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Die Wahrheit · 1926-12-10 · Heft 51 (10.12.1926) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 51 (10.12.1926)
Date
1926-12-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 51 Seite 5 Der „Hamme r" brachte im Sommer dieses Jahres aufrufartjpe Leitartikel über „Die wahre Natur des Judentums", Dutzende von Flugblättern erschienen, die sich ebenso wie der Artikel um ein bestimmtes Zitat, ein „jüdisches Selbstbekenntnis" rankten. 60.000 Exemplare einer Flugschrift „An alle Verantwortlich e" flogen allen Persönlichkeiten von Amt und Einfluß in den Briefkasten. Bünde sollen sich gründen „z u r Brechung des Lügenbannes", die Schriftsätze im WaTburg-Fritsch-Prozeß schwellen unheimlich an — alles um ein Zitat, alles 'eines Selbstbekenntnisses wegen! 1916 war es, da erschienen im „Juden", zunächst als Aufsätze nur, Abhandlungen, die späterhin Dr. Jakob Klatzkin, der konsequenteste und schärfste Vertreter des nationaljüdischen Gedankens, als Buch mit dem Titel „Grundlagen des Nationaljudentums", in der zweiten Auflage „Krisis und Entscheidung im Judentum" herausgab. Einer dieser Aufsätze „Grundlagen des Nationaljudentums" hatte es Theodor Fritsch ausnehmend angetan. Vielleicht kannte er nicht einmal den ganzen Aufsatz, sondern hatte von einem seiner Zuarbeiter einen Ausschnitt erhalten, der nun die wissenschaftliche Grundlage alles weiteren darstellen muß. Klatzkin setzt in diesem Aufsatze die Ursprünge des modernen jüdischen Nationalgedank ens auseinander und weist darauf hin, daß im Mittelalter, solange das Ghetto bestand, das Judentum einen Staat im Staate bildete, der nach jüdischem Gesetz sich richtete und die allgemeinen Staatsgesetze nur insoweit kannte und befolgte, als sie ihm — meist schmerzhaft — zum Bewußtsein kamen. Herr F ritsch liest „Staat im Staate", er findet: „nur die jüdische Gesetzgebung war für uns maßgebend" — und schon geht automatisch der Gedankenfaden weiter: die Juden bilden einen Staat für sich, einen jüdischen Ueberstaat, mit eigener den allgemeinen Gesetzen nicht unterworfener, ihr vielleicht entgegenstehender Gesetzgebimg. Und ohne einen Versuch zu machen, in irgendeiner Bibliothek Klatzkins Werk als Ganzes zu lesen, werden die herausgerissenen Sätze als Eingeständnis eines führenden Juden verwertet, der alles das bestätigt, was Beweggrund und Inhalt der judenfeindlichen Bewegung ist Die Unterlage eines gedankenlos ausgeschnittenen Aufsatzabschnittes reicht für die Leute vom Schlage des Herrn Fritsch also aus, Unfrieden zu stiften, Haßgefühle zu erwecken, urteilslose Köpfe zu verwirren. Und dies alles unter dem Motto: „Brechung des Lügenbannes". Spotten ihrer selbst und wissen nicht wie. Dr. Klatzkin hatte sich gerade diese Wirkung seiner Aufsätze nie träumen lassen, und als er erfuhr, welche Brunnen Vergiftung mit seiner Person und mit seinem geistigen Gute vorgenommen werde, setzte er sich in einem Briefe zur Wehr, den er an den Centraiverein richtete. In ihm heißt es: „Von verschiedenen Seiten werde ich darauf hingewiesen, daß in dem Beleidigungsprozeß des Herrn Max War bürg, gegen Theodor Fritsch der Beklagte ebenso wie früher in seiner Zeitung und in seinen Broschüren, so auch jetzt in diesem Prozesse selbst dauernd auf meine Aufsatzreihe Bezug nimmt, die vor einigen Jahren im Juden* erschienen ist, und meine diesbezüglichen Ausführungen als Beweis für die von ihm aufgestellten Behauptungen benutzt. Da ich selbstverständlich darauf Wert legen muß, daß meine Aeußerungen nicht in dieser Weise von antisemitische Seite zur Begründung der Angriffe gegen das Judentum entstellt und mißbraucht werden, sehe ich mich veranlaßt, im nachstehenden folgendes zu erklären: 1. Die im .Juden' seinerzeit veröffentlichte Aufsatzreihe bildet den Teil eines später unter dem Namen .Probleme des modernen Judentums' (bzw. in der zweiten Auflage unter dem Namen ,K r i s i s und Entscheidung') erschienenen Buches, das eine Begründung einer umfassenden Ideologie des Zionismus versucht. Mein Standpunkt zur Judenfrage und insbesondere zur Stellung des Judentums in den verschiedenen Ländern kann also nur richtig verstanden und gewertet werden, wenn man das gesamte Gedanke n g e b ä u d e meines Buches berücksichtigt, nicht aber, wenn man, wie Herr Fritsch es tut, lediglich sich nur auf diese im ,Juden* erschienenen Auszugsartikel beruft. 