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Die Wahrheit · 1926-11-19 · Heft 48 (19.11.1926) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 48 (19.11.1926)
Date
1926-11-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
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das Irrlicht des Zionismus geschrieben haben (z. B. die letztens gegründete jüdisch-demokratische Volkspartei in Wilna). Vielleicht deutet diese neue Einstellung in innerjüdischen Fragen doch darauf hin, daß durch die Ueberbrückung der Gegensätze zwischen Juden und Nichtjuden ein Neben- und Miteinanderleben auf einer erträglichen und für beide Teile ersprießlichen Basis ermöglicht werde. Vielleicht verschwindet doch die Vorherrschaft einer einzigen Partei und macht einer den kulturellen und wirtschaftlichen Bedürfnissen der Judenheit in Polen mehr Rechnung tragenden neuen Orientierung Platz. Dr. Fritz S e i f t e r (Bielitz). Jüdische Fraueuideale. Eine Blütenlese von Dr. Max G r u n w a 1 d. Fortsetzung. Sara hatte sich kaum über die unangenehmen Verhältnisse, die sie so schmerzlich berührt hatten, hinweggesetzt, als sie von einer noch bei weitem gefährlicheren Anklage bedroht wurde, einer Anklage, in deren Hintergrunde das schreckliche Gericht der drei Staatsinquisitoren drohend lauerte. Diese Behörde, die ihre gräßliche Tätigkeit vom Jahre 1454 bis 1794, bis Bonaparte den venezianischen Staat vernichtete, unausgesetzt ausübte, hat durch unzählige Grausamkeiten und Morde unsäglichen Jammer über die Republik gebracht; was sie auch tat, blieb in dunkler Nacht verborgen, selbst die nächsten Anverwandten der Verhafteten und Gemordeten wagten nicht, nach den Ihrigen zu fragen, aus Furcht vor diesem grausigen Triumvirat. Den Klauen dieses Gerichtes sollte das schutzlose Mädchen überantwortet werden, als ein sonst obskurer Autor, in Venedig eine Schrift veröffentlichte, in der er die Anklage aussprach, Sara glaube nicht an die Unsterblichkeit der Seele. Dieser Nichtswürdige war Baidassar Bonifacio, der zu den Bekannten des Mädchens gehörte und oft Zeuge ihrer beredten Verteidigung des Judentums und seiner Lehren war, wenn Proselytenmacherei ihren Eifer herausforderte. Sei es nun, daß das Streben, sich einen Namen zu machen, wozu er sonst nicht die Mittel besaß, oder daß verletzte Eitelkeit, weil Sara glaube nicht an die UnsterbUehkeit der Seele, Dieser Schritte bewog, genug, er war hinreichend, die gefährlichsten Folgen für unsere Heldin herbeizuführen. Noch ehe aber seine Verleumdung in den Gemütern Wurzel fassen konnte, raffte Sara alle ihre Kräfte zusammen — denn sie hatte sich noch nicht ganz von einer Krankheit erholt — und verfaßte in zwei Tagen eine Verteidigung, die mit schlagenden Gründen sie rechtfertigte, den Gegner ganz und gar vernichtete und in seiner verächtlichen Blöße darstellte. Schärfe der Dialektik, geschickte Handhabung der Ironie und die hinreißende Begeisterung für die verteidigte Grundlehre ihres Glaubens zeichnen die Schrift Saras aus, so daß man dem erbärmlichen Baldassar Bjonifacio fast Dank wissen möchte, daß er die Veranlassung dazu war. Die genannte Schrift ist, neben ihren wenigen Sonetten und Briefen, die in die Sammlung Cebas aufgenommen sind, das einzige -Produkt ihres reichen Geistes, das auf die Nachwelt gelangt ist, und wir bedauern, daß ihre Bescheidenheit alles Uebrige vernichtet hat. Hören wir die kurze Vorrede des Werkchens! „Du wirst es ohne Zweifel sonderbar finden, geneigter Leser, daß mein Name, der in der hiesigen Stadt nicht ganz unbekannt ist, zum erstenmal auf Veranlassung einer Anklage gedruckt erscheint, die sich auf die Leugnung eines Glaubenssatzes bezieht, die man schwerlich von mir erwarten konnte; allein die Schlechtigkeit oder Einfalt eines Menschen nötigte mich zu dem Entschluß, für den ich mich schwerlich freiwillig entschieden haben würde, pbschon ich mehrere Werke verfaßt habe, die vielleicht eine bessere Aufnahme finden und mir mehr Ehre bringen würden. Man darf sich wohl überzeugt halten, daß bei der eiligen Abfassung dieser kurzen Verteidigungsschrift der Gedanke mir fern lag, irgendwelchen Ruhm dadurch zu ernten, vielmehr der Grund mich zur Herausgabe bewog, eine niederträchtige Verleumdung des Herrn Baldassar Bonifacio von mir abzuweisen. Man erwarte von dieser Schrift weder neue Ansichten, noch tiefe Gelehrsamkeit, erstlich weil mir diese mehr als je abgeht seit einer schweren Krankheit, von der ich mich noch nicht gänzlich erholt habe, und durch die ich lange in Todesgefahr geschwebt, einer Gefahr, die die Güte Gottes von mir abgewandt, um mir noch Zeit zu lassen, meinen Namen von einem solchen Makel zu reinigen; sodann, weil ich mich beeilen mußte, eine so harte Beschuldigung so schnell als möglich von mir abzuwälzen, damit sie nicht Zeit hätte, in die Herzen Eingang zu finden. Endlich verlangt