Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1926-11-26 · Heft 49 (26.11.1926) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 49 (26.11.1926)
Date
1926-11-26
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3063973-3064018--15015-3082606
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 DIB WAfSttffilT Nr. 40 zu Hause, mit dem festen Vorsatz, Sonntag, den 12. zu fahren. Ich reiste auch wirklich am 12. nach Wien. Ich erfuhr, Hermann ging am 5. in das Haus der Baronin Perin 96 Pasqualati, um die Baronin und den Schriftsteller Reinisch zu sprechen, als er in das Vorzimmer trat — traf er schon da mehrere von der Polizei, die ihn nach seinem Namen fragten, und als er sagte „Jellinek", wurde er gleich festgenommen, in die Burg zur Kommission geführt, da wurde er wieder um seinen Namen gefragt, und in das Polizeihaus in der Sterngasse abgeführt. Abends desselben Tages kam ein Offizier und ein Kommissär in seine Wohnung. Sie untersuchten alle Papiere, fiahmen selbe in Beschlag. Es soll nichts von Bedeutung vorgefunden worden sein. Einige Briefe, eine Adresse aus Italien, ein geschriebener Artikel von Dr. Stifft mit der Aufschrift: „JellaöiC, Windischgrätz, Radetzky". Der Offizier glaubte, einen Fund gemacht zu haben. Gedrucktes nahm die Kommission nicht mit. (A. hat aus Furcht und Unkenntnis viel Manuskript verbrannt.) Du kannst Dir wohl denken, daß seine Papiere nichts Verfängliches enthalten konnten, da er ein ehrlicher'Charakter im strengsten Sinn des Wortes war. Amalie versuchte einigemal zu ihm zu kommen* Immer wurde sie abgewiesen. Sie sagte mir, daß ich keinen Versuch machen soll, ich werde schnöde abgewiesen werden. Dies schreckte mich nicht ab. Am 13. ging ich in Hermanns Gefängnis. Man wies mich anfangs mit den Worten zurück: „Es ist nicht erlaubt, den Gefangenen vor dem Verhör zu sprechen." Wenn man der Polizei alle Gefühle absprechen kann, so kann man ihr durchaus nicht das Gefühl, den leisesten Metallklang zu hören, absprechen. Doch was schadet dies. Es ist sogar gut. Immer besser, die Gerechtigkeit zu erkaufen, als gar keine zu bekommen. „Bringen Sie den Dr. Jellinek herab." In einer Weile kam mein Hermann im Schlafrock herab. Da sein Haar und Bart durch mehrere Tage ungekämmt war (er durfte keinen Kamm und Bürsten bei sich haben), sah er sehr verwildert aus. Er hatte mich erwartet und war über meine Ankunft sehr erfreut. Ich konnte nur unter vielen Augen mit ihm sprechen. Er fragte mich, ob denn in Berlin keine Revolution ausgebrochen. Blums Tod hatte ihn sehr ergriffen. „Wäre ich frei gewesen, hätte ich für Blum was tun können, wenn sie Blum erschossen haben, dann ist Messenhauser auch verloren, er wird ruhig sterben, denn er ist ein fester Charakter." Er erzählte mir, er hätte viel Geld machen können, es ist ihm von vielen Seiten angeboten worden, „ich wies die Hunde, die da glauben, ich werde meine Feder durch Gold beschmutzen, zurück". „Meine Brieftasche mit einer Barschaft von 190 f Cm und meine goldene Uhr sind mir abgenommen worden. Das Essen, welches die Gefangenen da bekommen, ist wahrlich für die Hunde zu schlecht, es ist ein wahres Unglück für diejenigen, die hierher ohne Geld kommen. Ich lasse mir Essen für mein Gold holen, welches recht gut ist, der