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Die Wahrheit · 1926-12-17 · Heft 52 (17.12.1926) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 52 (17.12.1926)
Date
1926-12-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 52 Bin WAHRHEIT Seite 5 * Schwager (Linz), Dr. Sonnenwald (Graz), Braun (Baden), Löwy (Salzburg), Stößl (Klagenfurt), Barth (Waidhofen a. d. Thaya) und ein noch zu nominierender Herr aus Innsbruck. Sitz des Verbandes ist der Wohnsitz des Präsidenten Baumeister Winkler in Groß-Enzersdorf. Der Verband beschloß, in einem Memorandum auf die Wiener Kultusgemeinde einzuwirken, damit diese ihren Ablehnungsbeschluß reassumiere, und hat den neuen Vorstand mit der Führung dieser Verhandlungen betraut. Die Psychoanalyse in der Bibel. Von Dr. Felix Kanter, Zwittau. v or kurzem feierte der Begründer der Psychoanalyse Prof. Dr. Siegmund Freud, mein ehemaliger Landsmann — Freud ist nämlich in M ä hr e n geboren — seinen 70. Geburtstag. Das von ihm neu entdeckte wissenschaftliche Gebiet hat das seltene Glück, populär und gesellschaftsfähig zu sein, was nicht bei jeder wissenschaftlichen Erfindung oder Entdeckung der Fall ist. Von der Psychoanalyse wird heute jedenfalls viel gesprochen, und namentlich die Freudsche Lehre vom „Unterbewußt s e i n" ist geradezu zum Schlagwort geworden. Das Wirken des Unbewußten erscheint nach Freud deutlich und sichtbar genug bei Feh 1handlungen, d. h. bei Versprechen, Verschreiben, Verlieren, Vergessen usw. Freud hält es nicht für zufällig oder bedeutungslos, wenn ein Mensch einen Namen, ein Wort oder einen Gegenstand vergißt oder wenn einem manchmal ein Wort nicht einfallen will. Vergißt einer den Namen einer bestimmten Straße, so befindet sich in dieser Straße vielleicht irgendein Laden, irgendeine Wohnung, an die er im geheimen nicht erinnert zu werden wünscht, oder der bloße Straßenname hat eine peinliche Bedeutung (die Schmidtstraße erinnert etwa an Herrn Schmidt, dem man Geld schuldig ist oder mit dem man einmal einen unangenehmen Auftritt hatte). In diesem Falle kann man nicht, wie der Ausdruck lautet, „auf den Namen kommen". Freud meint also, daß ein uns unbewußter Wille unangenehme Erinnerungen von uns abhält, angenehme Erinnerungen hingegen herbeiruft usw. Die beste Bestätigung dieser Theorie befindet sich — in der Bibel. Von den zahlreichen Beispielen, die mit Leichtigkeit als Belege angeführt werden können, seien hier nur einige zitiert: Die Söhne Jakobs erwähnen grundsätzlich den Namen des von ihnen gehaßten und verkauften Bruders Josef nicht (mit Ausnahme von zwei Stellen, von denen noch die Rede sein wird). Sie sprechen immer vom ,;Träumer", „Bruder", „dem Jüngling" und (zum Vater) von seinem „Sohne". Nie und nirgends kommt der Name Josef über ihre Lippen. Man beachte genau folgende Stelle in der Heiligen Schrift (1. B. M. Kap. 37, 32): „Und sie schickten den bunten Rock und brachten ihn ihrem Vater und sprachen: Dies haben wir gefunden; erkenne doch, ob es der Rock deines Sohnes ist oder nicht. Er erkannte ihn und sprach: Der Rock meines Sohnes! Ein wildes Tier hat ihn gefressen! Zerrissen ist Josef.'1 Hier tritt der feine psychologische Unterschied klar und deutlich hervor: Die Brüder