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Die Wahrheit · 1926-11-19 · Heft 48 (19.11.1926) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 48 (19.11.1926)
Date
1926-11-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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*lr. 48 DfE WAHRHEIT Sefte 7 die Seele ein Vorteil ist, von dem Körper getrennt zu werden, wie Sie es so trefflich beweisen, und wie es auch ohne Ihre, Beweise eine ausgemachte Sache ist, warum lieben Sie denn mehr den Zustand des Siechtums, in dem Sie sich hieniden befindet, als die verheißene Glückseligkeit und wie kommt es denn, daß Sie dem gegenwärtigen Leben den Vorzug vor dem künftigen zuerkennen?" Der Erfolg der Verteidigung Saras war ein vollständiger; ihr Gegner war entwaffnet und eine nachmalige Erwiderung scheint spurlos vorübergegangen zu sein. Ihrem treuen Freunde Arisaldo Ceba hatte sie von ihren Kämpfen treuen Bericht erstattet und ihre Verteidigungsschrift mitzuteilen nicht versäumt. Er war aber zu leidend, um noch lebhaften Anteil an dieser Kontroverse zu nehmen. Er dachte an nichts anderes, als an sein nahes Ende. Auch für das Heil Saras wollte er noch mit Inbrunst beten und keine Briefe mehr, von ihr empfangen, wenn anders sie ihm nicht ihre Bekehrung anzeigte. So schließt denn der merkwürdige Briefwechsel schon 1623; den am 12. April war Ansaldo gestorben, ohne seine sehnsüchtigsten Wünsche um Sara, deren Seelenheil er noch auf dem Sterbebette einem treuen Freunde ans Herz legte, erfüllt zu sehen. Sara starb im Frühjahr 1641. Die schönen Verse auf ihrem Grabstein, vermutlich von Leo da Modena, preisen sie als die Weise und Tugendreiche, die Krone der Annen, den Schutzengel der Unglücklichen und schließen mit dein Vers aus dem Hohenliede (7, 1): „Kehre wieder, kehre wieder, Sulammit!" Auch eine Landsmännin unserer Heldin, die Triestinerin Rahel Morpurgo, eine Cousine S. D. Luzzattos, verdient hier darum Erwähnung, weil sie nicht nur wie einige andere Jüdinnen ihrer Zeit sich durch einen vortrefflichen hebräischen Stil auszeichnete und an hebräischen Zeitschriften mitarbeitete, sondern besonders durch die vollendete Kunstform ihrer Gedichte Aufsehen erregte. Weibliche Bescheidenheit spricht aus dem Sonett, mit dem sie das ihr von Literaten öffentlich gespendete Lob ablehnt. Es lautet in freier Uebersetzung L. A. Frankls: Voll Schwermut hör' ich meine Seele klagen, Beklommen ist mein Geist vor bangem Zagen. „Dein Lied erschien," hör' ich die Leute sagen, „Wer gleichet sanggeübte Rahel dir?" Drauf spricht mein Geist: Es stoben Funken eben. Durch Qual hervorgelockt, aus meinem Leben. Fort ist der Duft und welk sind meine Reben, Ich singe nicht, es graut vor Schande mir. „Den Frauen ist ein leichter Sinn verliehen, Leicht ist's zum Lied ihr Träumen zu erziehen." Wozu jetzt kühn, da schon die Freunde fliehen? Was preisen sie mich nun berühmt und groß? Ist doch bekannt, daß bei dem Reden bloß Den armen Frau'n die Weisheit sich erschloß. (Fortsetzung folgt.) ten. Von den Katholiken heißt es: „Denn kann auch ein guter Deutscher zu Rom sich bekennen — daß er es tut, ist an ihm ein Undeutsches, steht im Schatten eines fremden, allem Germanentum feindliches Gedankens." Die preußischen Könige sollen bewußte Rassenpolitik getrieben haben, als sie die fremdstämmigen Protestanten ins Land riefen: „Sie wußten nämlich das eine genau: wer ein Protestant ist, der ist uns reinen Germanen sicher verwandt, der gehört uns an, gleichviel, woher er kommt" Armes Bayern! Die Aufsätze aus den Kriegsjahren sind von glühendem Haß gegen England