Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 52 (17.12.1926)
- Date
- 1926-12-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Nr. 52 ihr geraten, „sich seinen „Jünglingen" (Schnitter) anzuschließen," was der Wahrheit gar nicht entsprach und was Noemi sich beeilte, gleich richtigzustellen: „Es ist besser, meine Tochter, wenn du mit seinen Mädchen ausgehest" (das 21, 22). Hier liegt offenbar ein Versprechen vot (also eine Fehihandlung, wie es Freud nennt) und man erkennt die geheimsten Gedanken des Unterbewußtseins. Populär ausgedrückt: Ruth war eine Moabiterin, überdies ein junges Weib, das mit dem Leben durchaus nicht abgeschlossen hatte. Es ist demnach gar kein Wunder, daß sie m e h r an die Jünglinge als an die Mädchen denkt, wenn sie auch diesen Gedanken vor ihrer Schwiegermutter „zurückzudrängen", d. h. zu verbergen sucht. Nun hat sie sich plötzlich versprochen und man erfährt so ihre geheimsten Gedanken: den Willen, angenehme Erinnerungen herbeizurufen. Oedanken über die Stellung des Nichtjuden zum Antisemitismus. Die Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus ist mehr als nur eine Lebensfrage des Judentums. Es handelt sich liier um eine Bewegung, die wie ein Krankheitskeim im Organismus der Völker fressen wird, bis es nicht gelingt, irgendwie auf eine vernünftige Art mit ihr fertig zu werden. Es wäre viel gewonnen, wenn man endlich' eingesehen hätte, daß nicht der internationale Jude ein Weltproblem darstellt, wohl aber die internationale Haß- und Verleumdungsquelle gegen ihn. Und dieses Problem tritt an jeden Renschen heran, dem das weitere Schicksal der Menschheit nicht ganz gleichgültig ist. Der nicht völkisch eingestellte Nichtjude darf hier nicht interesselos beiseitestehen, es genügt auch nicht gefühlsmäßige Ablehnung der antisemitischen Propaganda aus Anständigkeits¬ oder Menschlichkeitsgründen, womit man sich leider meist begnügt, hier ist aktive Stellungnahme dringend erforderlich. Um wirksam in den Kampf eingreifen zu können, muß man den Gegner verstehen, erst dann kann man auch einen Begriff von dem Umfang seiner Machtpositionen bekommen. Ueber das Erstarken des Antisemitismus in der Nachkriegszeit in allen Ländern ist ja genügend reflektiert! worden und die Erscheinung bietet manches Lehrreiche. Die im Gefolge der allgemeinen wirtschaftlichen Not überall aufkommende revolutionäre Massenstimmung bedrohte aufs stärkste den Bestand der nationalistischen Geistesrichtung. Das übliche Mittel, die Gefahr auf den „äußeren Feind" abzuleiten, kam nicht in Frage, und so blieb als bequemer Sündenbock, wie oft schon in der Geschichte — der Jude. Auf diese Weise wurden dann allerlei atavistische, im Unterbewußtsein dunkel ruhende Triebe von h Stammes- und Fremdenhaß künstlich aufgeweckt — der kulturelle Ueberzug erwies sich dabei auch in gebÜdeten Kreisen als recht dünn — und die öffentliche Meinung war fabriziert. Eins muß man jedoch immer berücksichtigen: etwas anderes sind die U r h e b e r einer Bewegung, etwas anderes ihre Anhänger. Ich habe völkisch eingestellte junge Menschen kennen gelernt, die mit schwärmerischer Begeisterung von dem einigen, freien Volksstaat sprachen, der nach der Vertreibung der Juden beginnen würde. An ihrem ehrlichen Idealismus war häufig nicht zu zweifeln. Und so sehr man auch über diese irregeleitete Begeisterung betrübt sein mag, so darf man doch anderseits dabei nicht verkennen, daß hier ein echtes Wollen und ein wirkliches Bedürfnis vorliegt, bei dem eben der Antisemitismus nur die äußere und schlecht passende Hülle ist. Und diese darunter verborgene Tendenz muß berücksichtigt werden. Die Sehnsucht nach einem neuen Gemeinschaftsleben ist erwacht und es wird dem nationalen Chauvinismus nicht gelingen, sie wieder zu töten. Aber es ist die Tragik daran, daß ihre Verwirklichung den Weg über den Haß, den Rassenhaß zu gehen sich anschickt. Der beste aller im Menschen je erwachten Triebe droht an einem yon verbrecherischer Seite künstlich erzeugten Irrtum zugrundezugehen. Das ist der Grund, warum jeder, ob Jude oder nicht, der die Gefahr erkennt, die Pflicht hat, dem nach Kräften Einhalt zu tun. Doch negative Bekämpfung tut es allein auch hier nicht, man muß positiv entgegenbauen. Der Jude darf sichre verärgert abseits stellen, was ja so verständlich wäre, er muß immer und immer wieder durch die Tat zeigen, daß nicht er der Störer des Gemeinschaftslebens ist, als den man ihn zu stempeln versucht. Er ist durch seine besondere historische Entwicklung gerade befähigt, als Bindemittel innerhalb der Gesellschaft zu dienen. Dazu gehört aber nicht übertriebene Betonung der eigenen Besonderheit, wie sie wohl der Zionismus, wenn auch vielleicht ohne klare Absicht herbeiführt, sondern kluge Assimilation, die nichts mit Verzicht auf wertvolle Eigenart zu tun hat. So lediglich kann sich eine leistungsfähige Front aus Juden und Nichtjuden gegen den Antisemitismus bilden, und so können seine viele irregeführten ideal gesinnten Mitläufer von ihm getrennt und zu wahrhaften Mitarbeitern am Aufbau des ersehnten Gemeinschaftslebens gemacht werden. Die historische Verantwortung der heute lebenden Juden ist unermeßlich. Es wäre ein Unglück für die Menschheit, wenn sie in rein negativem Kampfe gegen die Antisemiten ihre größte Aufgabe übersehen würden. Sie dürfen ihre Kräfte nicht verbrauchen in diesen widerlichen Plänkeleien; sie müssen dabei einen Rückhalt haben an ihren übrigen nichtvölkischen Volksgenossen; und inwieweit dieser ihnen zuteil wird, hängt wieder davon ab, in welchem Maße sie ihrer anderen Aufgabe gewachsen sein werden. _ Z—ch. Das Wüten des Antisemitismus in Bulgarien. Von L. Wolff. Der Aera Zankoff-Ljaptschew, die durch ihre blutige Terrorherrschaft in Bulgarien Tausende von Menschenmorden auf dem Gewissen hat, so daß die Liga für Menschenrechte in Sofia sich gezwungen sah, diese Grausamkeiten vor der ganzen Welt kundzutun, müssen auch die fürchterlichen Ju-