Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 49 (26.11.1926)
- Date
- 1926-11-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 49 DIE WAHRHEIT - 'S OUll* O überwiegend eine traurige koloniale Blüte, wie es deren auf der Grenze von Okzident und Orient eine ganze Reihe gibt. Diese Erscheinung nehme ich meinerseits, so unerfreulich sie ist, durchaus nicht schwer. Wo die Hoffnung auf kolonialen Aufschwung sich zeigt, stellt sich stets auch jene unerwünschte Kategorie von Menschen ein; hier Christen, dort Juden, die weder echte Christen noch echte Juden sind, sondern Spreu menschlicher Xulturentwicklung, die immer dorthin geweht wird und dort sich ansetzt, wo Verhältnisse, denen noch die feste Verwurzelung fehlt, wo Verhältnisse, die noch in Gärung sind, ihrer beweglichen Findigkeit schnelle Bereicherung versprechen. Tel-Awiw; — sein Geist, er muß gewiß bekämpft werden, aber er entscheidet in keinem Falle über die Zukunft Palästinas; über seine jüdische Zukunft. Jedenfalls ist es ein großes Verdienst von Franz Oppenheimer, daß er in seinen Reden schonungslos auf diese Wunde hingewiesen hat. Entscheidend für die palästinensische Zukunft ist die landwirtschaftliche Besiedelung des Bodens. Und da zeigt sich die zweite, wie mir scheint, weit größere Gefahr: die Gefahr besteht in den sozialistischen, sozialisierenden Experimenten einer jüdischen Generation, die durch den Sturm des russischen Umsturzes hindurchgegangen ist, und nun unbesonnen, osteuropäisch leichtherzig, wenngleich mit idealistischer Hingabe. Theoreme auch in Rußland überholter Sowjetliteratur auf dem harten kolonialen Boden Palästinas zu verwirklichen sucht. Das Ergebnis ist — nicht das Emporwachsen einer beharrlichen, nüchternen Bauernwirtschaft, sondern oft ein sich Berauschen in Phantasien von Menschen- und Weltbeglückung. Je nüchterner der Kolonisator ist, um so besser für ihn und seine Zukunft, und wenn er in der Ferne das idealistische Licht edler, menschenwürdigerer Zukunft erblickt, dann kann er zu jenen Pfadfindern gehören, die für neue, freie Staatswesen die Grundlagen legen. Man macht ein schadhaftes Schiff nicht seetüchtiger, indem man die vermorschten Flanken fein säuberlich verdeckt und überstreicht. Professor Oppenheimer hat das getan, was ein kluger und ehrlicher Mann tun muß; er hat die Krankheit festgestellt; nicht damit einige Dummkopfe breitspurig sich hinstellen können und uns zurufen: das haben wir ja immer gesagt; diesen ewigen Siegesgesang abgestandener, fader Mittelmäßigkeit; sondern damit ausgeschaut werde nach den Möglichkeiten, um zu einer gesünderen Entwicklung zu gelangen. Hierfür ist nach meiner Ansicht folgendes notwendig, das in diesem Augenblick an dieser Stelle nur in knappster Andeutung umrissen werden kann. unseren Bruder töten?" R. Meir hat gesagt, „um dessentwillen sollen wir Juda nicht loben" und er hat Recht. Denn unsittlich, unethisch ist der Gewinn, der ans dem Tode des Bruders ersteht. Damals, in den Tagen der Makkabäer, sollte der wahre Gott, die Religion der Sittlichkeit, das wahre menschliche Denken und Fühlen der Lüge des alten Heidentums weichen, und damals griffen die Makkabäer zum Schwerte, nicht um die Güter der Erde, Sold und Gewinn zu erstreiten, erhoben sich zum Kampfe, nicht um Macht und Herrschsucht zu befriedigen. Es gibt nur eines, das das bluttriefende Schwert verschönt, das mit dem Unglücksbringer Krieg versöhnen kann, wenn er selbstlos, ohne Gewinn- und Habsucht, nur um der Wahrheit willen und für die Wahrheit geführt wird, weil er geführt werden muß und kein anderer Ausweg mehr da ist. Nur dann kann auch das leiberbesäte Schlachtfeld, rauchende Trümmerhaufen ein heiliger Altar genannt werden. Für den jüdischen König galt die Bestimmung, daß er sich selber eine Thora niederschreiben mußte; zog er in den Krieg, so mußte er sie mitnehmen und kam er heim, so mußte er sie heimbringen. Wenn man schon kämpfen, Krieg führen muß, so muß einen das göttliche Gebot wirklich und wahrhaft begleiten, und kommt man. aus dem Kriege, so muß der Gewinn sein, daß man das Gebot Gottes mitbringt. Diejenigen aber, die das Gebot Gottes nur im Munde führen, und wenn sie heimkommen, alles andere mitbringen, nur nicht das, was Gottes und seiner Lehre würdig ist, haben um eines unsittlichen, unethischen Gewinnes willen Menschen getötet Als Abraham einst nach siegreichem Kampfe heimkehrte, erhob er seine Hand zum Schwüre und sagte: „Nicht einen Faden, nicht einen Schuhriemen will ich von der Beute nehmen!" Wir wollen keinen Gewinn, wenn