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Die Wahrheit · 1926-11-19 · Heft 48 (19.11.1926) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 48 (19.11.1926)
Date
1926-11-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 48 DIE WAHRHEIT Steifcft 3 lieh die „Feigheit" der jüdischen Journalisten und darunter auch Jellineks festzunageln versucht. So schreibt er in seinem Buche „Die Wiener Journalistik im Jahre 1848", Seite 232: „Noch in anderer nichtsoldatischer Richtung machte sich einer der genanntesten zu schaffen: Hermann Jellinek, der in den Tagen des Kampfes Polizeidienste leistete „zur Ueberwachung der schwarzgelben und konservativen Presse"; es war mit diesem Amte, wie sich ein zeitgenössischer Gewährsmann ausdrückt, das kostbare Privilegium verbunden, sich von den Kugeln fernhalten zu dürfen und wider die Gegenpartei eine kleinliche Rache zu üben." Daß Jellinek in der schwersten Zeit an keine Flucht gedacht hat und Unerschrockenheit bewies, ist wohl aus diesem, unter frischem Eindruck verfaßten Schreiben des Bruders ersichtlich. lieber die im Briefe angeführten Personen ist zu bemerken: Amalie ist die Frau Hermann Jellineks, geborene Hempel. R. T. Borrosch war Abgeordneter der Stadt Prag. Baronin Perin und. J. T. Reinisch waren mit Dr. J. Becher befreundet, letzterer auch Mitarbeiter des Blattes: „Der Radikale". Baron Dr. Stifft war ein freisinniger Schriftsteller. Robert Blum, Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung, wurde am 9. November in der Brigittenau erschossen. Wenzel Messenhauser, gewesener Offizier, Oberkommandant der Nationalgarde, wurde am 16. November erschossen. F. Otto Hübner war Journalist. Ueber Dr. Freund, Brandeis und Jolsohn ist nichts näheres bekannt. 11. Dezember 1848. Lieber Adolf! Von Wien aus habe ich Dir zweimal geschrieben und die Abschrift von Hermanns letztem Brief und Testament Übermacht. Amalie schrieb Dir auch von Wien. Von hier aus habe ich Dir unterm 1. c. u. 4., wobei ich Dir Brandeis Skizze über Hermanns letzte Augenblicke, seinen Brief an den Vater und H. sämtliche Briefe an Vater und mich sowie alle Aufsätze bis auf den vom 24. Oktober — aus dem Radikalen beigeschlossen. Es wundert mich daher sehr, daß Du in Deinem letzten nicht einmal die Wiener Briefe erwähnst. Ich bitte Dich, mir in Deinem Nächsten anzuzeigen, ob Du richtig alles erhalten. Viele der Punkte Deiner Briefe habe ich, wenn ich nicht irre, schon beantwortet. Ich bin jetzt sehr zerstreut, so daß ich oft nicht weiß, was ich den Tag bevor gemacht. Wundere Dich daher nicht, wenn ich Dir unordentlich schreibe. Ich will versuchen, soviel als möglich nach der Ordnung Dir das, was ich über meinen Hermann weiß, mitzuteilen. Während seiner Anwesenheit in Wien besuchte ich ihn fast jeden Monat. Es war schon meine größte Freude, Hermann in seiner leidenschaftlichen Tätigkeit zu sehen. Ich liebte ihn unaussprechlich und sein Ausspruch war mir ein Orakel. Schon im Jahre 1843 habe ich Hermanns großen Geist erkannt und zu würdigen verstanden. Mein ganzes Leben hing an ihm und so kam es, daß ich seit Ma i d. J. um seine Person besorgt war. Der Gedanke, daß ich der Urheber seiner gerade in den Gesprächen, die jüdische Gelehrte mit den Großen Roms führten, wird wie mit Absicht von „Israel, dem Volke Gottes" gesprochen. Denn dieses Wort war der Sammelruf, der die Versprengten einte, der stets die Mahnung und die Ueberzeugung verkündete: „Wir alle sind die Söhne eines Mannes", nicht an Trennung und Teilung des Staates zunächst erinnerte, sondern weit mehr an Einheit und Zusammenhalt gemahnen sollte. „Ganz Israel ist für einander Bürge", „ganz Israel sind Brüder" — diese Worte, die eine spätere Zeit geprägt hat, sprechen mit Absicht von Israel und nicht von den Juden, weil Israel der Name der Gesamheit, der stolzen Größe, der göttlichen Kraft ist. „Höre, Israel . . . ." lautet das Bekenntnis, das unverändert und unwandelbar durch Zeiten und Geschlechter, durch Not und Tod, durch Glück und Kraft unsere Ahnen begleitet hat und deren Nachkommen begleiten wird. Darum heißt das Land der Väter Erez Israel, weil Jakobs Söhne es einst erkämpft und erstritten hatten, weil es verheißen war den Nachkommen der Stammväter von dem Gotte Abrahams, Isaks und Israels. Aber auch ohne Land und gemeinsamen Boden blieben die Kinder und Kindeskinder „Keneseth Israel", die Gemeinschaft Israels. Das Wort, der Name war eine Losung des Lebens, einigte alle Geister, vereinigte alle Herzen. Es barg die ganze große Liebe zu jahrtausendealter Vergangenheit, die ewig unzerstörbare Hoffnung zu neuer glücklicher Zukunft. Darum schließt auch der Prophet Jesaia jenes weltberühmte Kapitel, das Israel und der ganzen Menschheit eine glückliche Zukunft verkündet, das die messianische Zeit des allgemeinen Menschheitsfriedens, der