Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 52 (17.12.1926)
- Date
- 1926-12-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3063973-3064021--15066-3082660- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Parteirichtung angehörigen Mitglieder der Mehrheit des Wiener Kuitusvorstandes werden immer, das Wort unserer Vorfahren zur Richtschnur ihres Handelns machen, daß alle Juden Brüder sind. Sonntag, den 12. d. M. fand im Roten Saale des Hotel Continental die erste Verbandsversammlung des Veibandes der israelitischen Kultusgemeinden im Bundesstaate Oesterreich statt. An der Versammlung, die der Einberuier Baumeister Wink 1 er aus Groß-Enzersdorf leitete, nahmen Vertreter vieler österreichischen Provinzgemeinden teil, nicht vertreten waren die sieben orthodoxen bürgenländischen Gemeinden, ferner waren von Neunkirchen, Oberhollabrunn, St. Pölten, Steyr und Güssing keine Vertreter erschienen. Für die Kultusgemeinde W i e n, deren ablehnende Haltung in bezug auf den Beitritt zum Verbaride oben eingehend begründet wird, war das gesamte Präsidium, nämlich die Herren Präsident Professor Dr. A. Pick, die Vizepräsidenten Dr. J. Ornstein und Dr. J. Löwenherz erschienen. Auffallend war die Beteiligung zionistischer und sozialdemokratischer Kultusvorsteher, während von den Vertretern der Mehrheitspartei, die wohl von den Einberufern absichtlich nicht eingeladen wurden, niemand erschienen war. Herr Baumeister Winkler eröffnete die Versammlung mit Worten der Begrüßung an alle Anwesende, insbesondere die Vertreter der Gemeinde Wien. Präsident Prof. Dr. A. P i c k wünschte namens der Wiener Kultusgemeinde den Beratungen der Versammlung guten Erfolg und bedauerte, daß diese nicht, wie ursprünglich geplant, im Sitzungssaale der Kultusgemeinde stattfinde. Er betonte, daß die Gründe, die die Wiener Kultusgemeinde zu ihrer Ablehnung, dem Verband beizutreten, geführt hätten, lediglich in den vorgelegten Statuten des Verbandes gelegen seien, die es der Wiener Großgemeinde nicht gestatten, eine Bindung mit den kleineren Gemeinden, deren Verhältnisse ganz anders geartet sind, einzugehen. Eine Gegnerschaft dürfe sich aus ihrer Ablehnung nicht ableiten lassen, im Gegenteil, sie werde stets bestrebt sein, mit den anderen Gemeinden in eifriger Arbeit zusammenzugehen und deren Wünsche immer zu berücksichtigen. Vizepräsident Dr. J. O r n s t e i n begründete eingehend die wichtigen Motive, die für den abgelehnten Beitritt maßgebend waren, und betonte ebenfalls vor allem, daß diese Stellungnahme keine gegensätzliche Tendenz gegen die Provinzgemeinden beinhalte, sondern die Wiener Gemeinde vielmehr mit allen ihren Kräften an dem Gedeihen der Provinzgemeinden wie bisher Anteü nehmen werde. Wir haben uns vielmehr nur von den vorgelegten Statuten des Verbandes bei unserer Ablehnung bestimmen lassen, die solche Zwecke und Ziele dem Verbände als erstrebenswert hinstellen, die in der Wiener Gemeinde bereits seit langer Zeit sich durchgerungen und in ihrer Arbeit und ihren Bestrebungen eine Stätte gefunden haben. Wenn wir also derzeit gegen den formalen Zusammenschluß mit den kleineren Gemeinden sind, so liegt dies in den ganz anders gearteten Verhältnissen der Wiener Großgemeinde, die die überwiegende Majorität der österreichischen Judenschaft umfaßt. Die Ablehnung des formalen Zusammenschlusses soll aber nicht die Verweigerung einer Zusammenarbeit bedingen, die bei uns stets getätigt wurde und auch weiterhin beobachtet werden würde. Die Wiener Großgemeinde stellt selbst in ihrem Bereiche einen umfassenden Zusammenschluß der Mehrzahl der österreichischen Juden, vertreten durch die verschiedensten Parteien, dar und deren eigenartige Verhältnisse In bezug auf Einrichtung, Verfassung usw. können nicht durch ein Zusammengehen mit Vertretern anders gearteter Gemeinden beeinflußt werden. Wir müssen vielmehr in allen diesen Belangen vollkommen selbständig bleiben, und deshalb schien es der. Mehrheit des Kultusvorstandes besser, diese Unabhängigkeit vorläufig auch weiterhin zu bewahren. Diese ihre Ansicht, betonte der Redner wiederholt, sei keine gegensätzliche Auffassung gegenüber den Provinzgemeinden, wir werden diesen auch weiterhin zur Verfügung stehen, alle ihre gerechtfertigten Wünsche berücksichtigen und ihnen unsere Unterstützung nicht versagen, wo es eine Gefahr abzuwenden gilt, so wie unsere Gemeinde als erste und kräftigste Oesterreichs für die kleineren und schwächeren bisher eingestanden ist -Auch weiterhin wird uns die Einigkeit, unbeschwert von formalen Bildungen, stets als Leitstern bei unseren Bestrebungen bestimmen und so oft sich der Verband selbst an unser« Gemeinde wenden wird, werden wir ihm unsere tatkräftigste