Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 50 (3.12.1926)
- Date
- 1926-12-03
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 50 Dg WAHgHBfT Saite f als im Jahre 1924 die Handwerker als „arbeitende Bürger" und nicht mehr als „Bourgeois-Parasites" anerkannt wurden. Um sie vpn den „Bourgeois" zu unterscheiden, wurde ausgeführt, daß Handwerker nicht nur der ist, der bei sich zu Hause mit Familienmitgliedern arbeitet, sondern auch, wer im Höchstfalle drei Arbeiter in seinem Dienste beschäftigt. Diese neue Reform wirkte auf die Lage der Juden günstig, da unter ihnen sehr viele Handwerker sind. Die jüdischen Handwerker, Angestellten und Geistesarbeiter bilden eine Masse, deren Lage keineswegs von der der entsprechenden Kategoria der christlichen Bevölkerung abweicht. Man zählt in den russischen Gwerksohaften 300.000 organisierte Juden; sie stellen mit ihren Familien 850.000 Seelen dar. In den Städten der Ukraine verteilen sich die dort lebenden 123.000 gewerkschaftlich organisierten Juden folgendermaßen auf die einzelnen Berufsgruppen: Schneider 84 Prozent, Gerber 39 Prozent, Druckereigehilfen 35 Prozent, Angestellte der Lebensmitteibranche 31 Prozent, Beamte 28 Prozent, ärztliches Personal 27 Prozent, Verkehrswesen 23 Prozent, Kunsttischler und Tischler 23 Prozent, Getränkeherstellung 17 Prozent, Lehrer 17 Prozent, Bauhandwerk 14 Prozent, Textil und Industrie 12,5 Prozent, chemische Industrie 12 Prozent, Gemeindebeamte 11 Prozent, Metallindustrie 4 Prozent usw. Man sieht gegenwärtig jüdische Handwerker in der großen Metallndustrie besonders des Südens. Ihre Zahl nimmt langsam aber ständig zu. Unter dem alten Regime war es verboten, Juden in den großen Fabriken, die außerhalb der „Ntederlassungszone" lagen, einzustellen." Diese Statistik zeigt deutlich, daß düe russischen Juden Handwerk und Schwerarbeit nicht scheuen. Diese Tatsache wird in dem Artikel noch weiter bewiesen durch die Schilderung der erfolgreichen landwirtschaftlichen Siedelungen, die mit Hilfe von „Joint", „Ica" und „Ort" in Südrußland immer weitere Fortschritte machen. Der „Jüdische" Einfluß, gegen den die Deutschvölkischen zu kämpfen vorgeben, scheint in der Tat in so erschreckendem Maße gestiegen zu sein, daß ihm selbst jene rassenreinen Blättcr unterliegen, welche die Wortführer im Kampfe gegen Juda sein wollen. Beispiele für diese von arischem Standpunkte aus gewiß sehr bedauerliche Erscheinung findet man allenthalben im völkischen Blätterwald. Der „Michel", gewiß ein Blatt, das auf sein Ariertum stolz zu sein allen Grund hat, erscheint seit kurzem mit dem „bebilderten" Volksblatte „Der Freie", einem Kampfblatt für Volk, Freiheit und Recht. Daß aber selbst „Der Freie" nicht ganz frei vom Geiste Judas ist, zeigt ein großmächtiges Inserat, das sich auf Seite 3 der Nummer vom 7. Nebelmond befindet und also lautet: „Es gibt nichts Neues unter der Sonne", sagte einst Ben A k i b a. Er konnte dies leicht sagen, denn er hatte damals unsere prächtigen Herrenulster noch gar nicht gekannt!....." Den Namen der inserierenden Firma nennen wir nicht, erstens weil er für die Beurteilung des Falles gleichgültig ist und zweitens, weil wir für diese Firma keine unfreiwillige Reklame machen wollen. Daß der Ausspruch Rabbi A k i b a s nicht so lautet, wie er im obigen Inserate angeführt ist, sondern vielmehr „Alles ist schon dagewesen", das zu wissen, wäre wohl von einer in antisemitischen Blättern inserierenden Firma zuviel verlangt. England und Palästina. Immer wieder wurden diejenigen Juden, welche die Balfour-DeTclaration skeptisch betrachteten, von der zionistischen Presse als Verräter gebrandmarkt, und wenn sie sich gar erlaubten, ihrer Meinung dahingehend Ausdruck zu geben, daß das Interesse Englands an einem jüdischen Palästina nicht viel größer sei als sein Interesse an Palästina überhaupt, dann gerieten manche zionistische Blätter hierüber in förmliche Raserei: galt es doch lange Zeit hindurch in gewissen zionistischen Kreisen geradezu als ein Verbrechen, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind. Doch ein noch so großer Aufwand an Papier und Druckerschwärze konnte den Lauf der Weltgeschichte auch nicht um Haaresbreite von seiner Bahn abdrängen. Die geschichtlichen Entwicklungen vollziehen sich eben nicht so, wie die Zionisten es wünschen, sondern wie sie sich auf Grund der politischen, wirtschaftlichen und militärischen Machtfaktoren vollziehen müssen. Die „Wiener Morgenzeitung" veröffentlicht auf der ersten Seite ihrer Nummer vom 28. November ein Interview, das einer ihrer Mitarbeiter mit Colonel Wedgewood, dem sozialistischen Führer und ehemaligen Mitglied der englischen Arbeiterregierung, hatte. Colonel Wedgewood, der von einer Reise nach Palästina zurückgekehrt ist, sagte hierbei unter anderem: „Ich würde es bedauern, wenn Palästina eine Konstitution erhalten würde, bevor