erwähnen den Namen Josefs überhaupt nicht, sie sprechen nicht einmal von ihrem Bruder; Jakob, der Vater, allein spricht von Josef. Und so kommt der Name Josefs überhaupt nicht über die Lippen seiner Brüder. Erst, als Josef sich ihnen zu erkennen gibt, sprechen sie zum erstenmal seinen Namen aus. „Sie verkündeten ihrem Vater: Josef lebt noch!" (Das Kap. 45, 26). Der unbewußte Wille, um mit Freud zu sprechen, unangenehme Erinnerungen fernzuhalten, hielt die Brüder davon ab, den Namen ihres Bruders, an den sich für sie viele unangenehme Erinnerungen knüpften, zu gebrauchen. Nach der Erkennungs¬ und Versöhnungsszene lag für sie kein Grund vor, seinen Namen nicht frei und offen auszusprechen. (Vgl. auch Kap. 50, 15—16, wo die Brüder zum zweitenmal von Josef sprechen — aus demselben Grunde.) Noch klarer und schärfer tritt dieser psychologische Vorgang hervor im Konflikte zwischen Saul und David. Saul nennt David beim Namen (Samuel 1, Kap. 16, 22 und Kap. 18, 8), ebenso sein Sohn Jonathan, dem David besonders zugetan ist. Nun beginnt Saul David zu hassen und ihn mit seinem Hasse zu verfolgen. Von diesem Moment an nennt er ihnnicht mehr bei seinem Namen und bedient sich stets der Umschreibung „S o h n I s a i s." (Vgl. das Kap. 20, 27, 30, 31 u. v. andere Stellen.) Der Name „David" existiert einfach nicht mehr für ihn; er ist aus seinem Bewußtsein verdrängt. Nur zweimal noch hören wir Saul David beim Namen nennen: In Engedi (Kap. 24, 17) und auf dem Hügel Chawila in der Wüste (Kap. 26, t7 und 21). Hier nennt er ihn konstant „meinen Sohn David"; in diesen beiden Fällen war er von der Großmut Davids überzeugt. Der Haß gegen ihn war gewichen und der unbewußte Wille, unangenehme Erinnerungen — hier also den Namen des Feindes - zu verdrängen, trat vollständig zurück. David spricht wiederholt von Saul, er scheut sich niemals, diesen Namen auszusprechen, und sucht ihn niemals zu umschreiben — er ist eben Saul nicht feindlich gesinnt. Nur einmal gebraucht er den Ausdruck „Sohn Jeminis" für Saul (Samuel 2, Kap. 16, 11). David wird da von seinem eigenen Sohn Absalom, der ihm nach dem Leben trachtet, verfolgt. Er ist inzwischen älter geworden und hat auch vieles erlebt und erlitten. Auf seiner Flucht vor seinem Sohne stellt sich ihm ein Abkömmling des Hauses Saul entgegen, Simi ben Gera, beschimpft ihn in niederträchtiger Weise und bewirft ihn mit Steinen. Diesmal gebraucht David den Namen Saul nicht mehr; in dieser Situation kann er nicht mehr auf diesen Namen kommen und gebraucht daher den Ausdruck „Sohn Jeminis". Aber auch für den unbewußten Willen, angenehme Erinnerungen herbeizurufen, finden wir in der Heiligen Schrift Belege. Ruth, die Moabiterin, sammelt Aehren auf dem Felde. Sie macht auf Boas einen guten Eindruck, zumal als er erfährt, wie edel sie sich gegen ihre Schwiegermutter benahm. Er ersucht sie ausdrücklich, kein anderes Feld mehr aufzusuchen, und gibt ihr den wohlmeinenden Rat, „sich seinen Mädchen (Schnitterinnen) anzuschließen". (Ruth, Kap. 2, 8.) Dies alles berichtet Ruth ihrer Schwiegermutter wortgetreu — nur mit einer kleinen, aber sehr bezeichnenden Abweichung: Sie erzählt, Boas habe *»

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