf politischem wie auf wirtschaftlichem Gebiete auswirkte, der ohne Grund und Ursache Juden verfolgt und mordet. Unter dem Banner der Faschistenvereinigung „Rodna Saschtschita" Vaterlandsverteidiger, marschieren in ganz Bulgarien, in den Städten sowie in den Dörfern, unter der Führung hoher Militärs Banden von bewaffneten Offizieren (40 bis 50 Mann), die sich die Aufgabe gestellt haben, das Vaterland zu verteidigen; sie morden und plündern die Juden des Landes. Dr. Alfassow, der im gesellschaftlichen Leben Bulgariens eine große Rolle spielt, hält sich gegenwärtig im Auslande auf, um verschiedene Länder aufzusuchen, in denen ei über die verzweifelte Lage und die grausamen Verfolgungen, die die Juden Bulgariens zu erleiden haben, berichtet. Er schildert besonders die Tätigkeit der Antisemiten, die untei dem Banner „Vaterlandsverteidiger" marschieren und sich In den letzten Jahren wie eine verheerende Pest über das ganze Land ausbreiten. Sie können mit ihren Greueltaten mit Bestimmtheit die Horthy-Antisemiten Ungarns sowie die antisemitischen Bestien Rumäniens in den Hintergrund drängen, so daß sie jetzt in Europa die Krone des Antisemitismus tragen. Dr. Alfassow, der sich gegenwärtig in Amerika aufhält, schildert fast mit Tränen in den Augen die schauderhaften Erlebnisse der bulgarischen Juden, die sie durch den Antisemitismus zu ertragen haben. Unter anderem erzählte er von einem jüdischen Kaufmann, der in seiner eigenen Wohnungsvor den Augen seiner schwangeren Frau von der bulgarischen Soldateska erschossen wurde. Der erschossene Jude hat lange Jähre einen großen Tabakhandel in Bulgarien betrieben und da er der liberalen Bauernpartei Stambulinskys nahestand, wurde plötzlich ohne Anklage und ohne Grund von einer bewaffneten Offiziersbande der „Rodna Saschtischita" sein Haus belagert, und er wurde verhaftet. Im Gefängnis wurde er mit den brutalsten Mitteln gefoltert. Nach einigen Wochen wurde er angeblich befreit und mit seiner schwangeren Frau zusammengebracht, und als er bei sich zu Hause war, haben ihn die Bestien dort erschossen. Dasselbe schildert er auchüber den bekannten jüdisch-liberalen Arzt Levy aus Stara Sagara, der ohne Grund von den „Vaterlandsverteidigern" .verhaftet und in derselben Nacht von „unbekannter Hand" durch die Gitter seiner Gefängniszelle erschossen wurde. Solche und ähnliche Grausamkeiten, so erzählt Dr. Alfassow, geschehen unzählige in der letzten Zeit. Außerdem vergeht kein Tag, an dem man unschuldige Juden nicht attackiert und mit den brutalsten Mitteln verfolgt. Die bulgarischen Mörder haben es bei den bestialischen Antisemiten Polens gelernt, und in den Eisen- und Straßenbahnen wird jeder angetroffene Jude mörderisch geschlagen und sogar sehr oft aus dem Fenster des fahrenden Zuges geworfen. In der letzten Zeit hat die jüdische Gemeinde in Seweljewo eine Gedächtnisfeier zum Andenken an die jüdischen Soldaten, die im letzten Kriege gefallen sind, veranstaltet. Als die bulgarischen Vaterlandsverteidiger das erfuhren, überfielen sie die jüdischen Gemeindemitglieder, die sich auf dem Friedhofe befanden, mit Gewehren und Knüppeln. Sie haben auch den dort anwesenden, ehrwürdigen spaniolischen Rabbiner schwer mißhandelt. Wie weit der brutale Antisemitismus fortgeschritten ist, davon zeugen die Plakate, die in den Hauptstraßen von Sofia und anderen Städten verbreitet sind und erklären, daß den Juden das Betreten dieser Straßen verboten ist. Die Juden dürfen sich nur in den kleinen schmutzigen Hintergäßchen bewegen. Fast täglich kann man es erleben, daß ein „Kommandant" der „Vaterlandsverteidiger", begleitet von einer Horde Jungens, jüdische Passanten, die in den Hauptstraßen gesehen werden, mißhandelt und schlägt. Sie werden erst befreit, wenn sie das neue „Ghetto", das die bulgarischen Antisemiten für die Juden auserkoren haben, erreicht habert .... Die bulgarische Polizei, die täglich diese Bilder der Grausamkeit vor Augen hat und unter der Führung des Innenministers Ljaptschew steht, bleibt diesen Ungerechtigkeiten gegenüber vollständig gleichgültig, so daß man ruhig behaupten kann, daß diese Mißhandlungen und Verfolgungen der Juden auf Befehl dieses Brutus Ljaptschew ausgeführt werden. In der letzten Zeit hat die Tätigkeit der „Vaterlandsverteidiger" große „Fortschritte" gemacht. Ihre Tätigkeit begrenzt sich nicht nur auf politisches und physisches Gebiet, sondern sie haben im ganzen Lande einen ökonomischen Boykott gegen die Juden Bulgariens organisiert und bleiben bemüht, die Juden wirtschaftlich zu ruinieren. Selbstverständlich haben sie dies nicht nur in der Theorie geschaffen, sondern sie arbeiten mit aller Energie, um die Juden aus ihren wirtschaftlichen Positionen herauszudrängen. Dieselben bewaffneten Offiziere, die die Juden körperlich mißhandeln, promenieren in voller Kriegsausrüstung vor den jüdischen Geschäften und treiben die christlichen Kunden mit Gewalt aus den jüdischen Läden. Dieser Bericht zeigt deutlich, daß die bulgarischen antisemitischen Mörder bei ihren polnischen und rumänisch-ungarischen antisemitischen Vorläufern viel gelernt haben, da sie die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Judenpogrome in Bulgarien systematisch organisiert haben, so daß die bulgarischen Juden eine schwere Zeit durch diesengrausamen Verfolger durchmachen müssen und ihnen noch schwerere Katastrophen bevorstehen. Deshalb ist es eine dringende Pflicht der jüdischen Oeffentlichkeit, alle Mittel anzuwenden, um die Juden Bulgariens vor der Ausrottung zu schützen. Glossen. Der ehemalige österreichische Finanzminister, Dr. Ahr er, der den österreichschen Steuerzahlern im allgemeinen und der christlichsozialen Partei im besonderen so tiefe Wunden geschlagen, hat durch seine Antwortdepeschen, daß er an keine Heimkehr denke, bewiesen, daß er nicht undankbar für die Schonung ist, die ihm von gewisser Seite so lange zuteil wurde. Dr. Ahrer will für alles, was er getan, Rede und Antwort stehen, aber nicht sitzen, und zwar vor dem österreichischen Konsul in Brasilien, aber nicht vor der Untersuchungskommission in Wien, wo ein Kluger mehr fragen kann, als zehn noch so Geriebene beantworten können. Uebrigens macht Dr. Ahrer kein Geheimnis daraus, daß er es für höchst überflüssig halte, die mühselige und kostspielige Fahrt nach Wien anzutreten, um hier die Gründe seiner Abreise mitzuteilen. Er meint, der Gebildete sei bekanntlich neugierig und die Neugierigen hätten sich ohnehin schon ihr Urteil über die ganze Angelegenheit gebildet. * * * Die „Reichspost" erinnerte neulich wieder daran, daß der Papst in einer Enunziation zu Ehren des Pater Calet erklärte, dieser Priester sei ein moderner Diener Gottes gewesen, denn er habe sich der modernsten Mittel, die heute Lebensfaktoren sind, wie das Buch und die Presse bedient. „Wenn — so schloß der Papst — der heilige Paulus heute leben würde, wäre er Journalist geworden, denn er, der so viele Briefe an die Völker gerichtet hat, hätte zur Propaganda seiner Ideen sich gewiß der Presse bedient." Wie unbesonnen von der „Reichspost", diese Aeußerung des Papstes ihren Lesern ins Gedächtnis

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