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Die Wahrheit · 1926-12-17 · Heft 52 (17.12.1926) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 52 (17.12.1926)
Date
1926-12-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Saite 2 DIE WAHRHEIT „Die Wahrheit" wird aber nur dann imstande sein, den Kampf für die Interessen des österreichischen Judentums erfolgreich zu führen, wenn sie von ihren Lesern und Freunden in diesem Kampfe tat* kräftig unterstützt wird. Darum treten wir nun, da ein neuer Jahrgang unseres Blattes bevorsteht, mit der Bitte an alle unsere Leser und Freunde heran, der „Wahrheit" auch weiterhin dasselbe Vertrauen zuschenken, ihrdie gleiche treue Gefolgschaft zu leisten wie bisher. Unsere moralische Kraft in dem schweren Kampfe, der uns bevorsteht, liegt einzig und allein im Vertrauen unserer Leser. Unsere materielle Kraft ist ausschließlich in den Mitteln gelegen, die uns unsere Leser und Freunde durch Abonnierung und Verbreitung der „Wahrheit" durch Insertion in unserem Blatte und Spenden für unseren Pressefonds zur Verfügung stellen. Im festen Vertrauen auf die Gerechtigkeit unserer Sache, im unerschütterlichen Vertrauen darauf, daß unsere Leser und Freunde unsere Bestrebungen in diesen schweren Zeiten noch in erhöhtem Maße fördern werden, treten wir an unsere Aufgabe heran. Die Redaktion. # Für unsere langjährige, sehr verdienstvolle Wirt- > 2 schafterin suche ich W' gen Schließung des Institutes eine ] ( ^eei^nete Stellun gfc < j 2 in einer jüdischen Anstalt oder in einem jüdischen Hause- ] | I Direktor Dr. S. KBFNBERGER <» 9 Taubstummen-Institut J | X 3. Bez.. Juchgasse Nr. 22 ( SiMNfimHMMMeHMMMaMMMMeMO Nr. $1 Die Wiener Kultusgemeinde und der Verband der österreichischen Kultttsgemeinde. Der Wiener Kultusvorstand hat in sein« nichtöffentlichen Sitzung vom 9. d. M. mit den Stimmen der Mehrheitspartei gegen die der jüdischnationalen und sozialdemokratischen Vertreter beschlossen, dem neugegründeten Verbände der österreichischen Kultusgemeinden nicht beizutreten. Einer unserer Mitarbeiter hatte Gelegenheit, mit dem Klubobmann der Mehrheitspartei Doktor Josef Ticho über die Beweggründe der ablehnenden Haltung seiner Fraktion zu sprechen. Doktor Ticho führte aus: In der Plenarsitzung begründete ich namens der Mehrheit deren ablehnende Haltung vor allem damit, daß die Interessenkreise der Kultusgemeinde Wien einerseits und aller übrigen Gemeinden anderseits sich keineswegs decken und es daher überhaupt fraglich sei, ob gemeinsame Interessen der Gemeindeverwaltung vorhanden seien, welche durch einen Verband geschützt werden können. Die Kultusgemeinde Wien zähle ungefähr zehnmal so viel jüdische Seelen, wie alle anderen Kultusgemeinden zusammengenommen. Während jede einzelne dieser kleinen Gemeinden, sei es an Personal, sei es an Wohlfahrtseinrichtungen, sei es an religiösen Anstalten Mängel habe und naturgemäß ungenügend ausgestattet sei, verfüge die Kultusgemeinde Wien über Anstalten und Personal in der Weise, daß jeder, auch der Strengstgläubige Jude, alle seine religiösen Bedürfnisse in jeder Hinsicht befriedigt finden könne. Die Kultusgemeinde Wien steht auf dem Standpunkte, daß allen diesen religiösen Bedürfnissen Rechnung zu tragen sei, wobei insbesondere Büchersegen. Ich habe dir einen Anteil vor deinen Brüdern gegeben, den ich aus der Hand des Efori mit meinem Schwerte und Bogen genommmen habe. I, 48, 22 Der Segen Jakobs ist ein geistiges Geschenk, ein Vermächtnis, das im Leben der Kinder wirksam werden und gleichzeitig