Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 48 (19.11.1926)
- Date
- 1926-11-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 8 Mb wAmmerr Nr. 4S r Veröffentlichungen j Wien 1x71 Berggasse 4 III Postsparkassen - Konto Hl „Union deutschösterreichischer Juden** j Telephon nTim-ttJ Eine Festrede Professor S« Ehrmanns s. A. Die außerordentliche Bedeutung, die der verblichene Professor S. Ehrmann neben seiner hervorragenden und anerkannten Stellung als Forscher und Arzt im politischen Leben des österreichischen Judentums eingenommen, ist in den mannigfachen Kundgebungen anläßlich seines Hinscheidens vielfach gewürdigt worden. Die Bedeutung dieses ausgezeichneten Mannes erlischt aber nicht mit dem Tage, sie entspringt nicht der leicht entzündbaren und rasch verfliegenden Pietät angesichts des offenen Grabes. Ehrmann wird vielmehr in der Geschichte der österreichischen Judenschaft dauernd einen Ehrenplatz einnehmen, und der zukünftige Historiker, der unbeirrt von den Strömungen des Tages das Charakterbild der führenden jüdischen Männer unserer Zeit zeichnen wird, wird auch Ehrmanns gedenken müssen. Er wird dann wohl als den markantesten Zug seines Wesens erkennen: Professor Ehrmann war ein von glühender Liebe zu seinem Glauben erfüllter Jude, dem die Ehre des Judentums über alles ging und der jede Gelegenheit benützte, für sie mit stolzem Bewußtsein einzutreten. In Bekundung dieser Gesinnung war er durch viele Jahre im Vorstand der „Union" unermüdlich tätig, an deren Arbeiten teilnehmend und deren Ziele fördernd. Jede politische Einseitigkeit in Fragen des Judentums entschieden perhorreszierend, stand er mit in der vordersten Reihe der Männer, die gegen den jüdischen Nationalismus Stellung nahmen, ein Standpunkt, dem er auch seinerzeit dadurch lauten Ausdruck verlieh, daß er mit anderen jüdischen Kapazitäten Deutschösterreichs den Aufruf der „Union" gegen die Bildung des „jüdischen Nationalrates" unterfertigte. In geradezu herrlicher Weise hat Professor Ehrmann die Geschichte, Bedeutung und Sendung der „Union" in einer Festrede anläßlich deren 25jährigen Jubiläums umrissen, eine oratorische Meisterleistung, die auch heute noch von Interesse ist. Wir bringen deshalb nachstehenden Auszug aus dem Protokoll der damals stattgehabten Festversammlung zum Abdruck: Präsident Mayer: Ein Jubiläum ist ein Haltpunkt, in welchem die Aufforderung liegt, den Blick nach zwei Richtungen hinzulenken, einmal nach rückwärts, in die Vergangenheit, um sich die Frage vorzulegen, welche Erfolge wir erzielt haben und welche uns nur anzustreben vergönnt waren; dann wieder senden wir den Blick in die Zukunft und fragen uns: Welches Schicksal wird der „Union" von jetzt ab beschieden sein, welche Schicksale wird sie mit der Judenschaft teilen, welche Erfolge wird sie erzielen und welche bloß anstreben? Allen diesen Betrachtungen ist aber ein bedeutsamer und ernster Gedanke vorgelagert; daß wir eine Jubelfeier begehen, zu welcher wir eigentlich keinen Anlaß haben, denn die Existenz und die Notwendigkeit unseres Vereines ist — ich sage es offen heraus — eine Schande für das Land, in welchem ein derartiger Verein nötig geworden ist, in einem Reiche, wo das Judentum kämpfen muß um Rechte, die ganz selbstverständlich sind. Aber auch für die Zukunft können wir nicht jubilieren, denn unser Verein wird noch sehr lange leider eine Notwendigkeit bleiben, und wenn auch die äußeren Formen des Antisemitismus eine gewisse Verflachung aufweisen, über die wahre Gesinnung der Feinde dürfen wir uns nicht hinwegtäuschen lassen. Die Notwendigkeit der Existenz einer solchen Kampfesorganisation, wie sie die „Union" bietet, ist ein nur zu deutlicher Beweis für die ethische Rückständigkeit unserer — ich sage dies mit schmerzlichem Empfinden — christlichen Mitbürger. Solche Betrachtungen anzustellen, hätten wir wohl keinen würdigeren und berufeneren Mann finden können, als Herrn