Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 48 (19.11.1926)
- Date
- 1926-11-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Vm WAHRHEIT WiM Nr. 48 gleichbedeutend scheint mit Kampf gegen Judentum und Judenheit. Als Musterbeispiel eines solchen Gemisches stellt sich ein Buch dar, betitelt „Erotik und Rasse", eine Untersuchung über gesellschaftliche, sittliche und geschlechtliche Fragen, dessen Verfasser sich Herwig Hartner nennt. Wenn man den Gesämtinhalt überblickt, sind drei Schichtungen zu erkennen, die sich ineinanderschieben. Die erste Schichtung besteht in einer bestimmten Auffassung des Geschlechtslebens. Der Verfasser sieht in einem freien Ausleben der Geschlechtswünsche eine Gefährdung der geistigen Natur des Menschen. Er wünscht und verlangt die Ehe als eine geistig-seelische Verbindung, die das Triebleben in ruhige Bahnen lenkt, ohne es ungesund zu unterdrücken, und beiden Teilen den Kopf frei läßt für ihre höheren Pflichten. Er ist überzeugt, daß bei einer solchen Einstellung das Geschlechtsleben seine Komplikationen verliert, oder richtiger gesagt, daß die kraftverzehrenden Komplikationen durch eine Ueberwertung des Geschlechtlichen hervorgerufen werden. Die zweite Gedankenschichtung wird hervorgerufen durch des Autors Auffassung von Rasse und Volkstum. Er lehnt nämlich ausdrücklich und mehrfach alles „Allgemein-Menschliche" ab; er kennt und anerkennt keine überpersönlichen Zusammenhänge außer denen zwischen dem Einzelmenschen und seinem Volk; er tut dies in krankhaft und krampfhaft anmutender völkischer Eigenliebe, die sich einbildet, daß das eigene Volk besser und wertvoller wäre als alle anderen Völker und nur den Fehler habe, sich dessen nicht genügend bewußt zu sein. Dem Leser dieser Zeilen wird es schon aufgefallen sein, daß sich Hartners Eheauffassung in sehr interessanter Weise mit der talmudisch und mittelalterlich-jüdischen Auffassung vom Wesen und Zweck der Ehe deckt. Auch hier soll die Ehe — als Frühehe — dazu dienen, die Geschlechtlichkeit von vornherein an ihre Verantwortlichkeit zu binden und in ruhige Bahnen zu lenken; dem Mann Kopf und Nervenkraft für das Studium der göttlichen Ehre freizuhalten, der Frau ein befriedigendes Leben als Stütze des Mannes und Erzieherin von Kindern zu verschaffen — kurz, vom veränderten Zeitgewand abgesehen, ist es genau dieselbe Erscheinung und Anschauung. Für uns Zeitgenossen aber stellt Hartner Forderungen auf, die im jüdischen Kreise längst mindestens gleichwertige Formulierungen und darüber hinaus längst, soweit es sich um den berechtigten ethischen Kern dieser Forderungen handelt, in jüdisch-bewußten Gemeinschaften ihre Erfüllung gefunden haben. Ich erinnere nur an Hans Goslars, stilistisch gewiß nicht sehr reizvolle und doch so viel beachtete Schrift „Die sexuelle Frage", ich erinnere an die ernste und tiefe Behandlung, die diese Fragen in jüdischen Jugendzeitschriften und in dem schriftstellerischen Wirken des bekannten Frankfurter jüdischen Arztes Dr. Gustav L ö f f 1 e r gefunden haben. Hartner fällt es aber durchaus nicht ein, sich auf den Platz zu stellen, der ihm gebührt, und seine Vorkämpfer auch nur zu grüßen. Er verleugnet sie vielmehr, um seines zweiten Gedankenganges willen, der wieder zu einer aufschlußreichen Parallele führt, nämlich zu einem Vergleich mit dem Auserwähltheitsbegriff des jüdischen Volkes. Wie sehr hat man es uns Juden zum Vorwurf gemacht, daß wir das „auserwählte Volk" sein wollten. Dabei haben wir niemals behauptet, daß wir besser, begabter oder, objektiv gesehen, sonst irgendwie mehr wert wären als andere Völker: unsere Geschichtsschreibung hat immer ehrlich all unsere Schwächen und Verfehlungen festgehalten; sogar für die Verfolgungen, die der Jude durch andere Völker erlitt, hat er als letzte Ursache niemals deren schlechte Eigenschaften, sondern seine eigenen Sünden gegen Gott angesehen. Der jüdische Auserwähltheitsbegriff bezieht sich nur auf die Tatsache, daß dem jüdischen Volk und keinem anderen „das Buch der Bücher", die Thora gegeben worden ist, — und diese Tatsache, so argumentiert der gläubige Jude, bringt hohe Verpflichtungen mit sich und große Strafen bei Verfehlungen. Anders das deutsch-völkische Bewußtsein, wie es sich bei Hartner (und den andern Deutschvölkischen) ausspricht. Ihre Liebe zu ihrem Volk schließt Haß und Mißachtung gegen die anderen in sich; die Rasse, der sie angehören, muß entwicklungsfähiger sein als alle anderen Rassen, ihr Geist muß geistiger sein als jeder andere, ihre Moral moralischer als jede andere; und wenn schon einer von ihnen soweit geht, das letztere zu verneinen, so wendet er den größten Teil seiner Ausführungen daran, zu beweisen, daß der Jude Schuld ist. So hat denn auch Hartner seinem Buch die in deutschvölkischen Kreisen