Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1926-12-03 · Heft 50 (3.12.1926) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 50 (3.12.1926)
Date
1926-12-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063973-3064019--15032-3082624
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 4 Pg WA Nr. 50 Die breite Popularität haben bekanntlich niemals die- | jenigen, die wirklich Neues, den gewohnten Vorstellungen Widersprechendes sagen, sondern nur diejenigen, die dem Altbekannten und Gewohnten irgendetwas Neues hinzufügen. Zu letzteren gehörte Hugo Bettauer. Eigentlich war er nichts anderes als der Mann mit der niedrigen Geschlechtsmoral, von dem es unter den Europäern — auch unter den arischen Europäern — und nur in diesem Sinn auch unter den Juden leider nur allzu viele Typen gibt; aber er unterschied sich doch wieder in ausschlaggebender Weise von allen diesen. Er besaß nicht jene Art von Sittenlosigkeit, die die Frau nimmt — und sie hinterher verachtet. So zerstört er nicht, wie alle andern Verführer, auch das menschliche Wertbewußtsein der Frau und in dieser Hinsicht steht er hoch über den andern — ebenso zynischen, aber noch dazu brutalen, unmoralischen Verführern. Trotzdem wäre eine solche Lösung der sexuellen Frage, nämlich eine beiderseitig niedrige Geschlechtsmoral, abstoßend, verderblich und außerdem nur eine Scheinlösung; aber man kann als Jude den Deutschvölkischen nicht tiefer kränken, als indem man ihm hierin zustimmt. IJin freut ja die ganze Ethik nicht mehr, wenn er sie mit dem Juden teilen soll. Da er sich den Anschein tiefgründiger Sachlichkeit geben will, zitiert er die energische Ablehnung Beti tauers durch eine jüdische Zeitung; aber nur, um sofort die Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit des jüdischen Blattes anzuzweifeln. Auf solche Weise wird das Zitieren zu einem reinen Hokuspokus-Spiel — zu einem Mittel, alles nach Bedarf und Wunsch her- und fortzuzaubern. Ein irgendwie maßgebendes, auch für Nicht-schon-vorher-Ueberzeugte annehmbares - : Ergebnis könnten Hartners Untersuchungen nur haben, wenn er den ganzen Kampf gegen die doppelte Moral, für r;f eine Erneuerung der Geschlechtsmoral schilderte, was er freilich absolut nicht tun kann, weil er da überall unter den mutigsten Kämpfern für eine echte Geschlechtsmoral Juden und Jüdinnen finden würde und sein ganzes Buch ungeschrie- 1 ben lassen müßte. <■>' . Es wäre übrigens eine Arbeit, die sich der Mühe verlohnte, auch einmal an völkische Schriftsteller in gleicher Weise die Sonde anzulegen, wie diese an jüdische. Nur steht mir hier nicht der Raum eines Buches zur Verfügung, sondern nur der beschränkte Umfang eines Zeitungsartikels. So muß y ich mich auf einen Hinweis beschränken. Man nehme nur den Roman des „berühmten" völkischen Schriftstellers D i n t e r ■ ' „Die Sünde wider das Blut" vor und man wird wahr- /! nehmen, was für Gemeine, ins Sinnliche versunkene, pflichtvergessene Geschöpfe die „arischen L i c h t g e s t a 11 e n" sind, die Dinter in gutem Glauben an ihre Vortrefflichkeit i ' seinen „jüdischen Scheusälern" entgegensetzt. H a r t n e r beschränkt sich in seiner Analyse jüdischdeutschen Schrifttums keineswegs auf Bettauer, wenngleich er ihn eine Hauptrolle spielen läßt; er spricht auch von ' Schnitzler, Wassermann, Brod und anderen bekannten und unbekannten Autoren, bei welchen er für seine ,, \' Zwecke dienliches Material zu finden glaubt. Ueber Schnitzte'" ' . 1er wird als große Entdeckung verkündet, daß „der stärkste Trieb, von dem die Menschen in seiner Welt erfüllt sind und * || der die Beziehungen zwischen ihnen schafft, der geschlechtu£j : liehe" ist. Es ist das genau so lächerlich, als wenn jemand j | ' dasselbe vom Decamerone oder von Casanovas Le- { benserinnerungen feststellen wollte. So wie diese beiden, der [t.!; Weltliteratur angehörigen Werke sich stilistisch und als Kul-;■ turschilderungen über die bloßen Erzeugnisse der geschlecht- •; ( [, liehen Phantasie erheben, so wohnen auch Schnitzlers;</ Werken Qualitäten inne, die wichtiger sind als die unbestritl ' \ tene Tatsache, daß die Erotik sein immer wieder abeewan- ~'\ ' deltes Thema ist. Besonders seinem „R e i g e n", den Hartner t i, einfach nicht verstanden, im gröbsten und blamabelsten Sinn , \ mißverstanden hat. Er hat den Pessimismus des menschent4' \ freundlichen Arztes, an dem der furchtbare Reigen der Ge- ,. s (, sehlechtlichkeit taetäclich vorbeizieht, nicht erfaßt. Er hat die '; >• ' schmucklose Sachlichkeit nicht erfaßt, in der Schnitzler hier dem Kulturmenschen den Spiegel vorhält: „So bist Du, wenn J!' Du Geschlechtswesen bist; schämst Du Dich nieht?". Es wäre nicht schwer, den Spieß Umzudrehen und aus diesem Mißverständnis sowie aus manchem andern zu erweisen, daß der Rassedeutsche Hartner versagt, sobald im Geschlechtlichen nicht dieses selbst, sondern Geistiges zum Ausdruck