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Die Wahrheit · 1926-11-26 · Heft 49 (26.11.1926) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 49 (26.11.1926)
Date
1926-11-26
Page
– (sequence 7)
Language
German
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*tr. 49 DIE WAHRHEIT $*f 5 jüdische Rechtsanwalt so karikiert gezeichnet, während man sich bemüht, die anderen Typen so angenehm wie möglich darzustellen? Der Zusammenhang bedingt durchaus nicht die Herabsetzung des Juden. Noch schlimmer liegt der Fall im Film „Der F e 1 d h e r r n h ü g e 1". In diesem wird ein jüdischer Regimentsarzt im Gegensatz zu den anderen österreichischen Offizieren des Stückes als nachlässig gekleideter schlapper Kerl hingestellt, also so, wie in antisemitischen Hirnen sich der Jude als Soldat widerspiegelt. In einer Großaufnahme sind mehrere Offiziershosen zu sehen, einige stramm und ein einzelnes Paar auf krummen Beinen, wie eine Ziehharmonika. Allmählich wird das Bild größer, die Personen erscheinen in ganzer Figur und — so etwas nennt dann der Regisseur Humor, wenn plötzlich neben all den adrett und stramm dastehenden Offizieren ein nachlässig gekleideter und schlaffer jüdischer Regimentsarzt steht! Wem will man mit solcher Darstellung eine Freude bereiten? Glaubt jemand im Ernst, .daß in der österreichischen Armee ein jüdischer Arzt mit solcher Jammergestalt und solcher Vernachlässigung des Aeußeren möglich gewiesen wäre? In dem Film „Die dritte Eskadro n", der gleichfalls ein österreichischer Militärfilm ist, kommt zu einem Regimentsarzt von der eben geschilderten Art auch noch ein karikiert jüdischer Offiziersdiener hinzu, der auf die Frage seines Vorgesetzten, warum er so krumme Füße mache, antwortet: „Ich mach' gor nix, sie sind nebbich schon von Natur so!" Das hält der Autor offenbar für einen Witz und nimmt das Gejohle, mit dem das Publikum diese Stelle aufnimmt, als eine Huldigung für seinen Geilst, während es in Wahrheit einen Triumph des — Hitlergeistes bedeutet. Zum Glück sind nicht alle Gesellschaften so geschmacklos. Eine große Filmfirma hat einen Film zurückgewiesen, in dem ein Bahnhofskellner, der zehn Mark wechseln soll, aber den Schein so lange in der Hand behält, bis der Zug abfährt, als Jude dargestellt wurde. Mit Recht verlangte die Gesellschaft, daß dieser Teil herausgeschnitten werden, denn das große Publikum sieht nicht in dieser Handlung den Kellner, sondern den Juden und stellt sofort fest: der Jude hat betrogen. Solche Fälle sind dankbar anzuerkennen, wo aber die Gesellschaften eine derartige, vom Anstand diktierte Zensur unterlassen, dort muß das jüdische Publikum eben zur Eigenhilfe schreiten, indem es die betreffenden Filme solange boykottiert, bis die anstößigen Stellen gestrichen sind. Judische Frauenideale. Eine Blutenlese von Dr. Max G r u n w a 1 d. (Fortsetzung.) Jüdische Frauentreue. Nach J. Mosenthal. Meine Mutter erzählte mir einst auf dem Friedhof meines Heimatortes: Es war nach der französischen Zeit, Der Kurfürst war in Kassel wieder eingezogen. Da hieß es eines Tages — es war in der Woche vor den großen Festtagen —, es sei bei Landwehrhagen ein Diebs- und Schmugglerkeller entdeckt und ausgehoben worden und die Rädelsführer würden in Eisen hereingebracht. Ich hörte das ziemlich gleichgültig erzählen und weil ein häusliches Weib nicht viel auf die Gasse hinaussehen kann, so wäre mir, hätte ich nicht gerade selbst die Fensterscheiben geputzt, der ganze Spektakel entgangen, als sie auf einem Leiterwagen, der auf beiden Seiten von Grenzjägern eskortiert war, die Gefangenen über den Markt nach den Kasematten führten. Aber so ließ mich das Geschrei des Pöbels und das Gejohle der Gassenjungen, aus dem ich den Ausruf „Jidde, Jidde" (Jude) vernahm, den Kopf hinauslehnen — und hätte ich mich nicht an das Fensterkreuz gehalten, so wäre ich vor Schrecken zusammengestürzt; denn auf der vordersten Bank des Leiterwagens, die Hände kreuzweis mit Stricken gebunden, saß „er", der unglückliche Mann meiner armen Tante Guttraud. Was soll ich dir sagen, Kind? Der Schreck hatte mir fast die Füße gelähmt. Es war ein Alarm in der Stadt, ärger als bei einer Feuersbrunst. Vor den Türen und aus den Fenstern schrien die Nachbarsleute Schimpfwörter auf ihn und auf die Juden; ich ließ geschwind die Fensterrolleaux herab. Dein Vater kam vom Kontor nach Hause, totenbleich. Die ganze Gemeinde war von dem Schlage getroffen; denn, wenn bei uns. ein Jude etwas angestellt hat, so läßt man 's gleich die ganze Gemeinde entgelten. „Arme Tante Guttraud", war alles, was Ich hervorbringen konnte. „Geh hinüber!" sagte dein Vater in seiner Güte. Ich ging. Ich glaube, es war das erste Mal, daß ich mit bloßem