Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1926-12-03 · Heft 50 (3.12.1926) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 50 (3.12.1926)
Date
1926-12-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3063973-3064019--15033-3082625
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 50 WAHftaat Sert« 5 reicht diese Betrachtungsweise nicht mehr aus. Es ist das die Erklärung, daß die Juden durch dieses Zersetzungswerk ihre Herrschsucht und ihr Rachebedürfnis befriedigen wollten. Diese jüdische Herrschsucht spielt bekanntlich in der antisemitischen Ideologie eine ungeheure Rolle, während sie für den Juden ganz unverständlich ist. Als die sogenannten Protokolle der „Weisen von Zion" auftauchten, die ja diese Behauptung bekräftigen sollten, haben wir Juden einfach gelacht und haben den Kopf geschüttelt über die Zumutung an die Nichtjuden, so etwas ernst zu nehmen. Juden, die D i n - ters „Sünde wider das Blut" in die Hand bekommen, amüsieren sich über nichts köstlicher als über die Gestalt des geadelten, getauften Juden, der in seinen Freistunden zur Erholung mauschelt und dessen innigste Sorge die Größe des jüdischen Volkes ist. In deutschvölkischen Kreisen wiederum wird dieses Streben nach Weltherrschaft durch das jüdische Volk als eine solche Selbstverständlichkeit angesehen, wie etwa, .daß Tag und Nacht miteinander abwechseln. Wie kommt das? Jeder Jude weiß doch, wie viel stärker bei vielen Glaubensgenossen die nichtjüdischen als die jüdischen Bindungen sind, jeder Jude weiß, wie gleichgültig die verschiedenen jüdischen Kreise aneinander vorübersehen, wie voller Haß manche jüdischen Gruppen einander bekämpfen; ganz zu schweigen von denjenigen, die das Judentum verlassen haben und es bestenfalls gleichgültig, sehr oft aber mit der Bosheit des Renegaten behandeln. Wie erklärt es sich, daß das Gegenteil hiervon so gern und so fest geglaubt wird? Dafür gibt es nur eine stichhaltige Erklärung: Weil die Deutschvölkischen — wohlgemerkt, nicht die Deutschen im allgemeinen, nicht das deutsche Volk als solches, wohl aber gerade die Kreise, die das Märchen von der angestrebten Judenherrschaft glauben — für sich selbst, für das deutsche Volk, „wie sie es verstehen", das heißt soweit es durch ihre Gesinnungsgenossen repräsentiert wird, eine solche Vorherrschaft anstreben. Um das zu erweisen, ist es nicht nötig, Aeußerungen gänzlich unbekannter Größen tendenziös aneinanderzureihen und auf Glanz zu putzen, oder irgend etwas geschickt mißzuverstehen, wie es H a r t n e r macht. Das Wort von deutschem Wesen, an dem die Welt genesen soll, ist jähre- und jahrzehntelang in gewissen Blättern unmißverständlich variiert worden; Männer wie der Alldeutsche Class haben lange genug in aller Oeffentlichkeit die deutsche Ueber-Weltmacht — denn Weltmacht war Deutschland schon vorher — propagiert. Wer selbst einen solchen Gedanken hegt, findet ihn auch bei anderen vollkommen natürlich.. Wenn man die judenfeindliche Propaganda von dieser Seite her, nämlich als Selbstanzeige, betrachtet, erhält man überhaupt eine Menge psychologisch und praktisch interessanter Aufschlüsse. Einem solchen Versuch im Anschluß an das hier besprochene Buch soll ein weiterer Aufsatz gewidmet sein. Die Schließung des israelitischen Tanbstumraeninstitutes in Wien. Die schwere Notlage, in der sich die Wiener Judenschaft befindet, hat dazu geführt, daß das israelitische Taubstummeninstitut, eine der segensvollsten Wiener jüdischen Institutionen, geschlossen werden mußte. Dieses schmerzliche und beklagenswerte Ereignis, das auch dem Fernestehenden die furchtbare materielle Lage der Wiener Judenschaft zu enthüllen geeignet ist, hat denn auch im jüdischen Ausland ein lautes Echo gefunden. „Der Israelit" in Frankfurt am Main, das Zentralorgan für das orthodoxe Judentum Deutschlands, bringt in seiner Nummer vom 25. November eine ihm von befreundeter Seite zugekommene Zuschrift zum Abdrucke, die wir vollinhaltlich wiedergeben wollen: „Die jüdische Taubstummenanstalt in Wien hat ihre Pforten aus Geldmangel geschlossen! So stand es in kurzen dürren Worten in der Zeitung und viele mögen es gelesen haben. — Aber ahnst Du denn, lieber Leser, was es heißt, eine Taubstummenanstalt schließen? Daß dies gleichbedeutend ist mit der geistigen Vernichtung von unglücklichen Menschenkindern, die nun plötzlich herausgerissen werden aus emporstrebender Entwicklung, die allein eine Anstalt ihnen zu geben vermag? Weißt Du denn, was eine Taubstummenanstalt im Leben dieser Kinder bedeutet? Sie