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Die Wahrheit · 1926-12-10 · Heft 51 (10.12.1926) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 51 (10.12.1926)
Date
1926-12-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 4 arbeiten für die künftige Tätigkeit geleistet hat. Gewiß hatten viele noch mehr vom Landesverband erwartet. Der leidenschaftslos Urteilende muß aber anerkennen, daß schon wirklich Hervorragendes erreicht wurde, und daß die preußischen Gemeinden dem Verbände schon jetzt vieles zu danken haben. Darum herrschte auch allgemeines Bedauern, als bekannt wurde, daß Dr. Ismar Freund die von ihm geleistete, vorzügliche Arbeit in dem bisherigen Umfange nicht mehr fortzusetzen gewillt sei, sondern seine Haupttätigkeit wiederum der Jüdischen Gemeinde Berlin zuwenden wird. Das Ergebnis der Etatberatungen war, daß man durch die Bewilligung der im Etat vorgesehenen Mittel eine Stärkung leistungsschwacher Gemeinden, eine Sorge für notleidende Institutionen, die Schaffung eines guten jüdischen Beamtenrechtes und hoffentlich auch eine würdige Sorge für Rabbiner und Lehrer erwarten kann. Ein Entwurf für einen Reichsverband gelangte nicht zur Annahme, da alle Fraktionen der Auffassung gewesen sind, daß der bisherige Entwurf noch weitgehender Verbesserung bedürfe, um die an sich wünschenswerte Gründung dieses Reichsverbandes in die Wege zu leiten. Alle Teilnehmer der Versammlung hegten aber die Hoffnung, daß die Organisation nach Behebung der jetzigen Mängel des Entwurfes baldigst Zustandekommen wird. In diesem Sinne wurde auch ein liberaler Antrag, der von dem Vorsitzenden des Centraivereines, Justizrat B r o d n i t z, ausging, einstimmig angenommen, dahingehend, daß die Idee des Reichsverbandes nach wie vor als unbedingt notwendiges Ziel anerkannt und die Erwartung ausgesprochen wird, daß der Landesverband baldigst in die Lage kommt, einen den Bedenken der Parteien Rechnung tragenden Entwurf zu genehmigen. Auch die endgültige Beratung über das außerordentlich wichtige, schwierige und verantwortungsreiche Werk des Judengesetzes konnte natürlich in dieser kurzen dreitägigen Sitzung nicht erfolgen, und man mußte sich auf die Aeußerung grundsätzlicher Wünsche beschränken. Aber auch dieses Werk geht seiner baldigen Beendigung entgegen, wobei man niemals vergessen darf, daß man nach jahrzehntelangem Warten lieber noch ein Jahr verstreichen lassen soll, als Gesetze und Einrichtungen unter Dach und Fach zu bringen, deren Grundsätze nicht mit der größten Ruhe geklärt sind. Hätte nicht die jüdisch-nationale Partei das zweifelsohne einem agitatorischen Bedürfnis entspringende Vorkommnis, den Brief von Justizrat Sonnenfeld an den Minister betreffend, zu Beginn der Tagung zu einer mehr als peinlichen Sensation aufgebauscht, so hätte der übrige Verlauf des Verbandstages einen jeden befriedigen können, der unter grundsätzlicher Aufrechterhaltung aller prinzipiellen Auffassungen wertvolle und nützliche Arbeit für die jüdischen Beamten und Gemeinden Preußens und somit für die inneren Verhältnisse der preußischen Juden leisten will. Die Milah. Von Dr. Max G r u n w a 1 d. Ein bestimmter Anlaß führt mich dazu, diesem Gegenstande, den ich bereits vor Jahren in der „Wahrheit" und anderen jüdischen Zeitschriften behandelt habe, wieder ein paar Worte zu widmen. Als ich 1910 für die Dresdner Hygiene-Ausstellung Vorbereitungen zu treffen hatte, besprach ich mit dem sei. Hofrat Dr. E h r m a n n die Frage des Zusammenhanges der Milah mit dem Auftreten bzw. Vermeiden von Geschlechtskrankheiten. Er erinnerte sich damals, in dem Nachlaß Professor Weichselbaums protokollarische Aufzeichnungen einschlägiger