Kaffee ist sehr schlecht. Ich bewohne ein Zimmer mit einem Franzosen J ö 1sohn und einem armen Burschen, diesem lassen wir Essen holen, er kostet mit täglich 30 Cm. Er reinigt dafür das Zimmer. Als ich gestern im Garten ging, sah ich die Baronin Perin und Reinisch, für letzteren habe ich gesprochen beim Auditor — der ein gebildeter Mann ist — er wird freigelassen. Bis jetzt Hegt gar keine Anklage gegen mich vor. Ich fürchte, sie werden mich lange, ohne gar zu verhören, sitzen lassen. Ich vergehe vor Langeweile. Nichts zu lesen. Wenn ich nur schreiben dürfte. Rauchen dürfen wir nicht im Zimmer, nur wenn wir im Garten gehen. Becher ist verhaftet worden. Was Du für mich tun kannst, besteht darin, daß meine Untersuchung beschleunigt werde. Jede Vermittlung weise ich zuriick." Wir hatten länger als eine Viertelstunde gesprochen und mußten uns trennen. Als Vorwand ihn wieder besuchen zu können, sagte ich, werde dieser Tage kommen, die goldene Uhr abzuholen. Ich sprach mehrere seiner Bekannten. Alle versprachen mir, sich für ihn zu verwenden. Dr. Freund, Hübner und Stifft, kurz jeder, den ich sprach, beruhigte mich. Hermanns größte Feinde hatten nicht die Kühnheit, an seinen Tod zu denken. So war in Wien kein Mensch (mit Ausnahme derjenigen, welche es von vornherein wußten), der das geahnt hätte, was kommen wird. Ich sah wohl selbst ein, daß ich nichts tun werde können, was eine Entscheidung herbeiführen konnte. Am 15. ging ich mit A. wieder ins Gefängnis. „Dr. Jellinek soll die Uhr herabbringen." Und so kam er, ich übernahm die Uhr und unterschrieb eine Quittung. Wir sprachen über Tagesneuigkeiten. Ich sagte ihm, daß er, nachdem was man mir sagt, bald herauskommen wird. „Da irrst Du Dich gewaltig," versetzte er hierauf. „Sieh', daß ich gegen Garantie freigelassen werde. Ich stelle mich zu jeder Zeit. Geh4 zu Borosch und sage ihm von meiner Verhaftung. Schicke mir etwas zu lesen und sieh', daß Du mir einen Kamm oder Bürste hierher besorgen könntest." Er sprach dann noch von Messenhausers Verurteilung und behauptete, daß keine Begnadigung stattfinden wird. „Bis heute durfte ich mir die „Presse" und „Lloyd" kaufen, dies wurde mir nun untersagt." Wir sprachen dann noch eine Weile lind gingen. Am 17. besuchte ich ihn wieder, bei welcher Gelegenheit ich ihm einige Zeitungen — einen Kamm — einige Zigarren und einen Brief von Jolsohn — (ein Schwarzgelber) der schon frei war — zusteckte. Viele meinten, Jolsohn — ein früherer Freund von Hermann — sei ein Spion. Er schrieb Hei mann, er könne ganz ohne Furcht sein, da die Proklamation des Fürsten Windischgrätz erst nach dem 26. Gültigkeit hätte usw. Hermann war sehr ungeduldig, daß er ohne Verhör so lange in Haft gehalten wird. Er sagte mir, ich möchte noch morgen da bleiben und sodann nach Hause reisen. Hierauf verließ ich ihn. Am 18. besuchte ich meinen Hermann — es war das letztemal und ich ahnte nicht, daß ich ihn auch nicht wieder sehen soll. Er war heiter. Ich sprach mit ihm über eine halbe Stunde. Bat ihn, er möchte mit Vorsicht beim Verhör sprechen, da ich nichts so fürchtete, als seine Festigkeit und eiserne Konsequenz. Er versprach es mir. Gewiß um mich zu beruhigen. So gab ich ihm den letzten brüderlichen Kuß und ging! Ich machte noch mehrere Gänge