Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 51 (10.12.1926)
- Date
- 1926-12-10
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Seit© 9 drucke kommen: „Jesajas, der Bauernführerfreund". schreibt ür; Glanz in besagtem Artikel, „unterscheidet sich in seinem Habitus in nichts, aber auch in gar nichts von einem typischen Qroßstadtkapitalisten, Jesajas, der abgebildete, von euch In 221.000 Exemplaren in der österreichischen Sozialdemokratie verbreitete, ist in voller Wahrheit nichts anderes als eine antisemitische Schmutzkarikatur, eine Herausforderung aller antisemitischen Instinkte in der Wiener Bevölkerung, eine Uebertragung des Altwiener Luegerspielzeuges, der Freude am gehetzten und verfolgten typischen Volksjuden, zeitgemäß verbrämt und darum eine Herausforderung aller Wiener Juden...... Jesajas, um als Jude neben den Bankführern verächtlich werden zu können, muß erst in jüdische Tracht gehüllt werden, weil er sonst den antisemitischen Instinkt der Wiener Bevölkerung nicht erwecken kann. Also ist es der Habitus des jüdischen Menschen, der verächtlich ist?" Mit Recht fragt daher Dr. Qlanz: „Gibt es in der Geschichte des internationalen Sozialismus überhaupt noch ein zweites Beispiel, daß ein wichtiger Bevölkerungsteil einer Hauptstadt mit sozialdemokratischer Mehrheit in gleicher Weise verhöhnt und herausgefordert wird? Wäre im „Sozialdemokrat" eine Karikatur auf irgendeine volkstümliche Figur der Tschechen, mit denen der Wiener Humor gewiß nicht gespart hat, überhaupt noch möglich? Gewiß nicht. Die 250.000 Juden Wiens, 13 Prozent der Gesamtbevölkerung, haben zu 75 Prozent sozialdemokratisch gewählt und so trotz der nationalistischen Wahlmache der Jüdischnationalen, deren Hauptargument immer wieder nur der Antisemitismus innerhalb der Sozialdemokratie bildet, bewiesen, daß sie sich mit der arbeitenden Bevölkerung Wiens solidarisieren." Wenn auch vielleicht nicht 75 Prozent der Wiener Juden, wie Dr. Glanz meint, so haben doch sicherlich eine überaus große Zahl unserer Glaubensgenossen in Verkennung ihrer Interessen für die sozialdemokratische Partei ihre Stimme abgegeben und, was sie für die Hingabe des Stimmzettels empfangen haben, sind Beleidigungen und Beschimpfungen, wie sie selbst zu Zeiten Luegers nicht ärger waren. Dr. Glanz ist noch immer Angehöriger einer von ihm selbst als antisemitisch bezeichneten Partei. Doch das ist seine Privatsache, das hat die jüdische Oeffentlichkeit weiter nicht zu kümmern. Was aber nicht seine Privatsache ist, und worüber die jüdische Oeffentlichkeit Aufklärung zu fordern nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht hat, das ist die Frage, ob Herr Dr. Glanz — und mit ihm seine Genossen — die Zugehörigkeit zu einer antisemitischen Partei mit dem weiteren Verbleiben in der ersten jüdischen Körperschaft Oesterreichs, der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, für vereinbar hält. Das Testament des Primaners. Erst jetzt wird ein besonders trauriger und tiefschrrterzlicher Fall aus Berliner Schülerkreisen bekannt, der in erschreckender Welse zeigt, welche Folgen die Wühlarbeit der Völkischen auf höheren Schalen hervorbringt. Vor einigen Monaten starb ein seit langem kränkelnder Schüler einer höheren Klasse eines Berliner Realgymnasiums. Vor der Beerdigung wurde plötzlich verbreitet, jüdische Mitschüler dürften an dem Leichenbegängnis nicht teilnehmen. Der Verschiedene habe i n seinem Testament ausdrücklich angeordnet, Juden von seiner Leichenfeier auszuschließen. Der Direktor der Anstalt prüfte den Sachverhalt. Es stellte sich heraus, daß das Gerücht zutraf. Infolgedessen konnte der Direktor eine offizielle Beteiligung der Klasse an der Bestattung zu seinem Leidwesen nicht gestatten. — Das ist ein völkischer „Erfolg", der jeden wahren Deutschen erschüttern und mit tiefem Schmerz erfüllen wird. Nach österreichischem Muster. Zu der Feier des hundertjährigen Bestandes der Münchner Universität ist die jüdische Studentenschaft nicht zugelassen worden. Es sind Einladungen an sämtliche studentische Korporationen ergangen, ausgenommen die jüdischen Verbindungen, welche von der Teilnahme ausgeschlossen blieben. Interessant ist, daß in der Vereinigung der Freunde der Münchner Universit ä t, die dazu berufen ist, die wirtschaftlichen Mittel für die Fortführung und Erweiterung der Institution, Bibliothek usw. zu beschaffen, sich an'hervorragender Stelle Juden befinden, so-der amerikanische Bankier Loeb von der Firma Kuhn, Loeb & Co., in New York, weiter der Industrielle Dr. Wassermann. Die Nichtednladung der jüdischen Studentenschaft erregte begreifliches Aufsehen