Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 49 (26.11.1926)
- Date
- 1926-11-26
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 10 DIE WAHRHEIT Nr. 49 Theater, Kunst u. Literatur Vortrag. Der erste der Vorträge, welche im diesjährigen Wintersemester vom Dozenten am Maimonides-Instit u t, Herrn Dr. A. K a ni inka, in dem mit Genehmigung des Rektorates zur Verfügung gestellten Hörsaal Nr. 35 der Universität abgehalten werden, hat eine höchst erfreuliche und bedeutsame Tatsache gezeitigt: daß nämlich auch für streng wissenschaftliche biblische Forschung ein unglaublich großer Interessentenkreis noch hier in diesem vielverrufenen Wien anzutreffen ist. Vielleicht ist es wirklich nur der Genius lohnt sieht, und uns, daß wir in der Lage sind, durch ihn an großen Saal bis auf den letzten Plate füllten, herbeizulocken. Wir gratulieren dem so rührigen Lehrer zu seinem großen Erfolge, mit dem er seinen Eifer für die sicher beste Sache belohnt sieht, und uns, daß wir in der Lage sind, durch ihn an würdigster Stätte unser Schrifttum mit der Waffe der wissenschaftlichen Erkenntnis erklärt und vor mißverständlicher kritischer Herabwürdigung verteidigt und geschützt zu sehen. JDer hebräische Text der Psalmen und die Version der S e p t u a g i n t a" lautete das Thema und es beschäftigte sich der Vortragende mit der Besprechung des neuen Psalmen komme n t a r s von Professor Franz W u t z und der in diesem vorhandenen, auf Grund von vorgefaßten Meinungen und irrigen Anschauungen 'entstandenen, verhältnismäßig wenigen Fehlern, die aber mit Recht nicht unkorrigiert bleiben dürfen. Die profunde Kenntnis des gesamten biblischen Textes macht es dem Gelehrten möglich, die richtige Deutung den Worten zu geben, welche in mehrfacher Anwendung stehen, Anklänge an Stellen aus dem Pentateuch herauszufinden, welche für das richtige Verständnis den oft einzigen Behelf bieten, und aus Schreibfehlern allein entstandene falsche Uebersetzungen zu verbessern, was an einer Anzahl ganz besonders krasser Stellen instruktiv durchgeführt wird. Auch daß die Septuaginta nicht in hebräischen, sondern in griechischen Lettern den Bibeltext wiedergab, bildet eine Quelle von Fehlern. Professor Wutz scheint der Meinung zu sein, daß etwa nur ein einziges Psalmenexemplar in einer Bibliothek verborgen gewesen sei, während doch sehr zahlreiche vorhanden waren, nach deren Textübereinstimmung Umstellungen ganzer Sätze und Worte untunlich erscheint Sicher sind, wie es Talmudstellen erweisen, einzelne Psalmen bei religiösen Feiern, z. B. anläßlich der Darbringung der Erstlingsopfer gesungen worden, was jedenfalls das Vorhandensein vieler Texte nötig machte, wovon der sonst versierte neueste Kommentator nichts weiß. Die Deutung schwieriger Stellen gelingt nur, wenn man sich genau an den Text hält. Gegen tendenziöse Unterschiebungen zum Zwecke einer ungerechten Herabwürdigung ist der Kampf ebenso geboten wie gegen verhängnisvolle wissenschaftliche Irrtümer. — Das Maimonides-lnstitut ist auf dem richtigen Wege, durch Verbreitung der Kenntnisse und des Interesses an der Bibelforschung Idealismus und Frieden zu fördern. — Es war eine dem Ernst der Stätte würdig angepaßte, streng wissenschaftliche Leistung, welche die zahlreiche, aus verschiedensten Berufskreisen gemischte Zuhörerschaft mit verdientem Beifall aufnahm. Vivant sequentes! . Med. Rat Dr. Haase. Elternbund der „Talmud Thora" (Pazmanitentempel). Am 18. d. M. veranstaltete dieser Bund unter Vorsatz Sr. Ehrwürden Herrn Rabbiner Dr. S. F u n k einen Vortragsabend, bei welchem der bekannte Arzt Herr Dr. Sanel Beer einen inhaltsreichen Vortrag über Kindererziehung und Wohnungshygiene hielt. Die ausführlichen und fesselnden Darstellungen machten auf die Zuhörerschaft großen Eindruck und wurde Dr. Beer ersucht, noch weitere Vorträge zu halten. „Demokratie". Unter diesem Titel erschien Mitte November dieses Jahres zum erstenmal eine Zeitschrift, die sich als „Organ für Politik und Volkswirtschaft" bezeichnet. Dieses Blatt, dessen Herausgeber Heinz S t r a k e 1 e ist, soll am 1. und 15. jeden Monats erscheinen und sich mit den Fragen der österreichischen Politik und Wirtschaft vom Standpunkte des demokratischen Bürgertums aus befassen. Die vorliegende Nummer des