Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 52 (17.12.1926)
- Date
- 1926-12-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr.- 52 DIC WAHRHEIT Seft« 3 auch der Strenggläubige seine volle Befriedigung finden müsse. All dies sei bei den kleinen Gemeinden weniger möglich und hat schon dieser Unterschied in der Auffassung naturgemäß zur Folge, daß die Großgemeinde Wien ganz andere Gesichtspunkte bei der Behandlung jüdischer Fragen und bei der Verwaltung jüdischer Anstalten, bei Aufnahme des Personals usw. zur Geltung bringen müsse. Die Größe der Kultusgemeinde und die hierdurch ihr gestellte und von ihr zu bewältigende Aufgabe kann sich daher in keiner Weise mit dem Pflichtenkreis einer kleinen Gemeinde vergleichen lassen und würden schon durch die Art der Bildung der Vertretung die kleinen Gemeinden entweder ganz erdrückt werden oder die Vertretung der üroßgemeinde Wien hätte sich mit Fragen der kleinen Gemeinden zu befassen, welche für die jüdische Großgemeinde, wie dargelegt, nicht relevant sind. Weniger bestimmend auf die Entschließung der Mehrheit wirkte die Möglichkeit einer eventuellen finanziellen Inanspruchnahme der Mittel der Großgemeinde für die kleinen Gemeinden, welche Mittel bei den derzeitigen wirtschaftlichen Verhältnissen kaum für die Bestreitung der notwendigsten Bedürfnisse unserer Gemeinde hinreichen. Da sohin gemeinschaftliche Angelegenheiten, soweit diese vorhanden sind, nicht nach gleichen Gesichtspunkten behandelt werden können, kann zumindest derzeit die Kultusgemeinde Wien sich einem Gemeindebunde nicht anschließen. In der Praxis würde die Bildung eines Gemeindebundes unter Beitritt der Kultusgemeindie Wien mit Rücksicht auf ihr Uebergewicht zur Folge haben müssen, daß die Vertreter der Wiener Kultusgemeinde alle übrigen Vertreter überstimmen würden, was gewiß nicht im Interesse der kleinen Gemeinden gelegen wäre. Schönheit und Duft das Werk in den Augen der Liebhaber begehrenswert machte. Im „Segen Jakobs" fanden viele Autoren die Worte, die sie als Namen für ihre Werke brauchen konnten. So nannte der hohe Rabbi Low seinen Kommentar zu Raschi „Gur arje", Juda Verga seine Chronik „Schebet Jehuga", Lipmann Heller sein Werk „Ma'adane melech"; „Ben Porat Josef" und „Porat Josef" ist der Titel, den drei Verfasser gewählt haben. „Rosch Josef" ist der Name zweier Werke, „Imre Schefer" der von vieren. Es ist bekannt, daß die Gelehrten die Werke, die sie schaffen, gerne ihre „Kinder" nennen. Das Gebet Jakobs für seine Enkel ging dahin, daß „über sie mein Name genannt werde", und so sind diese „geistigen" Kinder Israels mit den Segensworten Jakobs genannt, die sie in die Welt hinaustragen. Darum ist der Segen Jakobs gar wohl im. geistigen Gehalte des Judentums wirksam geworden. War doch Jakob der Mann, der „da wohnte in den Zelten", d. h. er wohnte im Lehrhause Scherns und Ebers, dessen Mutter, da sie ihn unter dem Herzen trug, ging, „um den Ewigen zu befragen", der Ahnherr all1 derer, die In den Lehrhäusern sitzen und forschen. Sein Segensvermächtnis hat Israel Werke des Geistes beschert, die in das geistige Dunkel der Zeiten Licht brachten, eine Welt schufen, die Esan nicht zerstören konnte, wie oft er es auch versuchte. Man verbrannte den Juden ihre Bücher, schaffte Wagen voll Bücher aus den Judenhäusern — ob in den Häusern der anderen gleicher Gesellschaftsschichte wohl so viel Bücher hätten aufgetrieben werden können?