und starke Empörung in der jüdischen Gernemde. Als sich daher das Rektorat der Münchner Universität an die jüdische Gemeinde mit dem Ersuchen wandte, anläßlich der Jubiläumsfeier der Universität einen Festgottesdienst abzuhalten, antwortete der Vorstand und das Rabbinat, daß nur unter der Bedingung dem Ersuchen Folge gegeben werden könnte, daß die volle Gleichberechtigung der jüdischen studentischen Korporationen mit den nichtjüdischen Verbindungen hergestellt und die Immatrikulation ausländischer jüdischer Studenten gestattet wird. Der Rektor erwiderte hierauf, daß er sich für ein Zusammengehen diear Verbindungen nachdrücklich einsetzen werde, jedoch die Mitwirkung der jüdischen Korporationen nicht anordnen könne, weil dies in die durch die Universitätsverfassung begründete Zuständigkeit des Korporationsausschusses falle; hinsichtlich der Immatrikulation der ausländischen Studenten erklärte er, für sofortige Abhilfe Sorge zu tragen. Tatsächlich lud nunmehr der Rektor die jüdischen Korporationen zu der Feier ein, doch blieben sie auch weiter von allen übrigen öffentlichen Veranstaltungen wie Festvorstellung, Fackelzug und Festkoromers ausgeschlossen. Natürlich lehnten diese Vereinigungen deshalb auch die Teilnahme an sämtlichen Feiern ab. Dagegen faßte der Vorstand der jüdischen Gemeinde den Beschluß, „in Würdigung der Tatsache, daß die Haltung der Gemeinde gegenüber der Universität als der Trägerin der Wissenschaft durch die Jahrhunderte nicht von den Verirrungen des Tages abhängig gemacht werden könne, und hervorragende jüdische Hochschullehrer aus der nämlichen Erwägung die Abhaltung des Gottesdienstes verlangt hatten, den in der Festordnung der Universität und in der Presse schon bekanntgegebenen Gottesdienst nicht abzusetzen." Wie man sieht, bietet die Münchner Universität punkto Antisemitismus ein ähnliches Bild wie die Wiener und B u d a p e s t e r Hochschulen. Während die studentischen Korporationen ihren Judenhaß bei offiziellen und inoffiziellen Anlässen ungehemmt Ausdruck verleihen dürfen und seitens der Universitätsbehörden geradezu ein Recht auf antisemitische Betätigung innerhalb der akademischen Institute anerkannt wird, ist man dort, wo es sich um die Annahme von Spenden für Universitätszwecke handelt, durchaus nicht abgeneigt, auch den Juden ihr Recht zu gewähren, das Recht, soviel geben zu dürfen, als es ihnen beliebt. Was ist jüdisch? Wir erhalten folgende Zuschrift: „Sehr geschätzte Redaktion! Sie waren so freundlich, in Ihrer Nummer vom 29. Oktober unter dem Titel „Was ist jüd i s c h , eine Ihnen von mir eingesandte Zuschrift zu veröffentlichen, in der ich mich darüber beschwerte, daß die „Wiener Morgenzeitung" dem Elisabeth-Heim „Mangel an Jüdischkeit" vorwirft. Ich habe in dieser Zuschrift die Frage - aufgeworfen: „Wenn der Geist, der im Elisabeth-Heim herrscht und in der strengsten Beobachtung der jüdischen Gebote und Ueberlieferungen gipfelt, nicht als jüdisch bezeichnet werden kann, was ist dann jüdisch?" Nun belehrt uns die „Morgenzeitung" darüber, was eigentlich „jüdisch" ist. In ihrer Ausgabe vom 25. November bringt sie in einer offenbar für jüdische Hausfrauen bestimmten Rubrik unter dem Titel „Aus d e m R e i c h e der Küche" ein Kochrezept für „Gänseleber in Aspik". Die ersten Zeilen dieses Rezeptes lauten: „Eine große Gänseleber wird langsam in einer gedeckten Kasserole in siedender Butter gedünstet" usw. Nachdem meines Erachtens schon aus diesen wörtlich angeführten zwei Zeilen klar hervorgeht, was die „Wiener Morgenzeitung" für wahrhaft jüdisch hält, erspare ich mir die weitere Besprechung des für die jüdischen Hausfrauen bestimmten Kochrezeptes. Hochachtungsvoll (folgt Name und Adresse des Einsenders)." Eine wahre Kulturschande ist mit knapper Not verhindert worden, ein Attentat auf den Geist wurde im letzten Augenblicke glücklich vereitelt. Der Film „Nathan der Weis e", der nach dem gleichnamigen Stücke von L e s s i n g hergestellt worden ist, wurde von der Bayrischen Filmindustrie verboten, da man der Ansicht war. daß die Güte und Weisheit des in dem Stücke dargestellten Juden Nathan aufreizend wirken könnte. „Nathan der Weise", das hohe Lied der Menschenliebe und des Religionsfriedens, ein „öffentliches A e r g e r n i s" in Bayern!" Diese Entscheidung wurde jedoch von der Reichsfilmoberprüfstelle aufgehoben und so das Volk der Dichter und Denker von einer grenzenlosen Schmach bewahrt. Bietet „Nathan der Weise" dem bayrischen Hakenkreuzlern und den gleichgesinnt«* Landesbehörden einen Anstoß, weil sie sich kein Theatfr- oder Kinostück vorstellen können, in dem ein Jude nicht als Aus-