Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 49 (26.11.1926)
- Date
- 1926-11-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 49 Chanukka-Seele! Flammen sind wir! In Herzen und Händen glimmen die Feuer versunkener Jahre, Gluten, die Starrsinn und Feigheit blenden, Mut den Verzagten und Tröstung spenden — Komm hernieder vom Weltenaltare! Komm und hilf die Verzweiflung enden, Chanukka-Seele, du wunderbare! Flammen sind wir, — aus heiliger Sage, Trümmerstrahlen grauer Ruinen, — Sonnenreste zerschlagener Tage aus Geschichten, ewigkeitskühnen. Flammen sind wir, — goldhelle Reihe, brennendes Band, das uns gürtet und bindet, — blitzender Kranz unserer Schmerzensschreie, — Sehnsucht, die keinen Heimweg findet. — Flammen sind wir! Wir werden leuchten! Wir werden Leid und Zeit bezwingen! Wir werden den Augen, den tränenfeuchten, den Willen der Makkabäer bringen! Flammen sind wir! Am Menschheitsgeschicke wollen wir zukunftgläubig weben, — aus Traum und Tag, aus vergessenem Glücke Neues Leben zum Licht erheben. — Flammen sind wir! In jungen Händen, in jungen Herzen formen sich Jahre, — Gluten, die Starrsinn und Feigheit blenden, Komm hernieder vom Weltenaltare, komm und hilf die Verzweiflung enden! Flammen sind wir! Laß Licht uns spenden, Chanukkaseele, du wunderbare! J. Raphael. UM An4»B*£fcn«» ■» alnln l-FßrKantor mit od. ohne Begleitung nancrans ooioio*• KrChtaefssopran u°d Komponiert von Aron FRIEDMaNN, uönlgl. Musikdirektor, Oberkantor der jüdischen Gemeinde zu Berlin. — PREIS RMk 1.30. Javal-Veitatf, Berlin W, Lletzeuburgerstraße Nr. 8 a Zu haben: Buchhandlung L. D. Hirschler & Co., Wien 1.. Rabensteig 6 Palästina oder . .? Von Dr. Paul Nathan. Professor Franz Oppenheimer ist ein Mann von hohem wissenschaftlichen Ansehen als Sozialpolitiker; er ist überdies eine weltläufige, praktische Natur, die im Leben verwurzelt ist: jene moderne Mischung von ernster Gelehrtenanlage mit großem Kenntnisreichtum einerseits und realen Fähigkeiten dem modernen Leben gegenüber anderseits. Professor Franz Oppenheimer mit seiner Geistesstruktur und mit seiner Kenntnis Palästinas hat neuerdings zur jüdischen Palästinafrage zweimal (in Wien und Berlin) das Wort genommen; in diesen Blättern ist auf seine Ausführungen bereits hingewiesen worden. Was er sagt, verdient ernste Beachtung; gerade darum, weil er, als Zionist, doch zugleich ein unabhängiger Denker und Beobachter ist; weil er weit emporragt über jene Zahl im besten Falle enthusiastischer Schwätzer, die Palästina preisen, ohne es zu kennen, und die jeden verdammen, der ihre gefährliche Kritiklosigkeit aus sachlichen Gewissensbedenken und in realer Kenntnis palästinensischer Verhältnisse bekämpft. Ich selbst bin vor dem Weltkriege rund ein halbes' Dutzend Mal in Palästina gewesen, nicht als flüchtiger Tourist, sondern mit der ausgesprochenen Absicht, Land und Leute und ihre Entwicklungsmöglichkeiten eingehend zu studieren; auf einer dieser Reisen saß ich dann auch am nämlichen Hoteltisch Franz Oppenheimer in Jerusalem tagtäglich gegenüber, und wir hatten Gelegenheit, unsere Beobachtungen auszutauschen, die oft genug recht erheblich voneinander abwichen; das war nicht verwunderlich bei einem Problem, so kompli- . ziert, wie die Frage der Besiedlung Palästinas. Jetzt nach dem Kriege ist Professor Oppenheimer erneut in Palästina gewesen, und dieser Mann, der mit großen Sympathien der zionistischen Bewegung gegenüberstand, freilich nie kritiklos — was bei einem Mann seiner Qualität selbstverständlich ist — kommt zu einem sehr ernüchterten Urteil. Sollen wir, die wir keine Zionisten sind, hierüber jubeln? Das wäre doch die Genugtuung beschränkter Narren. Es kann sich für den einzelnen nicht darum handeln, recht zu behalten, sondern darum, über ein Problem zutreffend zu urteilen, das eine hohe Bedeutung für das Wohl und Wehe, für Gegenwart und Zukunft von Zehntausenden und Zehntausenden jüdischer Menschen