Unterstützung auch in Zukunft angedeihen lassen. Oberbau^at Stricker bedauerte namens der zionistischen Vertreter der Wiener Kultusgemeinde deren Beschluß, der in den statutarischen Majoritätsverhältnissen seine Begründung finde, betonte aber, daß in Fragen der jüdischen Solidarität keine Statuten existieren und daß deshalb die Frage des Zusammengehens mit den kleinen gefährdeten Provinzgemeinden nicht von der Tagesordnung verschwinden würde. Während Obeibaurat Stricker in immerhin gemäßigter Weise die Ablehnung kritisierte, glaubte Dr. Bader den anwesenden Provinzvertretern die überragende Tätigkeit seines Verbandes in dei Kultusgemeinde dadurch dokumentieren zu müssen, daß er in aggressivster Weise den Beschluß der Kultusgemeinde wiederholt als eine Schmach für dieselbe bezeichnete, weil diese in einer Zeit, - da sich alles „organisiert", eine Organisation der österreichischen Kultusgemeinden abgelehnt hätte. Mit Emphase teilte er vollkommen unrichtige Gründe mit, die die Majorität bei" ihrem Verhalten in der nichtöffentlichen Sitzung des Kultusvorstandes angeblich bestimmt hätten, und griff schließlich gar jtioch die „Union" an. weil seiner Ansicht nach an dieser die Einigungsbestrebungen gescheitert wären. Da, wie oben gesagt, kein Vertreter der Mehrheitspartei anwesend war, ergriff Dr. Ornstein nochmals das Wort, um in energischer Weise den Behauptungen seines Vorredners bezüglich der „Union" entgegenzutreten und die Märchen über dieselbe zu widerlegen. Die „Union" hat sich mit der Angelegenheit, betonte Dr. Ornstein, bisher überhaupt nicht befaßt und wer trotzdem etwas derartiges über sie behauptet, kennt die tatsächliche Situation nicht oder will sie nicht kennen. Lediglich der Klub der Mehrheit hat gegen den Zusammenschluß Stellung genommen, während die „Union", was Dr.Ornstein als deren Präsident ausdrücklich erklärte/die Angelegenheit bisher nicht behandelt hat. Was Oberbaurat Stricker bezüglich der jüdischen Einigkeit gesagt habe, dafür tritt die „Union", deren vierzigjährige Geschichte älter ist als die des Verbandes für soziale Tätigkeit in der Kultusgemeinde, ebenfalls ein, sie ist stets unentwegt in Bekundung jüdischer Solidarität für alle Glaubensgenossen eingestanden und mit dieser ihrer Tendenz hat die aus formalen Gründen erfolgte Ablehnung durch die Mehrheitspartei nichts zu tun. Die Worte Dr. Ornsteins machten sichtlichen Eindruck auf die Versammlung, so daß deren Vorsitzender die Debatte über diesen Gegenstand schloß. Baumeister Winkler gab hierauf einen sehr instruktiven historischen Ueberblick seit der im Jahre 1908 erioigten ersten Verhandlung mit dem Wiener Kultuspräsidenten H. Stern a. A. bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt. Unter dem Ehrenvorsitz des Präsidenten der L i n z e r Kultusgemeinde Herrn B. Schwager, wurden die Wahlen für diese Versammlung vorgenommen, aus denen Herr Baumeister Wink 1 e r als Vorsitzender und Herr Wozasek aus Amstetten als Schriftführer hervorgingen. Herr Doktor Schmitz aus Mistelbach und Herr Ehrenfest für T u 11 n und Klosterneuburg gaben übereinstimmende Erklärungen ab, wonach Ihre Gemeinden vorderhand in den Verband nicht eintreten könnten, da sie von der großen Wiener Nachbargemeinde zu sehr abhängig seien und ein Nichtübereinstimmen mit dieser bei der bestehenden engen Relation große Gefahren für ihre Gemeinden beinhalten würde. Die Statutenberatung, die hierauf begonnen wurde, gestaltete sich sehr eingehend, besondere Wichtigkeit wurde der Regelung der Wanderfürsorge beigemessen. Vor Beendigung der Vormittagssitzung entfesselte eine lebhafte Debatte die von den orthodoxen Vertretern der Baden er (Herr Alexander Braun) und Wiener-Neustädter (Herr H. Schiff) Gemeinde vorgebrachten Bedenken gegen die Statutenbestimmung, derzufolge religionswissenschaftliche und rituelle Gutachten auf Verlangen einer Gemeinde vom Verband erstattet werden sollen, während sie sonst im allgemeinen nicht in dessen Kompetenz gehören. Die beiden orthodoxen Vertreter befürworteten in treffender Argumentation hier die Aufnahme der Bestimmung, daß diese Gutachten, wenn sie von einer Gemeinde gefordert werden, unbedingt auf Grund des Schulchan Aruch verfaßt werden sollten. Ihrem berechtigten Antrage wurde einstimmig Folge gegeben. . Nach dem gemeinsamen Mittagessen Im Restaurant J. Nagel wurden die Statutenberatungen fortgesetzt und dann die Wahlen vorgenommen. Zum Vorsitzenden wurde einstimmig Baumeister Wi n kl e r (Groß-Enzersdorf), zum Stella Vertreter Dr. Moser (Mödling), zum Schriftführer Poktor Schmitz (Mistelbach), zum Kassier Herr Schiff (Wienert Neustadt), zum Kontrollor Direktor D onneb ä u m (Mödling), gewählt. Als Beisitzer werden fungieren die Herren