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Die Wahrheit · 1926-12-10 · Heft 51 (10.12.1926) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 51 (10.12.1926)
Date
1926-12-10
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 8 DIE WAiÜBfflT Geladene erschien pünktlich in der Mittagsstunde vor dem Haustore des Gastgebers, das er fest verschlossen fand und das auch auf sein ausdauerndes Läuten kein Mensch öffnete. * * * Uebrigens hat auch Rakosy mit einer Anekdote die Lehre aus dem Prozesse gezogen, aus welchem er formell als Verleumder, in Wirklichkeit aber bestrahlt von der.Glorie des heldenmütigen Kämpfers für Recht und Wahrheit hervorgegangen ist. Er erinnerte sich beim Verlassen des Gerichtssaales an den Hofnarren eines Kaisers, der sich die Freiheit nahm, die unförmige Nase Sr. Majestät zum Gegenstand seiner Bemerkungen zu machen. Je treffender die Charakteristiken der kaiserlichen Nase wurden, umso weniger gefielen sie dem mächtigen Herrn und er erklärte seinem witzigen Kritiker: „Noch ein Wort über meine Nase und du wirst gepeitscht, bis es dir die Rede verschlägt." Der Narr war klug genug zu wissen, daß ihm die Erbringung des Wahrheitsbeweises für seine auf die kaiserliche Nase gemünzten Betrachtungen nicht viel helfen würde. Er schwieg daher von da ab, schien aber allmählich in ein melancholisches Schweigen zu versinken. „,Warum bis du so traurig?", fragte ihn eines Tages der Kaiser. Der Narr schüttelte nur den Kopf und gab kein lautes Wort zur Antwort. Aber der Kaiser hörte es doch, wie der Narr leise in seinen Bart hineinmurmelte: „Solch eine Nase, und über die soll man nicht reden dürfen!" — Nicht nur Eugen Rakosy, auch andere namhafte Männer in Ungarn, die in den letzten Tagen in Budapest wegen Verleumdung der Erwachenden verurteilt wurden, dürften zu der Erkenntnis gelangt sein, daß es in Ungarn nichts macht, eine so greuliche Nase zu haben, wie sie die Erwachenden zur Schau tragen, daß es aber niemandem geraten sein kann, diese Nase so zu schildern, wie sie aussieht. In Ungarn muß jetzt nicht der Narr, sondern der Weise leise murmeln: „Solch eine Nase, und von der darf man nicht reden!" * Josef V a s. der ungarische Wohlfahrtsminister, hält bei unzähligen Gelegenheiten Reden, die einen so edlen Geist der Nächstenliebe und konfessionellen Vorurteilslosigkeit atmen, daß sie ruhig auch unter dem Namen des Budapester Oberrabbiners veröffentlicht werden dürften. Das Ueberraschende dabei ist nicht, daß Josef Vas ein hoher kirchlicher Würdenträger ist, sondern daß er im Kabinett Bethlen sitzt. In seiner jüngsten Wahlrede hat der geistreiche Minister die Rassenschützler vor allzu eifrigen Stammbauuistudien gewarnt. Sie mögen bedenken, meinte er, daß einer, dem es glückt, die Rasseureinheit seiner Familie auf vier Jahrhunderte zurück festzustellen, nicht sicherest, knapp vorher eh en jüdischen Ahnherrn zu entdecken. Der gelehrte Priester Vas hat sich da doch eine gewisse Reserve auferlegt. Es wäre ihm wahrhaftig leicht gefallen, aus seiner Kenntnis der Vergangenheit die Erinnerung an Gestalten heraufzubeschwören, die den ungarischen Antisemiten, die angeblich auch Christen sein wollen, selbst Respekt vor dem ersten polnischen Hausierer erpressen müßten. Ego. Wahrheiten vom Tage Die Zustände an den Hochschulen sind unhaltbar. Diese Worte des sozialdemokratischen Abgeordneten' Leuthner, v/elcher gelegentlich der Beratung des Budgetkapitels „Unterricht" gefallen sind, sind vollkommen zutreffend. Die Empfindung von der Unhaltbarkeit der Zustände an den österreichischen Hochschulen muß sich jedem unvoreingenommenen Besucher aufdrängen, sobald er die Aula irgendeiner Hochschule, z. B. der Wiener Universität, betritt. Die Wände sind mit Plakaten, Aufrufen und Anschlagkasten der völkischen Vereine und Korporationen geradezu übersät und man hat die Empfindung, sich in einem