getragen, ein Haß, der freilich im^ Munde eines geborenen Engländers peinlich wirkt2), der aber aus der Kriegspsychose vielleicht entschuldbar ist; nicht entschuldbar aber sind die unglaublichen törichten Argumente, die diesen Haß begründen soilen. und noch weniger entschuldbar ist es, diese Argumente heute wieder der Oeffentlichkeit zu übergeben. Wenn England sich Kolonien schafft, so ist das „grundsätzlicher Raub". In einem anderen Aufsatz des gleichen Buches, „Die preußische Rasse", hat Chamberlain aber schon das obige Urteil vergessen und schreibt: „Preußen hat sich Territorien angeeignet, wie England Kolonien, weil es sie brauchte und weil es gerade vermöge seines starken nationalen Charakters geeignet war, ein politischer Gestalter ersten Ranges zu werden." — Sind denn die Engländer keine politischen Gestalter ersten Ranges? — Wie kann man von den Engländern sagen, „es fehlt also jede sittliche Beziehung zwischen einzelnen und Gemeinwesen", weil die Engländer sich gegen die allgemeine Dienstpflicht jahrhundertelang gewehrt haben. Wie kann man wiederum schreiben, daß der Deutsche „der unhabgierigste Mensch auf Erden" sei — als ob die Erfahrungen der Inflationszeit gar nicht vorhanden wären! Freilich, der Aufsatz stammt aus dem Jahre 1917! Das mag zur Entschuldigung dienen, aber nicht dafür, daß Chamberlain solche Sätze unverändert heute wieder veröffentlicht, als wenn inzwischen nichts geschehen wäre. Freilich, für ihn ist nichts geschehen. Und das ist das unsäglich Traurige an diesem Buche: ein Greis spricht zu uns, der nichts gelernt und nichts vergessen hat, ein Mann, der einst ein ganzes Geschlecht in den Bann seiner Ideen gezogen hat, Ideen, die als Schlagworte des Hasses und des Hochmuts in den Massen der Halbbildung (in- und außerhalb Deutschlands) offenkundiges Unheil noch heute anrichten. Ein Greis spricht zu uns, der das Wort Rasse immerfort weiterspricht, wähnend, damit der Zeiten Dunkel hellen zu können, ob er gleich dieses Dunkel über Deutschland und über Europa mit der Glorifizierung des Rassegedankens herbeizuführen geholfen hat. Ein Mann spricht zu uns, der fürchtet, „mit dem Wort Abendland soll der Rassengedanke untergraben werden", und der nicht begreifen kann, daß nur der lebendige Gedanke des Abendlandes die europäischen Völker von den durch seine eigenen Schriften mit entfesselten wölfischen Instinkten des Rassenhasses befreien kann. Chamberlains „Hasse nnd Persönlichkeit". Von Professor Julius G o 1 d s t e i n «(Darmstadt). Houston Stuart Chamberlain hat eine Reihe seiner früheren Aufsätze, teilweise solche aus der Kriegszeit, neu herausgegeben1). In diesen Blättern waltet jener Geist echten Hochmuts und falscher Bescheidenheit, der zur Tragödie Deutschlands geführt hat. Hier waltet ein Rassendünkel — die Engländer haben dafür das Wort racialism geprägt —. der alles Gemeine und Häßliche fremden Völkern zuschreibt, alles Große und Schöne den Germanen. „Die Germanen im engeren deutschen Sinne sind die Gestalter der ganzen heutigen Welt" (also Napoleon, Cavour, Washington waren Germanen im engeren deutschen Sinne!). Aber Chamberlain engt den Begriff des Germanen noch weitere ein. Nur die protestantischen Deutschen läßt er als eigentlich germanisch gel- *) „Rasse und Persönlichkeit." Aufsätze von Houston Stuart Chamberlain. F. Bruckmann A.-G., München 1925. 2) Houston Stuart Chamberlain ist 1855 als Sohn eines englischen Admirals geboren und vermochte erst, nach eigener Angabe, im 33. Jahre den ersten Aufsatz in deutscher Sprache zu veröffentlichen. 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