wir unseren Bruder töten — so muß die Ethik des Krieges lauten; denn wird es keinen Gewinn geben, wird man keine Kriege suchen. In der Uneigennützigkeit, in der Verachtung des Gewinnes, der aus Bruder- und Menschenmord entsteht, ist die beste Stütze für den Frieden der Menschheit Dr. V. Kur rein. Der Zionismus sollte die leichtherzige Form agitaroriseber Anpreisung seines Tuns und seiner Erfolge aufgeben. Dieser seiner bisherigen Methode sind große Erfolge bestimmter An beschieden gewesen: das ist durchaus nicht zu leugnen; es konnte freilich auch nicht anders kommen, als daß diese blühende Fata Morgana von Erfolgen, die nicht erreicht sind und die nie erreicht werden können, zu einem inneren Verfall führte, wie ihn jetzt Franz Oppenheimer zutreffend schildert. Fort mit der Unsolidität und den Illusionen, die rednerisch ungefährlich erscheinen, und die keine nüchtern, schwer arbeitenden Kolonisten heranbilden, sondern im besten Falle gutgläubige Enthusiasten, die keinen Staat und keinen Gesellschaftskörper und keine Kultur aufbauen, sondern Potemkinsche Dörfer vortäuschen, die heute scheinbar vorhanden und morgen entschwunden sind; nutzlose Ruinen, die gleichfalls Menschen als Ruinen zurücklassen: eine furchtbare Verantwortung. Natürlich wäre nichts verhängnisvoller, als wenn die zionistische Bewegung demnächst zusammenbrechen würde; ihr Zusammenbruch würde Scharen von Juden gleichfalls vernichten, denen heute die zionistischen Gelder eine unentbehrliche Stütze sind. Kluge Zionisten — und nur sie können dies zuwege bringen: den Gegnern des Zionismus würde man Parteilichkeit und Ungerechtigkeit vorwerfen — müssen ihrer Bewegung eine neue Wendung geben; der Expansion muß Konsolidierung folgen. Es kann sich nicht mehr darum handeln, das Judentum der Welt durch den Zionismus zu retten: nur eine Illusion für vorausschauende Menschen mit nüchternem Blick: sondern darum geht es, den palästinensischen Zionismus — vor dem Scheitern zu bewahren. Solch ein Zusammenbruch, der die Zionisten nur zu treffen schiene, würde die Gesamtheit des Judentums schwer treffen; ganz abgesehen d;.von, wieviel menschlicher Idealismus bei den besten Zionisten auf diese Weise zugleich verschüttet werden würde. Damit bleibt nur eine Möglichkeit: Auf das Stadium des Zionismus als lärmendes Propagandainstitut muß das Stadium der inneren Festigung folgen. Statt neue Scharen von Juden der Einwanderung nach Palästina geneigt zu machen, müssen jenen Juden, die in Palästina bereits sind, die Lebensmöglichkeiten rationell erleichtert werden: Aufbau durch Konsolidierung; nicht Aufbau durch Expansion : das müßte meiner Ansicht nach das nächste Ziel sein. Gewiß ist es für eine Bewegung wie die zionistische nicht leicht eine solche Resignation zu üben, wobei es dahingestellt bleiben mag, ob dies ein Verzicht für immer, oder nur ein Abstoppen für einen gewissen Zeitraum zu sein hat. Darauf hat die Zukunft eine Antwort zu geben. Und dieses Abstoppen ist um so leichter durchführbar, da im Augenblick ein allerdringüchster Zwang für die Auswanderung östlicher Juden glücklicherweise nicht vorliegt. Gelingt es, die hier schon häufiger erwähnte, so unbedingt gebotene Binnenwanderung der östlichen Juden nach Ostf-n. statt nach Westen im größerem Umfange in Schwung zu bringen: jenes Unternehmen, das von dem amerikanischen Joint Distribution Committee bereits im engeren Rahmen in Angriff genommen ist. dann ist Palästina unmittelbar entlastet und es kann dort jene innere Gesundung durch die Zionisten angebahnt und durchgeführt werden, die im alten Stammland die Glaubensgenossen vor schweren Erschütterungen bewahrt, während in Sowjetrußland den Zurückgebliebenen neue Lebensmöglichkeiten erschlossen werden. Je vorurteilsloser, je woniger voreingenommen, die einen und die anderen ihre Ziele verfolgen und Vergangenes vergangen sein lassen, um so nützlicher für iene. denen geholfen werden soll und denen Zionisten und Nichtzionisten helfen wollen und menschlich verpflichtet sind, zu helfen. Ein authentischer Bericht über die letzten TageDr. Hermann Jellineks. Von Rabbiner Dr. M. Rosenmann. (Schluß.) Die Nachricht von dem „Falle" Wiens hat mich tief erschüttert. Von Hermann hatte ich keine Nachricht. Ich wagte nicht an ihn zu schreiben, um nicht sein Logie zu verraten. Ich fürchtete gleich, er sei verhaftet worden. Am 8. November schrieb mir die unglückliche Amalie, Hermann ist verhaltet worden. Es war 3 Uhr nach Mitternacht. Der Wagen stand vor der Tür — und um den Vater nicht zu kränken, blieb ich