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Die Wahrheit · 1926-11-26 · Heft 49 (26.11.1926) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 49 (26.11.1926)
Date
1926-11-26
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 6 &m 3* WAfl denke, daß wir nur Staub sind!" hob sie den Blick so inbrünstig und durchdringend >:um Himmel, als wolle sie die Barmherzigkeit Gottes für alle Staub geborenen herunterholen. Kurz nach Sukkos (Laubhüttenfest) wurde das Urteil gefällt. Die meisten kamen als ..Verführte" mit leichteren Strafen davon. Der Jude aber wurde zu zehn Jahren in Eisen verurteilt und — mich schaudert 's jetzt noch, wenn ich 's aussprechen soll — zur drei Stunden langen öffentlichen Ausstellung am ..Pranger". Dieses Urteil war ein Sohreckensschlag für die ganze Gemeinde. Wäre er kein Jude gewesen — so sagte man allgemein — so wäre die Schande, die man seit zehn Jahren bei uns nicht erlebt hatte, gewiß nicht über ihn veriiängt worden. Aber die Regierung war damals zum Danke für die errungene „deutsche Freiheit" sehr fromm und feierte den IS. Oktober nicht nur durch ein Freudenfeuer am „Kratzenberg", sondern sie hätte auch gern auf dem Holzstoße dort alle Juden verbrannt. Dein guter Vater lief wieder zu dem Bürgermeister Schömberg, der ein freisinniger Mann war, nahm noch zwei Deputierte mit aus der Gemeinde und sie beschworen den Bürgermeister, diese Schande von der Gemeinde abzuwenden. Der Pöbel könnte sie zu einem Krawall ausbeuten und bei allen Juden die Fenster einschlagen. Der Bürgermeister zuckte die Achsel; er wußte zu gut, woher der Wind blies. „Da sei nichts zu machen; für die Sicherheit der anderen werde schon Sorge getragen werden." Nun brachte man unter den Verwandten hundert Taler zusammen und gab sie dem Leibkammerdiener des Kurfürsten, der bei ihm sehr einflußreich war, damit er ein gutes Wort einlege; die hundert Taler blieben bei ihm, aber es blieb auch bei dem entsetzlichen Richtspruche. Was ich in jener schrecklichen Zeit gelitten habe, kann ich dir nicht schildern. Stunden lang saß ich nachts weinend im Bette auf, und nur ein Blick auf meinen Mann und meine Kinder gab mir die Ruhe wieder einzuschlafen. Die Tante Guttraud staunte ich nur an, wenn es mir gelang, sie auf ihrem Gange in die Kasematten zu sehen und zu sprechen. Sie war so ruhig und gottergeben, als wäre es ein Blitzstrahl oder ein Todesfall, den der Allmächtige ohne menschliches Zutun über sie verhängt hätte und dem man sich schweigend beugen müsse. Die Mädchen verkrochen sich in ihre Kammer und ließen sich vor keinem Menschen sehen. Wir schickten täglich der Reihe nach das Essen hinüber, es kam aber fast immer unberührt in den Einsatzschüsseln zurück. (Fortsetzung folgt.) ülos$en. Nach der stürmischen, kaum noch verrauschten Lueger-Feier fand vor wenigen Tagen — im bescheidenen Rahmen — eine Kronawetter-Feier statt. Anläßlich der Eröffnung der neuen Wohnanlage, die zum Andenken an Kronawetter mit dessen Namen verknüpft ist, feierte der Bürgermeister mit enthusiastischen Worten den edlen, gesinnungstreuen Demokraten, an dessen Seite Dr. Lueger in das politische Leben getreten war, um dann als Führer der Partei zu sterben, deren unerschütterlicher, erbitterter Gegner Kronawetter bis an sein Lebensende blieb. Wenn der Bürgermeister das Andenken des Mannes feiert, der sich niemals vom Ehrgeiz verleiten ließ, um der wahren Demokratie untreu zu werden, so haben die Juden in Oesterreich doppelten Anlaß, mit dankbarer Verehrung sich Kxonawetters zu erinnern, der als Abgeordneter keine Gelegenheit vorübergehen ließ, die schändlichen