hat. Uebereinstimmung herrscht heute über einen Punkt. Tel-Awiw, die emporgeschossene Schwesterstadt von Jaffa, ist jgplj Feuilleton [Iwl Pazifismus. Juda sprach zu seinen Brüdern: „Welchen Gewinn haben wir, wenn wir unseren Bruder töten und sein Blut verbergen? I, 37, 26 R Meh bemerkt im Talmud, daß man Juda wegen seiner Aeußerung über seinen Bruder Josef nicht loben düife, ja daß ein Lob dieser Handlungsweise eine Gotteslästerung sei. Die Brüder wollten Josef töten, und um dies zu verhindern und das Leben Josefs zu retten, suchte Juda die Brüder zu bestimmen, Josef lieber zu verkaufen. An sich scheint nun kein Grund vorhanden, die Handlungsweise Judas tadeln zu müssen, und trotzdem verdammt sie R. Meie und verlangt, daß alle sie verurteilen und verwerfen. Klar und verständlich wird uns die Ansicht des Gelehrten, wenn wir uns gegenwärtig halten, daß nicht allein Mord und Totschlag eine Totsünde sind, sondern auch jeder Gewinn, der aus einer verdammeniswerten Tat ersteht, in gleicher Weise verdammenswert ist, und darum jede Aussicht und Anwartschaft, einen Vorteil aus der Vernichtung eines Menschenlebens zu ziehen, schon sine unsittliche Denkart offenbart. Wenn die Chanukkalichter entzündet werden, wird eine Zeit schwerer, blutiger Kämpfe und Schlachten in unserem Geiste lebendig, ertönt Lob und Preis den siegreichen Helden, wird pietätvoll der Märtyrer und Opfer gedacht, die solche Kämpfe gefordert haben. Die Erinnerung an Krieg und Kriegsnot erwacht. Da könnte leteht so mancher sich die Frage vorlegen: Ist der menschenmordende Krieg sittlich? Ist es ethisch, wenn Menschen gegen Menschen im Kampfe stehen, einander zerfleischen, töten, Greuel und Verwüstung gegeneinander tragen? Gibt es überhaupt eine Ethik des Krieges oder ist und bleibt vielmehr höchste Ethik nur der Friede und die Erziehung der Menschen zum Frieden? Wenn das Siegesiied des Chanukkafestes, das den besiegten Feind verhöhnt, angestimmt ist, die l ichter erstrahlen und Siegesfreude verkünden, müßte sich ein ehrliches Herz fragen, ob seine Siegesfeude rein und frei von Schadenfreude ist. ob es jubelt über den gefallenen Feind, ohne süßer Rache heimliche Wollust zu genießen. Denn diese allzumenschlichen Begleiter der Sdegesfreude sind nicht ethisch, können und dürfen es nicht sein. Als einst in Israel der blutige Bürgerkrieg tobte, als Hyrkan und Aristobul, die feindlichen Brüder, mit Heeresmacht einander gegenüberstanden, und der eine in Jerusalem die Kriegswerkzeuge gegen den anderen draußen richtete, wähnend der andere von draußen den drinnen zu vernichten strebte, sollte ein ob seiner Frömmigkeit und der Wunderkraft seines Gebetes berühmter Mann, namens Onias, für den Sieg des einen und den Untergang des anderen Bruders beten. Damals sprach Onias das berühmte, denkwürdige Gebet: „Herr der Welt, die drinnen stehen, sind deine Kinder, die draußen stehen, sind deine Kinder, erhöre nicht, was die einen und nicht, was die anderen wollen!" Dieser Onias wußte, was ethisch, was sittlich ist, denn was für damals galt, gilt für heute: „Wer eines Menschen Blut vergießt, dessen Blut soll durch einen Menschen wieder vergossen werden." Diesen Satz darf niemand auslöschen, solange wir Menschen sein wollen. Auf dem ersten Blatt der Menschheitsgeschichte ist zu lesen, wie Kain den Abel tötete und verflucht ward, und das letzte Blatt wird, wie die Seher es vorausgeschaut haben, von einem gewaltigen Kampfe, einem Weltenbrande, den Gog und Magog gegeneinander entzünden,-dereinst berichten. Seit den Tagen, da sich das Paradies hinter dem Menschen geschlossen hat, hat der Krieg auf Erden nicht aufgehört, und er wird bestehen, bis der wahre Erlöser auf Erden ersdhiednt Aber Ziel und Aufgabe der Menschheit ist nicht einander zu bekämpfen, sittliches Ideal heißt nicht Krieg führen — es gibt ein höchstes Glück auf Erden, es heißt Frieden, und ein großes Uebel, es heißt Krieg. Denn „welchen Gewinn haben wir, wenn wir