Professor Dr. E h r m a n n einen Mann, welcher eine s o große Bedeutung besitzt nicht nur durch das, was er spricht, sondern auch durch das, was er selbst ist. Prof. Ehrmann: Die freundliche und ehrenvolle Einladung, bei diesem feierlichen Anlasse in der „Oesterreichisch- Israelitischen Union" zu sprechen, verdanke ich wohl der guten Sache und dem Umstände, daß es mir gegönnt war, ihr im Vereinsausschusse zu dienen. Fünfundzwanzig Jahre sind im Leben eines menschlichen Individuums ein Abschnitt, der ihn vom Kinde zum Manne, vom Manne an die Schwelle oder mitten in das Greisenalter hineinführt. Im Leben einer Korporation bedeuten sie bescheidenen Anfang, dem nicht immer die Blüte folgt, häufig genug die Dekadenz. Nur eine Korporation, die das Leben erfaßt, dort, wo es am lebhaftesten sprudelt, kann von ihm emporgetragen werden und nach einem Vierteljahrhundert noch jede Spur des Verfalls vermissen lassen. Wie und ob die „Union" dies verstanden hat, möchte ich hier kurz untersuchen. Zu diesem Zwecke muß ich einigermaßen weit ausholen, um die Situation, in welcher die Tätigkeit der „Union" einsetzt, klarzulegen. Es wird dies zugleich die beste Erklärung für die Mission sein, die sie zu erfüllen hatte. Die österreichische Judenschaft, bis zum Ende des XVIII. Jahrhunderts nicht bloß rechtlos, sondern auch auf das Peinlichste von allen Quellen des neuzeitlichen Wissens und Strebens ferngehalten, auf Schritt und Tritt, mit Ausnahme Galiziens und Ungarns, in jeder Erwerbsmöglichkeit reglementiert und beschränkt, sogar im primitivsten Rechte, eine' legitime Ehe einzugeben, legitime Nachkommen zu hinterlassen, beginnt im Anfange des XIX. Jahrhunderts in einzelnen Personen zwar, aber soweit die Umstände es gestatten, sehr intensiv moderne Bildung in sich aufzunehmen. Ein Streben, das nur beschränkt ist durch die Unmöglichkeit, es im offiziellen und praktischen Leben zu verwerten, weil öffentliche Stellen ihr noch unzugänglich sind und der Zutritt zu den liberalen Berufen möglichst eingeengt ist. So findet sie der Sturm der Jahre 1848 und 1849, in denen schon zahlreiche begeisterte Volksredner, Schriftsteller und Dichter (Fischhof, Kuranda, Kompert, Moritz Hartmann) mitten in den Reihen des um eine moderne Staatsverfassung kämpfenden österreichischen Gesamtvolkes stehen. Dem kurzen Traum der Gleichberechtigung, von Freiheit und Volksverbrüderung folgt ein schmerzliches Erwachen. Wieder werden die Fesseln enger geknüpft, welche die geistige und zum Teil auch körperliche Bewegungsfreiheit der Völker, am meisten aber der Judenschaft, einschränken. Wieder sind sie von der Erwerbung von Liegenschaften ausgeschlossen, wieder ist der Zutritt zu öffentlichen Stellungen erschwert, ja unmöglich gemacht, aber ein Recht ist doch geblieben, ein spärliches, aber für die Weiterentwicklung sehr wichtiges Recht, das der Freizügigkeit. Die Ghetti öffnen sich nach nahezu 400 Jahren wieder und die zusammengepreßte Schar beginnt sich auf den freien Fluren des Vaterlandes auszubreiten, die Städte zu bevölkern, in welchen die nationalen Heiligtümer emporragen. Die höheren und höchsten Lehranstalten beginnen sich zu füllen mit den Abkömmlingen jener, welchen der ärztliche Beruf nur in seinen unteren Graden, der Beruf des Rechtsanwaltes gar nicht, der Beruf des Schusters und Schneiders nur mit einer gnädigen Bewilligung der hochlöblichen Gilde möglich war. Aber der alte Druck hat sich dem Geiste und dem Körper eingeprägt. Das Haupt wird nicht aufrecht, der Rücken nicht gerade getragen, die Rechte werden nicht als Rechte verlangt, sie werden als Gnade erfleht. Die Situation ändert sich in dieser Beziehung auch dann nicht, als durch den Gnadenakt des Monarchen eine Verfassung dem Volke gegeben wird, und bleibt bestehen, als auch die letzte Spur der gesetzlichen Unfreiheit fällt und die Sanktion der Statsgrundgesetze von den Stufen des Allerhöchsten Thrones erfließt. /