Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1926-11-19 · Heft 48 (19.11.1926) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 48 (19.11.1926)
Date
1926-11-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3063973-3064017--14999-3082589
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 48 DIB WAHRHEIT Seite 5 Ein lustiges Beispiel für diese Art literarischer Kunststückchen, von denen fiartners Buch wimmelt, ist folgendes. Gleich am Anfang seines Buches, auf Seite 9, berichtet er: Die Tiroler Exl-Bühne, die, wie er schreibt, bisher nur ernste mundartliche Kunst pflegte und infolgedessen hauptsächlich von deutschen Kreisen besucht wird, die vor allem wieder ihre Frauen und Mädchen hinschicken, weil man glaubt, daß sie sich dort an unverfälschter gesunder Volkskunst bilden und erfreuen würden, diese Truppe brachte 1925 einen lasziven Schwank zur Aufführung. Hartner ist über diese Tatsache empört. Gegen wen richtet sich seine Entrüstung? Gegen die Leiter dieser Bauernbühne? Gegen die deutschen Kreise, vor allem die deutschen Frauen und Mädchen, die das Publikum bildeten und denen dieser Schwank gefiel? Nicht im mindesten. Zunächst einmal wird der Autor des Stückes, vorsichtigerweise per Fragezeichen, taxfrei zum Juden ernannt. Dann aber schüttet sich der ganze Grimm über eine angeblich jüdisch geleitete Zeitung aus, die diesen Schwank zwar äußerst ungünstig kritisiert, dann aber in unverkennbar ironischen Worten festgestellt hatte, daß das Publikum sich „schief gelacht" und „freundlichst beschlossen" hätte, „die Liebe in Hinkunft als das zu nehmen, was sie eigentlich sein soll — als äußerst anregendes Gesellschaftsspiel." „???" fragt der von Hartner verpönte, vorurteilsfreie Mensch. Was kann der Kritiker irgendeinet Wiener Zeitung dafür, daß ein arischer Theaterdirektor mit arischen Schauspielern ein unsittliches Stück aufgeführt hat und daß es einem arischen Theaterpublikum gefallen hat? Solcher Einzelheiten könnte man aus dem vorliegenden Buch unzählige finden und sie sind bezeichnend für den Geisteszustand nicht nur desjenigen, der sie niederschrieb, sondern vor allem auch derjenigen, auf die er Eindruck machen will. Eine gewisse Fähigkeit zu abstraktem Denken ist dazu notwendig; aber sie darf nicht allzu sehr ausgebildet sein, die Beeinflußbarkeit durch sicher auftretende Behauptungen, Verallgemeinerungen und willkürliche Verknüpfungen muß größer sein. Der „talmudisch" exakt erzogene Verstand warnt seinen Besitzer; darum ist er unbeliebt und wird diffamiert. Und das Merkwürdige ist, daß sogar wir Juden darauf hereinfallen und uns unseren einzigen wirklichen Vorzug, die durch Jahrhunderte vom Talmudstudium erzogene kritische Geistesschärfe, verekeln lassen; als ob das echte, starke Gefühl, das man in Gegensatz zum scharfen Verstand zu bringen beliebt, nicht durch diesen erst recht geläutert und vor der Verschwendung an unwürdige Gegenstände bewahrt bliebe! (Schluß folgt.) Der neue Kurs in Polen. Bielitz, im Oktober 1926. Seit dem Umsturz in Polen im Frühjahr d. J. hat die Lage der Juden daselbst eine bedeutende Wandlung erfahren. Eine neue Regierung ist ans Ruder gekommen, die in einer Reihe von Erklärungen eine neue Einstellung zu den nationalen und religiösen Fragen bekundet hat. Vor kurzem hat der polnische Ministerpräsident in einer Rede eine Aenderung des Kurses gegenüber den Minderheiten und insbesondere auch der jüdischen Minorität angekündigt. Er hat sich mit dem Antisemitismus auseinandergesetzt. „Kein Staat kann gedeihen, in dem ein Teil der Bevölkerung außerhalb des Gesetzes gestellt ist. Ein Staat, der dies gestattet, verzichtet von vornherein auf die Mitarbeit der Ausgeschlossenen an dem Ausbau der Wirtschaft." Darin, daß der Ministerpräsident diese Lücke im polnischen Rechtsleben offen besprach, liegt die größte Bedeutung seiner programmatischen Erklärung. B a r t e 1 hat zum erstenmal in dieser für Polen so heiklen Frage männliche und offene Worte gefunden. Er werde gegen jeden wirtschaftlichen Antisemitismus auftreten und einer Brüskierung der nationalen Minoritäten nicht nur wegen der Verfassung, sondern auch in Beachtung der Minoritätenverträge entgegentreten. Aus dieser Enuuziation spricht ein neuer Geist, der als Zeichen einer neuen Zeit sehr hoch zu werten ist. Neu ist auch die Absicht der Regierung, keinerlei geheime Abkommen mit der jüdischen Bevölkerung abzuschließen, sondernsich ganz auf den Standpunkt der Verfassungsgrundlagen zu stellen. Wie sich allerdings die Dinge in nächster Zukunft in Wirklichkeit entwickeln werden, ist bei der vollständig unberechenbaren Mentalität der polnischen Volksseele schwer zu sagen. Auf wirtschaftlichem Gebiete ist der neue Kurs allerdings bisher noch nirgends deutlich in Erscheinung getreten. Trotzdem der Höhepunkt der Wirtschaftskrise überschritten zu sein scheint, trotzdem