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Die Wahrheit · 1926-12-03 · Heft 50 (3.12.1926) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 50 (3.12.1926)
Date
1926-12-03
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 8 die wAMgtterr Nr. 60 n!.;( 'i i ~ i, % •/! ' I Wahrheiten vom Tage Domkanonikus Veith. Verschlungen sind die Wege, o Herr, auf welchen Du die Menschen führest! Rabbiner hätte der kleine Emanuel werden sollen, der am 10. Juli 1787 als Sohn des frommgläubigen jüdischen Kaufmannes Baruch Veith in Kuttenplan in Böhmen das Licht der Welt erblickte. Denn der kleine Emanuel war ein aufgeweckter Knabe mit scharfem Sinne und rascher Auffassung, er lernt fleißig Talmud und Midrasch und war die Freude seiner Lehrer und der Stolz seines Vaters. Er studierte aber nebstbei eifrig naturwissenschaftliche Werke, las die Schriften Voltaires und Goethes, legte am Pilsner Gymnasium seine Prüfungen mit Auszeichnung ab und bezog im Jahre 1804 die altberühmte Universität in Prag, um Medizin zu studieren. Nebstbei komponierte, musizierte und botanisierte er leidenschaftlich, denn alles, was er tat, das tat er leidenschaftlich. Diese seine Leidenschaft verwickelte ihn, den jungen Doktor der Medizin und Tierheilkunde, in eine romantische Liebesgeschichte, in deren Verlauf er im Jahre 1816 in der Karlskirche die T a u f e nahm. Als die Nachricht hiervon in sein Elternhaus gelangte, zerriß Baruch Veith sein Gewand und trauerte um seinen abtrünnigen Sohn wie um einen Gestorbenen. Aber auch dem Täufling brachte dieser Schritt kein Glück, seine Liebe zu einem christlichen Mädchen, derentwillen er sich hatte taufen lassen, endete mit einer schweren Enttäuschung und so beschloß Dr. Emanuel Veith sich vom weltlichen Leben zurückzuziehen und sich dem geistlichen Stande z^u widmen. Er studierte an der Wiener Universität Theologie und Philosophie, trat in den Redemptoristenorden ein, betätigte sich eifrig als Seelsorger und Kanzelredner. Er machte rasch Karriere und alsbald war der „Jude" Veith der berühmteste Kanzelredner seiner Zeit, zu dessen Predigten in der Stephanskirche das Volk von weit und breit zusammenströmte. Veith besaß ein ungeheures Wissen, er kannte den Talmud ebensogut wie die Schriften des Thomas von Aquin und war in der Naturwissenschaft und Medizin ebensogut bewandert wie in der Religionsphilosophie des Maimonides und des heiligen Augustinus. Hierzu kam, daß er ein faszinierender Redner war, dem die Worte wie Oel von den Lippen flössen, und ein feiner psychologisch durchgebildeter Kopf, der die Herzen seiner Zuhörer wie keiner zu erweichen verstand. Dieser Umstand ist es auch, der auf ein Geschehnis ein grelles Licht wirft, das sich um die Mitte des vorigen Jahrhunderts abgespielt hat und das vielleicht geeignet ist, das Leben dieses vom Judentume abgefallenen Sohnes unseres Volkes in milderem Licht erscheinen zu lassen. Kanonikus Veith hatte sich während seines ganzen langen Lebens dem Judentume nie vollständig entfremdet. War er sich dessen bewußt, daß darin die eigentlichen Wurzeln seiner Kraft lagen? Nagte in seinem Innersten vielleicht ein geheimer Schmerz, eine ungestillte Sehnsucht, die er niemandem offenbarte? Wie dem auch immer sein mag, Kanonikus Veith hat seinen ehemaligen Glaubensbrüdern in der Stunde größter Gefahr einen Dienst erwiesen, wofür sie ihm, dem Abtrünnigen Dank schulden. Das rätselhafte Verschwinden eines Kapuzinerpaters in Damaskus hatte wieder einmal zu einer Ritualmordbeschuldigung gegen die Juden geführt und viel jüdisches Blut gekostet. Auch in Europa waren die Judenfeinde eifrig am Werke, das Ritualmordmärchen zu verbreiten, und drohende Gewitterwolken zogen sich über den Häuptern der österreichischen Juden zusammen. Das Volk wurde von fanatischen Agitatoren aufgehetzt, Angst und Schrecken herrschte in den Häusern der Juden. Kanonikus Johann Emanuel Veith, der mächtige Domherr von St. Stephan, stand hoch oben auf der Kanzel im Stephansdom und predigte der atemlos lauschenden vielhundertköpfigen Hörerschaft. Und als seine Predigt zu Ende war, erhob er seine Rechte zum Schwüre und sagte mit kaum unterdrückter innerer Erregung: „Ihr wißt, meine andächtigen Hörer, daß ich Jude war, bevor ich das heilige Sakrament der Taufe empfangen habe. Ich habe den Talmud, den Schulchan- Aruch und die Kabbala und alle übrigen jüdischen Schriften genau gelesen; kein jüdisches Werk ist mir unbekannt geblieben und nirgendwo habe ich auch nur eine Andeutung für die furchtbare Beschuldigung gefunden, die gegen die Juden ausgesprengt wird. Ich schwöre daher einen heiligen Eid, daß die Ritualmordbeschuldigungen gegen die Juden Lüge und Verleumdung sind. So wahr mir Gott helfe, Amen!" Dieser feierliche, in der dichtgefüllten Kirche