antisemitischen Vereinslokale und nicht im Vorraum einer Hochschule zu befinden. An den Hochschulen gilt, wie Abgeordneter L e u t h n e r richtig bemerkte, allein das, was die deutschnationalen und klerikalen Studentenorganisationen verfügen und was das ebenso gerichtete Professorenkollegium ohne Rücksicht auf Recht und Gesetz erläßt. Abgeordneter Leuthner kündigte schließlich die Einbringung eines Gesetzesantrages an, durch den eine den Staatsgrundgesetzen entsprechende Regelung der studentischen Vertretung erreicht werden soll. Diese Regelung müsse, wie Abgeordneter Leuthner weiter ausführte, so beschaffen sein, daß sie auf der Grundlage völliger Demokratie und der Gleichheit allen akademischen Organisationen im Rahmen der geltenden Gesetze die vollste Entfaltungsmöglichkeit gewährleistet. Schöne Worte! Eine Bewährungsirist für Pater Hlinka. Zu den gefährlichsten und wegen seines großen Anhanges und seiner demagogischen Eigenschaften gefürchtetsten Judenfeinden der tschechoslowakischen Republik gehört der bekannte slowakische Bauernführer und Abgeordnete Pater Hlinka, der in Wort und Schrift einen erbitterten Kampf gegen die Juden führt. In seinem Hasse hat er sich sogar zu einer Verhöhnung des Präsidenten der Republik Prof. Dr. Masaryk, hinreißen lassen, den er in einem in seinem Parteiblatte erschienenen Aufsatze als allmächtigen Beschützer der Juden bezeichnet. Präsident Masaryk wird in diesem Aufsatze als „Tateleben der Juden in der Repu- ' blik" bezeichnet. Wegen dieser Verhöhnung des Staatsoberhauptes wurde Hlinka in erster Instanz zu acht Tagen Gefängnis unbedingt verurteilt. Die zweite Instanz bestätigte dieses Urteil und ebenso der Oberste Gerichtshof. Nur stellte er es dem Erstgericht anheim, sich über eine bedingte Strafe zu entscheiden. Nun hat das Erstgericht dem Abgeordneten Hlinka eine Bewährungsfrist von zwei Jahren zuerkannt. Man kann gespannt darauf sein, wie sich Pater Hlinka innerhalb der ihm gesetzten zweijährigen Frist „bewähren" wird. Sozialdemokratischer Antisemitismus. Wenn sozialdemokratische Parteifunktionäre bei jeder sich bietenden Gelegenheit darauf hinweisen, daß das „wahre" Erbe L u e g e r s von den Sozialdemokraten übernommen wurde, dann muß man ihnen, was die antisemitische VoJksverhetzung betrifft, jedenfalls zugestehen, daß sie seiine Methoden voll und ganz übernommen haben. „Der Sozialdemokrat", eine, in 221.000 Exemplaren erscheinende Monatsschrift der sozialdemokratischen Organisation Wien, bringt zum Beispiel eine ganz erbärmliche antisemitische Karikatur, welche den Börsenschieber Jesajas Aberbach, von welchem in letzter Zeit im Zusammenhang mit den Bankenskandalen öfter die Rede war, Arm in Arm mit den christlichsozialen Bauernbankführern darstellt. Doch dieser Jesajas Aberbach ist nicht etwa als ein typischer Börsenjobber dargestellt, sondern — ganz im Gegensatz zu seinem wirklichen Aeußern — als ein armes Jüdelchen mit Kaftan und Schläfenlocken, als ein Vertreter jener ostjüdis^hen Volksmassen, die inmitten einer sie verhöhnenden und verspottenden Welt den Mut besitzen, durch äußere Kennzeichen die Zugehörigkeit zum Judentum zu dokumentieren. Denn mit Recht sagt der sozialdemokratische Kultusvorsteher Dr. Rudolf Glanz, „daß zum Tragen von Requisiten, wie es Kaftan und Schläfenlocken sind, heute mehr Mut gehört, als zum Tragen eines Zionssterns oder eines sozialdemokratischen Parteiabzeichens". In einem Aufsatz in der Halbmonatsschrift „Unsere Tribüne", dem „Organ der jüdischen sozialdemokratischen Arbeiterorganisation Poals Zion", weist dieser auf Grund des sozialdemokratischen Programmes gewählte. Kultusvorsteher in anerkennenswerter Offenherzigkeit auf die Zustände und Strömungen in seiner eigenen Partei hin, die in der auch von ihm aufs schärfste verurteilten Karikatur drastisch zum Aus-

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