die ökonomische und namentlich die Finanzlage des Staates in letzter Zeit eine merkliche Besserung erfahren hat, fühlt die jüdische Bevölkerung noch immer keine Entspannung; die Lage der jüdischen Kaufmannschaft und des jüdischen Handwerks in ganz Polen ist nach wie vor sehr schwer. Der Handel, der zum größten Teil sich in jüdischen Händen befindet, war in Polen immer das beliebteste Steuerobjekt, immer bedrückt durch Verkehrsbeschränkungen und beraubt jeder Entwicklungsfreiheit. Das Streben fast aller polnischen Parteien war auf die Vernichtung des jüdischen Elements im Handel gerichtet. Das vom amerikanischen Finanzsachverständigen Professor K e rn m e r e r ausgearbeitete Memorandum über die Lage der polnischen Kaufmannschaft bestätigt diese Ansicht. Die ungeheure Steuerbelastung hat die Zahlkraft des jüdischen Kaufmannes völlig vernichtet und das Umsatzkapital fast ganz hinweggefegt. Die bisherige judenfeindliche Politik der früheren Regierungen hatte die Schließung vieler kleiner und mittlerer Betriebe zur Folge gehabt, wodurch sich das Arbeitslosenheer der jüdischen Handwerker stark vermehrt hatte. Als Folge hiervon setzte ein starker Abwanderungsprozeß jüdischer Unternehmungen nach dem Auslande ein. Die jüdische Kaufmannschaft betrachtet als ihre wichtigsten Forderungen die Herabsetzung der Umsatzsteuer und der Verzugszinsen von den nicht am Termin geleisteten Steuern, sie wehrt sich ferner gegen die gesetzlich festgesetzte Arbeitswoche von 46 Stunden und verlangt um so mehr eine Reform dieser Bestimmung, als die meisten jüdischen Kaufleute in Polen am Sonnabend und Sonntag die Geschäfte geschlossen halten. Die geforderte Milderung der drückenden Paßvorschriften soll dem jüdischen Kaufmann Handels- und Bewegungsfreiheit gewähren; eine liberalere Kreditpolitik der Staatsbank gegenüber den Juden, die bisher an der Krediterteilung so gut wie gar nicht partizipieren, wird angestrebt. Aber auch in innerjüdischen Fragen ist eine Klärung der Verhältnisse eingetreten, wie sie vor einem halben Jahre niemand sich hätte träumen lassen. Die sieben Jahre einer beispiellosen Souveränität der zionistischen Führer haben der jüdischen Bevölkerung endlich den Irrtum aufgezeigt, der in dem fast grenzenlosen Vertrauen zu dem P a 11 i a t i v m i 11 e 1 der Palästinaaus Wanderung 1 a g. Jetzt, da so viele Auswanderermassen aus Palästina nach Polen zurückfluten, in der Regel verarmt und verwahrlost, oft des Allernotwendigsten beraubt, greift langsam herbe Ernüchterung der früheren Begeisterung für die zionistische Sache Platz. In den Jahren nach dem Umsturz, in einer Zeit der Pogrome und maßlosen Judenhetzen, war es ein Leichtes für die zionistische Partei gewesen, möglichst viele Anhänger und Mitläufer in ihre Reihen zu bekommen. Eine sorgfältige Reklame arbeitete mit reichlichen Mitteln und konnte bei dem Werbefeldzug für Palästina viel äußeren Erfolg verzeichnen. So kam es, daß, begünstigt durch die traurigen ökonomischen Verhältnisse in Polen, an viele Juden, namentlich an die ärmsten unter ihnen, die Versuchung herantrat, die alte Heimat zu verlassen, und lieber in das funkelnagelneue Land, das ihnen neues Glück und Gedeihen bringen sollte, auszuwandern. Bekanntlich stellt Polen seit Jahr und Tag das größte Kontingent der Palästinaauswanderer. Das palästinensische Trugideal haben die vielen Tausenden von Auswanderern teuer bezahlt. Wer immer auswanderte, gleichgültig ob Kaufmann, Handwerker oder qualifizierter Arbeiter, fand drüben unerträgliche Verhältnisse und nicht die geringste Gegenleistung für seinen Opfermut und seine jahrelange Ausdauer. Wie stark der Einfluß der zionistischen Demagogie war, die von den Seelen der nach jedem Rettungsanker greifenden jüdischen Massen Besitz ergreift, ist allzu gut bekannt; mit einem Fanatismus und einer Geschicklichkeit, die nicht ihresgleichen finden, widmete sich der jüdische Nationalismus in Polen der Aufgabe, vor allem der Jugend den heißen nationalen Atem und die Palästinasehnsucht einzuflößen, die sie zu vollgültigen Juden machen sollten. Langsam bricht sich auch hier eine neue Ueberzeugung Bahn. Selbst die zionistische Presse Polens gibt zu, daß in der letzten Zeit die „Assimilation" wieder kühn ihr Haupt erhebt. Seit einem halben Jahr mehren sich die Gründungen neuer antizionistischer Parteien innerhalb des polnischen Judentums. Neben der mächtigen Jüdischen Volkspartei unter der Führung des Sejmabgeordneten P r y- 1 u c k i, der, obwohl jüdischnational, den Zionismus als Hindernis für die Milderung der wirtschaftlichen Judennot in Polen infolge Ableitung der jüdischen Hilfsmittel nach Palästina offen bekämpft, haben sich in der letzten Zeit neue Fraktionen gebildet, die auf ihre Fahne das Programm des liberaldemokratischen Judentums und vor allem den Kampf gegen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.