Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 50 (3.12.1926)
- Date
- 1926-12-03
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 DIg WAHRHEIT Nr. 5» mmmmmmmm^K Volke heilig ist, täglich in den Kot zerren und den größten Blödsinn verzapfen, sie werden am meisten von unseren liehen Christen gelesen und erhalten, auch von Völkischen, die an ihren völkischen Blättern immer etwas auszusetzen haben." Die völkischen Blätter hingegen verzapfen ihren Lesern nur reine Weisheit. Von tiefstem Verständnis für die weltpolitischen Zusammenhänge zeugt zum Beispiel gerade der Leitartikel der erwähnten Nummer des „Grobian", der sich mit „Konkordat und Paneuropa" beschäftigt, die natürlich nichts anderes darstellen, als jüdische Erfindung zur Unterjochung der deutschen Menschheit. In diesem Artikel heißt es unter anderem: „Eine Hand wäscht die andere trotz äußerlichen (!) Gezänkes. Jesuitismus, Judaismus und Freimaurerei spieien zusammen auf dem Klavier internationaler Machtgier. Eine alte Dreieinigkeit gegen den Nationalismus, Getrennt marschieren, vereint schlagen. Sieh Erzberger und Rathenau, die Gerichteten! Teile und herrsche! Mir etwas — dir etwas! Es ist kein Zufall, daß der trockene Schleicher Seipel Weltreisen unternahm, um für Rom Stimmung zu machen, und sich an die Spitze der jüdischen Propaganda für Paneuropa stellt. Der Klerikalismus fördert diese, jüdischen Machtzwecken dienende Bewegung und erhält als Gegenleistung das Konkordat, d. i. ein Vertrag zwischen Staat und Papst zum Vorteile des letzteren . . . Jesuitismus und Judaismus, die schwarze und die rote Internationale, betäuben das Volk mit Opium, um es gemeinsam auszusaugen." Heiliger Simplizissimus! Steh doch dem armen völkischen Artikelschreiber bei! Es ist nicht mehr viel Zeit zu verlieren, da die Verwirrung seiner Sinne so groß geworden ist, daß ihm angesichts der internationalen Dreifaltigkeit nur so schwarz und rot vor den Augen schwirrt. Auch ein Opfer der jüdisch-jesuitischen Betäubungsversuche! Freiheit, die ich meine .... Am 22. d. M. fand die Generalversammlung der Lese- und Redehalle deutscher Studenten statt. In dieser Vereinigung führt neben einigen Couleurstudenten als Vorsitzender Herr jur. Albert Ehrenzweig das große Wort. Seitdem er Obmann ist, suchte er es in allen Sachen den Völkischen gleichzutun, durch völkische Phrasen und Ankündigungen, in denen die aus Publikationen des „Kulturamtes" bekannten Sätze „Deutsche Gäste willkommen" vorkamen, suchte er sich die Gleichberechtigung zu e*rkaufen, die völkische Radaumacher nun einmal prinzipielLJuden versagen. In der Generalversammlung brachte nun für die Deutschdemokratische Hochschülervereinigung deren Vorsitzender J. U. C. Heinz Braun eine Resolution ein, nach welcher es die Lesehalle ablehnen sollte, Mitglieder der antisemitisch-radikalen ..Deutschen Studentenschaft" aufzunehmen. Man sollte glauben, daß es der Stolz jeder freiheitlichen Vereinigung verbieten sollte, sich mit hakenkreuzlerischen Kumpanen an einem Tisch zu setzen. Aber weit gefehlt! Herr Ehrenzweig und die koleurstudentische Majorität dieser „freiheitlichen" Versammlung hielt es sowohl mit ihrer Würde als auch mit ihrem freiheitlichen Prinzip durchaus vereinbar, daß hakenkreuzlerische Studenten, die die freiheitlichen Studenten verachten und gegen sie hetzen, in di© „Halle" eintreten und in der vom Geld jüdischer Mitglieder mühsam aufrecht erhaltenen „Mensa" essen. Sie lehnten unter dem wütenden Gejohle der „freiheitlichen" Koleurstudenten alle Anträge der Demokraten ab, worauf die demokratischen Vertreter den Saal verließen und die Herren, die scheinbar von den Völkischen noch nicht genug Ohrfeigen bekommen haben, zurückblieben. Wie wir hören, sollen sich verschiedene Kou- Ieurstudenten, die sich in der Majorität befanden und daher besonders „mutvoH" auftraten, gegen die demokratische Minorität unerhörte Rüpeleien begangen und geradezu beispiellos benommen haben. Die Lese- und Redehalle hat sich damit in den Augen aller wirklich freiheitlichen Menschen selbst gerichtet. E. S. Rene Fülöp-Müler, der bekannte Herausgeber des Dostojewski-Nachlasses, kündigt durch seinen Verlag Piper & Co. ein recht merkwürdiges Buch an: „Die Beichte eines Juden in Briefen an Dostojewski" dürfte für alle jüdischen, sowohl wie antisemitischen Kreise ein Buch von sensationellem Interesse werden. Der Jude K o w n e r liatte unter dem Einflüsse der Lektüre des Raskolnikow als Bankbeamter Unterschlagungen begangen, um mit den Geldern einer verarmten Familie zu helfen. Vom Gefängnis aus begann er mit Dostojewski einen