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Die Wahrheit · 1926-12-10 · Heft 51 (10.12.1926) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 51 (10.12.1926)
Date
1926-12-10
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 6 DIE WAfrätOT Nr. 51 sprach sie, „von den Vorzügen des Islam erzählt, wie oft bedauert, daß eine Perle, wie du, unter den elenden Juden verkommen soll. Geh', Esther, ich spreche nichts Schlimmes von deinen Eltern, aber siehst du nicht selbst aus eurer Unterdrückung, daß Allah sein Antlitz von euch gewendet und Glüek und Heil an seine Gläubigen gegeben hat? Und du zumal, die von der Mutter tyrannisiert wird! Und was wird das Ende sein? Wenn es hoch kommt, heiratest du einen erbärmlichen Schacherjuden, mußt dich abarbeiten und quälen wie eine schwarze Sklavin, den Hausstand zu bestellen. — Nein, Esther, dazu bist du nicht geboren, du mußt die Herrin des ersten Mannes von Tangier werden, zehn Sklavinnen müssen auf deinen Wink fliegen, während du, auf prächtigem Ruhebett liegend, höchstens die zarten Finger rührst, um die achtsaitige Laute zu schlagen." Die Jüdin erwiderte ihr: „Was schwatzest du für Torheiten, Tahara? Glaub mir, ich würde nie eine gute Mohammedanerin werden." Mit diesen Worten wollte sie den Heimweg antreten. Doeh Tahara redete ihr zu, sich erst ein wenig von dem Schrecken zu erholen und ein Stündchen zu schlummern. Esther ließ sich überrede«. Sie mochte eine Stunde geschlafen haben, als Tahara Iiereäntrat und sie mit dem Zur/uf weckte: „Dein Wunsch ist erfüllt, mein Kind, der Gouverneur will dich sprechen." In der Tür erschien schon ein Soldat mit dem Auftrag, Esther vor den Kaid zu führen. Sehnell gefaßt folgte ihm die Jüdin in das Gouvernementsgebäude, wo sie der Kaid freundlich empfing» „Du bist also, mein gutes Kind, die Jüdin, die, von der Wahrheit unserer heiligen Lehre gerührt, entschlossen ist, ihren Unglauben abzuschwören?" „Mein Herr", sprach sie leise gesenkten Hauptes, „mein Herr verzeihe seiner Magd, mein Herr ist falsch berichtet. Nie entsage ich dem Glauben meiner Väter, nie werde ich ihm entsagen". „Mein Kind", rief der Gouverneur, „dein Zeugnis, als einer Jüdin, hat keine Kraft gegen das einer Maurin. Du bist die unsere." Und als sie erbleichend zurücktrat — „ängstige dioh nicht", fuhr er fort, „um was handelt es sich denn? In zwei Worten Allah und seinen Propheten anzuerkennen. Nicht wahr, du hast dir etwas Schlimmeres vorgestellt? Sei guten Mutes, mein Kind, wir verlangen kein Opfer von dir, du sollst deine Tat nicht bereuen. Du sollst mir unter meinen Töchtern eine liebe Tochter sein." Damit ließ er das Mädchen zu seiner Familie führen. Am vierten Tage ließ er sie zu sich rufen. Nochmals stützte er sich auf Taharas Aussagen, daß Esther ihrem Glauben bereits entsagt habe. „Nicht also, mein Herr", sprach sie mit Würde, das Haupt erhebend. „Wenn es wahr ist, daß mein Volk von unserem Vater im Himmel bestimmt ist, unter die Füße getreten zu werden, so falle mein Los mit dem seinen, deine Magd ist nicht ein Kind, dessen Augen nicht sehen, dessen Ohren nicht hören. Meinen Gott, den Gott Israels, kenne ich, und von ihm kann ich nicht lassen. So lehrten mich meine Eltern, und so muß ich tun. Deine Gewalt soll mich ebensowenig rühren, wie deine Lockungen." „Führt sie in das Gefängnis der Weiber", rief der Kadi zornbebend der Wache zu. „Bei Wasser und Brot in einem feuchten Loche mag sie sich eines Besseren besinnen!" So schmachtete Esther fünfzehn Tage in einem grauenvollen Kerker. Der Gouverneur sandte ihr seinen Taleb 'Schreiber), um sie zu bekehren. Doeh ihre Antwort lautete: „Ich bin ein unerfahrenes Mädchen und mein Herr ist alt und weise, aber ich habe ein junges Schwesterchen am bösen Fieber sterben sehen, und ich weiß, daß das Leben ein Ende hat. Was wollt ihr mir tun, da uns der gnädige Gott den Tod verliehen hat?" So wurde denn die Arme, im schweren Ketten gefesselt, in einen lichtlosen Kerker gebracht. Acht Tage hatte sie darin geschmachtet Da traf vom Sultan der Befehl ein, die Jüdin nach der Hauptstadt zu bringen und ihm vorzuführen. Esthers Angehörige hatten sich, vom spanischen Konsul unterstützt, an die kaiserliche Gerechtigkeit gewandt. Acht Tage bemühten