Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 48 (19.11.1926)
- Date
- 1926-11-19
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 10 DIE WAHRHEIT Ffr. 48 benen Rechte als Staatsbürger, die Gleichheit vor dem Gesetze aufrecht gehalten werde, liegt wohl im tiefsten Interesse des Staates selbst begründet. Justitia regnorum fundamentum. Diesem Grundsatze entsprechend, hat die „Union" gewirkt und geschaffen. Wo immer in den weiten Gauen unseres Vaterlandes das Gesetz verletzt, das Recht bedroht erschien, war sie pünktlich zur Stelle. Ob in einem galizischen Grenzdorf oder in einem Industriezentrum Böhmens oder Mährens, im Norden oder Süden. Aber es harren der „Union" noch große Aufgaben. Die'politischen Verhältnisse drängen zu neuen Formen, neuen Gestaltungen. Es wird auch unserem vielgeprüften Vaterlande endlich der große Friedensstifter, ausse schoblaum, wero def scholaum entstehen, und daß in diesem großen Friedensschlüsse die Rechte und legitimen Interessen unserer Glaubensbrüder in allen Sprach- und Wirtschaftsgebieten gewahrt werden, ist eine der wichtigsten Aufgaben, deren großer Teil auch der „Union" zufallen wird. Es ist ja schon ein großer Gewinn, daß wir offen von unseren Interessen sprechen und öffentlich darüber verhandeln, so wie andere Interessengruppen religiösen oder wirtschaftlichen Charakters. Es ist aber noch ein notwendiges Ziel unserer Tätigkeit, daß anerkannt werde, daß die Zugehörigkeit zum Judentum ebenso ehrenvoll, und wenn man darin geboren wurde, ebenso selbstverständlich ist, wie bei jeder anderen gesetzlichanerkannten Konfession — und daß es ebenso ein officium nobile ist, sich der Sache seiner Glaubensgenossen anzunehmen, wie der aller anderen Staatsbürger — nicht nur zur Erhaltung des bürgerlichen Friedens, sondern in jedem wohlverstandenen Interesse des Staates und seiner Völker, dem wir als treue Staatsbürger mit Leib und Seele angehören, aber mit der Devise: „Alien Gewalten Zum Trutz sjch erhalten. Nimmer sich* beugen, Kräftig sich zeigen, Rufet die Arme der Götter herbeil" _ JfochardJferxoZ 'WtenJLKleine J'farr^ärre 28 Lager sämtlicher ScJMcm£cir-S«l*oÄli*Icii*ÄCiira in- und ausländischer Marken. Jüdische Lieder und^Gesänge der hervorragendsten Kantorenf wie Josef Rosen. Matt, Samuel Kwartiit, Berele Chagy, Siröta, Schatome Pinkasowicz und viele andere. 5 (jrdjftes Jpezidlhauf dej II. &e&. m HALTEST EUE O.V.C. WAGEN. WM H Hj Alle Schlagerplatten, Jazzband und moderne §§ H| Sprechmaschinen billigst m Ijs Günstiger Plattenumtausch. gl Religion und Sozialdemokratie. Dieses Thema wurde auf dem Linzer Parteitage der österreichischen Sozialdemokratie sehr ausführlich behandelt, ja sogar das Parteiprogramm wurde an jenen Stellen, die sich mit „Religion und Kirche" befassen, weitgehend abgeändert. Die ganze Zwiespältigkeit des sozialdemokratischen Parteiprogrammes, das zwischen Demokratie und Diktatur, zwischen bürgerlicher Freiheit und Klassenherrschaft hin- und herwankt und es vermeidet, das Parteiziel klar auszusprechen, diese Zwiespältigkeit kommt auch besonders in der Stellungnahme der Partei zu religiösen Fragen deutlich zum Ausdrucke. Die umfangreichen Aenderungen, die auf dem Parteitage beschlossen wurden, sind nur geeignet, den Eindruck der Zwiespältigkeit noch zu vermehren. Auf der einen Seite wird betont, „daß die Sozialdemokratie die Religion nach wie vor als Privatsache des einzelnen betrachte", auf der anderen Seite wird der Kampf gegen Kirchen- und Religionsgesellschaft proklamiert, „die ihre Macht dazu benützen, die Herrschaft der