Briefwechsel, in dem die Judenfrage leidenschaftlich erörtert wird. Die deutsche Ausgabe dieses Briefwechsels ist von Max Brod eingeleitet. Theater, Kunst u. Literatur Verein für jüdische Geschichte und Literatur. Am 22. November sprach im vollbesetzten Klubsaale der „Hakoah" (I., Wipplingerstraße 24) Dr. Alexander Kristianpoller über die Symbolik im jüdischen Leben. Man bediente sich der Symbolik, weil die Sprache arm an Ausdrücken war; oft geschah es unter Zwang der Verhältnisse, um Gedanken und Ansichten verbergen zu könnendes geschah nur mit Absicht (schriftstellerischer Kunstgriff). Verhüllung reizt nur zur Aufmerksamkeit und zum Nachdenken. Der Vortragende bespricht kurz die symbolischen Kultusformen des Judentums und den Gebrauch der symbolischen Formen und Handlungen bei den Propheten und Dichtern, um dann ausführlich die Bedeutung der Symbolik im praktischen Leben zu zeigen. Wir sind umgeben von Symbolik; vergleiche die Sprache, die Gebräuche, die Gesten, die Gedanken. Die symbolischen Anspielungen und seine Formen müssen im Zusammenhange der Zeit und den Verhältnissen, unter denen sie entstanden, behandelt und in die Sprache des Alltags eingesetzt werden. Bei den Juden war die Verwendung von plastischen Figuren und Darstellungen wenig im Gebrauch, und desto reichlicher ist der Gebrauch von symbolischen Anspiegelungen und symbolischen Darstellungen in der Literatur häufig. Daher auch unter anderen die große Bedeutung der Midrasch-Literatur. Ueber die gebräuchlichen symbolischen Zeichen geben uns teilweise Aufschluß die aufgefundenen Gräber in Katakomben und andere Grabsteine und Denkmäler, Münzen und Siegel. Der symbolischen Zeichen bedienten sich auch häufig die Drucker, auch die Büchertitel sind symbolisch gewählt, besonders in kabalistischen Werken. Der Referent zeigt an Beispielen wie ein und dasselbe Symbol je nach der Persönlichkeit, von der er ausgeht und an der es gerichtet ist, ganz Entgegengesetztes bedeutet. Wie im allgemeinen Recht, so haben sich bis auf den heutigen Tag im jüdischen Recht viele symbolische Handlungen erhalten, z. B. die Zeremonie des Schuhausziehens bei der Chaliza, bei Kauf und Verkauf, der Akt des Ansichziehens (Meschicha), des Emporhebens (Hagbaha), der Akt des Mantelgriffes und des Handschlages u. a. Der Vortragende zeigt auch noch wie mit der Zeit die symbolischen Zeichen für wichtiger und bindender aufgefaßt wurden' als der eigentliche Vertragsakt. So z. B. ist der Handschlag vom R. Tarn unter anderen Rabbinen für unlösbar erklärt worden. Im Anschlüsse an diesen interessanten Vortrag entspann sich eine rege Diskussion, an der die Herren Dr. Imahlis, Dr. P. Steiner, B. Grünhut und Prof. S. Krauss teilgenommen haben. Bibliophile Haggadah. Demnächst erscheint im Selbstverlag des Herrn Rechtsanwalts und Notars Dr. Guggenheim in Offenbarh a. M. eine eigenartige Haggadah Sie wird von der überbrachten Textgestalturog insofern abweichen, als sie zwar an den überlieferten Text sich anlehnt, aber sich nicht nur an ihn hält, sondern allerhand Erklärungen uni Bemerkungen über jüdische Lehre und jüdisches Denken einfügt, um dadurch dem an> Fest Teilnehmenden ein gerundetes Bild jüdischer Frömmigkeit zu geben. Sie wird,. da der Herausgeber und die an der Drucklegung Mitwirkenden m Offenbach leben, die Bezeichnung „Offenbacher Haggadah tragen. Der bibliophile Druck in Folioformat wird in einer Auflage von 300 Stück auf gutem Büttenpapier in zwei Farben erscheinen. Zum Druck wird eine im Handel noch nicht vorhandene sakrale Koch-Schrift verwendet werden, den Gesängen sind Noten in einer 'eigenartigen und bislang unbekannten Kochschen Notenschrift beigegeben. Der Druck, erfolgt unter Leitung bewährter Meister der Typographie. Das Werk wird zehn ganzseitige handkolorierte Holzschnitte enthalten. In kürzester Zeit wird ein Prospekt mit Druckprobe herauskommen, mit der Aufforderung zur Subskription. Der Subskriplionspreis wird etwa 35 M. betragen. Da nur eine beschränkte Anzahl von Prospekten gedruckt wird, werden Interessenten gut tun, die Zusendung eünes Prospektes bei dem Herausgeber ausdrücklich zu verlangten, „Hanneraus Halolu" für Kantor mit oder ohne Begleitung, dasselbe als Duett für Sopran und Alt für eine Ghanukkafeiier komponiert von königl. Musikdirektor Aron Friedfflann, Oberkantor der Jüdischen Gemeinde in Berlin, Juwal- Verlag, Berlin W, Lietzenburgerstraße 8a. Diese reizende Komposition ist eine Perle im Kranze der vielen ausgezeichneten Arbeiten unseres schaffensfreudigen. Musikdirektors Friedmann in Berlin, Es ist zum Staunen und sehr erfreu^