gebracht wird. Was der Verfasser von „Erotik und Rass e". alles in allem genommen, mit seinen literarischen Analysen will, das hat er auf Seite 107 seines Buches wie folgt selbst gesagt: „Ich habe . . . gezeigt, daß eine Bewegung im Gange ist, die auf eine immer stärkere Durchdringung unserer Anschauung durch das Geschlechtliche hinarbeitet und habe eine Reihe Schriftsteller ganz- oder halbjüdischer Herkunft daraufhin untersucht, ob sich die Haupttriebkräfte dieser Bewegung in ihnen nachweisen lassen." Darauf ist ebenso zusammenfassend festzustellen, daß sein bejahendes Ergebnis schon allein aus zwei, jedermann ersichtlichen Gründen nichts beweist: Erstens hat er es unterlassen, das nichtjüdische Schrifttum in gleicher Weise zu untersuchen, zweitens hat er sich aus der Fülle jüdischer Dichtwerke nur solche herausgesucht, die sich wirklich oder anscheinend für seine Behauptungen verwenden lassen. Im selben Augenblick aber, wo H a r t n e r ein Buch verfaßt, um den Arier vor der niederen Geschlechtlichkeit des Juden zu warnen, schreibt er in eben demselben Buch einen jener verruchten Sätze, hinter denen sich jede Möglichkeit zu geschlechtlicher Gemeinheit verbirgt. Auf Seite 55 sagt er zur Lobpreisung des deutschen, überhaupt des arischen Menschen im ausdrücklichen Gegensatz zum jüdischen: „Er wird aber auch?ls geistiger Mensch viel weniger vom geschlechtlich Triebhaften beherrscht werden; der triebhafte und der geistige Mensch werden in ihm mehr oder weniger zwei Naturen (!) darstellen, von denen die erste verstummen muß, wenn die zweite sich regt." Man könnte das ganze heutige Leben vernichten und brauchte nur diese eine Hartnersche Lobpreisung der „Z w e i n a t u r", der Trennung von Trieb und Geist, Allgemeingut werden zu lassen, um sofort den ganzen Geschlechtssumpf wieder zu erneuern. Und nun wollen wir zum Kernpunkt dieser ganzen Darlegungen kommen. Es handelt sich ja letzten Endes nicht um Bettauer, nicht um Schnitz 1 er oder irgendeine andere Einzelpersönlichkeit; sondern es handelt sich um „das jüdische Wesen". Nun dürfte es wohl jedem einleuchten, daß dieses jüdische Wesen im modernen, mit den Nichtjuden gemeinsamen Leben überhaupt nicht rein und voll erfaßt werden kann. Wer das jüdische Leben wirklich erkennen will, mu& es dort suchen, wo es sich unverfälscht zeigt, nämlich im jüdischen Familienleben. Jeder Unvoreingenommene, der die jüdischen Lebensformen wirklich kennt, erkennt in ihnen einen großartigen Versuch, das Geschlechtliche wie überhaupt alles Irdische in voller Lebensbejahung vom Geistigen durchdringen zu lassen, sie am Metaphisischen, am Transzendentalen zu orientieren. Da gibt es keine Verherrlichung der Askese, der Triebvernichtung: im Gegenteil, von dem /Renschen, der in der Gemeinschaft etwas gelten will, wird verlangt, daß sein persönliches Leben ein volles Menschenleben sei. Aber anderseits verlangt das jüdische Volk vom Einzelmenschen die Fähigkeit, sich innerhalb der Ehe Bestimmungen zu unterwerfen, die nicht der Geschlechtlichkeit, sondern einem ethischen Prinzip entsprossen sind. Hier muß man anknüpfen, wenn man wirklich etwas vom Verhältnis zwischen Trieb und Geist im jüdischen Volk erfahren will. Hier kann man freilich auch die unbedingte, bis ins Letzte gehende und vor keiner „konventionellen Lüge" — um das Wort des Juden Max Nordau zu gebrauchen — zurückweichende Ehrlichkeit verstehen lernen, mit der ein Freud durch seine Psychoanalyse in die sexuellen Phänomene hineingeleuchtet hat. Freud selbst erzählt in einem seiner Werke von der Amerikanerin, die entrüstet erklärt, seine Deutungen möchten auf österreichische Träume zutreffen; in Amerika aber würde nur, anständig geträumt. Hartner schließt sich dieser Auffassung an, nur mit dem Unterschied, daß es die Arier sind, die anständiger träumen oder wenigstens hierzu auf Grund ihrer rassischen Notwendigkeit anzuhalten sind. Hartner verspricht sogar ein eigenes Buch, in dem er darlegen wird, daß Freuds Theorien nur für die indische Sexual ität zutreffend sind. Bis zu dessen Erscheinen könnte er ja einstweilen die jüdischen Autoren zitieren, die Freuds Deutungsweise als einseitig ablehnen und auf Grund der psychoanalytischen Theorien zu anderen Ergebnissen kommen. Aber hier sind wir schon wieder am selben Punkt wie schon einmal: wenn er das täte, müßte er sein ganzes Buch über ,.Erotik und Rasse" ungeschrieben lassen oder in völlig anderem Sinn schreiben.! 1 Bislang haben wir uns mit Hartners Behauotung beschäftigt, daß die semitische Rasse stärker triebgebunden sei als die arische und mit ihrer anderen (niedrigeren) Art ein bewußtes Zersetzungswerk am deutschen Volk vollbringe. Wir haben im wesentlichen Hartners eigenes Beweismaterial zur Widerlegung herangezogen. Jetzt aber kommen wir zu der dritten Hartnerschen Behauptung und ihr gegenüber

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.