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Die Wahrheit · 1926-12-03 · Heft 50 (3.12.1926) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 50 (3.12.1926)
Date
1926-12-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 50 Dffi WAÜ Seite 1 Glossen. Dr. S e i p e 1, der sein Amt mit der ausgesprochenen Absicht angetreten, den Augiasstall der ihm nahestehenden Parteien zu säubern, erfüllt seine Aufgabe im Geiste der alles begreifenden und alles verzeihenden Liebe. Um nur keinem teueren Haupte oder richtiger um keinem teueren Häuptling weh zu tun, hat er gleichzeitig mit der Rolle des Anklägers auch die des Verteidigers übernommen. Die armen, irregeleiteten Schäfchen sind allerdings ausgeglitten, das läßt sich nicht leugnen, aber sie waren mehr beklagensals anklagenswerte Opfer böser Beispiele. „Kein Wunder" — sagt der milde Seipel — „daßmanche auf unserer Seite sich gedacht haben, was alle machen, können wir auch, zum Beispiel ein bißchen spekulieren u. dgl." „Oder," fährt der Verteidiger fort, „kein Wunder, daß auch auf unserer Seite sich Leute auf Dinge eingelassen haben, die sie nicht verstanden haben." Schau, schau, für gar so kindlich harmlos hatten wir wirklich gar nicht die Herren gehalten, die früher solch vernichtende Urteile über Aktionen zu fällen wußten, die sie dann später so freudig selbst unternahmen. Dr. Seipel in seiner unsäglichen Güte als Verteidiger und Angreifer übersieht auch ein Moment, das wirklich einiger Beachtung wert wäre. Sind die Vorbilder der verführten hohen Würdenträger auch leitende Persönlichkeiten im Staate gewesen? Spielten sich diese Vorbilder auch auf die Sittenrichter heraus? Es ist ja wunderschön, wenn ein Ankläger aus einem Splitter keinen Balken macht; aber muß der Verteidiger aus einem Balken einen Splitter machen? * * * Hakenkreuzlerische Studenten der Wiener Universität haben in einem Aufrufe zum Besuche ihrer Versammlung einen Rekord geschlagen, den zu überbieten selbst ihnen wohl nie mehr gelingen wird. Da heißt es: „Als Deutschland vor mehr als 100 Jahren daranging, einen Befreiungskampf auf Leben und Tod zu führen, da waren an unseren Hochschulen Männer wie Fichte seine geistigen Führer. Der Führer des heutigen Freiheitskampfes ist A d o 1 f H i 11 e r. Er ist der Einzige, der uns eine Bewegung geschaffen, in welcher der Arbeiter der Stirn und der Faust gemeinsam kämpfen können." Wenn ein Milliardenpreis für den Autor einer Satyre ausgeschrieben worden wäre, die das Hakenkreuzlertum erbarmungslos dem Fluche der Lächerlichkeit überliefert, wahrhaftig der Verfasser dieses Aufrufes hätte den Preis verdient. Was mögen diese Studenten von dem mächtigen Geistesheros Fichte wissen, wenn sie sich den tollen Einfall gestatten, den hohlen Schwätzer Hitler in einem Atem mit ihm nennen! Es ist ja wahr, Fichte hat auch einige unfreundliche Aeußerungen über die Juden fallen lassen, die er nicht kannte oder verkannte. Aber du lieber Himmel, gibt es einen Kretin, der z. B. den braven 0. F. Berg wegen seiner judenfreundlichen Posse „Einer von unsere Leut" mit Lessing, dem Dichter des „Nathan", auf eine Stufe setzen wird? * * * Mit großem Interesse nahm man in den weitesten Kreisen die Nachricht auf, daß General Ludendorff glücklich eine schwere Operation überstanden und von seinem Kropf befreit wurde. Endlich ist also die Lösung des Rätsels erfolgt, wie ein Mann, der sicherlich nur dank hervorragender geistiger Fähigkeiten, die er schon in der frühesten Jugend bekundete, eine so glänzende militärische Karriere zurücklegen konnte, allmählich dazu gelangte, an die Echtheit der Protokolle der „Weisen von Zion" zu glauben. * * * Eine 'wahre Märchenwelt eröffnet der ungarische Ministerpräsident in seinen Wahlreden vor den erstaunten Wählern. Er verkündet ihnen mit dem Brusttone tiefinnerster Ueberzeugung die Segnungen des konfessionellen Friedens, der keine Scheidewand zwischen den gleichberechtigten Bürgern eines Landes duldet. Nur auf eine Kleinigkeit müssen die Juden in Ungarn verzichten, eine Kleinigkeit, nicht der Rede wert, über die daher Graf B e t h 1 e n am besten in den schwungvollen, hochgemuteten Programmreden schweigend hinweg geht: Der Numerus clausus bleibt. Alles kann der Jude werden, nur zu den Studien, die die Erlangung eines öffentlichen Amtes zur Voraussetzung haben, wird er nicht zugelassen. Das soll Gott behüte gewiß keine Zurücksetzung oder Beeinträchtigung der Juden bedeuten — das wäre ja eine Versündigung gegen das Grundprinzip des Liberalismus — sondern eine notwendige Maßnahme zum Schutze der Nichtjuden, das müssen doch die Juden einsehen, die auch, bevor sie die volle Gleichberechtigung in den europäischen Staaten erlangt hatten, so dringend auf den Schutz der Regierungen angewiesen waren. Und darum sollen, dank dem Numerus clausus, die Juden keine Advokaten, keine Aerzte, Apotheker, Chemiker usw. usw. werden. Selbstverständlich nicht etwa aus Gründen eines abscheulichen, verwerflichen Religions- oder Rassenhasses, sondern lediglich aus naheliegender Rücksicht und Schonung für die anderen, die sonst in ihrem Vorwärtskommen behindert werden. Hämische, übelwollende Nörgler wollen dies freilich nicht begreifen, aber ein so überzeugter und begeisterter Verkünder der fortschrittlichen Idee, wie es Graf Bethlen, darf es wohl unter seiner Würde finden, mit solchen Leuten zu diskutieren. Er, der unerschrocken den Wählern ein herrliches, ungetrübtes Bild einer Märchenwelt des konfessionellen Friedens und der Gleichberechtigung vorzaubert, heimst weiter seine Erfolge ein. Und es sind keine — Heiterkeitserfolge, vor denen er verstummen müßte. Ego. Hotel ^-Restaurant Birth Wien II., Hollandstraße Nr. 14 Vornehmes Restaurant mit erstklassiger Küche Mittags- und Abenö-Menu nach Wahl S 2.— Übernahme von Diners und Soupers in und ausser Haus Jeden Samstag, Sonn- und Feiertag tun 9Uhr abends Soupers - Dansants (Jazz-Band: FRED REICHEL) Zum Besuch ladet höfl. ein?. GUTH, Besitzer. ^Jä%TOMCVuaK?SMk'.Aäi ■fjfcW'U'; irttlMit l

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