Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 50 (3.12.1926)
- Date
- 1926-12-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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ABB WAfl pelzerstörung). Die Läden der Juden blieben alle geschlossen; auf der Straße war keiner zu sehen; selbst die Kinder behielt man aus der Schule zuhause, damit ihnen die Gassenjungen kein Leid antäten. Ich muß dir sagen, Kind, daß ich mir feig und elend vorkam, zuhause zu bleiben und an mich zu denken, wo die arme Tante üuttraud in Kummer und Herzeleid vergehen mußte. Ist es ein sottgefälliges Werk, zu einem Sterbenden zu gehen — wie darf man da eine allein lassen, deren Seele eines hundertfältigen Todes stirbt? Ich sagte es deinem Vater. „Tu, was du willst!" sagte er, „ich gebe schon auf die Kinder Obacht". Ich nahm mein Tuch und lief hinüber, ohne mich umzusehen, aber ich far.d die Tür verschlossen und klopfte und rüttelte vergebens. Die Nachbarin, die Schneiderin Engelbrecht, kam auf tiie Stiege und sagte mir, die Mädchen hätten sich von innen eingeriegelt und die arme Madame sei fort. — Fort! fort! Wohin? „Weiß raan's denn", sagte die Engelbrechtin achselzuckend, „der Mensch m der Verzweiflung weiß nicht, was er tut. Herrje, die arme Frau dauert mich". Ich schlich davon mit noch schwererem Herzen. Solltest du's glauben, Kind — ich war imstande, das was die Frau gedacht, der Heiligen zuzutraun. Jawohl. Sie hat sich etwas angetan. Aber wie schämte ich mich, als ich erfuhr, was sie sich angetan hatte. Die Stunde war gekommen; eine unzählige Volksmenge füllte den Markt; die brutale Masse freute sich auf das brutale Schauspiel und johite bchimpilitder auf die Juden. Man hatte Polizeidiener und Militär aufgestellt und die nächsten Zugänge zum Kaihause abgesperrt. Von: großen Fenster herab verlas ein üerichtsschöffe das Lrteil, dem die Menge schallend zujubelte, und nun drehte sich die verhängnisvolle Wand, und mit entblößter brüst, das Haupt gesenkt, das der im Kerker verwilderte Bart noch mehr entstellte, ward der Unglückliche sichtbar. Ein neues,, noch wilderes Geheul. Schon bückten sich einzelne nach Kieselsteinen, die den Verbrecher treffen sollten — da — (alles, was ich dir hier erzähle war im Wochenblättchen genau beschrieben) öffnete sich die kleine Tür des Rathauses in der l'ischgasse und sie trat heraus, Tante Guttraud, in den von Soldaten abgesperrten Raum und, statt hindurch zu gehen, blieb sie am Eckstein vor dem Pranger stehen, hob sich am Eisengitter mit der dürren nackten Hand empor und stand frei und allen sichtbar, dicht neben dem Manne auf der Schandbühne, dem Manne, dem sie unter der Chuppe Treue geschworen hatte. So stand sie stundenlang und nicht mit der Verzweiflungsmiene, wie man die Mutter unter dem Kreuze abgemalt sieht, nein, ruhig, als ob sich das von selbst verstünde, mit den Lippen nur leise zuckend, als ob sie innerlich bete, und die Augen auf „ihn" geheftet, der zu ihr hinabsah, während dicke Tränen in seinen Bart fielen, die er nicht abtrocknen konnte. Das war, wie wenn ein Blitz, nein, wie wenn ein Lichtstrahl von Gott auf die Menge gefallen wäre. Die Schimpfworte und das Geheul waren verstummt. „Sein Weib! Sein Wein! Sein unschuldiges Weib'" rief eine Stimme gedämpit der andern zu, und so viele-schlichen sich davon, daß die Soldaten kein Gedränge mehr abzuwehren hatten. Der Pfarrer Mathias, der zum Abendsegen in die Brüderkirche gehen wollte, und der das Vorgefallene in der Marktgasse erfuhr, trat nahe heran — und zog den Hut ab. Wie ein Lauffeuer war es durch die5 ganze Gemeinde geflogen und nach und nach war alles auf den Markt geströmt. i*as Gefühl der Schande war aus allen Herzen gewichen und hatte dem des Stolzes Platz gemacht. . Das Verbrechen war überall und zu allen Zeiten erhört; unerhört .war hur das Märtyrertum der ehelichen Treue. Das war ein stilles Bewundern, ein Kopf schütteln, ein Zunicken, ein Schluchzen der Rührung und der alte Rof (Rabbiner) hob