—.aber wie der Phönix aus seiner Asche stets verjüngt emporsteigt, so ist des Judentums geistige Welt, sein Buch- und Forscherleben aus allen Scheiterhaufen stets neu erblüht. Der Segen Jakobs hat keine Feuerbrände in der Menschheit entfacht, wohl aber Lichtstrahlen den suchenden Geistern gespendet, nicht die Schätze von Gpld und Edelgestein mit blutigem Eisen erbeutet, wohl aber Schätze de* Geistes und des. Denkens als Bausteine für den Bau der Wissenschalt und wahren Menschlichkeit Oer Menicbhoit hingebreitet. Dr. V. Kurrtin. Mit Rücksicht darauf wurde der Antrag gestellt, sich dem Gemeindebunde nicht anzuschließen, welcher Antrag die Mehrheit des Plenums erlangte. Zu den aus diesem Anlasse von den verschiedensten Seiten erfolgten Angriffen bemerkte Doktor T i c h o folgendes: In der Debatte im Plenum des Kultusvorstandes und auch in der konstituierenden Versammlung des Gemeindebundes wurde auch das Wort von der „jüdischen Solidarität" vielfach diskutiert. Nie hat sich die Wiener Kultusgemeinde diesem Gebote entzogen; sie hat es in ihrer inneren Verwaltung immer betätigt, ihre charitative Tätigkeit ist eine mustergültige, das Spital, das Versorgungshaus, die Waisenhäuser und zahlreiche andere humanitäre Anstalten zeugen für dieses wahrhafte Solidaritätsgefühl; diese von ihr erhaltenen oder reichlich subventionierten Anstalten und die offene Armenpflege nehmen einen überaus großen Teil ihres Einnahmebudgets in Anspruch, diese ihre Tätigkeit zeigt, daß sich die Wiener Kultusgemeinde eins fühlt mit ihren armen Glaubensgenossen, den Enterbten des Glücks. Ihre enge Verbundenheit mit dem gesamten Judentum hat sich auch immer dann bewährt, wenn es galt, für unsere bedrängten Glaubensgenossen mit der vollen Autorität der Wiener Großgemeinde einzustehen; wo immer der Antisemitismus sein Haupt erhob, wo immer er seine Orgien des Hasses und der Niedertracht feierte, ist der Wiener Kultusvorstand mit aller Energie für alle Juden unterschiedslos eingetreten. Die Wiener Kultusgemeinde hat mit der Betätigung ihres jüdischen Solidaritätsgefühls nicht an den Grenzen Wiens Halt gemacht; wann immer eine kleine Schwestergemeinde sich an unsere Gemeinde wandte, wann immer eine solche Gemeinde, umbrandet von antisemitischer Verfolgungssucht, die für eine geringe Menschenzahl eine weit größere Gefahr bildet als für eine Großgemeinde, die mächtige Schwester anrief, die Kultusgemeinde war sich immer ihrer heiligen Pflicht bewußt und diese Pflicht wird die Wiener Gemeinde nie .verletzen, niemals wird sie ihrer Vergangenheit untreu werden. Und die derzeitige Mehrheit, die immer die Hüterin der Tradition unserer altehrwürdigen Gemeinde war und ist, wird .dieses Erbe ihrer Vorfahren immer in hohen Ehren halten. Die Gegner der heutigen Mehrheit vermeinen, daß die „U n i o n" die abiennende Haltung der Mehrheit diktiert hätte. Dies ist unrichtig. Allerdings gehören sämtliche Mitglieder der Mehrheit der „Union deutschösterreichischer Juden" an und sie sind stolz darauf, dieser „Union" anzugehören, die vor mehr als 40 Jahren zuerst in Oesterreich das Losungswort von der jüdischen Solidarität ausgegeben hat, die gegründet wurde, um vereint den Kampf für die staatsbürgerlichen Rechte der Juden aufzunehmen, die ihn auch geführt hat, mannhaft und unerschrocken bis auf den heutigen Tag und die immerdar die Vorkämpferin sein will und sein wird, für das Judentum und für jeden einzelnen Glaubensgenossen, so oft wir in unseren Rechten gekränkt und verletzt werden sollen, weil wir Juden sind. So mögen unsere Brüder außerhalb Wiens überzeugt sein: Die „Union deutschosterreichischer Juden" und di» ibrer