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Die Wahrheit · 1926-11-26 · Heft 49 (26.11.1926) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 49 (26.11.1926)
Date
1926-11-26
Page
– (sequence 9)
Language
German
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f*r, 49 DIE WAHfmÖt Seife 7 r Veröffentlichungen der Wien IX. Berggasse 41 Postsparkassen - Konto Iii jL »Un*on deutschösterreichischer Juden" j t^^mT»»!^ Versammlung der Ortsgruppe Floridsdorf. Montag, den 22. d. M., fand im Hotel „Goldener Engel", XXI., Am Spitz 3, eine sehr gut besuchte Versammlung der Ortsgruppe Floridsdorf der „Union deutschösterreichischer Juden" statt, der übrigens auch mehrere jüdischnationale Herren des Bezirkes beiwohnten. Der Obmann der Ortsgruppe Dr. Julius Qriinwald, begrüßte die zahlreich erschienenen Mitglieder des Bezirkes, unter denen sich auch Herr Kulrusvonsteher S Weininger befand, und dankte insbesondere den seitens des Zentralvorstandes der „Union" anwesenden Herren Präsident Dr. J. Orn&tein, Medizinalrat Dr. Heinrich H a a s e, Börserat Ignaz Glück, Bezirksrat Julius Berger, S. Ernst und Sekretär 0. Hirschfeld für ihr Erscheinen. Er widmete hierauf dem vor kurzem dahingeschiedenen Obmannstellvertreter der Ortsgruppe, Herrn Kultusvorsteher Moritz Schwarz, innige Worte des Gedenkens^ indem er zugleich daran erinnerte, daß .bereits anläßlich der Leichenfeier der Präsident des Vereines und Redner selbst die besonderen Verdienste des Dahingeschiedenen um unsere Vereinigung und den Bezirk gewürdigt hätten. Die Ortsgruppe wird dem Verblichenen stets ein treues Andenken bewahren. Die sodann vorgenommene Neuwahl der Ortsgruppenleitung zeitigte eine einstimmige Annahme der durch Herrn Kuftusvorsteher W ein in g e r in Vorschlag gebrachten Herren. Es wurden gewählt: die Herren Dr. Julius Grünwald zum Obmann, Hugo Deutsch zum Obmannstellvertreter, und in den Ausschuß: die Herren Siegfried Brat mann, Gabriel Dukes, Filipp D u 1 d n e. r, Rudolf Fischer, Alois F r a n k I, - Heinrich Kohn, Adolf L einkr am, Siegmund Siinai und Oskar Weininger. Medizinalrat Dr. Heinrich H a a s e erstattete hierauf ein Referat über „Unsere Stellung zum jüdischen Nationalismus", wobei er von der Feststellung aüsging, daß unsere Vereinigung nun insoferne politisch eingestellt sei, als sie gezwungen sei, Abwehrpolitik zu treiben. Schon der Name „Union" vei pflichtet uns zu dem Streben nach Einigkeit und dies um so mehr, als wir auf dem Standpunkt stehen, daß es innerhalb der Judenheit wohl selbstverständlicherweise verschiedene Meinungen, nie aber Parteiungen geben dürfe. Wir sollten vielmehr aus unserer Geschichte lernen, daß gerade der Parteienzwist uns geschadet und um unsere nationale Existenz durch den Fall Jerusalems gebracht hat. Es hat also wohl seit jeher graduelle Verschiedenheiten innerhalb des Judentums gegeben, sonst aber herrschte Frieden, der gerade unsere Gemeinde in den letzten vierzig Jahren hochbrachte. Erst als eine ausgesprochen politische Partei innerhalb des Judentums und besonders bei uns laut auftrat, haben sich diese ruhigen Verhältnisse geändert, und dies allein wäre Grund genug für unsere Ablehnung des jüdischen Nationalismus, der aber auch, so paradox es klingen mag, in seinem Wesen unjüdisch ist. Wir Deutschösterreicher jüdischer Konfession sollen das Judentum als Religion auffassen, und zwar als die nrewige Religion des Universalismus, die uns zum Kosmopolitismus verpflichtet. Aus der Bibel, den zehn Geboten und unseren erhabenen Sittenlehren können wir dies lernen, daß unsere Religion für die ganze Menschheit bestimmt ist und ,auch unser Bekenntnis zum Monotheismus ist ein universalistisches, denn der Judengott der Bibel ist entgegen allen feindlichen Auslegungen kein nationaler. Die Zionisten werden das bevorstehende Chanukafest wohl als ein nationales Fest feiern, dabei aber verschweigen, daß der Aufstand der Makkabäer, den es zum Anlasse hat, lediglich aus religiösen Motiven zur Auflehnung gegen die aufgezwungenen fremden Götter erfolgte. Wenn von zionistischer Seite zum Beweis für ihre Idee darauf verwiesen wird, daß in unseren Gebetbüchern sich Stellen finden, die eine Wiedererrichtung