die Juden die Majorität erlangt haben. Die Araber beginnen bereits die Konstitution 2U fordern, und *s Wird« meiner Ansicht nach gefährlich sein, die Konstitution vorzeitig zu geben. Man hat jetzt in den palästinensischen Städten einen Council eingesetzt. Die Wahlen erfolgen in drei Kurien. Araber. Juden, Christen haben in gesonderten Kurien gewählt, sitzen aber in einer gemeinsamen Körperschaft. Dieses System halte ich für schlecht. Es nährt die nationalistischen und chauvinistischen Instinkte und dient der Reaktion. Die Entwicklung in Palästina dahin zu fördern, daß ehestens die jüdische Majorität erlangt wird, liegt auch im Interesse der Araber, nämlich der großen Masse der Fellachen. Nachteile wird die jüdische Majorität nur der Kaste der Paschas und den Beduinen bringen. Die unterdrückten, ausgebeuteten Fellachen aber wird e'ne jüdische Mehrheit im Lande befreien. Was das Verhalten der Mandatarmacht anlangt, so kann ich nur kurz und bündig folgendes sagen: England hat in diesen acht Jahren seit der Balfour-Deklaration für Paläst in a so r.ut wie nichts getan. Für die Juden nichts, -ber für die Araber auch nichts." Aus diesen Aeußerungen des ehemaligen englischen Ministers geht klar und deutlich hervor, daß die englische Palästinaverw a 11 u n g weder den von der englischen Regierung durch d'"e Balfour-Deklaration freiwillig übernommenen noch auch den ihr vom Völkerbund übertragenen Mandatsaufträgen gerecht geworden ist. Es scheint auch wenig Aussicht chfür vorhanden zu sein, daß die Einstellung der englischen Regierung gegenüber ihrem Mandatsland sich in absehbarer Zeit ändern dürfte, zumal die derzeitige konservative Regierung durch den Zusammenbruch des Kohlenarbeiterstreiks und den glänzenden Verlauf der englischen Weltkonferenz eine bedeutende innen- und außenpolitische Festigung erfahren hat. Heiliger Simplizissimus! So lautet der Notschrei, den ein „gehetzter völkischer Zeitungsherausgeber" ausstößt, nachdem er sich des Ansturmes seiner I eser und Freunde nicht mehr zu erwehren vermag und unter der schweren Last seiner Berufspflichten zusammenzubrechen droht. Daß es gerade der Geist der Einfalt ist, den der Herausgeber des „Grobian" am 20. Nebelung heraufbeschwörte. scheint uns psychologisch recht eut verständlich: offenbar haben die Verhältnisse in seiner Redaktion einen solchen Grad von Kompliziertheit erlangt, daß sie ein völkisches Gehirn nicht mehr zu fassen vermag. Heilige Einfalt, "•örtliche Naivität, komm herab und gieße deine milden Wonnen aus, spende Linderung den bis zum Bersten mit Verwicklungen und Verwirrungen gefüllten Geistern! „Wem soll er es recht machen?" schreibt der völkische Herausgeber von s;eh selbst. „Ob er auf den Füßen, auf den Händen oder auf allen Vieren geht — hart gehen die Leser mit ihm ins Gericht, besonders wenn er die Kühnheit hat, alles Falsche und Schlechte (als .Jüdisch". D. Red.) brandmarken, ohne auf das spezifische Verdauungsbarometer der Leser peinlich genau lavierend Rücksicht zu nehmen." Das „Verdauungsbarometer" scheint nun. soweit düe Leser des „Grobian" in Frage kommen, dauernd schlechtes Wetter anzuzeigen. Wahrscheinlich ist das, was der „G r o b i a n" seinen Lesern vorsetzt, so schwer verdaulich, das es nicht einmal die an eine derartige Kost gewöhnten Hakenkreuzler vertragen können. Die Folgen dieser Verdauungsstörung äußern sich nun vor allem in zahlreichen Abbestellungen, und zwar demonstriert der ..gehetzte völkische Zeitungsherausgeber" die Stellungnahme der unzufriedenen Leser zu dem von ihm herausgegebenen schwer verdaulichen Blatte durch folgende, wohl etwas „idealisierte" Zuschriften: ..Wegen Ablehnung meines Gedichtes ..Memoiren eines Bandwurmes" bestelle ich Ihr Rlatt ab. Kuno von Saugnanf." — ..Da Sie den Reformisten Glöckel eine oäd»vioeische Kuhschelle genannt haben, bestelle ich ab. Dedi Speichellecker." — ..Da Sie zu viel Aufhebens von Hitler machen, abbestellt! Michel Leisetreter." — „Da Sie Hitler kritisieren, abbestellt. Bramarbas Eisenfresser." — ..Da Sie zu viel auf die Juden loshauen, abbestellt. Siegfried Darmkletf-rer." — „Da Sie mich auf Zahlung meines erst einjährigen Zahlungsrückstandes mahnten, abbestellt. Jeremias Knauser " — „Zu hochtrabend, abbestellt. Hans Kaulonappe." — ..Zu s'mpel. abbestellt. Dr. Phrasenschleim." — „Zu grob. Glühstntmnf." — „Zu milde. Stacheligel." Heiliger Simolizissimus! H'lf doch dem armen gemagten HaVenkreuzlerhlattgroßuntf»rnehmen, weise ihm den rechten Weg, auf daß er weder hochtrabend noch zu simpej. weder zu grob, noch zu mild schreibe und zeige ihm vor allem, wie man es anstellen muß. damit die Lügen und Verleumdungen nicht zu offenbar.?ber auch nicht zu wenig effektvoll erscheinen! — „Die Judenblätter", meint der Artikelschreiber, „dürfen alles, was unserem ^rtäfjWfRwnmiT-Ttf*-*~~'\ rmnj'ir.irmaiii jmww v......mi im.....m_ ■i&**&!*'*Ksa