geleistete Eid machte in Wien ungeheures Aufsehen und die Wiener Judenschaft atmete Erleichtert auf. Vor fünfzig Jahren, am 6. November 1876 SSfelel Johann fcnanud Veith, der Talmudschüler, welcher es bis zum — Domkanonikus und Ehrendomherrn des Metropolitankapitols von Salzburg gebracht hatte, der Doktor der Medizin, Theologie und Philosophie, der große Theologe und berühmte Kanzelredner für immer die Augen. Seine letzte Arbeit war die Uebersetzung und Erklärung des Hohen Liedes Salomonis. Hatte Emanuel Veith vielleicht in den letzten Tagen seines wechselvollen Lebens zu dem Glauben seiner Väter zurückzufinden, den Anschluß an den Geist, von dem er ausgegangen und den er später verlassen hatte, wiederzufinden gesucht? Wer vermag es zu sagen? Domkanonikus Veith wurde unter ungeheurer Beteiligung und mit großen Ehren zu Grabe getragen und auf dem alten Matzle'insdorfer Friedhof zur ewigen Ruhe gebettet. Line politische Konjunkturgründung. Vor einigen Tagen stieß der „Michel"-Kipper in Graz ins Horn und blies zum Sammeln im Bund der Freien. Hans Kipper, aus Prozessen längst kein Unbekannter mehr — wenigstens nicht in den Gerichtssälen — hat plötzlich in sich seine gottbegnadete Führernatur entdeckt und bietet sie dem irregeleiteten. Volke an ... so lange der Vorrat reicht! — Mit wallenden Locken und stoßendem Schwert und einem „über 100 Mil- 1 ionen-Preisausschreilb'en" rückt Hans Kippter- , Michel" dem Drachen an den Leib. Geschäft und Drachenbezwingung erscheint der Führernatur des Herrn Kipper als ein und dasselbe. Und weil bekanntlich die verseuchte Presse ärger wirkt als manch geschliffen Schwert, so läßt Kipper im Kampf mit dem Drachen gleichzeitig eine neue Wochenzeitung „Der Freie" in die Welt flattern. Die zweite Seite schon verrät, wer Kipper und sein „Freie r" ist und wo hinaus beide wollen. Was in der ersten Spalte, die einem sogenannten Aufiuf dient, geschrieben steht, hat starke Aehnlichkeit mit den Tagebuchauf Zeichnungen eines — Narren. Es ist schon der Mühe wert, einige Kostproben dieses Aufrufes aus der Werkstatt des „Michel "-„Freien" zu servieren! Die Zeit ist erfüllt „Die Wiedergeburt des deutschen Volkes in den nächsten Jahrzehnten wird vom „Michel" kommen oder sie wird nicht kommen! „ . . Noch ist die Zeit nicht erfüllt. Es werden noch Enttäuschungen kommen — dann, dann , . . Heil und Sieg 1926!" So habe ich vor drei und zwei Jahren geschrieben. (Bescheiden ist der Herr nicht!) Ich rufe zum Kampfe. Kraft des Naturgesetzes, das den Führer nicht erst durch Wahl macht, sondern Ihn aus sich selbst werden läßt, ergreife ich die Führung. Nicht Machtgelüste, nicht Ehrgeiz, nicht Geschäftssinn treiben mich. Die Liebe zu meinem Volke drängt mich, reißt mich empor, zwingt mich, das Steuer des deutsehen Schiffes auf stürmender See zu ergreifen!" Wenn Deutschlands Wiedergeburt kommt, so kommt sie sicherlich nicht vom „M i c h e 1" und nicht vom „Bund du Freien", es sei denn, daß Hans Kipper Vater einer Mißgeburt werden will. Begründung: Anschließend an diesen Aufruf von „Ihm" fügt sich ein über drei Spalten langes Preisausschreiben. Angefangen von einem Speisezimmer bis zu einer Flasche Kölnischwasser. Neben dem will Kipper auch um die soziale Besserstellung kämpfen und vergißt, welch karge Entlohnung „Er" „Seinen" Angestellten zahlt, die mithelfen müssen, Schwert, Federstiel und die Flaschen mit Kölnisch-Wasser im Kampf mit dem Drachen zu schwingen. Und der Ruf des plötzlich itf der „Michel"-Sohriftleitung erwachten „Volksbefreiers" klingt in eine Fanfare aus: „Ich habe die Fahne entfaltet. Ich will — ich muß sie zum Siege führen: denn die deutsche Wiedergebur.t in den nächsten Jahrzehnten wird vom „Michel" kommen oder sie wird nicht kommen! Aber sie kommt! Der Sieg?! Ha, wißt Ihr, welche Kraft eine einzige Menschenbrust birgt? Die Ihr es nicht wißt: Kämpfet, leidet, opfert — und Ihr" werdet stark und unbesiegbar werden!" . . ..Damit kein Mißverständnis entsteht: diese fabelhafte Kritik der neuen Kipper-Gründung haben nicht wir geschrieben, sondern aus der Linzer antisemitischen „Volksstimme" entlehnt Jüdische Handwerker In Rußland. Die Zeitschrift „Paix et droit", das Organ der „Alliance Israelite Universelle", veröffentlicht in ihrer Oktobernummer einen Aufsatz über die russischen Juden, in dem die Gefahren, die den Juden wie jeder Religionsgemeinschaft in Rußland durch die kirchenfemdliche Einstellung des Bolschewismus drohen, aber auch die Erleichterungen gezeigt werden, die für die Juden durch die Gleichberechtigung mit den Andersgläubigen in ihrer wirtschaftlichen Lage eingetreten sind. In dem Aufsatz heißt es unter anderem: „Einen anderen wichtigen Soliritt auf dem Weg« 4er Besserung gedeutete es,

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