2. Selbst aus diesen Artikeln reißt Herr Fritsch in seinen Zitaten Sätze aus ihrem Zusammenhang heraus, wodurch sie notwendigerweise häufig ednen entstellten Sinn erhalten. 3. Meine Charakteristik des Judentums in der Diaspora als einer Rechts- und Wirtschaftsgemeinschaft mit einer eigenen Gesetz- und einer eigenen Rechtsordnung bezieht sich, wie es jedem Kenner der jüdischen Geschichte und Gegenwart ganz klar ist, auf das Judentum des Ghettos, das heißt, auf das Judentum in dem Zustand, in dem es im Ghetto sich befand als eine selbständig unter den anderen Völkern isoliert lebende Gemeinschaft, die ihr Eigendasein durch den eigenen religiösen Kodex bestimmte und regelte. Daß dies für das Ghettojudentum gilt, wurde ja schon von vielen Historikern beglaubigt und durch die Gesetzgebung und Rechtsordnung der nichtjüdischen Volksgemeinschaften dokumentiert, die in diesen Jahrhunderten den Juden keine Gleichberechtigung gewährten und sie bewußt von der Teilnahme am Volks- und Staatsleben der Allgemeinheit durch Sondergesetze und Sonderordnungen absperrten. Dieser Zustand hat sich seit der Emanzipation grundsätzlich geändert, und diese Wandlung charakterisiert ja den Sinn des Emanzipationsprozesses mit dem durch ihn bewirkten Fall der Ghettomauern. 4. Endlich sei noch auf folgenden entscheidenden Gesichtspunkt hingewiesen. Mein Standpunkt ist, wie immer wieder sowohl in den Aufsätzen wie in meinem Buche hervorgehoben wird, derjenige eines konsequenten Nationaljudentums. Ich weise in meinen Ausführungen überall mit aller Deutlichkeit darauf hin, daß das Judentum heute in zwei grundsätzlich verschiedene Lager sich teilt, dasjenige des nationalen Judentums und des nichtnationalen, das naturgemäß den von mir vertretenen Standpunkt nicht anerkennt Es ist daher sinnlos, wenn Herr Fritsch meine Aeußerungen als maßgebend für den Standpunkt des nicht nationalen Judentums betrachtet und sich insbesondere darauf beruft, daß gegen meinen Standpunkt nirgend sich eine jüdische Stimme erhoben habe. Das Gegenteil davon ist wahr. Von verschiedenen Vertretern des nichtnationalen Judentums wurde mein Standpunkt sowohl in Vorträgen wie auch in der Presse kritisiert (z. B. im .Deutschen Reich', 5m »Liberalen Judentum' und verschiedenen arideren Organen)." Hier war ein Lebender mißbraucht worden, der davon erfuhr und sich zur Wehr setzen konnte. Der Erfolg der Abfuhr wird sein, daß man sich künftig an die Toten halten wird. Denn die Toten schweigen. Hg, Jadische Fraueiiideale. Eine Blütenlese von Dr. Max G r u n vv a 1 d. (Fortsetzung.) Esther Hachuel. Nach zeitgenössischen Berichten. In Tanger lebte ein jüdisches Ehepaar, das sich unter dürftigen Verhältnissen immerhin anständig ernährte. Hajim Hachuel, so hieß der Mann, plagte sich von früh bis spät auf der Straße mit Hausierhandel, wobei er von seinem fast erwachsenen Sohne Isachar unterstützt wurde. Seine Tochter Esther, die im Jahre 1831, in welchem diese Geschichte spielt, siebzehn Jahre zählte, war von so wundervoller Schönheit, daß die Sage ging, die Juden würden um ihren Besitz von den Mauren beneidet. Dem schönen Kinde wollte die stete Beschäftigung im Hause nicht recht behagen, sie hätte gar zu gern dann und wann ein herzliches Geplauder mit einer Gespielin gehabt. Oft, wenn sie im Hofe bei ihrer Arbeit saß, während die Mutter im Hause beschäftigt war, ließ sie die Hände in den Schoß sinken und blickte gedankenvoll zu dem blauen Himmel empor. Aber Mutter Simcha war streng. Sic liebte nicht unnütze Worte, noch wußte sie, was Zeitvertreib ist. Esther durfte das Haus nicht verlassen, selbst am Sabbat nicht, denn ihre Mutter hatte vergessen, wie einem Kinde von siebzehn Jahren zu Mute ist. Unter diesen Umständen war Esther einer Bekanntschaft froh, die sie sonst gewiß verschmäht hätte! In ihrer Nachbarschaft wohnte ein maurisches Weib, das sich rühmte, alle Neuigkeiten der Stadt, von denen die arme Esther sonst kein Sterbenswörtchen zu hören bekam, aus erster Hand zu besitzen. Dazu war es dem Mädchen, wenn es bei sinkender Sonne ein paar Minuten vor die Tür schlüpfte, ein süßer Trost, sich von Tahara, so hieß die Maurin, bedauern zu lassen. Eines Tages, als die Mutter sie wegen eines geringfügigen Vergehens hart ausschalt, ja mit Schlägen bedrohte, stürzte Esther, außer sich vor Angst und Entrüstung, aus ihrem väterlichen Hause, um bei der Freundin Schutz zu suchen. Tahara tröstete sie und zum Schlüsse stellte sie ihr ein besseres Geschick in Aussicht. „Wie oft habe* ich dir", so

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