die Geschicke ferner Zukunft künden soll. In den Worten des Stammvaters ist Lob und Tadel enthalten. Das brechende Auge des Sterbenden sieht die Kinder so, wie sie sind, aber sein Geist, der noch ein letztesmal weise Lehre und Rat den Lebenden spenden will, erschaut Bilder der Vergangenheit und lüftet den Vorhang, der die Zukunft verhüllt. Jakob redet von dem, was gewesen ist, und verkündet das, was sein wird. Denn das Kennzeichen ausklingenden Lebens ist immer, daß es, in Erreichung eigenen Ziels für sich selbst wunschlos, der nächsten Generation fürsorglich Wege weisen will. Jede Erbschaft ist eines Lebens Ertrag, der dem nächsten und folgendem Geschlechte Frucht und Nutzen bringen soll. Wie jeder Mensch, so hat auch Jedes Volk seine besondere Einstellung zu der ihm obliegenden Betätigung auf Erden. Man ist gewohnt, Israel als das handelssüchtige und -tüchtige Volk anzuerkennen und als seine hervorstechendste Eignung find Befähigung den Handels- und Händlergeist zu be- «eichsen. Der „schlaue" Jakob hat einst das Erstgeburtsrecht, und den Erstgeburtssegen seinem Bruder, den Reichtum seinem Schwiegervater „abgehandelt", so sagt man gerne, was Wunder, daß dies Talent den Nachkommen zu eigen geblieben ist und sich bis zum Genie oder Laster, zur Tugend oder Untugend entwickelt hat. Ob diejenigen, die das sagen, im Rechte sind, braucht jetzt weder behauptet noch bestritten zu werden, aber viel wichtiger wäre, einen Blick In die Schatzkammern Israels zu tun, um sich zu überzeugen, was es auf seinem Wege durch die Jahrhunderte aus seinen „Geschäften" erbeutet und als des Lebens höchste Güter für Zeit und Zukunft aufgestapelt hat. Es ist vielleicht traurig, daß gerade Israel von allem Reichtum kaum ein goldenes Geschmeide behalten hat, daß die jüdischen Museen keine Schätze von schier unerschwinglichem Werte, weder die .größten Edelsteine noch die seltensten Perlen beherbergen, aber gleichzeitig ist es bezeichnend, daß das „handelstüchtfgste" Volk nur recht wenig wertvolle Altertümer aufzeigen kann. Das Einzige, was das Judentum an Vergangenheitsschätzen zu zeigen vermag, sind alte Bücher und etwa noch etwas alten Thoraschmuck, der einst das älteste Buch der Bücher geschmückt hat. Ebenso bezeichnend ist, daß das neue, aufstrebende Palästina zunächst daran geht, als erstes und scheinbar begehrtestes Gut eine Büchersammlung in Jerusalem aufzuhäufen. Der Segen Jakobs hat sich wirklich nicht ausgewirkt in Reichtümern, wie sie andere Nationen In Schatzkammern, Gewölben und Museen, bestens behütet als Besitz und Ruhm verwahren; und hätte Israel dem Segen Jakobs zufolge wirklich solches besessen, der Sturmwind des Hasses und der Verfolgung hat es reichlich oft weggeführt. Nur die dickleibigen Folianten, die finstere Kirehenfürsten und noch finsterere Zeiten wagenweise konfiszierten und auf lodernden Scheiterhaufen verbrannten, waren die Schätze Israels. Ist es nun Zufall oder Absicht, daß gerade dieser „Segen J-akobs", dieser Abschnitt der Thora so vielen Büchern und Geisteserzeugnissen jüdischer Denker den Stoft zu ihren Titeln gegeben hat? Früher bestand die schöne Sitte, dem Buche einen poetisch klingenden Titel voranzustellen, mit geistvollem Verständnis ein Wort aus dem Bibelfeste zu finden, das den Kopf des Werkes schmückte und krönte. Der Titel war keine nüchterne Inhaltsangabe, sondern ein feinsinniges Wort, das tiefem Gedankengange entsprang und zum Denken anregte, gleichsam eine köstliche Blume, die durch

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