allgemeinen Gotteserkenntnis besingt, mit den Worten: „Frohlocke und jauchze Bewohnerin Zions, denn groß ist in deiner Mitte der Heilige Israpls?" " Dr. V. Kurrein, Reise nach Wien bin — wird mich durch mein ganzes Leben verfolgen. Er wollte nach Brüssel. Ich konnte aber nicht so viel Geld auftreiben und so drang ich in ihn. nach Wien zu gehen. Er hat mich damals 160 flme gekostet, die ich auf verschiedenen Seiten ausborgte. Ich habe bis auf 30 f cm. die Schuld von meinem Verdienste getilget Dies war mir alles keine Last, denn ich war fähig, für Hermann jedes Opfer zu bringen. Nun zur Sache. Am 10. Oktober ging ich nach Wien und verweilte dort bis zum 19. Damals war schon Wien fast von allen Seiten von Militär umringt. Ich zitterte für Hermanns Leben und machte ihm den Vorschlag, er möchte mit mir nach Hause reisen. Er konnte sich nicht dazu entschließen und sagte: „In diesem Moment kann man Wien nicht verlassen." Ja er wollte sogar, ich möchte noch in Wien bis zur Entscheidung bleiben, und als ich dies ablehnte, schalt er mich einen Feigling. Als ich den Aufsatz, in welchem er von seinem Testament spricht, zu Gesicht bekam, war ich sehr traurig. Ich zitterte damals und machte Vorwürfe — Vorstellungen. Es half nichts. „Du wärest mir ein sauberer Schriftsteller — Du bist ein feiger Mensch — jetzt muß man entschieden auftreten." Er hatte damals mehrere Nächte nicht geschlafen, weil er immer bei verschiedenen Komiteesitzungen war. Er arbeitete rastlos und unermüdlich. Er bedauerte sehr, daß er mit den Waffen nicht umzugehen weiß und lernte mit der Schießwaffe umzugehen. Um mich zu beruhigen, versprach er mir, sich bei einem etwaigen Kampfe nicht zu beteiligen. Er verschaffte mir einen Geleitschein und ich verließ mit einem unheimlichen Gefühle Wien. Als ich mich mit ihm beurlaubte, sagte er zu mir: „Wenn ich erschossen werde, wirst Du meine kleine Hermine adoptieren." Seine Ansicht über die Lage Wiens damals war. daß der Reichstag ein Unglück heraufbeschwören wird durch das schüchterne Auftreten. Er griff auch den Reichstag an und Borosch beklagte sich darüber. „Ich fürchte, es ist in Wien die Harmonie nicht vorhanden, die zum Siege führt." (Schluß folgt.) Antisemitische Erotik. Von Luise Fischer-Treu, Wien. Mominsen sagt von den alten Römern, daß sie immer Wert darauf gelegt haben, ihre Eroberungskriege irgendwie moralisch zu rechtfertigen. So alt also, und wahrscheinlich noch viel, viel älter ist die Methode der moralischen Offensive, die während des Weltkrieges so wirksam gegen die Mittelmächte eingesetzt hat. Gegenwärtig machen wir einen anderen, in seinen Mitteln nicht ganz so unbeschränkten Weltkrieg mit, der aber gerade darum das Mittel der moralischen Vergiftung aufs ausgiebigste benutzt. Die deutschen Länder haben die zweifelhafte Ehre, hierin tonangebend zu sein, und nicht nur für jeden Juden, sondern überhaupt für jeden fühlenden Menschen ist es ein herzzerreißender Anblick, zu sehen, wieviel ehrliches, warmjugendliches Streben durch ein Gemisch von idealistischen Forderungen und hetzerischen Entstellungen irregeführt wird. Bei der Kleinkindererziehung hat man die Erfahrung gemacht, daß man sich hüten muß, den Kleinen durch Zufall lauter eckige blaue Gegenstände zu zeigen, wenn man in ihnen die Vorstellung „blau" erwecken will, denn die beiden Vorstellungen „eckig" und „blau" gehen dann eine so enge Verbindung in ihrem Gehirn ein, daß sie „eckig" denken, wenn sie blau sehen, und daß sie sich etwas rundes Blaues überhaupt nicht vorzustellen vermögen. Nicht minder fest sitzen bei den Erwachsenen solche unsachliche Gedankenverknüpfungen. Wenn man z. B. die ersten Automobiltypen abgebildet sieht, wird man feststellen, daß sie Nachbildungen von Pferdewagen waren-, man konnte sich eben einen Wagen nicht anders als gerade so vorstellen; und daß ein Automobil etwas anderes ist als ein Pferdewagen ohne Pferd, daß das neue Betriebsmittel auch ganz neue Wagenformen bedingt, auf diesen Gedanken ist man erst später gekommen. Wenn man nur einmal darauf aufmerksam geworden ist, wird man sich wundern, wie weit bei erwachsenen, denkfähigen Menschen die Verknüpfung oder gar Gleichstellung von zwei Vorstellungen geht, die gar nichts miteinander zu tun haben, die mir irgendwie einmal in Verbindung miteinander geraten sind, ähnlich wie die Vorstellungen „blau" und „eckig" bei jenem Kinderspielzeug, das die Farbe blau demonstrieren sollte und zufällig einen eckigen Gegenstand darstellte. So besteht auch eines der gefährlichsten und verführerischesten und dabei am wenigsten beachteten Hetzmittel der Antisemiten darin, berechtigte oder wenigstens sachlich diskutable Meinungen und Forderungen mit Judenhetze derart zu verquicken, daß ihre Durchführung

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