die Hände empor und rief laut: „Gott, verzeih' mir's, so alt ich bin, weiß ich doch nicht, was man darüber für eine Broche (Segensspruch) machen soll." Ich glaube immer, es war auf des Bürgermeisters Schömberg Einschreiten, daß die Zeit abgekürzt wurde und der Aime bald darauf den Blicken entschwand. Nun wollte die Menge das Spalier durchbrechen; sie hätten vielleicht auf den Händen die Tante Guttraud nach Hause getragen, aber sie war durch dasselbe Türlein verschwunden, durch das sie eingetreten war. Man hat sie auch vergebens besuchen wolle«, obwohl der Parness und die ganze Gemeinde jetzt auf einmal den Weg zu ihr fanden. Sie war bei „ihm" in seiner Zelle, oder schloß sich mit den Ihrigen ein. Einmal fand ich sie nach vielen fruchtlosen Versuchen, und es zog mir die Knie herab, als wenn man Kaurim fällt (den Fußfall an den hohen Festen), aber sie sah mich mit strahlenden Blicken an und sagte: „Betty, was tust du für eine Ewere (Sünde)! Was würde deine Mutter — der Friede sei mit ihr! — denken; sie war zehnmal besser als ich." Als die Kurprinz essin, auf die Welt kam, wurden viele begnadigt und vielen die Strafzeit abgekürzt. Da ist „er" auch herausgekommen. Aber in den feuchten Kasematten waren seine Hände und Füße gichtbrüchig geworden, und so lag er den Rest seines Lebens darnieder, wie du ihn noch gesehen hast, eingewickelt in Kampferkissen und von seinem treuen Weib gepflegt wie ein krankes Kind. Die Familie steuerte eine Jahresremte zusammen, die durch Vermittlung der Mädchen dem kleinen Haushalte zugute kam. Kurz nachdem du unsere Stadt verlassen hattest, ward „er" von seinem Leiden erlöst. Die Lebensaufgabe der Dulderin war vollendet; da sie nichts mehr auf Erden zu tun hatte, rief sie Gott bald darauf in seinen Vatersohoß zurück. Das ist die Geschichte der Heiligen, die unter diesem Steine ruht." Die Mutter erhob sich; hinter dem Eichenwäldeben sank die Sonne und sendete einen letzten Strahl, der sich in dem tränenfeuchten Auge der Mutter spiegelte. „Gibt es noch solche Weiber in Israel?" fragte sie. Ich sah sile schweigend an und drückte ihr die geliebten Hände. (Fortsetzung folgt.) Judische „Minderwertigkeit" Daß von antisemitischer Seite jeder Jude als nicht vollwertig gilt, ist eine alte, traurige Wahrheit, Daß es aber auch Juden gibt, die Stammesgenossen in Bausch und Bogen als „minderwertig" verdammen, ist eine, vielen neue und wohl noch traurigere Wahrheit. Als sozusagen aktenkundigen Beleg für diese Infamie geben wir im folgenden eine Aeußefung von Dr. Paul Arnsberg (Frankfurt a. M.), #einem der maßgebendsten deutschen'Zionisten des ganz linken Flügels, wieder, die sich in einem Aufsatz „Reaktion" in der „Wiener Morgenzeitung", dem „führenden jüdischen Weltblatt", wie es sich selbst nennt, vom 8. November (Nr. 2766) befindet. Dort heißt es wörtlich: „Der Preis einer noch so hohen Keren-Hajessod- Zahlung.ist nicht ausreichend, um dafür der Assimilation das Freibillett der Anerkennung jüdischer Gleichwertigkeit zu geben. Es muß nachdrücklich erklärt werden, daß jede antizionistische — d. h. antinationaie Einstellung in jüdischen Dingen — von uns als jüdisch-minderwertig betrachtet wird." Wir wollen auf eine kritische Untersuchung des da Gesagten nach seinem Wahrheitsgehalt nicht eingehen. Es genügt hier festzustellen, daß nach der „W iener Morgenzeitun g",. dem „führ e nd e n j ü d i s c h e n W e 11 b 1 a 11" alle jene, die eine antinationale Einstellung in jüdischen Dingen besitzen, als „jüdisch-minderwertig" betrachtet werden. Selbst „der Preis einer noch so hohen Keren-Hajesscd-Zahlung" ändert an dieser Anschauung nichts. Merkt es, ihr Gutgläubigen, die ihr durch eure Spenden den Frieden herzustellen meint, es nützt euch alles nichts. Die Feststellung der „Morgenzeitung" war darum eine begrüßenswerte Klärung. 1 /\ f+ 11/11 fr? Kleider-, Pelze-u.Gummimäntel-Fa 1 Iy| Li V I K Zentrale: Detailverkiuf: ßm 1w II 1 X Ltfll Wien II., Qlockengaase 24 Wien IL, Toboratra