sich der Sultan und sein Hof, die heldenmütige Jüdin zu bekehren. Umsonst Wie sie in den Ratest gegangen, so kehrte sie in das Haus des Kadi zurück, bei dem sie nach kaiserlicher Weisung abgestiegen war. Der Kadi versuchte, ihr die ganze Pracht des Hofes in lockende Aussicht zu stellen. War es doeh bekannt geworden, daß der Thronfolger an der schönen Jüdin Gefallen gefunden. Doch Esther erwiderte: „Wenn du den Kaiser tötetest, was Gott verhüte, o Kadi, und in den Besitz seine^ Macht gelangtest, glaubst du, du würdest glücklich sein?" „Gewiß nicht. Müßte ich nicht vor der Rache Allahs zittern?" „Der Kaiser ist doch nur ein Mensch, o Kadi. Ich aber soll mich wider den selbst vergehen, den du Allah nennst? Meinst du, ich könnte eurer goldenen Hallen, eurer Zaubergärten und marmornen Springbrunnen froh werden, wenn ich vor mir selbst ausspeien müßte? Ich fühle, o Effendi, daß das Glück nicht in den Dingen besteht von denen ich' früher träumte. Ach, einst war ich glücklich und wußte es nicht. Wenn wir im Schatten der Korkeichen spielten und jauchzten am Ufer des kühlen Baches, ich weiß nicht, was mich da überkam, Effendi, der heilige Friede Gottes lagerte über seiner wundervollen Welt. Und diesen Frieden, mein Vater, fühle ich jetzt wieder in meiner Brust. Und ich sollte selbst den Wind der Wüste über meinen stillen Garten herbeirufen? Unmöglich, Effendi, unmöglich!" Alan griff zu einem letzten Mittel. Die Rabbiner selbst sollten dem Kinde den Uebertritt zum fremden Glauben 'empfehlen. Die Furcht vor einem allgemeinen Unglück, die Drohungen der Regierung hatten die Greise so eingeschüchtert, daß sie dem Mädchen, wenn auch nur zum Scheine, den Islam anzunehmen gestatteten. „Meine Väter", sprach Esther festen Blickes, „ich begreife, was euch bewegt. Fürchtet nicht für unseren Stamm. Gott wird die Unschuld schützen. Soll sein Name zum Spott werden unter den Söhnen Ismaels? Das sei ferne von uns! Was liegt an meinem Leben? Mag ich sterben, daß der Heilige, gelobt sei er, gepriesen werde, der Gott meines Vale/o, daß die Stirn seiner Widersacher sich mit Staub bedecke!" Esther hatte sich selbst das Todesurteil gesprochen. Am folgenden Tage sollte es vollzogen werden. Um Mitternacht öffnete sich leise die Tür des Kerkers. Mohammed Bittiwi, der Scheik der Beni-Angad, hatte Esther am Hofe gesehen und sich in sie verliebt. Er kam, um sie zu retten. Als er Esther seine Liebe gestand, schrak sie zurück, „Genug, o Scheik", rief sie. „Hast du vergessen, daß ich eine Jüdin bin, zu schlecht für deine Gemahlin, zu gut deines Weibes Sklavin zu sein? Geh, und nimmermehr folge ieh dir aus diesem Hause. Wenn du mich liebst, erweise mir deine Güte und bringe meinen teuren Eltern und meinem Bruder meinen letzten Gruß! Es waren ihre letzten Worte. Auf dem jüdischen Friedhofe zu Fez zeigt man ein einfaches Denkmal, zu dem auch Mauren und Araber wallen, um zu beten. Es ist das Grab der Märtyrerin Esther Hachuel. Sie ist würdig ihres Gottes, ihres Volkes, ihrer selbst würdig gestorben. Dichter preisen ihr Andenken. Der Fanatismus der Mohammedaner verstummt, die Brust des gebeugten Juden hob sich höher bei dem Namen der Tochter Hachuels. (Fortsetzung folgt) n Fritsch nnd die „Morgenzeitnng „Der Prozeß, den der Hamburger Bankier Max Warburg seit mehr als vier Jahren gegen den Verleumder Fritsch führt, dient wahrlich keiner persönlichen Reinwaschung. Es wäre absurd, erst feststellen lassen zu müssen, daß ein Mann wie Max Warburg sein deutsches Vaterland niemals geschädigt hat, daß die phantastischen Verdächtigungen eines Fritsch nicht an seine Fußsohlen heranreichen. Wenn Herr Warburg sich gleichwohl dazu entschlossen hat, diesen im Grunde grotesken Prozeß zu führen, seine Zeit an einen nicht ernst zu nehmenden Schwätzer zu verschwenden, so waren für ihn persönliche Gründe nicht ausschlaggebend. Herr Warburg führte diesen Prozeß für das deutsche Judentum, das in einem seiner angesehensten Männer getroffen und als in nationaler Beziehung gefährlich gebrandmarkt werden sollte. Die darauf hinzielenden Fritsch-Legenden glaubte der Hamburger Finanzmann zerstören zu müssen. In allen Schichten der deutschen Judenheit wurde

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