beliebteste Form einer „Abrechnung mit dem jüdischen Einfluß" gegeben, und dies ist die dritte und mit den beiden anderen eng verquickte Gedankenschicht; er stellt, wenn man es kurz zusammenfaßt, folgende Behauptungen auf: Die Juden propagieren die Freiheit des Geschlechtslebens, das heißt das ungezügelte Ausleben einer raffinierten Sexualität. Sie tun das aus ihrer Geistigkeit heraus, die weit stärker geschlechtsbetont ist als die deutsche (arische) Geistigkeit. Sie wissen, daß eine solche Geschlechtsbetonung, die für sie selbst natürlich und deshalb unschädlich, ja befreiend wirkt, für die Deutschen zersetzend und lähmend ist. Sie propagieren sie gerade deshalb, in bewußt kämpferischer Absicht gegen das Deutschtum. Dieser Zersetzungskampf soll dem Rache- und dem Unterjochungsbedürfnis des jüdischen Volkes dienen. Das deutsche Volk soll im deutschen Weib geschändet werden. Das sind schwere Anschuldigungen. Hartner bringt auf hunderten von Seiten das Material für sie zusammen. Es ist natürlich ganz unmöglich, im Rahmen eines Zeitungsartikels den ganzen Bau, den er aufgeführt hat, zu rekonstruieren, um die zahlreichen Konstruktionsfehler zu erweisen — eine Riesenarbeit, die der Gegenstand schließlich auch nicht wert ist. Verdient Hartner Vertrauen oder macht er dialektische Kunststückchen? Er macht dialektische Kunststückchen, deren ich hier nur einige aufweisen will. Er schmuggelt in seine Beweisführungen durch Nebensätze oder Attribute unbewiesene Behauptungen ein, die er weiterhin als bewiesen behandelt, ja die zum eigentlichen Drehpunkt seiner weiteren Ausführungen werden. So schreibt Hartner auf Seite 9: „Dieser (der Theatergeschäftsbetrieb) ist fast vollständig auf Zeitgeist und Publikumsgeschmack eingestellt und geht damit bedenkenlos in der Richtung auch des schlimmsten Verfalls. Das ist besonders seit dem Zusammenbruche verhängnisvoll geworden, wo vor allem in den beiden Großstädten unseres deutschen Vaterlandes, Berlin und Wien, die mehr oder weniger maßgebend für den deutschen Theaterbetriebüberhaupt sind, die Theaterbesucher immer mehr von der zahlungskräftigeren jüdischen Bevölkerung gestellt werden. Es war nur eine notwendige Folge, daß die ohnehin meist jüdischen oder wenigstens völkisch gleichgültigen Theaterleiter ihren Geschäftsbetrieb den sensationshungrigen und triebhaft begehrlichen Neureichen anpaßten und so aus dem großstädtischen Theaterbetriebe eine rein jüdische Angelegenheit ward, um so mehr als nun der noch irgendwie bewußte und kunstverständige deutsche Mensch dem Theater, das ihm nichts mehr zu bieten hatte, vollständig fern blieb. So wird durch den Theaterbetrieb selbst die Auslese und die ganze Entwicklung überhaupt in der Richtung des rein äußerlich Wirksamen, „Sensationellen", sowie des sinnlich Anregenden und Aufreizenden gedrängt." Selbst wenn man die Judenfeindlichkeit dieser Darstellung als etwas Gegebenes kritiklos hinnimmt, fällt einem sofort auf, daß Hartner erstens wie selbstverständlich von der „zahlungskräftigeren jüdischen Bevölkerung" spricht, obwohl allgemein bekannt ist, daß am neuen Reichtum Nichtjuden ebenso teilhaben wie Juden. Die märchenhafte Inflationsherrlichkeit eines Stinnes, eines Thyssen, eines Huggenberg mit ihrem ganzen Gefolge — judenrein bis in die äußerste Verzweigung; in Wien ein Geßmann, um gar eine Blüte edelsten Ariertums anzuführen; aber wozu nennt man gerade in unseren. Tagen der Zentralbank- und anderen Skandale Namen? Zweitens spricht Hartner von „völkisch gleichgültigen Theaterleitern", als ob völkisch und künstlerisch gleichgültig unbedingt Synonyme sein müßten, als ob ein christlicher, nicht völkisch, wohl aber künstlerisch interessierter Theatermensch undenkbar wäre; und in hübscher Ergänzung spricht er dann vom „bewußten und kunstverständigen deutschen Menschen", als ob es nicht unzählige Menschen gäbe, die zwar nicht in Hartners Sinn bewußt deutsch, hingegen aber im höchsten Grad kunstverständig sind. Das zweite Kunststückchen ist das Jonglieren mit Begriffen, wie Hartner es zum Beispiel mit dem Begriff „Vorurteil" aufführt. Was ein Vorurteil ist, ergibt sich klar und deutlich aus dem Wort selbst: es ist ein Urteil, das gefällt wird vor einer sachlichen Prüfung, das also einem berechtigten Urteil vorangeht und es verdrängt. In diesem Sinn ist das Wort auch im Sprachgebrauch. Hartner aber wie die ganze völkische Richtung will Vorurteile, er will nicht, daß jemand, der in seinen Bannkreis geraten ist, noch sachliche Urteile sucht, und darum verhöhnt er die Vorurteilslosigkeit, als ob sie dasselbe bedeutete wie das Fehlen einer festen Weltanschauung. Es ist dies ein besonderer Kniff, der zur Kampfesmethode der modernen Antisemiten gehört und auf den bisher meines Wissens noch niemals hingewiesen wurde.