statistischer Erhebungen gelesen zu haben. Das Material war aber damals nicht zugänglich. Und als ich voriges Jahr im Hinblick auf die „Gesolei" Prof. Ehrmann wieder an jene Protokolle erinnerte, bedauerte er, sie nicht beschaffen zu können. Bei dieser Gelegenheit teilte er mir aber Bedenken mit, die der Leiter einer hiesigen dermatologischen Klinik ihm gegenüber geäußert hatte. Dieser Spezialist hatte als Militärarzt an Mohammedanern konstatiert, daß die Circumcision keine Prophylaxe gegen genitale Erkrankungen bilde. Ich wies Prof. Ehrmann sofort darauf hin, daß diese Beobachtung meine Frage gar nicht berühre, da bei den Mohammedanern die Circumcision bekanntlich erst zwischen dem achten und dem dreizehnten Lebensjahre stattfindet. Und nun zitiert Dr. V. F ö d e r 1, Operateur der Klinik Hochenegg, in einem Aufsatz „Zur Klinik und Statistik des Peniskarzinoms", in der „Deutschen Zeitschrift für Chirurgie", 1926, S. 208) eine Ansicht, daß der Circumcision keine prophylaktische Bedeutung für die Krebsbildung zugesprochen werden könne, weil in Konstantinopel in vier Fällen Peniskarzinom bei Muselmännern beobachtet worden sei. Dr. F ö d e r 1 äußert sich über den Bericht aus der Türkei skeptisch, ohne, wie es scheint, zu bedenken, daß eben der Islam diese religiöse Operation erst für ein Alter vorschreibt, in dem sich der Krankheitsherd längst gebildet haben kann. Für uns von allergrößter Bedeutung ist die Feststellung Dr. Föderls: auf Grand seiner Erfahrungen finde er die vielfach von Autoritäten, auch von Czerny, vertretene Tatsache bestätigt, daß Juden gegen Peniskarzinom immun sind. Er schreibt (S. 211): „Als wichtigster auslösender Faktor zur Tumorbildung ist der durch die Phimose bedingte chronische Reizzustand anzusehen. Zum Beweis für die Richtigkeit dieser Behauptung stellen wir unsere Erfahrungen an Phimotikern jenen an rituell Zirkumzidierten gegenüber, wobei wir die Beschneidung als das grandioseste Experiment am Menschen werten können." Diese Worte an solcher Stelle können ihren Eindruck extra et intra muros nicht verfehlen. Bedauern müsseh wir es nur, daß, wie die Milah, so auch die Schechita auf der „G e s o 1 e i" nicht berücksichtigt wurden oder, wie es hieß, nicht zu Worte kommen konnten, weil die wissenschaftliche Behandlung dieser für uns so eminent wichtigen Gegenstände noch nicht weit genug gediehen sei. Ist es nicht an der Zeit, nun mit um so größerem Eifer diese Studien zu betreiben? Wie unerläßlich sie zur Verteidigung des Judentums nach außen wie nach innen sind, wird jeder ermessen, der im jüdischen Leben steht und es der jüdischen Mit- und Nachwelt zu erhalten sucht. „Jüdische Selbstbekenntnisse" als Beweismaterial. Mit den Zitaten arbeitet ganz allgemein die völkischantisemtische Pseudowissensohaft am liebsten, und von den Zitaten bevorzugt sie wiederum die sogenannten „jüdischen Selbstbekenntniss e", die sie für Beweismittel von stärkster Ueberzeugungskraft hält. Irgendwann hat irgendwo irgendein Jude irgendwas gesagt — und schon steht es in den Handbüchern, Zeitungen, Rcferentenmaterialien als Beweis, daß alle Juden allezeit ebenso gesprochen, gedacht, gelebt haben. Herr Theodor F r i t s ch kann, zumal der „Hammer" das 25. Jahr seines Erscheinens beendet, nachgerade als S a c hver ständig er in der Kunst derartigen Zitierens betrachtet werden. Umso lächerlicher und trauriger, wenn gerade ihm bei der Ausübung dieser Kunst ein Reinfall besdieif ist, den er hätte vermeiden können — sogar bei Anwendung auch nur der Sorgfalt, die ihm gelegentlich (vgl. den Warburg-Fritsch-Prozeß) vier Monate Gefängnis eintrug. — Was geschah?

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