Jerusalems und den Neuaufbau des Tempels fordern, so vergessen diese Ausleger die Tatsache, daß alle diese Stellen bloß einen rein messianischen Sinn besitzen und auf das Ende der Tage, die kommende Zeit des Messias hindeuten, daß es aber den Verfassern dieser Stellen nicht eingefallen ist, an einen neuen Balkanstaat in Palästina zu denken. Ueber die Art, wie dieses neue Palästina vielfach auf kommunistischer Basis aufgebaut v/ird, verwies Redner auf den Vortrag des Soziologen Oppenheimer, des gerade von der jüdischnationalen Partei nach Palästina zwecks Studium der dortigen Verhältnisse entsandten Experten, dessen scharfe Kritik Medizinalrat Dr. Haasc im Auszug wiederholte. Trotz dieser Mißerfolge wurden dem zionistischen Delegiertentag unmögliche Forderungen aufgestellt, so insbesondere neuerlich die Forderung nach Anerkennung einer jüdischen Minorität, die geeignet ist, unsere in langjährigen Kämpfen errungene Gleichberechtigung zu beschneiden, und die Forderung nach Einflußnahme in die Gesetzgebung, ein Verlangen, das angesichts der Kleinheit der jüdischnationalen Partei wohl dahin aufgefaßt werden kann, daß wieder einige Schreier Abgeordneten- oder Gemeinderatsmandate erhalten wollen. Wenn Stricker auf diesem Delegiertentag die Feststellung machte, daß der jüdische Nationalismus uninteressant weTde, so soll die Judenschaft Wiens dafür sorgen, daß er nicht nur dies bleibe, sondern überhaupt verschwinde, weil er gegen ihr Interesse und weil er vor allem unjüdisch ist. Börserat Ignaz Glück erinnerte bei seinem Referat ..Die Kultusgemeinde und die Parteien" an den vor sechs Jahren stattgefundenen heftigen Wahlkampf in die Kultusgemeinde, bei dem er wie die „Union" überhaupt auf dem Standpunkt gestanden sei, daß nach diesem Streite man in der Gemeinde selbst 'einträchtig zusammenarbeiten müsse, da man dort nicht die Interessen einer einzelnen Gruppe, sondern sämtlicher Juden Wiens wirksam zu vertreten ftabe. Wir hatten uns damals geirrt, denn die ersten zwei Jahre dieser Mandatsperiode gestalteten sich durch die Opposition der Jüdischnationalen einfach furchtbar, an ein gedeihliches Arbeiten war nicht zu denken. Nach zwei Jahren aber schufen wir mit ihnen ein Uebereinkommen und dann wurde, zumal sie ihre nationalen Forderungen zurückstellten, gut gearbeitet und die Gemeinde, die wir mit einem Defizit von fünf Millionen übernommen haben, übergaben wir unseren Nachfolgern mit einem Aktivum von acht Milliarden. Dieser Erfolg wurde im Einvernehmen durchgeführt, die Jüdischnationalen aber haben ihn lediglich als i h r Werk hingestellt und so getan, als hätten sie die Gemeinde saniert und die Majorität wäre nur nebstbei auch da gewesen. Das Zusammenarbeiten hat zur Wahlgemeinschaft geführt, die aber wieder die Jüdischnationalen nicht hinderte, unsere Mandatare, deren Aufwand von Kraft und Mühe nur staunenswert ist, wiederholt zu beschimpfen und insbesondere wegen der vielumstrittenen Palästinaspende anfänglich das Budget zu obstruieren. Von den Orthodoxen rühmte Redner ihren Eifer um die sorgfältige Durchführung des Kaschrus in den Gemeindeanstalten, die heute in der ganzen Welt als mustergültig ein» wandfrei dastehen. Die Sozialdemokraten in der Gemeinde überging Redner mit der Bemerkung, daß diese fünf Mandatare als Angehörige einer Partei, der Religion Privatsache sei, auch wohl kein Interesse für die Gemeinde und keine Berechtigung, in ihr zu sitzen., hätten, sondern vielmehr nur die Kunst langatmiger Reden, nicht aber positive Leistungen bisher zeigten. Der Redner schloß mit der Aufforderung zun Arbeit schon in dem jetzigen Zeitpunkte, damit uns die Neuwahlen gewappnet finden. Präsident Dr. J. 0 r n s t e i n appellierte an die anwesenden Frauen, getreu den vielen weiblichen Vorbildern unserer Geschichte, Mitkämpferinnen ihrer Männer in deren schwerem Kampfe zu sein. Und dieser Kampf der Männer um die Erhaltung unserer Gemeinde in jüdischem Geiste, den wir von unseren Vorfahren überkommen und unseren Nachkommen überliefern wollen, ist heute tatsächlich auch unter den traurigen wirtschaftlichen Verhältnissen ein furchtbar schwerer.

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