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Die Wahrheit · 1926-11-19 · Heft 48 (19.11.1926) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 48 (19.11.1926)
Date
1926-11-19
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 48 DIE WAHRHEIT Seite 9 Doch den Zaghaften, an ihre Gleichberechtigung selbst nicht necht glauben Wollenden streckt sich die Hand der übrigen Staatsgenossen entgegen. Der Geist des Humanismus aus der Blütezeit der deutschen Literatur und Philosophie, dem auch die nichtdeutschen Völker sich kaum entziehen konnten, schuf eine Atmosphäre, in der kein Raum war für scharfen konfessionellen Haß. Nicht nur der gemeinsame Kampf hatte die Kämpfer für Freiheit und Recht brüderlich geeint. Auch die Prinzipien, auf Grund deren er geführt würde, hatten eine einigende Kraft. Das Bürgertum bekämpfte die Vorrechte der Geburt und des Standes auf Grund der von Rousseau propagierten Lehre von den natürlichen angeborenen Menschenrechten, die in den Erklärungen des amerikanischen und französischen Volkes ihren urkundlichen Ausdruck fanden. (1776 bis 1782.) Es hätte seinen eigenen Boden unterwühlt, wenn es nicht die Gleichheit aller Bürger, ohne Unterschied der Abstammung und des Bekenntnisses, zur Richtschnur seiner Handlungen hätte nehmen wollen. Dies war nun wenigstens offiziell die Signatur der liberalen Aera, wenigstens offiziell in unserem Vaterland, die noch unterstützt wurde von einem kräftig pulsierenden, vielfach von der Judenschaft getragenen, wirtschaftlichen Leben unmittelbar vor und nach dem Jahre 1866. Eine Aenderung in der liberalen Anschauung wird zunächst von außen suggeriert. Das gewaltige Ringen zwischen Deutschland und Frankreich, in seinem Ziele der Einigung Deutschlands unter den Hohenzollern geltend, gestaltet sich zu einem Kampfe der Völkerschaften. Wer die Tagesliteratur, die Poesie, zum großen Teile auch die bildende Kunst und Musik der damaligen Zeit kennt, der weiß, daß man ihn, um seine Volkstümlichkeit und seinen Elan zu steigern, zu einem Kriege zwischen Germanen und Welschen, mithin zu einem Rassenkriege stempelte. Der grandiose, die Landkarte Europas umgestaltende und in seinen Konsequenzen auch auf die anderen Weltteile übergreifende Erfolg des Krieges mußte natürlich im deutschen Volke die Vorstellung von dem außerordentlichen Werte und der Bedeutung der sieghaften Rasse festigen, eine Vorstellung, die von allen Kreisen, den höchsten und den untersten, genährt und gepflegt wurde und den ungeheueren materiellen und moralischen Aufschwung des Deutschen Reiches mitbefestigen half. In diesem gewaltigen Aufschwung wollte jeder im persönlichen Wetbewerbe das bessere Teil erringen. Bismarck, dessen konservativen wirtschaftlichen und staatspolitischen Bestrebungen die liberalen Kreise sich entgegenstellten, gab nicht nur den Kulturkampf auf, sondern als in den Reihen der um bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen kämpfenden Arbeiterschaft Juden als Wortführer und Bannerträger auftraten, benützte er in seiner rücksichtslosen Weise den latenten Antisemitismus der großen Massen für seine politischen Ziele. Da verbreitete sich die antisemitische Lehre mit Windeseile durchs Deutsche Reich. Begreiflich! Sie ist ja so einfach. Der Soldat wünscht die Anwartschaft auf die Stelle eines Offiziers mit möglichst wenigen zu teilen, ebenso der Beamte seine Ansprüche auf die Stellen im Staatsdienste, der Industrielle will den Unternehmergewinn ungeteilt, die Presse ihre Produkte nicht unterboten sehen, der Gelehrte möglichst viele Mitbewerber um eine einflußreiche, hohe Stelle ausschließen, der Handwerker und Kleinhändler am liebsten allein reichlichen Absatz für seine Ware haben. Wenn er nun die Heilslehre vernimmt, die ihn schon seiner Abstammung wegen zum Besseren, Tüchtigeren, Ehrlicheren stempelt und seine Mitbewerber als inferior, unverläßlich usw. brandmarkt, wie soll er sie nicht benützen und weiterverbreiten. So begann auch die antisemitische Hochflut über unsere Grenzen sich zu ergießen. Bei uns war bisher wie überall die politisch herrschende Partei die liberale, eine rein bürgerliche und deutsche. Ihr gehörte der überwiegende Teil der Juden an aus Dankbarkeit, aus historischer Anhänglichkeit an das Deutsche, die bis tief ins Mittelalter zurückreicht und sie bis in den äußersten Osten hin ein wesentlich deutsches Idiom sprechen ließ; aber gewiß auch aus Klasseninteresse. Ihre offiziellen Vertreter waren größtenteils hochgebildete, angesehene, ja vornehme, den obersten Gesellschaftsschichten angehörige Männer. Dadurch, sowie durch das von ihr vertretene Klasseninteresse und die von ihr vertretene Theorie vom freien Wettkampf im wirtschaftlichen Leben, in welchem es gar so viele auf der Walstatt gebliebene Existenzen gibt, mangelte der Partei der Zusammenhang mit der großen, um