Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 47 (12.11.1926)
- Date
- 1926-11-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 47 DIE WAHRHEIT Seite 7 Wahrheiten vom Tage || | Theater, Kunst u. Literatur Völkische Siudentendemonstrationen sind ja an österreichischen Hochschulen leider keine Seltenheit und speziell die altebr würdige ahna mater Rudolfina Vindobonnensis, welchen schönen Titel die Wiener Universität führt, hat das Privilegium odiosum, Schauplatz der hakenkreuzlerischen Studentenkrawalle zu sein. Diesmal allerdings spielten sich die Demonstrationen nicht innerhalb der Hochschule ab, da das Rektorat die Abhaltung der Kundgebung in der Aula untersagt hatte, sondern vor der Universität, auf der Freitreppe, den beiden Rampen und dem angrenzenden Teilen des Gehsteiges, die dicht von völkischen Studenten besetzt waren. In den Reitallee vor der Universität stauten sich die Zuschauer, die in begreiflicher Neugier der kommenden Dinge harrten und von einem dichten Polizeikordon von den Hakenkreuzlern getrennt waren. Wogegen, bzw. wofür demonstierten diesmal die : völkischen Studenten? Darüber gibt ein von der „Deutschen Studentenschaft" herausgegebenes Flugblatt Auskunft, das trotz des Verbotes des Rektorates in der Aula der Universität zu verteilen versucht wurde und die „Deutscheu Studenten" aufruft, „um am Samstag, den 6. November 1926, um 12 Uhr mittags, in einer mächtigen Kundgebung dagegen Einspruch zu erheben, daß durch die rechtswidrige (!) Wahl des jüdischen Professors H u p k a der gesetzlich festgelegte deutsche Charakter unserer deutschen Hochschule verletzt wurde!" Die deutsche Studentenschaft betrachtet es. wie es in dem Aufrufe heißt, „als Beleidigung und Herausforderung, von fremdrassigen Menschen bevormundet zu werden." Würde der „Fremdrassige", der ohne die völkische Studentenschaft zu befragen zum Dekan der juristischen Fakultät gewählt wurde, etwa der malaischen, mongolischen oder sonst irgendeiner Rasse angehören, dann wäre die Entrüstung der völkischen Studentenschaft wohl keine so große, doch der Umstand, daß der neugewählte Dekan der „syrisch-semitischnegroiden" Mischrasse angehört, das bringt unsere österreichischen Rassenschützler zur hellen Empörung. Was nützt es ihm, daß er ein hervorragender Gelehrter ist, was verschlägt es, daß er eine international anerkannte Autorität auf dem Gebiete des Handels- und Wechselrechtes ist, er ist Jude und damit ungeeignet, eine akademische Würde zu bekleiden! „Denn es ist Tatsache", wie wir im Aufrufe lesen können, „daß das Judentum in seiner Gesamtheit gegen den Volksfrieden, gegen Volksfreiheit, gegen Volksrecht Stellung nimmt! Dieses Judentum, dem der derzeitige Dekan angehört, bekämpfen wir und lehnen es als Fremdelement ab! Als Deutsche weigern wir uns grundsätzlich, einem Fremdling Untertan zu sein, als Deutsche weigern wir uns aber ganz besonders, vondemjüdischen Volke, das unser größter Feind ist, beherrscht zu werden!" In derselben Tonart waren auch die Reden gehalten, mit denen zwei völkische Studenten und der genügsam bekannte Herr K ö r b e r die Studenten, die an der Kundgebung teilnahmen, haranguierten und die nur so von Beschimpfungen und Beleidigungen strotzten. Schließlich wurde eine Resolution gefaßt, in welcher nochmals gegen die Wahl Prof. H u p k a s zum Dekan Einspruch erhoben und die Forderung aufgestellt wurde, „daß das Rektorat den Numerus clausus einführe und die Zahl der jüdischen Universitätslehrer und Hörer bekanntgebe." Hakenkreuzschatz der „Deutschen Arbeiterpresse". Zum Kriegführen braucht man bekanntlich dreierlei: Geld, Geld und wieder Geld. Auch der Kampf gegen „W e 11 j u d a" verschlingt nicht nur Unsummen von Papier und Druckerschwärze, sondern auch riesige Mengen Geldes. Deshalb wendet sich die „Deutsche Arbeiterpresse" in einem von Walter Gatter mey er gezeichneten Rundschreiben an die „Volk sgenossen akademischer Berufe aller deutschen Gaue" mit der dringenden Bitte, den Hakenkreuzschatz zu stärken. „Er soll", wie es in dem Aufrufe heißt, „die Munition zum Kampfe gegen Weltjuda liefern!"' Daß der Aufruf die Gefahr, die der arischen Kultur seitens des Weltjudentums droht, in den schwärzesten Farben schildert, ist selbstverständlich. „Der Jude ist der Bazillus der Fäulnis der arischen Kultur. . . . Wien ist der Vorort des bolschewistischen Judentums. . . . Fällt Wien, dann fällt die ganze christliche Kultur Europas!" Mit diesen und ähnlichen Schreckensrufen sollen alle rassebewußten Arier angetrieben werden, die Hakenkreuzkassa zu füllen. Zum Kriegführen sind eben alle Mittel recht, auch die der Verleumdung und der Lüge, besonders wenn der Kampf gegen einen so furchtbaren Feind geführt werden muß, wie es Weltjuda ist. Der Verein für jüdische Geschichte und Literatur eröffnete am 25. Oktober seinen fünften Vortragszyklus, und zwar in seinem neuen Heime, dem Klubsaal der „Hakoah'*. 