wegen Hermann. Man beruhigte mich, indem man mich über meine allzu großen Besorgnisse auslachte. Am 19. verließ ich Wien. Amalie trug ich auf, mir jeden Tag über Hermann zu berichten. Am 20. schrieb mir A.: „Hermann ließ mir durch den Gefangenenwärter sagen, ich möchte ungesäumt zu ihm kommen, er müsse mich sprechen. Ich bot alles auf — ^selbst beim General war ich um die Erlaubnis H. sprechen zu dürfen, es wurde mir verweigert. „Die Untersuchung hat begonnen" usw. Noch einen Brief wollte ich abwarten. Den erhielt ich noch am 23., in welchem mir A. anzeigte, „Die Untersuchung ist geschlossen. Hermann und Becher sind verurteilt — ich war beim Fürsten, der mir sagte, er hätte das Urteil zurückgeschickt usw., retten Sie das Leben Ihres Hermann." Ich zeigte dem Vater den Brief, daß ich sogleich nach Wien reisen werde. Ich wollte, er solle mitfahren, oder nach Olmütz zum Kaiser. Es blieb dabei, ich solle allein fahren. Denselben Tag reiste ich noch ab und fuhr in der Nacht nach Wien. Ich erfuhr nichts, bis ich in Hermanns Logis kam, wo mir A. gleich einer Leiche entgegenstürzte. Stifft war gegenwärtig. Ich erfuhr das Schrecklichste. Ich schickte um Brandeis. Er kam und erzählte mir von Hermann. Den Brief wollte er mir nicht herausgeben, bis nach der Belagerung. So soll es der Auditor da befohlen haben. Noch einen halben Bogen müßte ich schreiben, um Dir zu schildern, durch welche Anstrengung es mir gelang, die Abschrift zu bekommen. Abends ging ich ins Josefinum, dort lag Her. und Becher, und ich habe mit Mühe die Erlaubnis erhalten, meinen Hermann sehen zu dürfen. Mein lieber Adolf. Dieser Anblick war schrecklich!! Ich sah ihn da liegen, angekleidet, in seinem Blute. Nein, ich kann Dir dies alles nicht schildern. Ich hab* noch immer nicht die Kraft dazu. Nur so viel sage ich Dir, ich weiß nicht, wie ich aus der Kammer herausgekommen bin! Moritz. Antisemitische Darstellung im Film. Im Hamburger „Isr. Familienblatt" schreibt Julius R o s e n b a u m, Berlin: Kein Jude wird etwas dagegen haben,, in humoristischer Weise Juden im Film dargestellt zu sehen; wie es scheint, kennen aber einige Filmregisesure, ob bewußt oder unbewußt, nicht den Unterschied zwischen Humor und — Herabwürdigung. Wenn man sieht, wie rechtsgerichtete Kreise gegen Filme ankämpfen, die ihren politischen Anschauungen nicht passen, so muß man sich wundern, daß jüdische Organisationen die Darstellung von Juden in verächtlicher Form dulden. Was für den letzten Fall besonders abstoßend wirkt, ist, daß es gewöhnlich jüdische Schauspieler sind, die sich solche billige Lorbeeren erwerben. Von jüdischer Seite muß endlich mit aller Schärfe dagegen vorgegangen werden. In dem Film „Im weißen Roß 1", in dem Henry Bender — ein Jude — die Hauptrolle spielt und mit seinem durchaus jüdisch gefärbten Humor Lachsalven erzeugt, erscheint plötzlich in einem kurzen Auftritt ein jüdischer Rechtsanwalt auf der Leinwand in einer abscheulichen, antisemitisch zurechtgestutzten Maske. Das ist kein Humor mehr, kein Zugeständnis an die heitere Muse, sondern eine Konzession für die antisemitüschj'en Instinkte urteilsloser Zuschauer. Warum in aller Welt wird sonst gerade aus dem ganzen Personal des Stückes der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.