Blattes gibt eine ausgezeichnete probe von dem ernsten Bemühen seiner Verfasser, jene Fragen, welche das freisinnige Bürgertum unserer Republik im gegenwärtigen Zeitpunkte besonders bewegen, in knapper, aber* um so präziserer Form zu behandeln. Gleich der Leitartikel „Bü*ger und Arbeiter" beschäftigt sich mit einem Grundübel der österreichischen Politik, der übertriebenen Zuspitzung der Parteigegensätze, die in erster Linie Klassengegensätze sind. Der Artikel betont, daß „alle Volksschichten gegenüber dem Gesamtstaate nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten haben und jede dieser Schichten das Recht habe, kategorisch zu verlangen, daß nicht ihr allein die Last der Staatserhaltung aufgebürdet wird". In einem weiteren Aufsatze wird als Aufgabe1 der „Neuen Demokratie" bezeichnet, „die Freiheit in unserem Staate zu sichern und den schaffenden Bürger in seinem Kampf ums Dasein eine kraftvolle Stütze zu sein. Die Demokratie ist totgesagt worden und groß ist die Zahl der Politiker, Gelehrten und Volkswirte, welche ihre Grabreden halten zu müssen glaubten. Doch der Gedanke der Demokratie, welche die Ideale der Freiheit, des Fortschrittes, der Menschlichkeit und Gerechtigkeit im Staat und der Gesellschaft verwirklichen will, ist nicht aus unserer Politik zu vorbannen. Demokratie heißt für uns in erster Linie Verantwortlichkeit, heißt in zweiter Linie Toleranz auch der gegenteiligen Meinung, heißt in dritter Linie nicht Herrschaft der Gewalt, sondern Herrschaft durch Interessenausgleich. Demokratie heißt aber auf jeden Fall Zusammenarbeit aller staatserhaltenden Kräfte zu Nutz und Frommen aller Bürger, mögen es nun Arbeiter, Gelehrte, Angestellte oder Gewerbetreibende sein." Die vorliegende erste Nummer der „Demokratie" beschäftigt sich auch eingehend mit wirtschaftlichen, kulturellen und — z. B. in eiinem Artikel von Hefrat Dr. Friedrich Hertz über „Praktische Anschlußarbeit" — mit politischen Fragen und ist ein Wegweiser für die demokratische Arbeit in unserem Staate. Ein eigener Abschnitt ist der demokratischen Hochschul- und Jugendbewegung gewidmet, in dem Heinz Braun, der Vorsitzende der Deutsch-Demokratischen Hochschülervereinigung, sehr Interessantes „Zum Semester b eginu" zu sagen weiß. So ist die „D e m o k *r a t i e" berufen, nicht nur den politischen, sondern auch den geistigen Zusammenschluß des freisinnigen Bürgertums unserer Republik mächtig zu fördern, wenn auch noch zu wünschen wäre, daß ihre weiteren Folgen aktuelleres politisches Materal, kritisch geschaut, enthalten würden. Dichtung ist Wahrheit. Daß die Intuition des Dichters zuweilen der historischen Wahrheit näher kommt, als der Spürsinn der Historiker, daß seine Augen oft klarer und weiter schauen, als die Brille des Gelehrten, das beweist von neuem der überaus interessante Fall „Reubeni". Max Br^ds tief durchdachter, farbenprächtiger Renaissanceroman, der die Gestalt Reubenis, des „Fürst der Juden" aus der verschleierten Legende in helle, dichterische Wirklichkeit versetzt, hat eine seltsame Bestätigung (fast möchte man sagen: Beglaubigung) erfahren. In Zentralarabien nämlich ist ein unabhängig lebender Beduinenstamm Haibar festgestellt worden, der 60.000 Angehörige zählt und der, bei all seiner kriegerischen Natur, die jüdischen Ritualgebote streng einhält und auch sonst jüdischen Gebräuchen huldigt, also tatsächlich ein Stamm unabhängiger, kriegerischer Juden. Von ihm ward Reubeni, sein Stammesheld, ausgesandt, um für die Sache der Juden zu werben; von ihm erzählt er den, ach, so schnell zweifelnden Glaubensgenossen; und von ihm kommt uns heute diese Kunde. Sie wird uns vielerlei zu denken geben und Brods tragische Romanfigur in neuem Licht erscheinen lassen; lebendiger und glaubhafter noch, und ganz gewiß nicht minder liebenswert. §§§ Sc£ftcBBlE»lcirftes& m sämtlicher in- und ausländischer Marken lagernd jü {§§ Insbesondere jüdische Lieder und hebräische Ge- H| ÜH sänge der hervorragendsten Kantoren, wie Josef HH Rosenblatt, Samuel K wartin, Berele Chagy, Sirota, §=| Schlome Pinkasowicz und viele andere. sl Alle Schlagerplatten der besten Jazzbands. Opern ttc — Moderne Sprechmaschinen und Reiseapparate billigst — Platten verleih und "■= S== -Umtausch. iBiffiiiiiiiaiiiiiiffiiitiiiiaiffi