Bourgeoisie zu erhalten". Auf der einen Seite stellt das Programm fest, daß die Sozialdemokratie die R e I ig i o n, die Ueberzeugungen und Gefühle der einzelnen respektieren wolle, auf der anderen Seite wiederum wird der irrigen marxistischen Ansicht Ausdruck verliehen, daß der „Kapitalismus die religiösen Ansichten der breiten Volksmassen bestimme." Deutlicher als aus dem absichtlich verklausulierten und unklar gehaltenen Parteiprogramm geht die Stellung der Sozialdemokratie zur Religion aus den Worten hervor, mit welchen Dr. Bauer die Aenderungen desselben begründete. „Wir wissen," sagte er, „daß die Ueberwindung jenes Zustandes der religiösen Ueberzeugungen und Gefühle, die der Liberalismus erreichen zu können glaubte durch bloße Aufklärung, nur erreicht werden kann durch tiefgehendste Umwälzung der Gesellschaftsordnung, deren Spiegelbild diese religiösen Anschauungen sind. Der Kampf kann also nur so geführt werden, daß wir alle jene zur Bezwingung des Kapitalismus einigen, die durch die Aufrichtung des Sozialismus ihre geistige Freiheit gewinnen wollen." Dr. Bauer meint also, daß der Klassenkampf nicht nur zur Ueberwindung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, sondern auch zur Ueberwindung der religiösen Ueberzeugungen und Gefühle geführt werden muß. Der Klassenkampf, wie er von diesem Führer der österreichischen Sozialdemokratie gepredigt wird* bleibt also nicht bei der Aufhebung des Privateigentums zugunsten, einer einzigen Klasse stehen, sondern soll auch dazu benützt werden, die religiösen Ueberzeugungen und Gefühle — die doch „Privatsache" sind! — zu überwinden. Diesen Zustand nennt er dann „geistige Freiheit". Wir aber glauben, daß der „Zustand der Ueberwindung der religiösen Gefühle" zugunsten eines inhaltslosen Materialismus oder eines kalten Atheismus ebenso weit von „geistiger Freiheit" entfernt ist als die „Diktatur des Proletariates" von „Demokratie". Zum Kampfe um diese „geistigen" und die diversen anderen sozialdemokratischen Freiheiten sind der Sozialdemokratie Angehörige aller religiösen Ueberzeugungen als Mitstreiter willkommen. In diesem Falle ist nämlich die Religion selbstverständlich wieder „Privatsache" geworden und das Parteiprogramm stellt ausdrücklich fest, „daß die Sozialdemokratie alle, die an dem Klassenkampf der Arbeiterklasse teilnehmen wollen, ohne Unterschied ihrer religiösen Ueberzeugung, vereinigt". Diese alle werden also — ohne Unterschied ihrer religiösen Ueberzeugung — zur Ueberwindung ihrer eigenen religiösen Ueberzeugung und der der anderen freundlichst eingeladen. „Ich kenne keine Konfessionen mehr," könnte man mit Variierung eines bekannten Ausspruches Ex-Kaiser Wilhelms sagen:;,Ich kenne nur mehr Genossen." In der Praxis aber werden von den Sozialdemokraten nicht anders als etwa von Großdeutschen und Christlichsozialen recht feine Unterscheidungen in religiöser Beziehung gemacht, hier werden die Stammbäume von Politikern, Kontoinhabern und Großgrundbesitzern einer genaueren Prüfung unterzogen und das Wort „Jud" wird in unseren Vertretungskörper immer dann von links nach rechts und von rechts nach links geworfen, wenn es gilt, irgendwelche Handlungen oder Personen besonders zu diskreditieren. Wo aber die Sozialdemokratie an der Herrschaft ist, erscheint das „ohne Unterschied der Konfession", das wir in dem Parteiprogramm lesen können, überhaupt aufgehoben zu sein und dort, wo es sich um j ü d i s c h e n Religiohsiuritefricht, um jüdische Schulen und um jüdische Wohlfahrtsinstitutionen handelt, wird von den sozialdemokratischen et