antisemitischen Angriffe zurückzuweisen. Der Mann, der mit den schärfsten Waffen die gewissenlose Hetze der Antisemiten bekämpfte, dürfte mit Recht auf den Titel das „Gewissen des Parlamentes" Anspruch machen. Wenn man heute Wien noch als die Lueger-Stadt bezeichnet, so wird vielleicht doch noch die Zeit kommen, wo die Prinzipien zur Herrschaft gelangen, an die der Kronawetter- Hof erinnert. * * # Mr. 49 Die Königin Marie von Rumänien hat gelegentlich des Besuches der von rumänischen Juden in Chicago erbauten Synagoge eine Ansprache gehalten, in der sie betonte, daß die Juden in Rumänien einen „sehr wichtigen und geschätzten Teil der Bevölkerung" bilden. Schöne Worte, deren Effekt leider dadurch einigermaßen beeinträchtigt wurde, daß gleichzeitig, gewissermaßen zur Illustration der königlichen Rede, die Nachricht bekannt wurde, ein jüdischer Student sei ermordet worden, und zwar als Opfer der antisemitischen Hetze, die in Rumänien seit Jahr und Tag auch von Universitätsprofessoren ungehindert und ungestraft betrieben werden darf. Ist es ein Wunder, daß jüdische Frauen, die eben noch blutige Tränen über das Schicksal eines Jünglings vergossen, dessen Blut dem antisemitischen Ritualmordkultus geopfert worden, ihrem Schmerze durch Zwischenrufe Ausdruck gaben, die die königliche Rednerin nicht entzückten? Es heißt, die Königin übe großen Einfluß auf die Regierungsgeschäfte aus. Vielleicht nimmt sie bei ihrer Heimkehr Anlaß, ihre in Chicago unterbrochene Rede den rumänischen Staatsmännern zu wiederholen, um ihnen begreiflich zu machen, daß es ein blutiger Hohn auf Recht und Gesetz und Menschlichkeit ist, wenn ein „wichtiger und geschätzter Teil des Volkes" wegen seines Religionsbekenntnisses einer blutrünstigen Hetze preisgegeben wird. * * * Vor der Königin Marie hat eine andere Königin von Rumänien, die als Carmen Sylva herrliche, von Poesie und Humanität triefende Worte fand, die Juden „geschätzt", ohne ihre Verfolger, Mörder und Henker vor den Kopf zu stoßen. Carmen Sylva sprach von den Juden als den „Fremden", die auch des Schutzes bedürfen. Was konnten die „bodenständigen" Hetzer und deren schlagfertige Jünger mehr verlangen? Und was konnte die Juden, deren Väter in rumänischer Erde begraben, und deren Kinder auf rumänischem Boden geboren waren, weniger schützen? Freilich muß.te sich die königliche Dichterin auf dem rumänischen Throne damals von einem jüdischen Schriftsteller in einem vielgelesenen Wiener Blatt in guter Prosa sagen lassen: „Majestät, die Juden, die ihnen als .Fremde' gelten, fühlen sich seit Jahrhunderten in dem Lande heimisch, in das Sie und ihr ganzes Königshaus seit , kurzem erst importiert wurden." * * Paul Sandor, der unerschrockene Bekämpfer der Rassenschützler und ihrer offenen wie auch ihrer maskierten Beschützer, hat kürzlich an das Schicksal des Antisemitenführers Istoczy erinnert, der einst zu den böswilligsten Judenhassern zählte und den schließlich wohltätige Juden vor dem Hungertode schützten. Diese Juden haben damit nur ein Religionsgebot befolgt, denn in dem alten Testamente, das freilich sich noch nicht zu der Höhe emporgeschwungen hat, auch die Feindesliebe zu dekretieren, wird doch schon gelehrt und geboten, dem. Feinde in der Not zu helfen, und selbst seinem Tiere, wenn es unter seiner Last zusammenbricht, beizustehen. Aber es gilt, wohlgemerkt, als sündhaft, bei Uebüng solcher Wohltaten jene Freude zu empfinden, die nur die Karrikatur des Edelmutes ist: Schadenfreude darf nicht die Freude am Wohltun sein, selbst Antisemitenführern gegenüber. Ego.

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