1., Wipplingerstraße 24. Nach einer kurzen Ansprache, in welcher er u. a. des verstorbenen großen Dichters Z a n g w i 11 gedachte, erteilte der Präsident dem Referenten das Wort zu einem Nachrufe für das plötzlich und unerwartet vom Tode ereilte einzige Ehrenmitglied des Vereines, Hofrat Professor Dr. Salomon Ehr rn a n n. Der Verein erleidet ebenso wie die medizinische Fakultät der Wiener Unversität, die dermatologische und die Gesellschaft der Aerzte, die zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten, der israelitische Humanitätsverein B'nai Brith. die Wiener Kultusgemeinde, das gesamte Judentum, sowie die ganze Menschheit einen unersetzlichen Verlust. Ehrmann war vielleicht der letzte, sicher einer der letzten Gelehrten, die man mit dem Namen „Polyhistor" bezeichnet, die in fast allen Wissensgebieten gleich gründlich bewandert sind. Außerdem hatte er eine hohe Begabung für Zeichnen und Malen, allgemeine Kunst und speziell unsere jüdische Geschichte und Literatur beherrschte der fromme, sozial und philantropisch eifrig tätige, viel beschäftigte Arzt wie kein zweiter- Der Verein ehrt sein Andenken am besten durch intensive Arbeit für Forschung und Belehrung auf dem ihm vorgeschriebenen Wege der Verbreitung von Kenntnissen in jüdischer Geschichte und Literatur. Hierauf sprach Herr Prof. Dr. Samuel Kraus über „Die biblischen Namen der modernen Völker". Das Judentum hat für fast alle lebenden Völker in seinem Schrifttum Namen von solchen, die in der Bibel genannt erscheinen. Das beweist das intensive Interesse, das es bei aller Isoliertheit an seiner Umwelt bis in die größten Entfernungen genommen; außerdem die rührende Anhänglichkeit an die heilige Schrift, die zur Bezeichnung späterer Nationen herangezogen wird. Und es ist keine müßige Arbeit, diesen scheinbar nur philologisch interessanten Fragen eine richtige Deutung zu geben, weil durch sie oft Werte erhalten werden, die sonst verloren gegangen wären. Warum gerade diese und nicht andere Namen ausgewählt wurden, ist unerforschlich. Einige, die auch als Familiennamen dienen, bezeichnen auch bestimmte Gebetriten der betreffenden Länder, wie „Aschkenas" und ,.Spharad". Es ist auffallend, daß sie sich, wie zum Beispiel gerade „Aschkenas" meist nur einmal in der Bibel vorfinden. Mag oft eine Analogie mit dem Gebrauche des Wortes „Skythen" zur Bezeichnung wilder Stämme überhaupt vorliegen. Es wird zuerst im 9 oder 10- Jahrhundert erwähnt. So kommt „Zorfas" Frankreich nur einmal in Cbadja vor: es ward zuerst in der Jüdischen Literatur heimisch, in dar mit Francia oder Franka immer ein sehr entferntes Land bezeichnet wird. „Ansehe Rina" heißen die Leute am Rhein, „Spharad" auch aus Cbadja, wird mit dem Bosporus in Zusammenhang gebracht. Byzanz heißt ,JEdom", bezeichnend für den Erben des alten Römischen Reiches, als Feind! Und der Kirchenvater Hieronymus denunziert diesen Decknamen, so daß er aus vielen Schriften ausgemerzt werden mußte. Im Kreise der mohammedanischen Welt finden sich: „Kedar", „Keni", „Tugar". auch .,Togarma" Türke; zu ihnen zählte man auch Bulgaren und Ungarn-Hagrum (aus den Psalmen). Hochinteressant und komisch, daß die slawischen Völker „Kanassim" heißen, wahrscheinlich im Sinne von „Sklaven". Glossen über dieselben enthält Raschi, sowie Cr-Garna, Böhmen Kani, Polen Gewalirn. Rußland deckt das bei Ezechiel vorkommende „Roß'" wohl wegen des Gleich kl anges. Für Nordafrika dient „Peleschet" vielleicht — Barbaren. Oesterreich wird in einem Texte über die Kreuzzüge „Chori" ~ das Heer, der Zorn genannt. Aber auch für gewisse Kaufleute aus einer bestimmten Gegend dient ein biblischer Ausdruck. So „Rhadassim" für die aus der Rhonegegend stammenden. Die Chinesen heißen „Sinim" (aus Jesaia). Die. tiefgründige Spezialkenntnisse des Redners bezeugenden Ausführungen ergänzten in der Diskussion Herr Bato und Dr. Smalis. Med..-Rat Dr. H. Haase. Das geheimnisvolle Arabien. Unter diesem Titel erschien im Verlag F. A. Brockhaus (Leipzig) das zweibändige Memoirenwerk des englischen Diplomatenoffiziers H. Philo y. In diesem Werke, das sich in seiner englischen Ausgabe bereits den Ruf des wichtigsten Buches über Arabien errungen hat, schildert der Autor seine Reise während des Krieges als britischer Unterhändler zu Ibn Saud. Seine Person steht im Mitte*-