der Gegenstand nichts anderes, als ein aufrichtiges Bekenntnis meines Glaubens an Gott und an das heilige Gesetz, das er mir gegeben. Lies daher aus bloßer Neugierde diese kurze, jedoch notwendige Verteidigung, urteile zwischen mir und meinem Ankläger, sprich eine schuldlos Verleumdete frei, entferne den Verleumder aus deiner Nähe, und lebe glücklich!" Das Schriftchen hatte sie dem Andenken ihres Vaters, dessen Verlust sie täglich beweinte, und den sie zum Zeugen ihres Kampfes für den heiligen Glauben anrief, gewidmet. War ja doch gerade der Glaubenssatz, den sie verteidigte, ihre schönste Hoffnung, den teuren Verklärtein dereinst im Jenseits wiederzusehen. Wahrhaft rührend sind diese kindlichen Worte der Widmung. Sie lauten: „0 du mein Vater, der du mir das Dasein gegeben und stets so zärtlich gegen mich gewesen bist, du, der du deiner irdischen Hülle beraubt, bei den verklärten Geistern wohnst, deinem Andenken widme ich diese kleine Gabe, da der Ruhm, wenn etwa ein solcher damit verbunden, dir gebührt und dich trösten mag, daß du keinen Sohn hinterlassen, der deinen Namen trägt. Diese Schrift sei ferner ein Pfand des kostbaren Andenkens an deine unaussprechliche Zärtlichkeit, die du stets gegen mich gehegt hast. Nimm daher diesen schwachen Beweis kindlicher Liebe aus der Hand derjenigen an, die dir einst so teuer war! Wenn mir Gott noch einige Tage des Lebens und der Gesundheit schenkt, um den Gaben, die er mir erteilt, ein wenig Geltung zu verschaffen, so werden der Name meines Vaters und der meinige miteinander in der Nachwelt fortleben." Dann wendet sich Sara, wie es für einen so ernsten Gegenstand sich geziemt, in Form eines Sonetts, im Gebete zu Gott: „0 Herr, der du mein Herz kennst, du weißt, daß mich anderes Verlangen treibt, als gebrechliche Ehre, zum Gebete und zum Tränenerguß vor dir. 0 wende deinen Bück mir zu und sieh, wie viele Pfeile ruchloser Neid auf mich entsendet; entferne die Finsternis des Irrtums aus den verblendeten Herzen, der Ruchlose rühme sich nicht, die Wahrheit zu höhnen. Wohl weiß ich, daß ich deiner Gnade nicht wert bin, allein meine Seele, die du nach deinem Ebenbikie schufest, würdigie sie jederzeit deines Schirmes und Schutzes! Bs verstumme der falsche Laut der frechen Zunge, und wer Verleumdung üben will, möge erfahren, daß mein Glaube eine starke Stütze an dir hat!" „Der Titel Ihres Buches" so beginnt sie, „hat mir jenen tapferen Römer ins Gedächtnis gerufen, der auf die Einladung; eine Rede zum Lobe des Herkules anzuhören, ausrief: „Ei, wer denkt denn von Herkules übel zu sprechen?" „So ist es auch mit dem Dogma von der Unsterblichkeit der Seele, das wenigstens in Venedig niemand anzugreifen wagt! . . . und dennoch unternehmen Sie nicht nur eine höchliche Verteidigung desselben, sondern machen die Einfälle ihrer Eitelkeit zu einer besonderen Sendung, die Ihnen von Gott sei anvertraut worden, dessen Vorsehung Sie aus der Mitte Ihrer Brüden erweckt, vorzugsweise vor allen Gelehrten und Theologen Ihres Jahrhunderts. Hätte dar Glaube an die Unsterblichkeit der Seele kein anderes Fundament, als die von Ihnen angeführten Gründe, so hätte wahrlich der Materialismus gewonnenes Spiel und die arme Menschheit wäre sehr zu beklagen. Sie werden mir vielleicht einwenden, daß sich Gott oft niedriger und verachteter Werkzeuge bediene, um große Dinge zu wirken, daß darin gerade seine Allmacht am Herrlichsten sich beweise und daß selbst Bileams Esel einmal gesprochen habe ... — Ja, aber in diesen Fällen waren die Wirkungen davon immer' göttlich und dieser Unterschied benimmt Ihnen jedes Recht, sich für einen Propheten auszugeben. Anderseits sagt Ihnen Ihr Gewissen deutlich genug, daß Sie weder Theologe noch Philosoph, und, irre ich nicht sehr, so habe ich selbst dies Geständnis sehr häufig aus Ihrem Munde gehört. Sie hätten also wphl eine oder die andere von den Reflexionen, die Sie über jene berühmte Vorschrift des Altertums: „Erkenne dich selbst", machten, füglich auf sich selbst anwenden können, besonders aber hätten Sie nicht vergessen sollen, was Horaz in seiner Ars poetica sagt: „Wählet euch, ihr Autoren, einen Stoff, der euren Kräften angemessen, üherlegt auch lange, was die Schultern tragen können und was sie zu tragen verweigern." An einer anderen Stelle, an der der Autor vergessen zu haben scheint, daß er eine Abhandlung über die Unsterblichkeit der Seele schreibt, bricht er in den pathetischen Ausruf aus: „Ach, es ist eine ganz ernsthafte "Sache ums Sterben, wollte Gott, es wäre nur ein Spaß!" „Wie?" erwiderte Sara, „Sie gäben soviel darum, nicht sterben zu müssen, Sie, der Ritter des Dogmas von der Unsterblichkeit der Seele? Ei, Herr Bonifacio, was für Mummerei treiben Sie? Glauben Sie fest an das, was Sie predigen, oder glauben Sie nicht daran? Wenn es für

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