Kopfe über die Gasse ging. Unterwegs wollte ich mir's zurechtlegen, was ich ihr zum Tröste sagen sollte — aber mir fiel nichts ein, als: Arme Tante Guttraud! Als ich hinauf kam, fand ich die Mädchen in tränenloseT, wilder Verzweiflung; ihre bitteren Worte und Flüche widerten mich an. Die Mutter sei fort, wohin wüßten sie nicht Zur Polizei, oder ins Gefangenhaus, oder zum Vorsteher der Gemeinde, sie hätten es längst geahnt, obwohl er das Sündengeld allein verschlemmt und nichts davon heimgebracht habe. Sie hätten ihn stets gehaßt, aber die Mutter sei blind; dulde kein Wort über „ihn", nicht als ob sie ihn liebe,, oder für besser halte als er sei, nur die Unterwürfigkeit und die Treue sei bei ihr zur albernen Leidenschaft geworden. Nun seien sie alle entehrt Sie wollten lieber gleich in die Fulda springen. Mit Mühe bändigte ich ihr unheimliches Geschrei, als die Tür aufging und die Tante hereintrat Ich war erstaunt sie so aufrecht und fast unverändert zu sehen; nur noch bleicher war ihr Gesicht; unter die großen, braunen Augen hatten sich tiefe blaue Ringe gelegt, und ihre Wimpern zuckten fortwährend, wie von sichtbaren Pulsschlägen. Ich fiel ihr laut weinend um den Hals; die Mädchen verstummten. „Meine gute Betty", sagte sie mit ruhiger Stamme, „es ist eine schwere Prüfung von Gott, aber was Gott tut, das ist wohlgetan". 1; „Das hat Gott getan?" schrie die Aelteste mit krampfhaftem, herzzerreißendem Lachen. Die Mutter richtete sich mächtig auf; ihr großer Blick fiel vernichtend auf die Tochter. „Verdammst du ihn", sprach sie, „ehe ihn unsere Saunim (Feinde) verdammen? Ist's ausgemacht, was er getan haben soll? Und hat er's getan, für wen hat er's getan? Um uns bessere Tage zu machen; weil ihn eure wundgenähten Finger gedauert haben, hat er die seinen — ich will 's nicht aussprechen —. Gott hab' Erbarmen mit ihm! Aber wenn's die Menschen nicht haben, wenn die andern ihn — Gott soll schomer und mazzil sein (Gott verhüte es) — verdammen und im Stiche lassen, ich bin sein Weib und hab ihm unter der Chuppe (Trauhimmel) Treue geschworen. Kein Wort will ich hören über ihn, oder so wahr ein Gott lebt, ich laß mich einspennen zu ihm in die Kasematten." „Tante Guttraud!" rief ich, und mit Tränen der Bewunderung wollte ich ihre Hand fassen, aber sie zog sie zurück. „Was wunderst du dich," sagte sie befremdet, als wäre da weiter was dabei? Sind wir Gojim (Heiden), wo einer auf sein eigen Blut einen Stein werfen kann? Ich bin, Gott sei Dank, ein jüdisch Weib und weiß, was geschrieben steht Wie ich denke, denkt jede, die nicht mewajisch Haschern (Gotteslästerin) ist Red' mit deinem Manne, Bettyleb! Er ist takif (beliebt) beim Bürgermeister. Beim Parness (Gemeindevorsteher) bin ich umsonst gewesen; er sagt, sie dürfen sich nicht hineinmischen — sie sind froh, wenn man sie nicht hineinmischt aber der Kommissär vom Gefangenhaus, den sie für den größten Rosche (Judenfeind) ausgeschrien haben, hat mich angehört und hat mir erlaubt, daß ich ihm eine Suppe bringen darf, so lange er sitzt; so braucht er wenigstens nichts treifes (Verbotenes) zu essen. Und nun sei mauchel (verzeih) Betty; ich will in die Küche, damit „er" seine Suppe kriegt." So ging sie hinaus. Ich verwies die Mädchen mit stummem Blicke auf die fromme Dulderin, und als ich ging, sah ich sie in der dunklen Küche den Topf zusetzen, so sorgfältig, als bereite sie die Suppe für ein krankes Kind. Die Mutter hielt eine Weile in ihrer Erzählung inne und fuhr dann fort: „Du mußt nicht glauben, Kind, daß es aus ist; das Schrecklichste, das Herrlichste kommt jetzt. Der Prozeß dauerte Wochen lang. Es sind böse Dinge da aufgekommen, die böse Menschen gleich verbreitesten und noch vergrößerten, so daß sie der armen Frau nicht verheimlicht blieben. Doch alles das änderte nichts an ihrem Benehmen. Sie trug ihm Tag für Tag das Essen ins Gefangenenhaus, erhielt von dem Kommissär sogar die Erlaubnis, ihn zu sehen und in Gegenwart von Zeugen mit ihm zu sprechen. Da sprach sie denn mit ihm, aber nur Worte des Trostes, der Milde, der Begütigung und hätte auch ohne Gegenwart der Zeugen gewiß nicht anderes zu ihm gesprochen. Sonst wich sie nicht von ihrem Hause, empfing keinen Besuch und trug selbst die Stickereien, die so viel Tränen wie Perlen in sich schlössen, nicht mehr selbst zum Verkaufe. Nur am Abend von Roschhaschono (Neujahrstag) ging sie wie sonst in die „Schul". Die frommen geputzten Weiber wichen ihr freilich aus, aber sie bemerkte es nicht und stand, wie sie immer pflegte, auf ihrer Stätte, ohne vom Gebetbuche aufzusehen. Nur bei den Owinu-Makeinus (Bitt- und Bußlitanei) bei den Worten: „Get . Ä>- i-.-***^ v-.^jv^

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