gibt ihnen die Sprache als Werkzeug fürs Leben, sie weckt ihren Sinn für das Praktische und das Ideelle und für alle Begriffe, die ihnen sonst verschlossen bleiben.. Weißt Du auch, daß in früheren Zeiten ein Taubstummer als ausgeschlossen galt aus der menschlichen Gesellschaft, daß er als seistig minderwertig angesehen wurde, weil seine Sinne verkümmerte im Dunkel der Gehörlosigkeit? Da kommt die Taubstummenanstalt und weckt das Kind, hebt es hoch und immer höher, zieht es heran, bildet es aus und macht sein Leben reich und nützlich, beglückt das Kind und söhnt auch die Eltern aus mit dem Geschick, das ihnen auferlegt ist. Und nun schließt man heute in einer Zeit, deren Stolz es ist, den Schwachen und Dürftigen zu helfen, eine solche Anstalt, eine jüdische Anstalt zumal, deren es in ganz Europa nur noch eine einzige gibt, die unermeßlichen Segen spendet, deren Leistungen aber räumlich begrenzt sind und die keinen Ersatz zu bieten vermag für die geschlossenen Pforten der Schwesternanstalt. Und da regten sich nicht tausend Hände und da hallte nicht ein Schrei durch die jüdische Welt, ein Schrei des Aufrütteins und der Erschütterung. Helfet, helfet, duldet es nicht, daß das Furchtbare Tatsache bleibe, erbarmt euch der verlorenen Kinder, die aut dem Wege zum Licht in die Dunkelheit zurückgestoßen werden! Jüdische Kinder sind es ja, denen nur eine jüdische Anstalt einen Begriff ihrer jüdischen Bestimmung und Lebensaufgabe zu geben vermag und sie einfügen kann in den jüdischen Kreis, dem sie entstammen und wohin ihr Lebensweg sie führen soll. Ach, sie sei nur ein böser Traum, diese Zeitungsnotiz, denn nimmermehr läßt die jüdische Gemeinschaft es zu, daß jüdische Kinder dem Verfall entgegengehen." Hierzu schreibt „Der Israelit": „Wir können uns diesem Notschrei nur anschließen, um so mehr, als wir die Hoffnung des Einsenders, daß jene Zeitungsnotiz sich nur als böser Traum erweisen würde, nicht hegen. Die Errichtung einer jüdischen Taubstummenanstalt ist nicht allein ein Problem der österreichischen, sondern auch der Judenheit aller Länder. Die vom Einsender so treffend gezeichnete Aufgabe einer jüdischen Taubstummenerziehung, nämlich, „den Kindern einen Begriff ihrer jüdischen Bestimmung und Lebensaufgabe zu geben und sie einzufügen in den jüdischen Lebenskreis, dem sie entstammen und wohin ihr Lebensweg sie führen soll", kann nur in einer eigenen jüdischen Anstalt gelöst werden, die bei allen menschlichen und pädagogischen auch diesen jüdischen Voraussetzungen entspricht." Wir hoffen, daß der Appell des angesehenen Blattes, das in weiten Kreisen der deutschen Judenschaft verbreitet ist, nicht ungehört verhallen wird. Wenn noch andere jüdische Zeitungen dem schönen Beispiel des „Israelit" folgen und sich der armen stummen Kinder annehmen werden, die ja selbst ihr Elend nicht in die Welt hinausschreien können, dann werden sich sicherlich viele jüdisch fühlende und menschlich empfindende Glaubensbrüder finden, die sich der taubstummen Judenkinder erbarmen und die Mittel zur Wiedereröffnung der Taubstummenanstalt zur Verfügung stellen werden. Jadische Franenideale. Eine Blütenlese von Dr. Max G r u n w a 1 d. Jüdische Frauentreue.^ Nach J. Mosenthal. (Fortsetzung.) Am nächsten Freitag nachmittags sollte das furchtbare Schauspiel vof sich gehen. Damals stand das alte Rathaus noch auf dem Markte, an der Ecke der Fischgasse, mit seinem hohen Schieferdache und seinen spitzen Türmchen. Unter der Uhr stand der schöne Spruch: „Eines Mannes Red' keins Mannes Red', Du sollst die Part hören beed": ich weiß nicht, ob du dich noch daran erinnern kannst? Gerade gegenüber, wo die seligen Großeltern wohnten und gerade an der Ecke war ein Erkertürmchen, zu gleicher Erde auf den Gassenstein stoßend, von außen vergittert, von innen mit einer drehbaren Wand versehen, an die gefesselt der arme Sünder mit entblößter Brust herausgeschoben ward, um den Schimpfwörtern der Menge und den Steinwürfen des Pöbels preisgegeben zu sein. Diese scheußliche Prozedur, die das menschliche Gefühl empört und die tierischen Leidenschaften aufstachelt, hatte die fromm© evangelische Regierung wieder eingeführt, nachdem die gottlosen Franzosen sie bei uns abgeschafft hatten. Und da sollte nun der ausgestellt werden, der — leider Gottes! — zu unserer Familie gehörte, auf der kein Anteilchen eines Makels jemals gehaftet hatte. Den Tag vergesse ich nie. Er war für die ganze Gemeinde ärger als Tischo-b'av (Gedenktag der T»m-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.