ihre Existenz hart kämpfenden und um ihre Stellung im Staate ringenden Volksmasse. Und gerade an diese wendete sich der agitatorische Antisemitismus. Erst viel später steigt er empor auf der sozialen Stufenleiter, und wie gerufen stellt sich auch bald die erwünschte sogenannt — wissenschaftliche, nationalökonomische und naturwissenschaftliche Rechtfertigung der Rassenlehre ein. Der alte Gobineau, den niemand recht ernst nehmen wollte. Dühring, Chamberlain und Vogelsang kommen auf den Plan. Hat früher Rousseau mit seinem Gesellschaftsvertrag und seiner Lehre von den angeborenen Menschenrechten dazu gedient, um die Gleichheit aller Menschen zu begründen, so dienten jetzt die Apostel der Rassenlehre und der Theorie der Herrenrasse dazu, den Gebildeten, denen der Radauantisemitismus eines Ahlwardt und Stöcker und einiger ihnen gleichwertiger Oesterreicher nicht zusagte, mundgerecht zu machen. Die österreichischen Juden, immer gewöhnt, in Demut ihre Sache von mächtigen Persönlichkeiten verfochten, ihr gutes Recht von vorurteilslosen Gelehrten und Schriftstellern vertreten zu sehen, standen plötzlich einer neuen Erscheinung gegenüber. Nicht bloß der Einfluß der mächtigsten Glaubensgenossen, auch der aller anderen versagte. Da setzt nun die Tätigkeit der „Union" ein. Es ist wohl kein Zufall, daß ein Politiker wie Dr. J. Bloch, ein Richter Dr. Jakob K o h n, ein Advokat Dr. Zins, Aerzte wie Dozent Grünfe 1 d und Dr. Pins und ein Großhändler, Herr Berger und deren Berufsgenossen, zu den Gründern der Union gehörten, sie alle fühlten die kommenden Ereignisse noch mehr, als sie sie sahen. Zum erstenmal wurde in Oesterreich der Versuch gemacht, die große Masse der Juden, welche das Unrecht am eigenen Leibe spürte, auch zur Selbstverteidigung aufzurufen. Zum erstenmal wurde auch eingestanden — zum Schrecken aller derjenigen, welche den Tatsachen nicht klar ins Auge blicken können — daß es politische Interessen gibt, die keine Sonderrechte und doch gerade nur den Juden gemeinsam und von ihnen gemeinsam auch zu vertreten sind. Die Tätigkeit der „Union" mußte zunächst eine politisch erziehliche sein. Es mußte den Juden klar gemacht werden, daß die theoretisch gegebene Gleichberechtigung nur durch stete Arbeit von ihrer Seite selbstverständlich wirklich ins Leben treten könne. Vortreffliche Vorträge politischen Inhalts, Diskussionen dienten diesem Zwecke. Im Beginne lehnte sich die „Union" noch immer an die in Oesterreich sehr verdiente liberale Partei aber in demselben Maße, als diese selbst an Boden verlor und die auf dem politischen Plan erscheinenden Männer des deutschen Bürgertums den Juden entweder gleichgültig oder auch mehr oder weniger offen gegnerisch gegenüberstanden, lockerte sich dieser Zusammenhang von selbst und die „Union" mußte die Verfechtung der politischen und staatsbürgerlichen Rechte der Juden ganz in eigene Regie übernehmen. Damit hat sie sich ein nicht hoch genug zu veranschlagendes Verdienst erworben. Zum erstenmal trat der Jude politisch organisiert seinem politischen Gegner, nicht gedeckt durch den breiten Rücken einer mächtigen Persönlichkeit, sondern von Angesicht zu Angesicht, Aug in Aug entgegen. Fest und ruhig, nicht flehend, sondern auf sein Recht pochend. Er konnte den Mächten der Zeit, ein richtiger Prometheus, zurufen: „Hat nicht mich zum Manne geschmiedet Die allmächtige Zeit, Und das ewige Schicksal?" Die Reihe der Männer, die an der Spitze der „Union" gestanden, Grünfeld, Anninger. Ruzicka, Paul- Schiff, Siegmund Mayer und ihre Stellvertreter und Kollegen stellten eine ununterbrochene Reihe selbstbewußter, aufrechter Männer dar. die jedem anderen, politisch reifen Volke zur Zierde gereichen konnten. Ihnen vor allem gebührt der Dank der österreichischen Juden. Ich sagte jedem politisch reifen Volk! Wie halten wir es mit dem Volkstum? Es ist unmöglich, an dieser Frage vorbeizugehen. Ich möchte aber in dieser festlichen Stunde alles vermeiden, was zu einer Mißdeutung führen könnte. Nur das will ich hervorheben, was allgemein anerkannt, und das ist u nsere Zugehörigkeit zur Kulturgerneinschaft desjenigen Volkes, unter dem wir leben, und zur modernen Kulturgemeinschaft aller zivilisierten Völker überhaupt. Diese legt, wie die Staatsbürgerschaft, wie die Zugehörigkeit zu einer Nation Pflichten und Rechte auf. Die Pflicht, den Besitzstand an Kulturgütern zu heben und zu bewahren, weiter auszubilden und materiell dazu beizutragen, eine Pflicht, der die österreichischen Juden im Westen und Osten, im deutschen und slawischen und romanischen Kulturge.biet getreulich, reichlich, ia überreichlich nachkommen. Sie können aber und müssen auch verlangen, daß ihnen auch die Rechte werden, welche daraus fließen, die geschriebenen und ungeschriebenen. Daß auch ihre geschrie-

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